Das Neue wird von Führungskräften lieber delegiert: Zur Technologiekompetenz der deutschen “Wirtschaftselite”

Standard

„Zukunftsprojekte wie digitale Medien und soziale Netzwerke dominieren derzeitig die Innovationsprojekte der CIOs”, verdeutlicht Udo Nadolski, Deutschland-Chef des IT-Beratungshauses Harvey Nash. Sie seien nicht mehr als Verwalter der IT gefragt, sondern als Gestalter für das Kerngeschäft der Firmen. Kluge Vorstandschefs positionieren ihre CIOs denn auch auf der Chefebene. 37 Prozent der von Harvey Nash befragten IT-Manager berichten in Deutschland direkt an den Vorstandschef. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies ein Zuwachs von elf Prozentpunkten. Allerdings steigen damit auch die Erwartungen an das Kompetenzprofil des IT-Fachpersonals.

Einen richtigen Ruck hat es aber in den meisten Organisationen noch nicht gegeben. Technologie sollte eigentlich keine Rolle spielen, wenn es um Geschäftsinteressen geht.

“Doch leider hat der CIO im Vergleich zum CEO noch immer keine große Bedeutung. Ich wünsche mir bei unseren Führungskräften mehr Technologiekompetenz. Viele CIOs wie CEOs tun es ab und delegieren das Neue lieber, statt sich neugierig darauf einzulassen. Anscheinend ist das ziemlich deutsch“, kritisiert der Berater und Blogger Klaus Eck.

Das gilt generell für Unternehmen und sicherlich auch für Behörden:

„Enterprise 2.0 und Social Media passen so gar nicht zu einer Philosophie der Mittelmäßigkeit, in der jeder unauffällig und scheinbar risikolos seinen Weg gehen kann. Durch die neuen Entwicklungen werden wir alle in unserem Schaffen sichtbarer. Diese Transparenz wirkt sich auf alle Bereiche in den Unternehmen aus und verändert diese langsam“, schreibt Eck.

Führungskräfte ohne Dirigentenstab

Entscheider würden oftmals auf eine Social Media-Nutzung verzichten, weil dieses Gedöns ihnen Angst macht.

„Sobald eine Führungskraft in Social Media aktiv wird, muss sie damit rechnen, auch mit unliebsamen Fragen konfrontiert zu werden. Das erfordert vom Einzelnen viel Mut und eine klare Haltung. Social Media basiert auf Kommunikation mit Menschen. Diese verhalten sich nicht immer logisch und nachvollziehbar“, betont Eck.

Und Unberechenbarkeit ist Gift für die Geisteswelt der Controlling-Süchtigen. Sozusagen die German-Angst vor dem Shitstorm. Ohne Dirigentenstab, Sprachregelungen, Powerpoint-Folien und Autorisierungsmaschinerie sind Manager nicht überlebensfähig.

Zu leicht erkennt man die Nacktheit des Kaisers hinter einer Fassade der Phraseologie. Das Führungspersonal der Deutschland AG ist völlig ungeeignet für Netzdiskurse, die nicht den Befehl-und-Gehorsam-Drehbüchern der Firmen-Generäle folgen.

Als Symbol dieser aalglatten Ikonen rhetorischer Leerformeln sehe ich Johann Holtrop, die Hauptfigur in dem neuen Roman von Rainald Goetz, der überhaupt keine Ähnlichkeiten mit so erfolgreichen Topleuten wie Thomas Middelhoff aufweist. Oder doch? Das Goetz-Werk ist ein erschreckendes Panoptikum der deutschen Wirtschaftselite. Holtrop ist auswechselbar. Ein Schnösel und Wichtigtuer, der sich mit den allerabgedroschensten Plattitüden durchs Leben boxt. Er erzählt überall zusammengelesenes, letztlich nur nachgeplappertes Zeug.

„Holtrop selbst merkte nicht, wem er was nachplapperte, wo er sich bediente und von wem er was übernommen oder gestohlen hatte“, so Goetz.

Das wird die Wissenschaftsministerin sehr gut nachempfinden können.

Durch diese Defizite entstand die besondere mimetische Energie, „die Holtrop das von außen anverwandelte, was ihm fehlte.“

Er implantierte der Außenwelt seine Ideen, indem er sie kopierte und zugleich so manipulierte, dass sie seine Ideen für ihre eigenen hielten. Ein genialer Blender, der es im Social Web so schwer hat, seine Selbstinszenierung am Leben zu erhalten. Senkrechtstarter wie Guttenberg können das bezeugen. Nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne: Philosophie der Mittelmäßigkeit.

Dabei könnte die Wirtschaftswelt so viel schöner sein, wie es Ralf Schwartz treffend beschreibt. Gefordert seien Mut, Rückgrat und Selbstbewusstsein, unsere Persönlichkeit auszubilden, uns zu messen an ungeschriebenen Gesetzen:

„Der Vielfalt zu huldigen statt immer wieder nur dieser elenden Droge Einfalt. Ich kann so lange predigen wie ich will – zum Beispiel in der Kolumne der Wirtschaftswoche mit dem Titel ‚Werbung muss wieder Kunst werden’ – nichts wird passieren, wenn nicht der letzte meiner Punkte Realität wird und der Manager des Status Quo endlich zum Mäzen des Neuen wird.

 Warum Manager sich das nicht trauen? Nun, weil sie niemanden über sich wissen, der ihnen den Rücken freihält, wenn es eng wird. Niemanden, der ihnen Mut macht, sie Fehler und Erfahrungen machen lässt, zum Wohle des Produktes, der Marke, des Unternehmens.“

Genau das ist der Grund, warum wiederum diese Angsthasen ihren eigenen Mitarbeitern keinen Mut machen, ihnen keine Carte blanche geben, kein Spielfeld, um sich die Hörner abzustoßen und in neue Erfahrungen investieren. Stattdessen produzieren sie Ladenhüter.

Dieses Thema werden wir sicherlich in unserem virtuellen Blogger Camp am nächsten Mittwoch von 19,30 bis 20,00 Uhr aufgreifen (ausgestrahlt via Live-Hangout). Siehe auch: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption. Ich bin mir übrigens sicher, dass der Dienst Hangout On Air zu einer Popularisierung von Google Plus auch in Deutschland beitragen wird. Zur Zeit ist das ja noch ein wenig lau. 

In einer Fachrunde in München, die ich am 9. November moderiere, dürfte das auch eine Rolle spielen.

About these ads

Social Media ist nicht Chefsache: Die Zurückhaltung der Internet-Ausdrucker verwundert mich nicht

Standard

Ulrike Langer weist auf eine interessante Studie der Agentur Deutsche Markenarbeit hin. Die Kernaussage:

“Die DAX Unternehmen sind in der Social Media Welt angekommen. Ihre Vorstände nicht.” Demnach seien alle DAX 30 Unternehmen auf einer oder mehreren Social Media Plattformen präsent und sie planen, ihre Budgets dafür weiter auszubauen. “Allerdings ist das soziale Netz in den Großunternehmen keineswegs Chefsache. Von den Vorständen beschäftigt sich selbst kaum einer aktiv mit Twitter, Facebook und Co.”, so Langer.

Laut Studie seien die am häufigsten genannten Gründe für die Zurückhaltung: fehlendes Verständnis, fehlende persönliche Relevanz, mangelnde Zeit, rechtliche Haftungsrisiken, fehlende Unternehmenskultur und fehlende Erfolgscases.

“Allerdings übersehen die Manager bei dieser Betrachtungsweise, dass sie mit dem Einsatz von Social Media als Personal Media ihre Reputation und ihre Gestaltungskraft als Manager steigern können.”

Mich wundert die Zurückhaltung der Internet-Ausrdrucker in den Chefetagen überhaupt nicht. Für viele Top-Manager sind soziale Netzwerke nur ärgerlicher Firlefanz. Da können sich irgendwelche Assistenten oder Juniormanager mit rumschlagen. Deshalb hatte ich mich ja auch kritisch mit einer Studie der Düsseldorfer Agentur Vierpartner auseinandergesetzt. Die hatten behauptet, dass die DAX-Konzerne ihr Engagement in sozialen Netzwerken ausbauen würden.

Teilweise konnten die Unternehmen die Zahl ihrer Facebook-Fans verfünffachen und die Twitter-Follower versechsfachen. Angeblich sei jetzt die Zeit des Experimentierens bei einigen Konzernen vorbei. In meiner Abhandlung gehe ich kritisch auf diesen Befund ein:

„Die Zahl der Fans, Follower oder Abrufzahlen sagt überhaupt nichts über den Grad der Interaktion oder über eine Veränderung der Unternehmenskultur. Ich bezweifle, dass sich die Ziegelsteinmentalität in vielen großen Organisationen des Staates und der Wirtschaft geändert hat“, erwidert Peter B. Záboji, Chairman des After Sales-Spezialisten Bitronic. Wer Social Media nur als zusätzliche Spielwiese für die Markenkommunikation betrachtet, habe nicht begriffen, was sich im Netz abspielt.

Die Angst vor dem Kontrollverlust bestimme in der Regel noch die Markenkommunikation, so der Blogger und Strategieberater Sascha Lobo. Fast jeder hänge noch der Illusion nach, dass einem die Marke gehöre. Man könne allerdings nicht mehr bestimmen, was damit passiert: „Die Marke findet in den Köpfen der Menschen statt.“

Hilfe, ein #Hashtag! Deutsche Unternehmen verzweifeln am und im Internet, schreibt @gsohn

Standard

Genau. Heute in meiner Montagskolumne für “The European”. Zwei Welten prallen im Netz aufeinander: Bürokratie und hierarchisches Management gegen verspieltes Experimentieren. Unternehmen, für die ein Twitteraccount schon die Zeitenwende bedeutet, werden daran verzweifeln. Klugheit im Durcheinander der Vernetzung speist sich nicht aus dem kümmerlichen Geist der liebwertesten Gichtlinge des Controllings. Wie man damit fertig werden kann, beantwortete Marshall McLuhan mit Verweis auf eine Kurzgeschichte von Edgar Allen Poe. Dem Matrosen in Poes Abhandlung über den „Sturz in den Malstrom“ bleibt nichts anderes übrig: Er nutzt die Strömung des Wirbels gegen ihre eigene Gewalt. Man muss mit der Geschwindigkeit gehen können, um danach erst an jenen Stellen langsam zu werden, wo es sich lohnt. Das Internet ist nur eine Zumutung, wenn man versucht, es im Griff zu haben, so das Credo des Organisationspsychologen Peter Kruse.

Bislang gibt es bei den so genannten Management-Experten zu diesem Thema eine gähnende Gedankenarmut. Etwa bei Henry Mintzberg: Das Internet habe vor allen Dingen zu einer Kommunikationsflut via E-Mails geführt. Wie der konventionelle Brief bleibe die elektronische Post auf die Aussagekraft des geschriebenen Wortes beschränkt: Der Empfänger bekomme keine Stimme zu hören, keine Gesten zu sehen und keine Anwesenheit zu spüren. „Am Telefon kann man den anderen unterbrechen, grummeln oder von einem Punkt zum andern springen; in Besprechungen kann man zustimmend nicken oder gelangweilt abwinken. Erfolgreiche Manager nehmen solche Signale wahr. Bei einer E-Mail weiss ich nicht, wie der andere reagiert“, so die tiefschürfende Erkenntnis von Mintzberg. Ob das Internet daher bessere Kontakte zur Aussenwelt bringen würde, sei fraglich. Möglicherweise fördere das Internet die Netzwerke, während es die Gemeinschaften schwächt – innerhalb der Unternehmen ebenso wie zwischen ihnen. Es könnte auch zu einer Zunahme egozentrischer und heroischer Führungsstile kommen, die in der Wirtschaft so viel Unheil anrichten. Zudem sorgt sich Mintzberg dann noch über die Frage der Lenkungs- und Kontrollmöglichkeiten. Die Kontrolle könnte den Managern entrissen werden. Aha.

Mit den neuen Realitäten des Netzes beschäftigt sich der Autor wenig bis gar nicht: „Stichworte wie Enterprise 2.0, Crowdsourcing, Collaboration, Selbstorganisation, Kunden helfen Kunden, Netzwerk-Ökonomie, starke und schwache Beziehungen im Internet, Zugang zu nichtredundanten Informationen, Wissensmanagement über kollektive Intelligenz oder Management in Zeiten des Kontrollverlustes sind das, womit sich Führungskräfte heute beschäftigen sollten. Es ist erschreckend, wenn ein Managementexperte das Internet auf die unpersönliche Kommunikation via E-Mail reduziert“, moniert der ITK-Fachmann Peter B. Záboji, Chairman des After Sales-Dienstleisters Bitronic. Manager müssten die Herausforderung meistern, Informationen aus vielen Quellen zu sammeln, die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen zu errechnen und Entscheidungen zu treffen in Phasen der Ungewissheit. Wann werden die das begreifen in ihrer Powerpoint-Meeting-Controlling-Blabla-Welt?

Was sich die Internet-Nichtversteher darüber hinaus noch so alles hinter das Ohr kleben sollte, beschreibt Konstantin Klein in seinem Blog.

Tweed-Sakko statt Tweet-Kompetenz

Standard

Man spürt die Verkrampfung der liebwertesten Gichtlinge aus dem Industrieparadies des 20. Jahrhunderts, wenn sie sich mit Dingen beschäftigen müssen, die sie nicht kapieren. In Anlehnung an das Standardwerk von Marshall McLuhan formuliert es der Grafiker Quentin Fiore in seiner Schrift „Das Medium ist die Massage“ etwas deutlicher: Ein Überleben sei heute unmöglich, wenn man sich seiner Umwelt, dem sozialen Drama, mit einer starren, unveränderlichen Haltung nähert – eine geistlose, immer gleiche Reaktion auf das Verkannte. „Leider begegnen wir dieser neuen Situation mit einem riesigen Ballast überholter intellektueller und psychologischer Reaktionsmuster. Sie lassen uns h-ä-n-g-e-n. Unsere eindrucksvollsten Wörter und Gedanken verraten uns. Sie verbinden uns mit der Vergangenheit, nicht mit der Gegenwart“, schreibt Fiore.

Der “Salesmanager 4.0″ hasst in Wahrheit die Welt der Blogs, Foren und Netzwerke. Alles eine Zeitgeisterscheinung. Er kann einen Tweet nicht von einem Tweed unterscheiden. Letzteres hängt ja als Sakko in seinem Kleiderschrank. Warum sollte es da noch etwas anderes geben. Neumodischer Kram. Das Netz richtet sich aber nicht mehr nach den Gesetzen der Tweed-Kanalarbeiter.
Es herrscht asymmetrisch, wie es die Zeit-Autorin Tina Hildebrandt formulierte in ihrem Exkurs über den Depp-der-Woche.de. Unkontrollierbare Schwärme gegen Individuum oder Organisation. Der Salesmanager 4.0 ist in Wahrheit ein Kaiser Wilhelm der Neuzeit, der fest an die Zukunft des Pferds glaubte und das Automobile für eine vorübergehende Erscheinung hielt. In zehn Jahren wird es diesen Manager nicht mehr geben. Am Montag mehr in meiner The European-Kolumne über den Abschied von den Tweed-Managern: Die asymmetrische Herrschaft der Netzkommunikation.

Was Social Media mit der Technologie der Torheit zu hat….

Standard

beantworte ich morgen in einem Beitrag für NeueNachricht. Die Story geht auf den amerikanischen Organisationspsychologen James G. March ein, der so herrliche Modelle entwickelt hat, wie eben auch die Technologie der Torheit. “Torheit – oder das, was danach aussieht – beruht zum Teil darauf, Ideen aus anderen Bereichen zu stehlen”, so March. Wer die Torheit und den Spieltrieb in Organisationen fördert, baut Hemmungen ab. Und da wären wir dann doch auch beim Kontrollverlust, den die Führungskräfte in Wirtschaft, Politik und Verwaltung einfach nicht hinnehmen wollen. “Wenn wir spielen, können wir Dinge tun, die uns sonst nicht erlaubt sind. Wenn wir aber nicht spielen und die gleichen Dinge tun wollen, müssen wir unser Verhalten rechtfertigen. Gelegentliche Torheit erlaubt es uns, Erfahrungen mit einem möglichen neuen Ich zu machen – aber bevor wir eine Veränderung dauerhaft in die Realität umsetzen, müssen wir Gründe dafür liefern”, erklärt March. Was das Ganze mit dem Führungsnachwuchs, mit Twitter-Teams im Service und mit neuen Technologien zu tun hat, beantworte ich morgen auf www.ne-na.de.

Am besten finde ich ja das Lebensmotto von March, der seine Seminare häufig mit einem Zitat des französischen Schriftstellers Etienne Pivet de Senancour beendete. “Es mag sein, dass der Mensch vergänglich ist, aber lasst uns beim Untergang Widerstand leisten. Und selbst wenn uns das Nichts erwartet, so wollen wir nicht handeln, als wäre es unser Schicksal.”

Am Ende seien wir kleine Flecken im großen Universum. “Das Streben nach Bedeutsamkeit und Wichtigkeit ist die Illusion des Unwissenden. All unsere Hoffnungen sind nebensächlich – außer für uns selbst; aber manche Dinge sind wichtig, weil wir uns entschieden haben, dass sie wichtig für uns sind. Ich denke, was für uns einen Unterschied macht, ist, ob wir mit unseren winzigen Rollen in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht, das Leben behutsam behandeln und mehr Schönheit als Hässlichkeit beisteuern”, sagt March.