Big Data: Auch der Spiegel beerdigt die Zukunft – Dabei gilt: Gewiss ist nur die Ungewissheit

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Alles so Big Data oder was?

Nun widmet sich auch der Spiegel in einer Titelgeschichte dem Phänomen “Big Data” und man hat den Eindruck, dass die Verheißungen von Big Data-Gurus bei einigen Journalisten die Sinnesorgane vernebeln. Vom Ende des Zufalls ist da die Rede, von der Lenkung des Lebens oder von der präzisen Vorhersage menschlichen Verhaltens.

Schaut man genauer hin, sind es in der Regel aggregierte Daten, die recht nützliche aber doch simple Vorhersagen machen. Von einer Steuerung unserer Zukunft in allen Lebenslagen kann nicht die Rede sein – da sollte man den Werbebroschüren von Big Data-Anbietern schon etwas kritischer entgegentreten.

Wenn es um die Auslastung eines Container-Hafens geht, kann die Auswertung von Daten logistische Abläufe verbessern. Kreditkartenfirmen können Kunden warnen, wenn sie ungewöhnliche Nutzungsmuster wahrnehmen, die auf betrügerische Aktionen schließen lassen. Warenbestellsysteme könnten mit der Echtzeitanalyse von Daten präziser arbeiten. Fahnder können schneller Diebe aufspüren durch die Clusterung von Bewegungsprofilen. Aber wird mein Denken über Big Data determiniert? Das klingt genauso anmaßend wie die maschinenbeseelten Börsenbubis, die über Algorithmen die Finanzmärkte steuern wollten und damit kräftig auf die Schnauze gefallen sind. Auch hier waren es übrigens wie bei Big Data in der Regel Naturwissenschaftler (einige von ihnen konvertierten zu den sozialwissenschaftlichen Disziplinen), die sich mit ihren kruden Modellen ausgetobt haben und immer noch austoben.

Siehe auch: Herrschaft der Vereinfacher: Über Sozialingenieure, Hightech-Kaffeesatzleser, universitäre Gehirnwäscher und nutzenoptimierte Automaten.

Angeblich krempelt Big Data zur Zeit die komlette Wirtschaft um, so der Spiegel. Auf dem Personalmarkt sieht es ganz anders aus: „Die Zahl der Vakanzen steigt vor allem bei Sales und Consulting“, so der Düsseldorfer Personalberater Karsten Berge von SearchConsult.

Es geht um Verkauf und sehr wenig um wirklich nutzbringende Netzintelligenz. Insofern sollten sich die Big Data-Apologeten mit ihren Versprechungen etwas mehr zurückhalten und Programme entwickeln, die man im Alltag nützlich einsetzen kann. Punktuell, situativ und nur dann, wenn ich es als Anwender auch zulasse. Beispielsweise über wirklich smarte Apps, die man allerdings mit der Lupe suchen muss:

„Die Kombination von Apps zu größeren Applikationen ist bislang ausgeblieben. Jede App ist autark und macht nicht viel mit anderen Diensten. Es gibt zwar einige einfache Kombinationen wie den Kalender auf dem iPhone. Aber so richtig begeistert hat mich das nicht. Man sieht nichts von komplexeren Software-Architekturen wie man das in der traditionellen Software-Entwicklung kennt. Da ist noch ziemlich viel Luft nach oben. Die Frage ist, ob die App-Anbieter sich überhaupt in diese Richtung bewegen”, so Bloggercamp-Kollege Bernd Stahl von Nash Technologies.

Es müsste möglich sein, ein größeres System in einem Framework aus vielen Applikationen zusammen zu bauen. Also die Überwindung der Software-Krise durch die Schaffung von einfach nutzbaren Apps.

„Irgendwie klappt es mit der Modularisierung von Apps nicht so, wie man sich das anfänglich vorgestellt hat”, sagt Stahl. Von wirklich personalisierten und interagierenden Diensten sei man noch weit entfernt – mit und ohne Apps.

Bislang laufen die Analyse-Systeme eher auf Cookie-Niveau und elektrisieren vor allem die Werbeindustrie.

Ausführlich nachzulesen unter: Über die Sehnsüchte der Controlling-Gichtlinge: Big Data und das Himmelreich der Planbarkeit.

Vielleicht sollte man eher der Empfehlung von Frank Schirrmacher folgen und sich mit den Arbeiten von Professor Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, beschäftigen:

“Nur eines ist gewiss: Wir leben in einer Welt der Ungewissheit und des Risikos.”

Schirrmacher hält es für notwendig, sich in der Maschinenwelt stärker der Unberechenbarkeit zu widmen und seiner Intuition zu vertrauen. Das sagte er im Gespräch mit Frank Rieger und Fefe (so nach zwei Stunden und 30 Minuten).

Vielleicht sollte man auch Big Data in die Kategorie der Parawissenschaften einordnen. Mehr Aberglaube als gesicherte Erkenntnis :-)

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Pyramidenklänge: Platon, Korff und die Universalbildung im alten Ägypten

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Wer das Talent und die Bildung besitzt, in vielen Wissenschaftsgebieten wie ein Fisch im Wasser zu schwimmen, wer sich in Philosophie, Musik, Mathematik, Geschichte und Technik auskennt, die Schriften des Altertums lesen kann, einen frischen und humorvollen Geist besitzt und sich nicht einseitig in einem Fachgebiet verrennt, kann zu unglaublichen Erkenntnissen gelangen. Zu ihnen zählt der emeritierte Professor der Philosophie, Friedrich Wilhelm Korff: Als er an einem Buch über Platons Musiktheorie arbeitete, fiel ihm eine Tabelle in den “Nomoi” (Gesetze) auf – einem Spätwerk Platons. Es beschäftige sich eingehend mit ägyptischen Gesetzen, Mathematik und der Logistik staatlicher Einrichtungen. Platon ist in Ägypten gewesen und hat in Memphis bei den Tempelpriestern monatelang Arithmetik, Musik- und Zahlentheorie sowie Astronomie studiert. “Diese Einheit des Wissens ist heute leider verloren gegangen”, sagte Korff bei der Präsentation seiner Thesen zur Bauweise der alten Ägypter in der Buchhandlung Böttger.

Korff untersuchte das ägyptische Mess- und Maßsystem, das durch den Architekten Imhotep unter Pharao Djoser um 2635 vor Christus eingeführt worden war, und stellte fest, das die Ellen- und Handbreitenmaße sich nur aus den Produkten der ersten fünf Primzahlen (1, 2, 3, 5, 7) zusammensetzten, ebenso wie Platons 60 Teile der Zahl 5040 in der Tabelle der Nomoi, denn 5040 oder Siebenfakultät (7!) ist gleich dem Produkt der ersten natürlichen sieben Zahlen (1 × 2 × 3 × 4 × 5 × 6 × 7 = 5040). “Korff vermutete in Platons Tabelle eine Pyramidenbauhüttenregel und wurde bestätigt, als er sich in den Handbüchern zum Pyramidenbau die Abmessungen von 29 Großpyramiden vornahm und fast durchweg Ganzzahligkeit der Basen feststellte, gebildet aus den Produkten ebendieser Zahlen. Einzig die bisherige Basislänge der Cheopspyramide mit 440 Ellen enthielt eine 11 und war somit, verglichen mit den anderen Basislängen, nicht möglich. Die durchweg vorhandene Ganzzahligkeit der Pyramidenmaße klärte sich auf natürliche Weise durch die Kalibrierung des von Imhotep eingeführten Mess- und Maßsystems, aber sie gewährte auch antiken Baukörpern jenes Maß an Präzision, das zum Vermessen und zum Aufbau einer Pyramide nötig war, nämlich die Genauigkeit, die nicht bei Wiederholungen von Messungen zu Messfehlern führte. Ein Elftel zum Beispiel war von keinem Ellenstock abgreifbar, wohl aber eine Ellenhälfte, ein Drittel, ein Viertel, ein Fünftel, ein Sechstel. Nahm man zum Beispiel bei der Cheopspyramide eine Basis von 441 = 212 Ellen an, so lagen die Zahlen im Produkt innerhalb des verwendeten Mess- und Maßsystems (441 = 32 × 72) aus den ersten fünf Primzahlen (1, 2, 3, 5, 7)”, schreibt die FAZ.

Für die Geschichte der Architektur werde eines dieser Verhältnisse noch bedeutsam, denn die Pyramidenneigung von 51,78 Grad entsteht als Diagonalenwinkel (tg 80/63 = 51,78 Grad) aus einem Rechteck an der Spitze der Cheopspyramide. Es habe das Format von 80 × 63 Ellen Seitenlänge und einen Flächeninhalt von 80 × 63 = 5040 = 7! Quadratellen. Hier tauche Platons berühmte, aber in ihrer ursprünglichen Funktion nie verstandene Fakultätszahl (7!) aus den “Gesetzen” in den Abmessungen der Cheopspyramide auf, und zwar nur in diesen 60 Teilern.

Der Philosophieprofessor hatte die Schriften des Ptolemaios gelesen, und diese Zahlen hafteten noch in seinem Gedächtnis, als er den Böschungswinkel der Cheopspyramide fand. In dieser Tonart, die in ihrer Tonhöhe vom heutigen A-Dur kaum zu unterscheiden ist, wenn man die 441 Ellen der Cheopspyramidenbasis mit 441 Hz, nahezu dem Kammerton a1, ansetzt, stehen die verschiedenen Neigungen von zwanzig Großpyramiden in Ägypten. So schreibt Korff: “Nunmehr haben alle Pyramiden Ägyptens Namen nach ihren antiken Intervallen. Von Giza an steht am Nil ein Glockenspiel von Klängen. Die Pyramide des Mykerinus besitzt die reine, große Terz (5:4), Unas die Quinte (3:2). In den Neigungen der Pyramiden nilaufwärts folgen großer und kleiner Tritonus (10:7 und 7:5) von Neferirkare und Amenemhet I., die Naturtonterz (7:6) von Sesostris I. und III., der übergroße Ganzton (8:7) Amenemhet III., die kleine Septime (7:4) Djedefre und viele Wiederholungen und insgesamt zehn Pyramiden mit dem Quartrücksprung (4:3), den die Archäologen zwar schon lange kannten, seine musikalische Herkunft aber nicht identifizierten.”

Die Einheit der Wissensgebiete Arithmetik, Geometrie und Musiktheorie waren wohl entscheidend für die Bauwerke im alten Ägypten und nicht ein Versuch und Irrtum-Verfahren, wie es ein Kommentator auf Google Buzz darstellte.

Hier der gesamte Vortrag von Professor Korff als Audio-Aufzeichnung.


Hier noch zwei visuelle Eindrücke der Veranstaltung in der Buchhandlung Böttger, wobei der Teil 2 eigentlich Teil 1 ist:

Wenn Matheformeln nicht mehr abschreckend wirken

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Grafikfähige Schulrechner für die Mathepaukerei werden wohl noch nicht so richtig anerkannt. 87 Prozent haben keine Erfahrungen mit Grafikrechnern oder kennen diese gar nicht. Darüber hinaus befürchten vor allem Ältere, dass Grafikrechner Schülern das Denken abnehmen. Das zeigt der Mathemonitor von CASIO, für den Forsa bundesweit 1.003 Personen ab 14 Jahren befragte.

Grafikrechner würden zeitraubende Rechenschritte übernehmen. So bleibe Lehrern mehr Raum, ihren Mathematikunterricht realitätsnah und anschaulich zu gestalten. Die Meinungen der Deutschen zum Grafikrechnereinsatz gehen weit auseinander: 46 Prozent der Befragten finden das Lehrmittel sinnvoll und zeitsparend, 38 Prozent sind gegenteiliger Meinung. Auffallend ist, dass immerhin 16 Prozent gar keine Angabe zu dieser Fragestellung machen. Die Vorteile der Grafikrechner erkennen vor allem Jüngere und formal besser Gebildete. Zweifel am Einsatz von Grafikrechnern haben vor allem Ältere. Sie fürchten, Schüler würden im Unterricht kein selbstständiges Rechnen erlernen. So sind 56 Prozent der 45- bis 59-Jährigen der Meinung, dass durch den Grafikrechnereinsatz Schülern das Denken abgenommen wird. Ein klarer Trend zeigt sich zudem beim Bildungsstand: Während nur 44 Prozent der Befragten mit Abitur oder Studium glauben, dass Grafikrechner Schülern das Denken abnehmen, sind immerhin 57 Prozent der Befragten mit Hauptschulabschluss „eher“ oder „voll und ganz“ dieser Meinung. Diese Sorge teilen viele Pädagogen nicht. Sie argumentieren für den Einsatz dieser wichtigen Lehrmittel. „Der Grafikrechner kann Ergebnisse veranschaulichen und monotone Rechenschritte übernehmen. Aufwendige, sich wiederholende Rechnungen fallen weg – so bleibt mehr Zeit für verschiedene Ansätze und Lösungsstrategien, deren Diskussion und Reflexion sowie letztlich für eine bessere Implementierung aller Bildungsstandards“, erklärt Dr. Jens Weitendorf, Mathematiklehrer am Gymnasium Harkheide in Norderstedt.

Der Wissenschaftler und Science Fiction-Autor Professor Herbert Werner Franke sieht die Frage der Visualisierung noch radikaler. „Das ererbte Verständigungssystem ist die Sprache, derer wir uns heute meist in Form von Schrift bedienen: Die im Gehirn auftretenden Vorstellungen werden durch Laute codiert, die dann als Buchstaben über das Auge aufgenommen werden, um im Gehirn wieder in die Lautsprache zurückübersetzt werden. Und dann erst folgt die Transformation in eine bildliche Vorstellungswelt. Das ist nicht die beste Art, etwas mitzuteilen“, so Franke im Interview mit mir (die komplette Audioaufzeichnung des Interviews kann man hier abrufen). Der Gesichtssinn könne sehr viel mehr Informationen pro Zeiteinheit aufnehmen als das an zweiter Stelle stehende Gehör, und dazu komme die Fähigkeit, zwei-, in gewissem Maß sogar dreidimensionale Entitäten wahrzunehmen.

„Zwei- oder dreidimensionale Zusammenhänge lassen sich mit Bildern besser ausdrücken als mit Worten. So könnte man in Schulen in den ersten Jahren völlig ohne Formeln auskommen. Eine Visualisierung der Mathematik bringt sehr viel bessere Lernergebnisse“, sagt Franke. So sei es heute mit Computerhilfe möglich, komplizierteste Gebilde in Bruchteilen von Sekunden auf den Schirm zu zaubern – wenn gewünscht bewegt oder interaktiv veränderlich. „Der größte Teil aller mathematischen Zusammenhänge lässt sich in Bildern ausdrücken und erspart in den meisten Fällen die Mühe einer umständlichen Interpretation“, erklärt Franke. Visualisierte Formen würden zudem einen ästhetischen Reiz ausüben und die übliche Abneigung gegen Mathematik reduzieren. „Diese Erkenntnis gilt generell für Naturwissenschaften – selbst für Quantenphysik und Molekularchemie“, sagt Franke.

General Stumm, Schirrmacher und der Mann ohne Eigenschaften: Über das Problem der Kultur und Unendlichkeit

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Debattendompteur Frank Schirrmacher fürchtet sich vor den geheimnisvollen Algorithmen des Netzes: „Wir werden das selbstständige Denken verlernen und wir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschinen unterwerfen.“ Der Grund ist die schiere Menge der im Netz verfügbaren Daten, die unsere Aufmerksamkeitsressourcen heillos überfordern – weswegen wir uns auf die Softwareagenten und digitalen Roboter der Ordnungsprogramme des Internets verlassen müssen. Damit aber erleben wir eine Externalisierung des Denkens, dass sich fortan außerhalb unseres Gehirns als algorithmengesteuerter Prozess in der Cloud abspielt. Diese Thesen leiert der FAZ-Herausgeber in seiner Reden-Tournee durch Deutschland als semantische Endlosschleife herunter. Al-Khwarizmi hätte wohl nie gedacht, dass seine algebraischen Denkanstöße zu so weitreichenden Folgen führen könnten. Meint Schirrmacher eigentlich Algorithmen mit polynomialer oder mit exponentieller Laufzeit? Kann der Feuilletonist eine Lösung für das Boole’sche Erfüllbarkeitsproblem präsentieren?

Höre ich mit dem Denken auf, wenn meine schlauen kleinen elektronischen Assistenten mir jeden Tag Informationen über Themen abliefern, die ich über smarte Softwareprogramme abrufe? Schrumpft mein Hirn, wenn mir Amazon automatisch Buchempfehlungen zuschickt, die sich an meinen bisherigen Suchanfragen und Online-Einkäufen orientieren? Auch meine sehr freundliche Kioskverkäuferin kennt meine bevorzugte Zigarettenmarke und weiß, welche Zeitungen und Zeitschriften ich ab und zu kaufe, damit die Printindustrie nicht völlig zusammenbricht. Die Personalisierung im guten, alten Tante Emma-Laden empfinden die meisten Menschen als sympathisch. In meinem Lieblingskiosk bin ich namentlich bekannt, werde freundlich begrüßt und vieles läuft automatisch ab.

Sind es Empfehlungen, hinter denen Algorithmen stecken, wird das Ganze zur monströsen Datenkrake. Das mag in Ansätzen stimmen und es gibt wohl jeden Tag üble Verstöße gegen den Datenschutz. Von staatlichen und privaten Institutionen. Unser Gehirn verändert sich dadurch nicht. Mein freigeistiges Köpfchen erreichen die Algorithmen auch nicht. Denken, reflektieren, lesen, schreiben und disputieren muss ich immer noch selber. Das können meine elektronischen Assistenten nicht – dafür sind die viel zu blöd. Sie können die Komplexität der Datenflut, die es nicht erst seit der Erfindung des Internets gibt, reduzieren und für mich etwas erträglicher machen. Bewältigen kann man die weltweit kursierenden Informationen nie.

Ein wenig erinnert mich Schirrmacher mit seinen Komplexitätsklagen an die Hampelmänner in dem Roman “Der Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil. Und hier besonders an General Stumm, der auf der Suche nach dem erlösenden Gedanken ist: “‘Du erinnerst Dich’, sagte er, ‘dass ich mir in den Kopf gesetzt habe, den erlösenden Gedanken, den Diotima sucht, ihr zu Füßen zu legen. Es gibt, wie sich zeigt, sehr viele bedeutende Gedanken, aber einer muss schließlich der bedeutendste sein; das ist doch nur logisch? Es handelt sich also bloß darum, Ordnung in sie zu bringen.’”

Wenig vertraut mit Gedanken und ihrer Handhabung, noch weniger mit der Technik, neue zu entwickeln, beschließt General Stumm, sich in die Hofbibliothek zu begeben, ein grundsätzlich idealer Ort, um sich mit ungewöhnlichen Gedanken auszustatten, wo er sich “über die Stärke des Gegners Klarheit zu verschaffen” und auf eine möglichst organisierte Weise zu der originellen Idee zu gelangen hofft, nach der er sucht. Der Besuch in der Bibliothek versetzt den General allerdings in große Angst (lieber Herr Schirrmacher), da er mit einem Wissen konfrontiert wird, das ihm keinerlei Orientierung bietet und über das er nicht die vollständige Befehlsgewalt hat, die er als Militär oder Zeitungsherausgeber gewohnt ist:

“Wir sind den kolossalen Bücherschatz abgeschritten, und ich kann sagen, es hat mich weiter nicht erschüttert, diese Bücherreihen sind nicht schlimmer als eine Garnisonsparade. Nur habe ich nach einer Weile anfangen müssen, im Kopf zu rechnen, und das hatte ein unerwartetes Ergebnis. Siehst du, ich hatte mir vorher gedacht, wenn ich jeden Tag da ein Buch lese, so müsste das zwar sehr anstrengend sein, aber irgendwann müsste ich damit zu Ende kommen und dürfte dann eine gewisse Position im Geistesleben beanspruchen, selbst wenn ich das ein oder das andere auslasse. Aber was glaubst du, antwortet mir der Bibliothekar, wie unser Spaziergang kein Ende nimmt und ich ihn frage, wieviel Bände denn eigentlich diese verrückte Bibliothek enthält? Dreieinhalb Millionen Bände, antwortet er! Wir sind da, wie er das sagte, ungefähr beim siebenhunderttausendsten Buch gewesen, aber ich habe von dem Augenblick an ununterbrochen gerechnet (Google oder Wolfram Alpha könnten das in einer Nanosekunde ausspucken); ich will es dir ersparen, ich habe es im Ministerium noch einmal mit Bleistift und Papier nachgerechnet: Zehntausend Jahre würde ich auf diese Weise gebraucht haben, um mich mit meinem Vorsatz durchzusetzen!”

Die Unendlichkeit der Lektüremöglichkeit ist also kein Problem der Internetzeit. Jeder Leser ist eben auch ein Nicht-Leser. Es ist das alte Problem von Kultur und Unendlichkeit, die auch mit Boole’scher Mathematik nicht in den Griff zu kriegen ist. Das wäre auch anmaßend.

Gegen die mathematischen Angstzustände empfehle ich Schirrmacher den Zahlenteufel von Enzensberger. Siehe Buchcover.

Siehe auch:
Netznavigator: Herder statt Schirrmacher.

Max Bense und die Weltprogrammierung

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Zum 100. Geburtstag des Philosophen Max Bense zeigt das ZKM eine Ausstellung zu dessen internationaler Wirkung auf bildende Kunst und Literatur, die von Brasilien über Osteuropa bis Japan reichte. Die Schau, mit der die ZKM-Reihe „Philosophie und Kunst” fortgeführt wird, stellt Bense als Dichter und Schriftsteller vor, als Kunst- und Literaturtheoretiker sowie als Ausstellungskurator und Publizist. Sie zeigt einen Künstler und Theoretiker, der eng mit der Konkreten Poesie und der Konkreten Kunst sowie der Computerkunst verbunden war, sich jedoch auch anderen Kunsttendenzen mit Leidenschaft zuwandte. Die Ausstellung mit Publikationen Max Benses sowie Grafiken, Gemälden und Skulpturen der Künstler, die Bense ausstellte oder über die er schrieb, wird ergänzt durch Manuskripte und Fotografien sowie Aufzeichnungen seiner Hörfunkbeiträge und Fernsehauftritte. Sie zeigen den Philosophen und seinen Blick auf die „Kunst in künstlicher Welt” (1956).

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