Lullus, der erste Hacker: Über die Lust an der digitalen Kombinatorik

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Lullus

In der Netzökonomie-Campus-Initiative ist ein höchst pragmatischer Vorschlag in die Diskussion geworfen worden, wie man internet-aversive Unternehmer, Verbandsfunktionäre und sonstige relevante Entscheider in Teutonien ins Netzzeitalter katapultieren könnte. Man ummantelt schlichtweg die analogen Organisationen, Maschinen, Produkte, Services und Verwaltungsaufgaben mit einer digitalen „Schicht“. So eine Art „Verwaltungsschale“.

Mit Vernetzungskonzepten überzeugen

Dann wird vielleicht auch dem Mittelständler im schönen Westerwald, dem Kommunalpolitiker in Buxtehude und dem Wissenschaftler am Overhead-Projektor an der Uni Koblenz klar, was passiert, wenn man sich nach außen vernetzt. Alles, was analog ist, bekommt an irgendeiner Schnittstelle den Zugang zur binären Logik. In unserem eigenen Haus habe ich das schon längst umgesetzt, da es immer noch keine umfassenden Vernetzungskonzepte für die eigenen vier Wände aus einer Hand gibt. Unsere alte Yamaha-Musikanlage – der unkapputbare Verstärker stammt noch aus meiner Uni-Zeit in den 1980er Jahren – ist beispielsweise mit dem Airport von Apple verdrahtet und spult alles herunter, was in der digitalen Bibliothek abgerufen werden kann. Warum sollte ich also die High-End-Teile für satten Sound als Elektronikschrott entsorgen?

Legobau-Kenntnisse: Kleine Schritte in die digitale Transformation

Wer mit kleinen Digital-Experimenten operiert, bekommt schnell Appetit auf mehr. Was mit robusten Verstärkern möglich ist, kann man auch mit TV, Waschmaschine, Geschirrspüler, Beleuchtung und mit dem kompletten Haus bewerkstelligen – unabhängig vom Hersteller und vom Betriebssystem. Schnell landet man bei Open Source, offenen Schnittstellen und Protokollen – auch wenn man diese Begriffe überhaupt nicht im Vokabular führt. Legobau-Kenntnisse aus der Jugendzeit reichen aus. So kann man mit Legostein ähnlichen Klemmen des Anbieters Digitalstrom analoge Geräte wie Lampen, Rauchmelder, Rollos und Haushaltsgeräte mit wenigen Handgriffen digital aufrüsten.

In dem Lichtschalter von Digitalstrom befindet sich nicht nur eine Kommunikationseinheit, die man über das Internet steuern kann, sondern auch ein Sensor für Licht und Geräusche, wie Hannes Schleeh in einem Blogbeitrag ausführlich erläutert: Allein dadurch könne die bisher nur ein- und ausschaltbare Leuchte gedimmt, per Licht und Geräusch gesteuert werden. Das offene und modulare Konzept bietet Herstellern und Kunden nach Ansicht von Schleeh die Möglichkeit, individuelle Konzepte mit unendlichen Variationen auf den Weg zu bringen und eine Schneise für das Internet der Dinge zu schlagen.

Kleine und pragmatische Schritte in die digitale Transformation mit großer Wirkung. Wer den Nutzen der Vernetzung im Privathaushalt erlebt, verlangt ähnliche Anwendungen auch im beruflichen Umfeld und im Kundenservice.

Wenn Produkte und Services mit kleinen Stellschrauben für die digitale Welt anschlussfähig gemacht werden, vollzieht sich das Wunder der Kombinatorik auf den Spuren des Geistlichen Raimundus Lullus. Er hat die Digitalisierung bereits in seinem Hauptwerk „Ars Magna“ im Jahr 1300 auf Mallorca vorgedacht. Seine logischen Entwürfe wurden von den Wissenschaftlern Werner Künzel und Peter Bexte in die Computersprachen Cobol sowie Assember auf einen Großrechner übertragen und erwiesen sich als ablauffähige Software – nachzulesen in dem viel zu wenig beachteten Opus „Allwissen und Absturz – Der Ursprung des Computers“, erschienen im Insel-Verlag und über Amazon als antiquarische Kostbarkeit zu humanen Preisen noch verfügbar.

„Lullus war der erste Hacker in den himmlischen Datenbanken“, schreiben die beiden Autoren.

Appetithäppchen für meine morgige The European-Kolumne.

Über die Sozialingenieure der digitalen Sphäre – Bildungsreisen statt LEAD-SEO-ONE-TO-ONE-Propaganda-Alchemie

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Bildungsreisen statt Klickvieh-Strategie

Bildungsreisen statt Klickvieh-Strategie

Die Sozialingenieure in der digitalen Sphäre vertreten mit ihren Tricks und Manipulationen ein fragwürdiges Weltbild. Ob bei der Suchmaschinen-Optimierung, der Anzeigen-Berieselung über Cookies, der Lead-Generierung für sinnlose Mailingaktionen, der Klick-mich-Aktionen von Facebook & Co. oder sonstigen Du-bist-eine-weiße-Maus-für-unsere-Zahlenspielchen-Strategie: Für mich sind es Maschinisten, die einem Weltbild nachlaufen, wie es der Engländer Thomas Hobbes vertrat. Siehe auch: Das Internet und die Massenmanipulation – Kann man nicht nicht manipulieren?

Hobbes machte sich eine bereits gängige Vorstellung aus dem 16. Jahrhundert zu eigen, wenn er zu verstehen gab, der Staat, der Zusammenschluss der Menschen zu einer Einheit, eben der „Staatskörper“, sei wie jeder Körper eine Maschine, ein von einem Uhrwerk angetriebener Automat. Die Rechenschieber-Fraktion im Online-Marketing ist von diesem Theoretiker des politischen Absolutismus nicht weit entfernt. Menschliches Verhalten im Kleinen und im Großen zu steuern, ist ein Münchhausen-Projekt:

„Bei Kalkülen, die zukünftige Ereignisse betreffen, handelt es sich nicht, wie bei statistischen Aussagen über gegenwärtige Verteilungen, um empirisch nachprüfbare Tatsachen, sondern um Wetten“, bemerkt der Schriftsteller und Mathematik-Kenner Hans Magnus Enzensberger in seiner Schrift „Fortuna und Kalkül“, erschienen in der edition unseld.

Es wuchert die Ungewissheit hinter einem Schleier von vermeintlicher Eindeutigkeit, die mit unseriöser Empirie unterlegt wird.

Die Ergebnisse der Datenjongleure sind niederschmetternd: Menschliche Interaktionen führen zu einer unabsehbaren Zahl von Rückkopplungen, bei denen die Menge der Variablen exponentiell ansteigt.

„Exakte Gleichungen versagen vor solchen Aufgaben. Bereits für grobe Annäherungen wäre ein utopischer Rechenaufwand nötig, um die Reflexivität von ökonomischen und politischen Systemen zu messen“, erläutert Enzensberger.

Elena Esposito kommt in ihrer Schrift „Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität“ zu einem ähnlichen Urteil. Bei prognostischen Aussagen, die auf Wahrscheinlichkeitskalkülen beruhen, handelt es sich grundsätzlich um Fiktionen. Zukünftige Ereignisse treten nämlich nicht zu neun oder zu 99 Prozent, sondern entweder ganz oder gar nicht ein.

Man könne bestenfalls das voraussehen, von dem man wenigstens weiß, dass man es noch nicht weiß, meint Rudolf Burger in einem Beitrag für den Merkur-Sammelband „Macht und Ohnmacht der Experten“:

„Aber die Masse dessen, was man noch nicht weiß, weiß man derart nicht, dass man nicht einmal weiß, dass man es nicht weiß, wie es in der klassischen Fassung bei Aristoteles heißt.“

Zu dieser Einsicht kam auch der fragwürdige ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, als er in einer Pressekonferenz zum Irak-Debakel von den „unknown unknowns“ sprach.

Um sich diese Peinlichkeiten zu ersparen, könnten die SEO-Targeting-Tracking-Cookie-Bubis einfach in ein Schreibwarengeschäft gehen und Utensilien zum Nachbau der Logik-Maschine von Raimundus Lullus kaufen. Er hatte so um 1300 auf dem mallorquinischen Berg Randa den göttlichen Auftrag empfangen, die Ars Magna zu verfassen. Entstanden ist eine computertaugliche Logiktafel – quasi eine logische Maschine zur Produktion von Aussagen mittels einer permanent sich differenzierenden und fragenden Reflexion. Ein Instrument zum Finden und Erfinden, zum Prüfen und Bestimmen, zum Entwerfen und Erobern neuer Räume des Denkens. Ein steter Kampf gegen das Ungewisse, gegen den Zweifel am Wissen. Nachzulesen in der exzellenten Arbeit von Werner Künzel und Peter Bexte: „Allwissen und Absturz – Der Ursprung des Computers“.

Die Bastelarbeit an dem Lullus-Supercomputer dürfte so für 20 Euro zu haben sein. Am Ende entsteht eine Denkmaschine für Spiel, Assoziation und Erfindungskunst, die übrigens Gottfried Wilhelm Leibniz zur Konzeption des binären Zahlensystems anregte.

Den Bau des Ars-Magna-Apparates könnte man auch mit einem Urlaub auf Mallorca und einer Besichtigung des Lullus-Klosters verbinden, statt sich auf die LEAD-SEO-ONE-TO-ONE–Propaganda-Alchemisten einzulassen. Das Beratungsgeld sollte man lieber für Bildungsreisen ausgeben. Mehr zum Thema erscheint in meiner The European-Mittwochskolumne.

Siehe auch:

Das Facebook-Experiment: Ethisch in Ordnung oder nicht?