Nicht nur Range sollte in die Wüste geschickt werden: Maaßen ist der Konstrukteur der Staatsaffäre #Landesverrat

Standard
Man sieht sich.

Man sieht sich.

Ich weiß nicht, welchem Verfassungsverständnis Generalbundesanwalt Harald Range und Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen folgen, politisch sind sie kleine Würstchen, die den Überblick verloren haben. Trotzige Kleingeister, die sich hinter Akten und Gutachten verschanzen – ohne jegliches Fingerspitzengefühl. Aber was ist mit den Vorgesetzten? Also Bundesjustizminister Heiko Maas und Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

Sie hätten die “absurde Konstruktion eines Staatsgeheimnisses” stoppen müssen, betonen die Grünen. Range und Maaßen müssen sofort von ihren Ämtern entbunden werden. Mit seiner heutigen Pressekonferenz hat der Generalbundesanwalt seinen Vorruhestand eingeleitet.

Dabei darf es aber nicht bleiben. Der Hauptverursacher der Staatsaffäre ist Verfassungsschutzpräsident Maaßen, der nun schon häufiger mit völlig abstrusen Analysen aufgefallen ist. Erinnert sei an das Lob in Richtung NSA für die offene Kommunikationspolitik oder die Verortung der eigentlichen Bedrohung im Osten.

Deshalb habe ich vor allem an den Verfassungsschutzpräsidenten ein paar Fragen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

bitte senden Sie mir Folgendes zu:

Der Generalbundesanwalt hat laut Medienberichten ein Ermittlungsverfahren gegen die Betreiber des Weblogs Netzpolitik.org wegen des Verdachts auf Landesverrat eingeleitet. Auslöser ist die Veröffentlichung von Dokumenten des Verfassungsschutz, die als vertraulich eingestuft wurden und von Plänen der Internet-Überwachung durch die „Erweiterte Fachunterstützung Internet“ berichten.

Folgende Fragen: Wie bewerten Sie den Quellenschutz von Medien bei kritischen Berichten gegen staatliche Organe?

Wie beurteilen Sie die Gefahr einer Demontage der Pressefreiheit, die durch Ihr Ermittlungsverfahren gegen Netzpolitik.org ausgelöst werden könnte?

Der Vorwurf des Landesverrats gegen Journalisten wird von Juristen und Politikern als heikel eingestuft. Nach der Spiegel-Affäre Anfang der sechziger Jahre, in der ein solcher Vorwurf erhoben wurde, wurde davor gewarnt, dass durch das Vorgehen der Behörden der unabhängige Journalismus in Gefahr geraten könne. Es ging um eine Abwägung zwischen strikter Geheimhaltung und dem zentralen Grundrecht auf Pressefreiheit. Wie beurteilen Sie heute Ihr Vorgehen gegen Netzpolitik.org im Zusammenhang mit der so genannten Spiegel-Affäre in den sechziger Jahren?

Dies ist ein Antrag auf Aktenauskunft nach § 1 des Gesetzes zur Regelung des Zugangs zu Informationen des Bundes (IFG) sowie § 3 Umweltinformationsgesetz (UIG), soweit Umweltinformationen im Sinne des § 2 Abs. 3 UIG betroffen sind, sowie § 1 des Gesetzes zur Verbesserung der gesundheitsbezogenen Verbraucherinformation (VIG), soweit Informationen im Sinne des § 1 Abs. 1 VIG betroffen sind.

Siehe auch:

Ranges Schlag gegen Maas.

Hüter der Verfassung (in Teilzeit).

Meine wohl letzte The European-Kolumne: Warum Intellektuelle in den Chaos Computer Club eintreten sollten

Standard
„Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?“ – so begann der Renaissance-Denker Francois Rabelais seine Rede. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik brauchen eine neue Innovationskultur in seinem Sinn. Wir brauchen freche Spinner, die für frischen Wind sorgen. Auch heute noch.

„Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?“ – so begann der Renaissance-Denker Francois Rabelais seine Rede. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik brauchen eine neue Innovationskultur in seinem Sinn. Wir brauchen freche Spinner, die für frischen Wind sorgen. Auch heute noch.

Twitter-Prosaist Günter Hack ärgert sich über die fehlgeleitete und ahnungslose Technik-Kritik, die von Geistesgrößen wie Evgeny Morozov mit aggressivem Sendungsbewusstsein gepaart mit Ahnungslosigkeit am laufenden Band absondern.

Morozov und seine deutschen Epigonen hätten schlicht keinen Dunst von einer IngenieursKULTUR, die das Internet und Open Software und viele andere Aspekte unseres täglichen Lebens sehr stark informiert haben.

„Sie negieren diese Ingenieurskultur, obwohl es ihr gottverdammter Job wäre, sie zu kennen und sie zu analysieren. Wenn sie es täten, dann wären sie vielleicht wirklich dazu in der Lage, eine tragfähige Analyse zu schreiben, nämlich die, inwieweit sich diese Ingenieurskultur im Valley unter Einfluss und Druck von Geheimdiensten und Risikokapital und noch mehr Geheimdiensten und noch mehr Risikokapital verändert hat“, schreibt Hack.

Rundumschläge für mehr Klicks

Das sei die eigentlich spannende Geschichte, die ein Intellektueller heute zu erzählen hätte, anstatt blind auf „der Tächnäkk” herumzudreschen, die er sowieso nicht versteht. Pauschale Rundumschläge bringen halt mehr Klicks und Aufmerksamkeit. Dabei wäre es wichtig, zu verstehen, wie sich diese Technologen ausdrücken.

„Der Job des Intellektuellen bestünde darin, mit den Leuten zu sprechen, die den Code schreiben und die generativen Feedbackschleifen aufzuzeichnen und dann Ursachen und Wirkungen allgemein verständlich zu benennen. Stattdessen bekommen wir platte Kapitalismuskritik (die einiges erklärt, aber eben nicht das Wesentliche) und Untergangsgeheul.
Der Programmierer macht also seinen Job, der Intellektuelle macht ihn nicht“, moniert Hack.

Er plädiert für eine differenzierte Archäologie im Sinne der Actor-Network-Theory.

Mehr dazu in meiner morgigen The European-Kolumne, sozusagen als Schlussakt meiner Beiträge für das Berliner Debattenmagazin.

Aber wie zitierte der liebwerteste Kollege Alexander Wallasch meinen Leitstern François Rabelais:

“Was Geduld hat, kann alles überstehen.”

Die liebwertesten Gichtlinge wird es bald als eBook geben :-)

Grundrecht auf freie Meinungsäußerung in Unternehmen statt Pauschalunterwerfung – Forderungen von @th_sattelberger #NEO15

Video

Thomas Sattelberger

Hinter den modernen Lichtsuppen-Fassaden der Unternehmen regiert häufig immer noch die alte Ideologie des industriekapitalistischen Taylorismus, der auch die Büroabläufe auf Fließband-Effizienz trimmt. Was an Freiheiten in Wirtschaftsorganisationen zugelassen wird, sind reine Simulationsübungen, um die Mitarbeiter bei Laune zu halten.

„Die Pauschalunterwerfung des Arbeitnehmers ist so groß wie eh und je“, bemerkt der Soziologe Dirk Baecker.

Früher sagte man, die Demokratie hört vor dem Fabriktor auf.

„Das hat sich nicht geändert“, bestätigt der frühere Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger im ichsagmal-Interview: „Selbst heute kann man als ‚abhängig‘ Beschäftigter nicht offen seine Meinung äußern.“

Wer etwa als Betriebsrat kontroverse Themen gegenüber der Geschäftsführung aufgreift, muss mit einer Kaskade von Demütigungen rechnen, wie eine Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung dokumentiert. Die ARD-Sendung „Die Story“ hat dazu einen sehenswerten Beitrag ausgestrahlt.

Auch wenn die Studie nur die krassen Auswüchse der Demontage von Arbeitnehmerrechten aufgreift, gibt es generell ein Demokratie-Defizit in Unternehmen. Mit dem Betriebsverfassungsgesetz und dem Mitbestimmungsrecht wird man diese Gemengelage nicht ändern.

„Man muss Mitbestimmung anders diskutieren. Wir sollten im Grundgesetz das Recht eines mitarbeitenden Menschen auf Meinungsäußerung verankern“, fordert Sattelberger im Vorfeld der Next Economy Open in Bonn.

Was würde dann passieren?

„Ich habe verfassungsrechtlich verbriefte Rechte als Unternehmens-Bürger. Man braucht diesen Flankenschutz, um eine Demokratisierung in Unternehmen zu erreichen“, erläutert Sattelberger.

Wir erleben geradezu eine Explosion an neuen Möglichkeiten der Beteiligung durch die Digitalisierung, da kann die Wirtschaftswelt nicht hinterherhinken.

„Letztlich ist mehr Pluralismus und Unterschiedlichkeit in jeder Organisation gefragt, um auf das Konto der Wetterfestigkeit einzuzahlen“, betont Sattelberger.

Nur so würde man die geschlossenen Kasten der Eliten durchbrechen. Der Kybernetiker William Ross Ashby habe das schon vor längerer Zeit auf die Agenda gesetzt. Die Varietät und Komplexität einer Organisation müsse mindesten so ausgeprägt sein wie die Außenwelt.

„Nur so bleiben Unternehmen lebendig“, resümiert Sattelberger.

Wir werden das auf der Next Economy Open vertiefen zum Themenschwerpunkt “New Work”. Mehr dazu in meiner morgigen The European-Kolumne.

Siehe auch:

Warum flache Hierarchien nur die Fortsetzung des Holzwegs sind, schreibt Niels Pfläging.

Er plädiert für mehr Dezentralität. Stimmt. Aber auch das reicht nicht aus, wie Sattelberger trefflich darlegt. Es muss mit einer Demokratisierung der Unternehmen einhergehen.

Mit @stporombka und Adorno-Adiletten die digitale Gegenwart ändern: Über Gamification und den Nutzen der Torheit #Gamescom15 #NEO15

Standard
Eine vom Fluch der ständigen Erreichbarkeit genervte Familie.

Eine vom Fluch der ständigen Erreichbarkeit genervte Familie.

Man spürt die Verkrampfung vieler Führungskräfte der Deutschland AG, wenn sie sich mit Dingen beschäftigen müssen, die sie nicht kapieren. Der Grafiker Quentin Fiore formuliert das in seinem Opus „Das Medium ist die Massage“ mit drastischen Worten: Ein Überleben sei heute unmöglich, wenn man sich seiner Umwelt, dem sozialen Drama, mit einer starren, unveränderlichen Haltung nähert – eine geistlose, immer gleiche Reaktion auf das Verkannte.

„Leider begegnen wir dieser neuen Situation mit einem riesigen Ballast überholter intellektueller und psychologischer Reaktionsmuster. Sie lassen uns h-ä-n-g-e-n. Unsere eindrucksvollsten Wörter und Gedanken verraten uns. Sie verbinden uns mit der Vergangenheit, nicht mit der Gegenwart“, schreibt Fiore.

Den neuen Technologien begegnet man mit den Reizreaktionsmustern der alten. In Phasen des Übergangs sei daher ein Zusammenprall unvermeidlich:

“In der Kunst des ausgehenden Mittelalters erkennen wir bereits die Angst vor der neuen Technologie des Buchdrucks, die im Motiv des Totentanz ihren Ausdruck fand”, so Fiore.

Es ist der absurde Versuch, die von der neuen Umwelt geforderten Aufgaben mit dem Rüstzeug von gestern zu erledigen. Heute wird der Untergang des Buchdrucks mit kulturpessimistischen Tönen bekleidet:

Etwa die Idee von Amazon, das Lesen von eBooks nur noch nach angeklickten Seiten zu bezahlen. Das Buch als Ganzes wird aufgelöst.

“Und das ist für die Verfechter der alten Buchkultur natürlich schlimm. Das Buch hat uns ja erzogen, die Sachen als abgeschlossen zu verstehen, als festes Gegenüber. Die neuen Formen des Lesens interessieren sich weniger für das Abgeschlossene. Es geht um Aneignung und um Weiterbearbeitung. Das heisst, dass sich Bücher in Texte verwandeln – und die wiederum erscheinen eher als Material, mit dem man etwas machen kann. Damit verfallen dann eine ganze Reihe von festen Regeln, die uns mit dem Lernen der Buchlektüre beigebracht worden sind”, sagt Literaturprofessor und Twitterat Stephan Porombka.

Letztlich sind es lustvolle und kombinatorische Gegenwartsexperimente, die die Gegenwart nicht nur beobachten, sondern sie verändern. Erfolge habe schließlich NICHT in erster Linie der Erfinder oder kreative Zerstörer, sondern jener, der das Neue am besten organisiert und kombiniert, bemerkte der Ökonom Joseph Schumpeter in seiner Zeit an der Bonner Universität.

Schumpeter richtig zitieren.001

Als wahrer Pionier der kombinatorischen und experimentellen Gegenwartskultur erweist sich Porombka. Selbstporträts macht er nicht mit Selfie-Stab, sondern mit einer autonom fliegenden Drohne, die Fotos sogar in heiklen Momenten bei der Bettlektüre von Werken schießt wie “Josefine Mutzenbacher – oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt”.

Die tägliche Rasur der Geheimratsecken, die zum professoralen Habitus von Porombka zählen, bleibt der Drohne nicht verborgen. Man sieht ihn auch bei frühsportlichen Übungen in der Disziplin “American Bookball”. Ein extrem hartes Buchtraining mit literarisch ausstaffierten Schulterpolstern im Stil der 1980er Jahre.

Legendär ist auch der vierarmige Pullover mit dualem Stinkefinger für langweilige Konferenzen. Wegweisend sein achtjähriges Forschungsprojekt beim Abpausen des Gesamtwerkes von Franz Kafka. Das Gerüst von Heideggers Opus “Sein und Zeit” hat der Twitteratur-Trendsetter mit Streichhölzern nachgebaut. Den Silberstreif am Horizont gibt es in der innovativen Porombka-Werkstatt in mobiler Version zum Mitnehmen.

Zudem offeriert er ein Brot mit USB-Schnittstelle und für den intellektuellen Sauna-Gang Adiletten mit Theodor W. Adorno-Plateausohlen. Smartphone-Hüllen mit dem Wittgenstein-Hauptwerk “Tractatus logico-philosophicus” reduzieren die Blödheit beim öffentlichen Einsatz dieser mobilen Geräte.

Technologien der Torheit

Vielleicht sollten die Unternehmensentscheider im Umgang mit den digitalen Technologien dem Weg von Porombka folgen oder sich an dem amerikanischen Organisationspsychologen James C. March orientieren, der für eine „Technologie der Torheit“ plädiert. Er meint damit aber nicht Albernheit, sondern Verspieltheit, um Raum für Experimente zu schaffen. Organisationen kommen nicht ohne Wege aus, Dinge zu tun, für die sie keine guten Gründe haben. Es existiert in allen Entscheidungssituationen eine Menge Unsicherheit und Konfusion, die von den traditionellen Managementkonzepten und verstaubten BWL-Theorien ignoriert werden. Klugheit im Durcheinander der Vernetzung speist sich nicht aus dem kümmerlichen Geist des Controllings.

„Torheit – oder das, was danach aussieht – beruht zum Teil darauf, Ideen aus anderen Bereichen zu stehlen“, erläutert March im Interview mit Harvard Business Review.

So könne der Spieltrieb genutzt werden, um die Torheit zu fördern:

„Beim Spielen gibt es keine Hemmungen. Wenn wir spielen, können wir Dinge tun, die uns sonst nicht erlaubt sind. Wenn wir aber nicht spielen und die gleichen Dinge tun wollen, müssen wir unser Verhalten rechtfertigen. Gelegentliche Torheit erlaubt es uns, Erfahrungen mit einem möglichen neuen Ich zu machen – aber bevor wir eine Veränderung dauerhaft in die Realität umsetzen, müssen wir Gründe dafür liefern.“

Vielleicht bringt die Gamification mehr Leichtigkeit ins Wirtschaftsleben. Wir sollten nicht alles so bedeutungsschwer auf die Waagschale legen. Schließlich sei das Streben nach Bedeutsamkeit und Wichtigkeit die Illusion des Unwissenden, betont March. Recht hat er.

Darüber wollen wir reden – auf der Gamescom am 6. August, um 12:30 Uhr. Und natürlich auch auf der Next Economy Open im November. Man hört, sieht und streamt sich :)