So ganz möchte ich meine morgige The European-Kolumne hier nicht ausbreiten. Aber ein paar Ausschnitte animieren vielleicht zur Lektüre meiner Ergüsse über das Social Web-Gelabere von Führungskräften der Wirtschaft, die nach außen eine Menge Blendwerk aufbauen und nach innen immer noch wie Generaldirektoren agieren.
Also hier der Appetitmacher:
Die Krawattenfraktion im Management, die sich auf Internet-Tagungen salopp mit Polohemd und Slipper-Schuhen in Szene setzt, kann mit der Wirklichkeit des Mitmach-Webs wenig anfangen. Da labern Führungskräfte und so genannte Keynote-Speaker auf öligen Kongressen ihre Kalenderweisheiten ins Publikum und ergötzen sich an irgendwelchen Statistiken über die Relevanz von Facebook und Co. Veredelt wird das Gesagte mit bunten Powerpoint-Präsentationen.
Kleiner Sprung zum Ende meines Beitrages:
Egal, ob es nun um soziale Netzwerke oder andere Themen geht: Es ist Fließband-Ware von einschlägigen Veranstaltern, die für schlappe 1.000 oder 2.000 Euro pro Teilnehmer über Hochglanz-Broschüren und Newslettern verkauft wird. In der Taktung präsentiert man die Propaganda wie Schweinebauch-Reklame in Anzeigenblättern. Eine Kultur des offenen Austauschs und Dialogs sieht anders aus. Die liebwertesten Gichtlinge der Wirtschaft sollten sich mal an der Organisation von Barcamps versuchen, wo die Teilnehmer das Programm selbst bestimmen können. Hier gibt es keine Sprachregelungen, dümmlichen Verkäufersprüche von der Kanzel und versnobte Wichtigtuer-Gespräche beim Verzehr von Blätterteigtaschen mit Thunfisch-Füllung, Lachsmousse, Fleischpastetchen und Scampi-Mango–Spießen. Wer vom Social Web redet, sollte auch sein Handeln danach ausrichten. Wie etwa die drei Online-Redakteurinnen des Kölner Stadt-Anzeigers, die beim Tweetcamp in Köln offen über ihre Flops und Tops bei Twitter-Kampagnen sprachen und kritische Einwürfe nicht wie eine Majestätsbeleidigung behandelten.
Beim Tweetcamp gab es kalte Pizza, wie es sich gehört.
Beim tck13 kam das Thema mit den Barcamps, die von (tradierten) Unternehmen veranstaltet werden könnten, wohl auch auf. Diese Session ging allerdings an mir vorbei. Wie ist Eure Meinung zu diesem Thema? Sollten wir dazu mal eine Bloggercamp-Sendung machen?
Eindrucksvoll fand ich die Vorstellung des Startup-Unternehmens tame.it, gegründet von jungen Journalisten, die erkannt haben, welche Kraft Twitter für die redaktionelle Arbeit entfaltet und wie wichtig Recherchetools sind, um noch mehr aus dem Twitter-Strom herauszuziehen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass so ein Unterfangen nicht von großen Verlagen kommt, die immer noch an der Wirkung der 140-Zeichen-Maschinierie zweifeln. Torsten hat das mit der Tweet-Quote der Tagung von Netzwerk-Recherche verglichen.
Die haben weitaus weniger getwittert als die Tweetcamper, obwohl bei der journalistischen Fachtagung wesentlich mehr Teilnehmer waren. “Journalisten sollten auf diesem Feld viel aktiver sein”, so Tame-CCO Torsten Müller.
Aufschlussreich waren auch die Ausführungen @schnodderpepe über Filme im Netz. Nicht nur die Produktionen seiner eigenen Agentur, sondern die Möglichkeiten für Unternehmen und sonstige Organisationen, mit gut gemachten Videoproduktionen wesentlich mehr Resonanz zu erzielen als mit den weichgespülten Werbefilmchen fürs Fernsehen.
Ich selbst hatte mich am ersten Tag spontan zu einem kleinen Vortrag entschlossen – ohne große Vorbereitungen: Ein (inzwischen gelöschter) Tweet eines CDU-Beraters und seine Folgen – Wie wir Merkel besiegten.
Mein Briefkasten wird jede Woche mit irgendwelchen Broschüren von den großen Konferenzveranstaltern zugemüllt. Das sind Fließbandproduktionen, um Trendthemen als Umsatzmaschine zu nutzen. Interesse an Inhalten, die in die Tiefe gehen, ist bei diesen Anbietern nicht vorhanden. Man präsentiert ein paar prominente Namen und verlangt für diese dünne Sauce dann 1000 bis 3000 Euro Gebühr pro Teilnehmer.
08/15-Hochglanz-Scheiße. Powerpoint-Orgien, keimfreie Top-Hotels, dümmliche Tagungsunterlagen, aseptische Diskussionen, schlechter Kaffee und wichtigtuerisches Personal. Meine Konsequenz: Weder lasse ich mich als Redner für solche Dünnbrettbohrer-Konferenzen buchen, noch plane ich den Besuch dieser Schlau-Schwatz-Zusammenkünfte. Zeitverschwendung für einen zu hohen Schnöselfaktor.
Unsere bildungsbürgerliche Elite kann vielleicht Schillers Glocke auswendig runterbeten, versagt aber bei der Unterscheidung von Bits und Bytes. Zeit für einen Besuch bei der Gamescom in Kölle – Onkel Christoph zeigt Euch Gamer in freier Wildbahn.
Wenn im Besserwisser-Biotiop der teutonischen Volkspädagogen die Digitalisierung wie eine ansteckende Krankheit und Informatik in der Schule als unnötiges Exotenfach stigmatisiert wird, könnten es die kulturkritischen Leerer wenigstens mit einem Ausflug in das Barock-Zeitalter versuchen. Wie wäre es mit einem Exkurs in die Maschinenwelt und das Netzwerk eines gewissen Gottfried Wilhelm Leibniz? Theoria cum Praxi.
Was immer auch die Computertechnologie und Computertheorie an Umwälzungen hervorgebracht haben, alle ihre Themen und Motive sind bei Leibniz schon versammelt, so die Autoren Werner Kürzel und Peter Bexte in ihrem Opus: “Allwissen und Absturz – Der Ursprung des Computers” (Insel Verlag).
Leibniz war von einem banalen Mechanismus fasziniert, der das ganze Geheimnis aller Wunderdinge beinhaltet, die die vielfältig einsetzbaren digitalen Geräte in unserem Alltag vollbringen. Die Gedankenspiele von Leibniz kreisten um eine Maschine, die zu einer fortdauernden Simulation unser ureigensten Fähigkeiten fähig ist.
Aufpassen, liebwerteste Gichtlinge des Bildungsbürgertum, jetzt geht es um die Einleitung meiner Kolumne. Leibniz entwickelt den Bauplan einer b i n ä r e n Rechenmaschine in seiner Niederschrift über das duale Zahlensystem – er war also 1679 schon sehr viel weiter als unsere analogen Volkspädagogen heute:
“…Eine Büchse soll so mit Löchern versehen sein, dass diese geöffnet und geschlossen werden können (heute Strom – Nicht-Strom). Sie sei offen an den Stellen, die jeweils 1 entsprechen, und bleibe geschlossen an denen, die 0 entsprechen. Durch die offenen Stellen lasse sie kleine Würfel oder Kugeln in Rinnen fallen, durch die anderen nichts. Sie werde so bewegt und von Spalte zu Spalte verschoben, wie die Multiplikation es erfordert. Die Rinnen sollen die Spalten darstellen, und kein Kügelchen soll aus einer Rinne in eine andere gelangen können, es sei denn, nach die Maschine in Bewegung gesetzt ist.”
Alle Zahlen und Stellen werden lediglich durch die Ziffern 0 und 1 repräsentiert. Ein differenziertes Transportsystem muss dafür sorgen, dass die Maschine richtige Resultate errechnen kann. Man könnte auch von einem Datenbus-Transportsystem sprechen und befindet sich im Zentrum der Informatik.
“Wenn die Zahlen auf ihre einfachsten Prinzipien mit 0 und 1 reduziert werden, dann herrscht überall eine wunderbare Ordnung.”
In der Reduktion der Zahlenwelt, schreiben Kürzel und Bexte, entsteht die universelle Matrix des Systems.
Leibniz konnte im 17. Jahrhundert digital denken – unsere Meinungsführer in Politik, Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft können es nicht.
@gsohn Ich glaube Leibniz wäre wg. Bildungspolitik v.a. eins: verzweifelt!— (@itbeobachter) June 06, 2013
“Anstatt Rahmenbedingungen für eine weitere Entwicklung Deutschlands als Recyclingstandort zu schaffen, werden im Wesentlichen kommunale Monopole abgesichert, um den Kommunen in Zeiten leerer Kassen Monopolgewinne zu garantieren”, schreibt Haucap, der heute Abend um 18:30 Uhr Gast bei Bloggercamp.tv ist.
Das Gesetz stärke vor allem die Position der kommunalen Entsorgungswirtschaft und schützt sie weitgehend vor privater Konkurrenz schützen.
“Privaten Unternehmen soll nach dem Gesetz nur dann eine Lizenz zum Wertstoffsammeln erteilt werden, wenn diese ‘wesentlich leistungsfähiger’ als die kommunale Konkurrenz sind. Der Bundesrat hatte eine Regelung, die eine Lizenzvergabe an private Entsorgungsträger auch im Falle der Gleichwertigkeit der Sammelleistung ermöglicht hätte, leider blockiert”, so Haucap.
Faktisch wird jetzt quer durch die Bundesrepublik verhindert, dass ein privates Entsorgungsunternehmen gegen den Willen einer Kommune Wertstoffe sammeln und Recycling betreiben kann. Vielen Mittelständlern, die seit Jahrzehnten höchst leistungsfähige Infrastrukturen für die Verwertung von Altpapier, Metall, Glas, Textilien oder Plastik aufgebaut haben, geht es an den Kragen.
“Fairer Wettbewerb sieht anders aus. Dabei wäre chancengleicher Wettbewerb nicht nur notwendig, um die Bürgerinnen und Bürger zu entlasten und überhöhte Müllgebühren zu vermeiden, sondern auch um Innovationspotenziale freizusetzen und die Entwicklung eines privaten Wirtschaftszweiges zu ermöglichen, der auch international in diesem Wachstumsmarkt konkurrenzfähig sein könnte. Besonders innovativ sind nämlich vor allem private Unternehmen, nicht aber kommunale Betriebe ohne Wettbewerbsdruck. Für letztere besteht mangels Wettbewerbs kaum ein Anlass mehr, ihre Abfall- und Wertstoffsammelsysteme zu verbessern”, kritisiert Haucap.
In mühevoller Kleinarbeit hat Hannes Schleeh unter der neuen URL bloggercamp.tv unsere bisherigen Sendungen chronologisch sortiert. Störendes Beiwerk wurde rausgeschmissen, um die Aufmerksamkeit auf die aktuellen Sendungen zu lenken. Ohne Schnickschnack – sehr puristisch. Alle Live-Sendungen und die Aufzeichnungen von unseren Sendungen können dort angeschaut werden. Textbeiträge zu unseren Sendungen erscheinen in unseren Blogs ichsagmal.com und schleeh.de.
Der bisherige WordPressblog unter der komplizierten URL http://bcn12.wordpress.com wird nicht weiter bespielt, bleibt aber auch in Zukunft abrufbar, damit meine Reblogging-Aktionen nicht ins Leere laufen.
Und dann geht es heute auch gleich weiter mit drei Sendungen. Den Anfang machen wir um 17 Uhr mit unserer neuen Sendereihe “Bloggercamp Update”, wo wir in 15 Minuten neue Medienprojekte vorstellen wollen.
Diesmal ist Chefredakteur Christoph Pause zu Gast, mit dem wir über die Top-Themen des Juni-Heftes seiner Zeitschrift acquisa sprechen werden. Neben den regulären Bloggercamp-Sendungen am Mittwoch werden wir weitere Sendereihen vom Stapel laufen lassen. Etwa “Bloggercamp Netzökonomie” oder, oder, oder. Über Vorschläge würden wir uns sehr freuen. So ein oder zwei weitere Schwerpunkte wären nicht schlecht.
Heute Abend geht es dann mit unseren klassischen Bloggercamp-Sendungen weiter.
Man müsse jetzt sehr schnell einen Zugang zu Hochtechnologien vermitteln, fordert Gaming-Experte Christoph Deeg im ichsagmal-Interview.
Computerspiele seien dafür ein hervorragender Transmissionsriemen:
„Deutschland ist kein digitales Land und keine digitale Gesellschaft. Wir müssen endlich unsere Hausaufgaben machen. Politische Figuren wie Rösler würden in diese Thematik ständig mit einer Pseudo-Wirtschaftsförderung reingehen. Da ist nichts Neues und Modernes dabei.”
Es riecht nach volkspädagogischer Belehrung
Es fehle ein digitaler Masterplan. So sollte jede Schule Gaming in den Unterricht integrieren. Jede Schule, die Gaming nicht aktiv nutzt, ist nach Ansicht von Deeg keine gute Schule.
„Wir können Schule, Lernen, berufliche Weiterbildung und auch die Arbeitswelt durch Gamification besser machen. Das gilt auch für das Innovationsmanagement in Unternehmen. Und hier liegt der Knackpunkt in Deutschland. Wir müssen mehr über die positiven Erfahrungen aus der digitalen Welt sprechen und weniger kulturpessimistische Debatten über Technikfolgenabschätzung führen.“
Selbst aus vielen Lernspielen kriechen volkspädagogische Zeigefinger-Botschaften heraus. So wird schon Schulkindern vermittelt, was Ältere von der Digitalisierung halten: Das ist alles gefährliches Zeug und ohne Kindermädchen-Betreuung nicht zu bewältigen. Wer in Deutschland Leseförderung über das Spiel Pokémon vorschlägt, wird von verknöcherten Oberstudienräten als grenzdebiler Pausenclown geächtet.
Unsere bildungsbürgerliche Elite kann vielleicht Schillers Glocke auswendig runterbeten, versagt aber schon bei der Unterscheidung von Bits und Bytes. Wir müssen endlich ein digitalfreundliches Umfeld in allen Teilen der Gesellschaft schaffen. In einer erzkonservativen und brutal hierarchischen Welt fällt es schwer, die Potenziale der Digitalisierung aufzuzeigen. Gamification könnte ein Ansatz sein, diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen.
Onkel Christoph begleitet Euch zur Gamescom
„Wir haben eine Alternativlos-Gesellschaft. Und das gilt für Politiker aller Parteien. Es gibt Vorgaben, die von Verwaltungsbeamten alternativlos umgesetzt werden. Was fehlt, ist eine Vision. Wie wollen wir in Zukunft arbeiten, leben und lernen? Und genau an dieser Stelle wird Gaming relevant. Hier zeigen die Menschen sehr genau, wie sie gerne arbeiten und kommunizieren wollen. Kommt zur Gamescom nach Köln, Onkel Christoph nimmt Euch an die Hand und zeigt Euch die lustigen Sachen. Ihr lernt Gamer in freier Wildbahn kennen und versteht, wie morgen die vernetzte Gesellschaft und die digitale Infrastruktur ausschauen müsste“, so Deeg.
Das gilt übrigens auch für die Telekom. Mit der Drosselpolitik des Magenta-Konzerns erreichen wir Verhältnisse wie in Detroit und zwar flächendeckend, so die Warnung von Deeg.
Eine reiche Industrienation wie Deutschland, die die digitale Revolution verschläft, bekommt spätestens in zwanzig Jahren gravierende Probleme und wird von Ländern wie Südkorea überrollt.
Abschied von den Manfred Spitzer-Gichtlingen der Gesternwelt
Unsere Kinder werden uns dann die Pistole auf die Brust setzen und fragen, warum sie uns noch Rente bezahlen sollen, wo wir doch ihre Zukunft in einer bildungsbürgerlichen Besserwisser-Duftwolke vergeigt haben. Trendforscher Peter Wippermann ist immer wieder überrascht, wie jungfräulich die digitale Agenda unter den deutschen Dichtern und Denkern immer noch betrachtet wird im zwanzigjährigen Jubiläumsjahr des Internets. Eigentlich sollten wir in der aktiven Auseinandersetzung mit der Vernetzungsfrage schon sehr viel weiter sein.
„Selbst das Web 2.0 hat schon 2004 die Bühne betreten. Das mobile Internet steht auch schon seit einigen Jahren auf der Tagesordnung“, erläutert Wippermann im Smart Service-Talk.
Die Kerntreiber werden in teutonischen Diskursen immer noch links liegen gelassen. Die digitalen Technologien haben sich rasant weiter entwickelt. Gleiches gilt für die ökonomischen Modelle und für eine Generation, die mit interaktiven Medien aufgewachsen ist und mittlerweile zur Gruppe der Hauptkonsumenten zählt. Wir sind zu träge, um uns mit den Möglichkeiten der Vernetzung aktiv auseinanderzusetzen. Der Wirtschaft läuft Gefahr, diese Talente auf dem Arbeitsmarkt und in der Startup-Szene links liegen zu lassen. Hier schlummern gigantische Möglichkeiten, die sich allerdings nur in einer Kultur der Vernetzung entfalten können. Insofern wird es Zeit für einen digitalen Gesellschaftsvertrag, den wir politisch vereinbaren müssen, um uns von den rückwärtsgewandten Gefechten der liebwertesten Manfred Spitzer-Gichtlinge endgültig zu verabschieden.
Das hat mich doch als Gerstensaft-Lieberhaber direkt angesprochen – Gerstensaft allerdings nicht in der Brühwürfel-Variante mit Hopfenextrakt.
“Ironblogger sind eine Gemeinschaft von Bloggern, die sich selbst zwingen wollen, regelmäßig zu bloggen. Um das zu erreichen, wird folgende Vereinbarung getroffen: Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer bloggt mindestens einmal pro Woche. Für jede Woche, in der das nicht geschafft wird, fließen 5 Euro in die Gemeinschaftskasse. Wenn die Kasse entsprechend gefüllt ist, wird der Inhalt in einem gemeinsamen Treffen versoffen konsumiert”, schreibt Johannes Mirus in seinem Blog und verkündet den Start der Ironblogger in Bonn.
Trendforscher Professor Peter Wippermann und Gaming-Experte Christoph Deeg kritisieren vehement Wirtschaft und Politik für ihre Unentschlossenheit, wenn es um die vernetzte Ökonomie geht.
Man müsse sehr schnell einen Zugang zu Hochtechnologien vermitteln, fordert Deeg. “Deutschland ist kein digitales Land und keine digitale Gesellschaft. Wir müssen endlich unsere Hausaufgaben machen.” Es reiche nicht aus, wenn Wirtschaftsminister Rösler mit Startup-Unternehmen ins Silicon Valley pilgert und seine Pseudo-Wirtschaftsförderung weiter betreibt. Es fehle ein digitaler Masterplan, meint Deeg.
Netzpolitik sei auf Regierungsebene nicht zentral verankert, jedes Ministerium ergehe sich da eher in kleinkarierten Projekten, moniert Wippermann.
Beide Gespräche muss ich noch auswerten. Das wird das Thema meiner The European-Kolumne am Mittwoch in der nächsten Woche.
Weitere Meinungen, Statements, Interviews und Ideen zum Thema interessieren mich. Bis Dienstagvormittag kann ich das verarbeiten. Man hört und sieht sich.
Vor 40 Jahren erschien ein Aufsatz, der sich in den Folgejahren zu einem soziologischen Klassiker mauserte. Es handelt sich um die Studie von Mark Granovetter über Arbeitslose in Boston, die einen Job suchten. Wer einen Arbeitsplatz fand, ist danach befragt worden, wer sie auf die freie Stelle aufmerksam gemacht hat. Granovetter ging von der Hypothese aus, dass die Empfehler vor allem aus dem engeren Bekanntenkreis kommen müssten. Also die Franz Beckenbauer-Variante (in dem Video stellt der Kaiser übrigens sein unfassbares Rhythmus-Gefühl unter Beweis…).
In Kölle würde man sagen: Man kennt sich, man hilft sich.
“So sollte man denken – Granovetters Befunde waren aber genau die umgekehrten. Einen neuen Arbeitsplatz hatten die Befragten meist durch Hinweise von Personen gefunden, die sie nur flüchtig kannten oder selten sahen. Die Erklärung dieser ‘Stärke schwacher Bindungen’ greift auf ein Wissen zurück, das jeder hat. Wer ein Gerücht in Umlauf bringen möchte, wem sollte er es wohl mitteilen? Am besten dem Frisör. Denn wenn der Frisör davon erfährt, wird er es Leuten weitererzählen, die untereinander wenig anderes gemeinsam haben als den Frisör”, schreibt Regina Mönch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Beiläufige Bekannte öffnen den Zugang zu Netzwerken, zu denen man selber nicht gehört, schwache Bindungen transportieren Informationen schneller über größere soziale Distanzen hinweg. Umgekehrt: Wer viele flüchtige Bekannte hat, erfährt viel und erweist sich als Katalysator für Netzwerkeffekte. Besonders die schwachen Beziehungen dienen als Brücken zwischen Netzwerken und helfen, Probleme zu lösen, Informationen zu sammeln und neue Ideen aufzugreifen.
Das ideale Netzwerk besteht daher aus einem Kern von starken Beziehungen und einer umfangreichen Peripherie von schwachen Beziehungen.
In seinen Untersuchungen stellte sich heraus, dass die Informationen vor allem über feste Bekanntschaften zirkulieren. Ein Widerspruch zu Granovetter? Betriebswirte sprechen nicht gern mit Ingenieuren, Forscher nicht gerne mit dem Marketing, Abteilungen am liebsten mit sich selbst.
“Bekanntschaft und Gewohnheit verstärken sich gegenseitig, man konzentriert sich auf die nächste Umgebung, und so entstehen ‘strukturelle Löcher’ (Burt) zwischen Netzwerken. In der Beurteilung der Verbesserungsvorschläge schnitten aber gerade diejenigen Manager am besten ab, die solche Löcher überbrücken. Sie haben im Durchschnitt das höhere Gehalt und machen schneller Karriere”, so Mönch.
Und selbst unter den Spitzenkräften der von Burt untersuchten Firma waren diejenigen, die sich auf intensiven Austausch im engsten Kreis beschränkten, auch diejenigen mit den schwächsten Innovationsideen.
Wer im eigenen Saft schmort, verliert Wirkung – müsste der Netzgemeinde ja bekannt vorkommen…
“Wer im digitalen Raum Erlebnisse nur mit ausgewählten Menschen teilen möchte, der tut gut daran, Mechanismen zu nutzen, die das Weiterverbreiten unterbinden.“
Wie bei elitären Golfclubs müssten Mitglieder für Neulinge bürgen und das Besondere ist, dass jedes Mitglied nur eine beschränkte Anzahl an Bürgschaften abgeben darf.
“Für Außenstehende bleibt verborgen, was in der Community passiert”, so Steimel.
Wo bleibt aber die Brückenfunktion des Frisörs in diesem geschlossenen Zirkel? Das Weiterverbreiten unterbinden, den Faktor der Weitererzählbarkeit beschränken? Das läuft irgendwie einer offenen Kultur des Teilens und der Beteiligung zuwider. Schließlich lebt das Social Web vor allem über das Geben. Entsprechend sympathisch finde ich das Plädoyer von Christian Müller: “Warum wir mehr (Links) teilen sollten.”