Der Spion, der nun doch aus dem Westen kommt

Standard
Die neue Gefahr aus dem Westen

Die neue Gefahr aus dem Westen

Die Bundesregierung hat sich nun doch noch durchgerungen auch “befreundete” Geheimdienste in Deutschland überwachen lassen.

“Nach monatelangen Diskussionen verständigten sich Kanzleramt , Innen- und Außenministerium nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR auf dieses Vorhaben. Der sogenannte 360-Grad-Blick soll es erlauben, auch amerikanische und britische Agenten auf deutschem Boden im Blick zu behalten. Bisher richtete sich das Interesse der Spionageabwehr des Verfassungsschutzes vor allem gegen Russen, Chinesen und Iraner”, schreibt die SZ.

Ach Du meine Nase, was für eine grandiose Maßnahme nach den ganzen Enthüllungen, die in den vergangenen Monaten ans Tageslicht gekommen sind. Der Plan, auch befreundete Dienste zu überwachen, sei im vergangenen Jahr als Reaktion auf die NSA-Affäre und das Abhören des Handys von Kanzlerin Angela Merkel entwickelt worden. Die Bundesregierung zögerte laut SZ-Bericht jedoch lange, ihn umzusetzen, vor allem aus Sorge vor einem Konflikt mit den USA – das scheint den Amerikanern wohl am Hinterteil vorbeizugehen.

“Jetzt brauchen wir ein starkes Signal”, sagte eine mit der Entscheidung vertraute Person der SZ.

Spionage auf dem Boden der USA soll übrigens nicht stattfinden. Da hätten sich wohl sonst die US-Verantwortlichen vor Angst in die Hose gemacht. Im Sommer des vergangenen Jahres wollte uns der geheime Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen noch weismachen, dass der Feind immer noch bedrohlich im Osten lauert. Welchen Osten er meint, lies er sehr clever außen vor: Es könnten die DDR-Nostalgiker sein, balkanesische Untergrundbewegungen, Putin oder die gelbe Gefahr in China. Früher sagte man ja nur “Der Russe” steht vor unserer Tür. Jetzt kommt noch “Der Chinese” hinzu. Für den Spy-Guru Maaßen stand jedenfalls eineindeutig fest, dass sich die deutsche Wirtschaft und die deutsche Öffentlichkeit vor der verdachtsunabhängigen Totalüberwachung der NSA nicht fürchten müsse. Es gebe angesichts einer “derzeit aufgeregt geführten Debatte keinen Anlass, die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren Partnern in den USA und Großbritannien grundsätzlich in Frage zu stellen.“

Agent Maaßen äußerte sich euphorisch über die offene Kommunikationspolitik der NSA gegenüber der Bundesregierung. Er sei „erstaunt, in welch offener Weise die NSA bereit war, uns über die amerikanischen Prism-Programme aufzuklären”. Der US-Dienst habe dadurch zur allgemeinen Klarstellung beigetragen. Wird dieser Mann jetzt in die Wüste geschickt oder strafversetzt für Wachschutz-Dienste vor der amerikanischen Botschaft in Berlin?

Wir sollten endlich unsere rosarote Brille beim Blick über den Atlantik absetzen. Bis auf willfährige Bündnispartner wie Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland steht jeder im Verdacht, insgeheim ein Feind zu sein – auch wenn noch so viele Fähnchen beim Empfang des US-Präsidenten gewedelt werden. Wenn das so ist, dürften sich die Vereinigten Staaten wohl nicht über politische Maßnahmen gegen NSA, CIA und Co. beschweren.

About these ads

Bücher neu denken – Literarischer Diskurs bei #Bloggercamp.tv um 11 Uhr

Standard

Zukunft des Buches

Mein kleiner Exkurs über E-Books im Denknebel des Literaturbetriebs hat zu einigen interessanten Reaktionen geführt. Bislang überschlagen sich die Verlegerinnen und Verleger nicht gerade in der innovativen Gestaltung von entmaterialisierter Literatur. Es dominieren eher Defensivargumente wie in der Musik- oder Filmindustrie.

Selbst unabhängige Literaturverlage reihen sich in den depressiven Chor der liebwertesten Urheberrechts-Gichtlinge ein, angeführt vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels (der Chefjustiziar dieses Ladens wird sich über meine spitzen Formulierungen nicht grämen, da ich ja meine Bildung aus dem Internet generiere). So warnt eine Verlegerin vor dem Hype, der um E-Books gemacht wird. Es müsse alles mit Augenmaß geschehen. E-Books dürften auf keinen Fall als Alternative zum gedruckten Buch verstanden werden, sondern nur als „Ergänzung“.

Warum man E-Books, gedruckte Bücher und wohl auch den gesamten Buchmarkt neu denken muss, diskutieren wir in unserer 11 Uhr-Sendung bei Bloggercamp.tv mit Mathias Voigt, Geschäftsführer von Literaturtest.

Eine kleine Steilvorlage für die heutige Diskussion bietet Sibylle Berg in ihrer Spiegel Online-Kolumne:

“Amazon. Wähh bähh, Amazon. Der Feind. Offene Briefe schreiben, Amazon-Schilder verbrennen auf öffentlichen Plätzen, Texte über den Untergang des Kulturgutes Buch verfassen, weinen. Und weitermachen wie bisher. Wer ist das? Unsere Buchindustrie? Es gibt sicher Ausnahmen, die ich bewusst ignoriere – so macht man das in Zeitungen, um steile Thesen aufzustellen. Die These heute: Die Zukunft, vor der wir gewarnt wurden, ist da, die Buchbranche woanders.”

Zettel's Traum

Zettel’s Traum

Man könnte es auch so formulieren: “Wenn ein neues Buch erscheint, lies Du ein altes”: Empfehlungen nicht nur an Literaturblogs

Hashtag für Mitdiskutanten während der Sendung #bloggercamp

Man hört und sieht sich gleich :-)

Shitstorms und wie man Dödelsberg-Kundenservice in den Wahnsinn treibt

Standard
Über die Wirkung netzöffentlicher Protestes

Über die Wirkung netzöffentlicher Proteste

Auf Facebook wird gerade intensiv über meine Shitstorm-Kolumne disputiert. Vieles sei eher ein Sturm im Wasserglas, was sich im Netz abspielt und würde keine wirtschaftlichen Konsequenzen nach sich ziehen. Die Frage ist nur, warum dann Organisationen die netzöffentliche Diskussion scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Bekenntnisse zum Open Service sind wenig zu vernehmen. Im Kundendialog liebt man die Kommunikation per Telefon, Fax, Brief oder E-Mail. Selbst wenn Serviceärgernisse von Kunden aus der analogen Welt ins Social Web gehoben werden, gibt es verzweifelte Versuche bei den Anbietern, die verärgerten Verbraucher so schnell wie möglich wieder in den abgeschlossenen Kosmos der klassischen Kommunikation abzudrängen. Ein netzöffentlicher Dialog könnte die Schwächen im Management zu schnell offenlegen. Vernetzte Services sind Mangelware. Belegt wird dies durch eine Studie der Hochschule Bremerhaven zur Nutzung von Social Media im Kundenservice: Nur etwa 19 Prozent der Führungskräfte können sich vorstellen, dass sich ihre Mitarbeiter frei bewegen und den Kundensupport für das Unternehmen übernehmen.

„Kurzfristige Ziele für Umsatz, Absatz und Gewinn rangieren fast immer vor den Zielen im Kundenservice. Und bislang blieben diese Verhaltensweisen ja auch weitestgehend unentdeckt. Das zieht sich durch alle Branchen. Erst wenn ein Kunde sich massiv beschwert – oder noch besser – das Unternehmen ans Licht der Öffentlichkeit zerrt und diese Praktiken aufdeckt, gibt es eine Chance, dass Prozesse und Konditionen verändert werden. Früher mussten Kunden warten bis sich Frontal21 oder Tageszeitungen der Sache annahmen. Über Social Media geht das viel einfacher ohne Umweg über die Massenmedien“, so die Erfahrung von Harald Henn vom Beratungshaus Marketing Resultant.

Nach Meinung von Social Media-Coach Daniel Backhaus gibt es häufig einen Bruch zwischen dem Engagement in sozialen Netzwerken und der realen Organisation von Unternehmen. Wenn Kunden etwa aus einer Web 2.0-Umgebung auf die normale Homepage eines Anbieters stoßen, erleben sie Angebote, die von Formularen geprägt sind. Ein öffentlicher Dialog finde auf den Firmen-Websites nicht statt. Die Schwarmintelligenz entlarvt die Textbausteinwelt des Managements. Der soziale Austausch über die marketingplumpen und vertriebsdreisten Semantik-Blasen kann sich für Anbieter verheerend auswirken, wie Amazon-Chef Jeff Bezos konstatiert:

„If you make customers umhappy in the physical world, they might each tell 6 friends. If you make customers umhappy on the internet, they can tell 6.000 friends.“

Kunden sprechen nicht länger ausschließlich mit einem Service-Mitarbeiter; sie beziehen auch andere Kunden in die Unterhaltung und in die Lösungsfindung mit ein.

„Social Media-Plattformen wie Twitter und Facebook werden Teil des Service-Universums”, erläutert Henn.

Diese Dialoge werden für alle sichtbar, ob die Anbieter das nun wollen oder nicht. Postings zu einem defekten DSL-Router beim Twitter-Account der Telekom können von vielen Kunden und Interessierten wahrgenommen und weitergegeben werden. Oder die Problemlösung kommt von einem anderen Kunden, ganz ohne Beteiligung eines Mitarbeiters. In der „Global CMO Study“ von IBM wird erwähnt, dass vier von zehn Kunden im Geschäft stehend mittels ihres Smartphones Bewertungen über Produkte abfragen, um sich begleitend zur Beratung des Verkäufers weitere Infos von der der Community zu holen. Gegen diese Bewertungen können Unternehmen nach Einschätzung von Daniel Backhaus nichts ausrichten. So etwas lässt sich nicht verbieten.

„Die ‚DNA‘ des Social Web besteht ja geradezu darin, dass Individuen ohne technische Hürden publizieren“, sagt Backhaus.

In Bild, Ton und Schrift, auch live via Hangout on Air wie die Beschwerde eines Apple-Kunden über das gebogene iPhone 5 seines Sohnes. Angeblich sei die Krümmung durch einen Anwendungsfehler entstanden, der zum Garantieausschluss führt. Wenn der Nutzer das Gerät in seine Hosentasche steckt und einer Temperatur von 35 Grad aussetzt, kann es zur Deformation führen. Die Kosten für eine Reparatur müsse daher der Kunde bezahlen. Nun wird kaum ein Anwender das Binnenklima seiner Kleidung messen. Sollte das wirklich die offizielle Position eines Weltkonzerns sein, ist das wohl nur als schlechter Scherz zu verbuchen. Was passiert eigentlich im Sommer bei 40 Grad im Schatten? Müssen iPhone-Besitzer dann Kühlschläuche mitführen? Um Anbieter vollends in den Wahnsinn zu treiben, empfiehlt Spiegel-Kolumnist Tom König König eine Social-Web-Guerilla-Taktik:

„Nehmen wir an, Sie ärgern sich über die unverschämt hohen Gebühren, die Ihre Bank für eine Transaktion berechnet hat. Sagen Sie es nicht dem Schalterfuzzi. Schreiben Sie keinen Brief an das Servicecenter. Machen Sie stattdessen ein Foto Ihres Kontoauszugs und posten Sie es bei Flickr oder Twitpic, mit der Überschrift: ‚Kundenabzocke bei der Sparkasse Dödelsberg‘.“

Wenn dann der Kundendialog immer noch verweigert wird, ist das wie ein Sechser im Lotto. Dann kann man den Anbieter zur Schlachtbank führen:

„Ich dachte, das hier ist eine Social-Media-Seite für menschlichen Kundendialog! Ich habe ganz höflich eine individuelle Frage gestellt und möchte nicht mit vorgefertigten Satzbausteinen aus der Rechtsabteilung abgespeist werden, sondern eine individuelle Antwort erhalten. Alles andere wäre eine Frechheit. Ich bitte deshalb nochmals um Erklärung, warum ich für diese Standardtransaktion 17 Euro zahlen soll.“

Noch schöner ist es, wenn der Anbieter den Eintrag löscht, um in die nächste Runde des Partisanen-Kampfes eintreten zu können:

„Denn als findiger Guerilla-Kunde hatten Sie von Ihrem Facebook-Posting natürlich einen Screenshot gemacht. Und deshalb können Sie jetzt beweisen, dass die Sparkasse Dödelsberg ein Gegner der verfassungsmäßig verbrieften Meinungsfreiheit ist.“

Das geht so lange weiter, bis das Anliegen erfüllt wird.

„Unternehmen sehen Kritik naturgemäß lieber in den dafür vorgesehenen Beschwerdekanälen, wo sie für die Außenwelt unsichtbar bleiben. Bei Twitter hingegen ist die Kritik öffentlich und lässt sich auch nicht einfach löschen wie zum Beispiel auf Facebook-Unternehmensseiten. Verbraucher haben damit einen Hebel, Unternehmen zu einer Reaktion zu bewegen”, schreibt Kathrin Passig in einem Beitrag für das Buch „Die Kunst des Zwitscherns“, erschienen im Residenz Verlag.

Microblogging wirke wie ein Transmissionsriemen. Es sei viel einfacher geworden, eine Information sehr breit zu streuen. Als Beispiel nennt Passig wir-sind-einzelfall.de.

„Der Initiator hatte immer schlechteren Handyempfang, wurde aber von 02 als ‘Einzelfall’ abgetan.”

Nach dem Aufruf über Twitter war der Kunde nicht mehr allein. Innerhalb weniger Wochen kamen auf der Website 10.000 solcher „Einzelfälle” zusammen. So kann aus der von Firmen so geliebten Hotline-Anonymität ein Sturm der Entrüstung losgetreten werden: Ein Einzelfall für alle.

Buch für die TV-Autonomen

Buch für die TV-Autonomen

Ausführlich nachzulesen im Kapitel “Vernetzte und offene Kommunikation im Kundenservice – Warum Unternehmen Netzwerkeffekte unterschätzen, die Kommunikation für Abwesende vergessen und die Weisheit der Kunden missachten” unseres Livestreaming-Buches, das am 4. September im Hanser-Verlag erscheint.

Welche betriebs- und volkswirtschaftlichen Auswirkungen die Netzwerk-Effekte von negativer Kundenkritik haben, ist schwer zu sagen und müsste in den nächsten Jahren intensiver von der empirischen Sozialforschung unter die Lupe genommen werden. Mit Sturm-im-Wasserglas-Semantik kommt man da nicht weiter.

Virtuelle Salons ohne Tee und Klavier – Wie Livestreaming die Kommunikation verändert

Standard
Salon geht auch virtuell - nur nicht so opulent

Salon geht auch virtuell – nur nicht so opulent

Im Digitalen gibt es keine Abgeschlossenheit und keine Unveränderlichkeit. Wir stehen in einer andauernden Konversation. Texte, Videos und Audios werden im Netz dokumentiert, sie werden verbreitet und weitergenutzt, sie regen zum Dialog an und wir können sie überarbeiten, fortschreiben und diskutieren. Um die Kultur der Beteiligung noch direkter, noch sichtbarer, noch echtzeitiger zu machen, sollten Social TV-Diskurse über Dienste wie Hangout on Air zur Regel werden. Ob sich aus dem eigenen Tun im Netz bedeutungsschwere Diskurse, bahnbrechende Erkenntnisse, Zuspruch oder Ablehnung ergeben: Entscheidend ist die reine Möglichkeit der Teilnahme, die es früher nicht gab. Als Motto fürs Digitale eignet sich ein Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg, den Dirk von Gehlen in seinem lesenswerten und über Startnext finanzierten Opus „Eine neue Version ist verfügbar“ zitiert:

„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

Zufallsgemeinschaften im Netz

Im Netz etablieren sich virtuelle Zufallsgemeinschaften mit begrenzter Dauer als informeller Versammlungstyp ohne feste Strukturen. Von Gehlen bezieht sich dabei auf die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts. Mit seinem Buchprojekt hat der Autor aufgezeigt, wie das Ablösen der Daten von ihrem Träger auch ihre Form verändert.

„Sie tauen dadurch auf, verflüssigen sich”, schreibt er im ersten Kapitel „Ergebnis plus Erlebnis: Geht raus und spielt!”

Als Unterstützer des Werkes über die Crowdfunding-Plattform Startnext wurden wir über jeden Fortgang des Schreibens informiert. Gehlen ließ seine Leser nicht nur partiell entscheiden, sondern am gesamten Prozess des Buchschreibens teilhaben. Die Leser werden zu Experten für seine Sache und der Autor übernimmt die Rolle eines Salon-Betreibers, der Vorschläge macht, moderiert und der am Ende ein Werk zusammenbindet, das im Idealfall ein aus den Diskussionen entstandenes Gemeinschaftsprodukt ist. 350 Menschen, die das Gehlen-Buch finanziell unterstützten, waren live am dabei und schauten dem Autor beim Schreiben über die Schulter. wenn der Autor sein Buch schreibt, Kapitel für Kapitel. Interviews speicherte er auf Google Docs, so dass alle die Texte lesen konnten. Und immer wenn er selbst etwas verfasste, informierte er seine Unterstützer, wartete auf Kommentare, änderte Stellen und fügte Links hinzu, die ihm seine „Crowd“ sendete.

„Das Bücherschreiben nähert sich damit den Schwarm-Arbeitsprozessen von Wikipedia an – nur dass der Autor am Ende die Oberhoheit über sein Werk behält und nicht das Kollektiv alles untereinander ausficht.“

Der Autor werde zum Leiter einer Künstlervilla, stellt seine Textfragmente vor und diskutiert mit den Gästen den Schaffensprozess. Nicht das Endprodukt sei der Fixstern, auf den alles hinausläuft, der Sinn liegt im fortlaufenden Prozess. Gehlen formuliert eine sehr schöne Analogie zum Sport und erwähnt den Sportmoderator Marcel Reif, der von einem seiner ersten Spiele erzählt, die er fürs Fernsehen kommentierte. Ein EM-Eishockeyspiel von 1985, an das ich mich auch noch gut erinnern kann. Es spielten die Tschechen gegen die Russen – oder besser gesagt Sowjets. Ein Nachklang des Prager Frühlings mit den Mitteln des sportlichen Wettkampfs. Klein gegen Groß, Macht gegen Ohnmacht, Gut gegen Böse. Und die Tschechoslowakei gewann sensationell mit 2 zu 1. Aber das Ergebnis war für Reif gar nicht so entscheidend. Was von einem Spiel bleibt, sei häufig nicht das Resultat, sondern nur ein Klang, ein Bild. Und genau um diese Klänge und Bilder geht es Gehlen in seinem Buch. Er versteht den Sport als Metapher für die Art und Weise, wie Kulturprodukte entstehen: Es geht um das gemeinsame Erlebnis, das mindestens genauso wichtig ist, wie das Ergebnis.

Neue Formen der Kommunikation

Nun könnte man sich die Frage stellen, ob neben dem gemeinschaftlichen Schreiben eines Buches auch die Gesprächskultur des literarischen Salons im Netz wieder aufleben könnte. Die Definition des traditionellen Salons lässt die die Rede von einem virtuellen Salon eigentlich nicht zu:

„Jeder Versuch eines Vergleichs scheitert bereits an der Präsenz oder Absenz der Salondame. Und wenn man darauf noch entgegnen könnte, dass auch der virtuelle Salon so etwas wie eine Salondame oder einen Salonherrn aufweist, so fehlt diesem doch der körperliche Raum des Salons mit seinem nicht unwesentlichen Ambiente, es fehlt die Sichtbarkeit der Salongäste, es fehlt das Klavier, ganz zu schweigen vom Tee, der im virtuellen Salon nicht getrunken wird“, schreibt Roberto Simanowski in dem Sammelband „Europa – ein Salon?“.

Anschlussfähig an den Salonbegriff ist jedoch der informelle Charakter von virtuellen Gemeinschaften ohne feste Strukturen. Die Dialogutopie der Gelehrten des 18. Jahrhunderts war der Grundstein für Lesegesellschaften, literarische Salons und Debattierclubs. Allerdings mit den Restriktionen der örtlichen Verfügbarkeit. Die Konvergenz der Technologien bewirkt neue Formen der Kommunikation. Was wir jetzt erleben, ist eine Abweichung von geschlossenen Medienformaten. Schon in den 1980er Jahren experimentierten Kurd Alsleben und Antje Eske vernetzten Dialogen über HyperCards. Essentiell sei dabei die kulturelle Tiefe der Konversationen. Alsleben und Eske wollen die künstlerischen Qualitäten die Plattformen und die politische Dimension des Social Web abtesten. Basta-Entscheidungen und das reine Manifestieren von politischen Positionen würden nicht mehr funktionieren. Es geht immer mehr um das mühsame Aushandeln von Positionen. Es geht um die Überwindung von verfestigten und verkrusteten Strukturen. Als Vorbild für die Netz-Diskurse in virtuellen Salons könnte das dadaistische Cabaret Voltaire in Zürich dienen. Hier ging es vor allen Dingen um den spielerischen Umgang mit den Fragen des Lebens. Ein Dadaist war zugleich Anti-Dadaist.

„Sein liebster Zeitvertreib ist es, Rationalisten in Verwirrung zu stürzen, indem er zwingende Gründe für unvernünftige Theorien erfindet und diese Theorien dann zum Triumph führt“, erläutert der Philosoph Paul Feyerabend in seinem Buch „Wider den Methodenzwang“.

Das einzige, wogegen sich der Dadaist eindeutig und bedingungslos wendet, sind allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und das von ihnen hervorgerufene Verhalten, wenn er auch nicht bestreitet, dass es oft taktisch richtig ist, so zu handeln, als gäbe es derartige Gesetze und als glaube er an sie. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen. Dafür stehen auch die Regellosigkeit des Netzes und der Kontrollverlust. Beides erträgt die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Elite nicht und übt sich deshalb in der Meisterschaft des Verdrängens. Es gibt keine Gewissheiten im Netz:

„Manchmal lassen sich verkrustete Probleme nur durch Neugründung einer Alternative lösen, und nirgends ist das Weiterziehen und Neugründen leichter als im Internet, wo die unbesiedelten Kontinente nie zu Ende gehen. Die Konvektionsbewegung zwischen agilen Neugründungen, erstarrten Imperien, Zerfall und Erneuerung gibt es online wie offline, im Internet sind ihre Zyklen nur kürzer als draußen“, stellt Kathrin Passig fest.

Revolution für die Unternehmenskommunikation

Der ehemalige Google-Sprecher Stefan Keuchel wertet die Live-Hangouts nach einem t3n-Beitrag von Daniel Fiene als klassischen User-Generated-Content:

„Die Nutzer entscheiden selbst, was sie streamen und was sie zeigen wollen.”

Thomas Knüwer vom „Digitalen Quartett” sieht in den Hangouts On Air sogar eine kleine Revolution für die Unternehmenskommunikation:

“Nun können ohne größeren Aufwand Vorstandsstatements übertragen werden, gesponsertes Stars können vor Publikum mit Fans reden, Online-Schulungen werden möglich, Produktvorführungen, Krisenkommunikation, Talkshows…”

Für Fiene liegt die Revolution vor allem darin, dass jetzt jeder in Deutschland live auf Youtube senden kann. Bernd Stahl von Nash Technologies erkennt Potentiale für die Kommunikation von Firmen mit Kunden. Die enge Verbindung von Livestreaming mit den sozialen Netzwerken zählt zu den Stärken von Diensten wie Hangout on Air, betont Norbert Bolewski in einem Blogbeitrag für die Fernseh- und Kinotechnische Gesellschaft.

„So hatten beinahe alle größeren Firmen auf der CeBIT in Hannover ihren eigenen Livestream und man konnte deren Präsentationen bequem vom Büro oder von zuhause aus verfolgen und auch speichern. Es lässt sich also heute vom hochwertigen Event bis zur Community alles abdecken. Livestream ist somit auch Community.“

Mehr Transparenz mit Live-Hangouts

Jede öffentliche Veranstaltung würde sich für Live-Hangouts eignen. Das schaffe auch Transparenz in der Gesellschaft.

„Es bietet die Möglichkeit, alles öffentlich zu machen. Man kann über alles berichten was man möchte, um auch gesellschaftliche Prozesse auszulösen oder darzustellen. Bürgerinitiativen sind ein Beispiel. Die Bürgerveranstaltungen mit Infos über die havarierte Atommüllkippe Asse bei Wolfsburg ist eines davon. Man hat auch die Möglichkeit der Archivierung, und kann sich die Diskussionen erneut später in Ruhe anschauen. Es gibt keine rechtlichen Regelungen, wie beispielsweise bei öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, was die Dauer der Verfügbarkeit anbelangt“, schreibt Bolewski und meint damit den Zwang zur Depublizierung, den wir in mehreren Bloggercamp.tv-Sendungen über die Greenscreening-Technik ausgetrickst haben.

Ein weiteres Transparenz-Beispiel sei die Übertragung der Sitzungen des Wiener Landtags und des Gemeinderats, die sich jeder Bürger über das Internet live und und als Aufzeichnung anschauen kann. All das trägt dazu bei, gesellschaftliche Prozesse darzustellen.

„Das Ganze hat sicherlich oft nicht die hohe Professionalität und technische Sauberkeit. Aber um entsprechende Informationen sogar recht lebendig zu vermitteln ist es sehr gut geeignet“, meint der TV-Experte.

In den vergangenen Jahren gebe es aber auch bei der technischen Qualität enorme Fortschritte. Das erkenne man deutlich bei Livestreams im so genannten Content Marketing.

Bolewski erwähnt das durchgängige TV-Angebot zur Kieler Woche, das von Audi gesponsert wurde – mit Beiträgen, Zusammenfassungen, Berichten und Ausblicken und täglich live. Ein weiteres Beispiel ist die Staatsoper in München. Als Sponsor konnte die Linde-Gruppe gewonnen werden. Die Livestreams werden bevorzugt gerne im amerikanischen und asiatischen Raum gesehen.

„Es handelt sich hier bereits mehr um eine professionelle Übertragung mit sechs Kameras und zig Mikrofonen.“

Livestreaming biete die Möglichkeit, sich sozial zu vernetzen und durch das Social Web Kommunikationsprozesse neu zu steuern.

„So wurde vor drei Jahren schon ein ganzes Fußballspiel live in Facebook übertragen. Man musste dazu den Like-Button auf der Fanpage eines Bierherstellers anklicken. Die technische Qualität war eher als schlecht zu bezeichnen. Trotzdem hatte der Bierhersteller von einem Tag zum anderen 10.000 mehr Fans auf seiner Webpage. Die Werbewirkung war größer als es je ein deutscher Fernsehsender zu bieten vermag. Das hat übrigens viele Nachahmer gefunden. So überträgt der DFB Livestreams zum Frauenfußball“, weiß der Autor.

Weltweite Angebote gibt es für Cricket-Enthusiasten und selbst die Floorball-Weltmeisterschaft in Hamburg wurde live übertragen – so eine Art Hallen-Hockey mit Eishockeyschlägern. Auszug aus dem Kapitel „Social TV und die Kultur der Beteiligung“ des Livestreaming-Buches von Schleeh und Sohn, das am 4. September im Hanser-Verlag erscheint.

Siehe auch:

„Niemand bereitet sich mehr auf die Dozenten vor, um sie zu widerlegen“, schreibt etwa Jürgen Kaube. Dann sollte man mehr Live-Diskurse durchführen.

Echte Gespräche statt halbgarer Meinungsbrei – Livestreaming-Graswurzel-Talks #StreamCamp14

Standard
Wie alles begann: Die Premierensendung von Bloggercamp.tv - ohne Rauchverbot

Wie alles begann: Die Premierensendung von Bloggercamp.tv – ohne Rauchverbot

“Weltpremiere” nannten wir vollmundig schon vorab das erste virtuelle Bloggercamp, das man “weltweit” am 28. September live verfolgen konnte und für das die Bayerische Landesmedienanstalt eine Sendelizenz erteilt hatte. Vielleicht haben wir ja sogar Fernsehgeschichte geschrieben, wenn in einigen Jahren und Jahrzehnten auf die ersten Gehversuche beim TV-Livestreaming zurückgeblickt wird. Zum Start des NWDR im Dezember 1952 waren jedenfalls die Voraussetzungen wesentlich schlechter. Nur magere 300 Teilnehmer konnten die Geburtsstunde des deutschen Fernsehens damals an ihren Bildschirmen verfolgen. Da sind die Bedingungen im Netz doch sehr viel komfortabler. Wer einen Internet-Zugang hat, kann das Livestreaming-Geschehen betrachten. Die ersten Reaktionen auf die Bloggercamp-Premiere gingen runter wie Öl: So schreibt Dosentelefon-Blogger Marcus Surges:

„Die Sessions liefen sehr professionell ab und waren tief gehend: Gunnar Sohn moderierte die einzelnen Panels souverän, die Teilnehmer fielen sich nicht ins Wort (bei Video- und Telefonkonferenzen häufiger durchaus ein Problem) und blieben beim jeweiligen Thema. Besonders angenehm habe ich die entspannte Atmosphäre empfunden: mal ein Späßchen, mal ein Lachen, nebenbei rauchen oder einfach die Ansprache ‚Liebes Internet‘. Genial war letztlich die Entscheidung, dass Bloggercamp virtuell mit dem Tool Hangout on Air umzusetzen, das es erst seit Mitte August 2012 in Deutschland gibt! Mein Tipp: Einfach mal in die Sessions reinschauen, auch wenn die Themen für den einen oder anderen vielleicht nicht interessant sind. Das Reinschauen gibt jedoch einen guten Einblick, wie Veranstaltungen über ein Hangout on Air ablaufen können.“

Vera Bunse wertet unser Medienexperiment und Formate wie das digitale Quartett sogar als “die besseren Talkshows”. Zum Bloggercamp urteilt sie:

„Die lockere Atmosphäre und das umfangreiche Themenspektrum haben mir gut gefallen, auch die rechtzeitig bekannt gegebene Einteilung in Panels, so konnten die Zuschauer ihr Interessengebiet vorher heraussuchen und die Zeit einplanen, falls sie selbst teilnehmen wollten.”

Das Format erlaube spontane Diskussionen, Live-Übertragungen oder Interviews, es eignet sich aber noch zu viel mehr, wenn die Kinderkrankheiten erst überwunden sind (in einem der Talks wurde das „50er-Jahre-Fernsehen” genannt).

„Die Talkrunden sind völlig ungezwungen und decken viele Themen ab, naturgemäß auch netzbezogene, die im Mainstream gar nicht vorkommen oder erst umständlich von Erklärbären für die C-Welt übersetzt werden. Das größte Plus sind jedoch die Gäste, die nicht nach Schema F ausgewählt werden und – statt Sprechblasen abzusondern – wirklich etwas zu sagen haben. Ganz gleich, ob man sie bereits aus dem Netz kennt oder nicht, es ist interessant, andere oder neue Standpunkte kennenzulernen. Die meisten Gäste kennen sich mit den Gepflogenheiten im Internet bestens aus, ‚Neulinge’ werden kurz gebrieft, und selbst kleine Pannen werden ganz unverkrampft bewältigt”, so Bunse.

Die Hangouts seien viel unterhaltsamer, spannender und erkenntnisstiftender als ihre öffentlich-rechtlichen Vorgänger:

„Experiment gelungen, wird fortgesetzt. Ich freu mich drauf.”

Ein Leser-Kommentar des Debattenmagazins „The European“ hebt den Unterschied zu den Polit-Gesprächen im klassischen Fernsehen hervor:

„Die ewig gleichen Runden von profilierungssüchtigen Promis, die sich gegenseitig das Wort abschneiden und die oft hilflos dazwischen sitzenden Moderatorinnen, die dem Zuschauer fast jeden Wochentag angeboten werden oder den eingeschlafenen Herrn Jauch schauen wir schon lange nicht mehr an.“

In das gleich Horn bläst Peter Tuch:

„Die klassische TV-Talkshow ist eine Mischung aus Selbstdarstellung der Talker, Information über ein Thema und Unterhaltung für das Publikum. Aktuell hat man den Eindruck, dass der Unterhaltungswert für die Zuschauer ständig sinkt. Das hat mit dem Überangebot an Talk-Runden zu tun, aber auch damit, dass die Themen sich häufig wiederholen und die Selbstdarstellung der einzelnen Talker langweilig wird, wenn man sie zu häufig sieht, weil man sie und ihre Meinung schon zu kennen glaubt. Wenn man die Talk-Runde in ein anderes Medium setzt, wird es erst einmal besser. Das neue Medium ist interessanter, weil es eben neu ist, die Talker sind interessanter, weil man sie nicht schon kennt, und die Themenvielfalt kann größer werden, weil man nicht wegen der Einschaltquote auf die größte Zielgruppe abstellen muss.“

Beifall auf die ersten Sendungen von Bloggercamp und des Digitalen Quartetts kam auch von den klassischen Medien. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ überraschte mit dem Aufmacher: „Graswurzel-Talkkultur lässt Fernsehen alt aussehen“. Bildschirm, Bildschirm an der Wand, was ist die beste Talkshow im ganzen Land, fragt sich Zeit-Autor Eike Kühl und und meinte damit nicht die von Stefan Raab aus der Taufe gehobene Sendereihe „Absolute Mehrheit“.

„Statt bissigem Polit-Talk servierte der Entertainer nur die nächste Portion halbgaren Meinungsbreis und das neuste Symptom einer kränkelnden deutschen Talkshowkultur, in der Abend für Abend die scheinbar immergleichen Gäste ihre Meinung wahlweise nach Parteibuch oder zur Selbstvermarktung feilbieten. Vielleicht hat der Kabarettist Georg Schramm Recht, wenn er fragt : Wieso schalten wir eigentlich noch Talkshows ein, wenn doch niemand mehr etwas zu sagen hat? Dabei gibt es Alternativen zu den Gesprächsrunden im Fernsehen. Seit einiger Zeit wächst im Internet eine Form der Graswurzel-Talkkultur heran, die weder illustre Gäste benötigt, noch fernsehtaugliche Themen bedienen muss“, schreibt Kühl.

Der Vorteil liege in der thematischen Breite.

„Statt abgedroschener Gespräche und Gästen mit Dauerkarte könnten Online-Talkrunden zusätzliche Standpunkte und Gegenstimmen einfangen. Das eingeschränkte Themenspektrum wäre kein Hindernis, sondern eine Chance, weil es den Weg für zusätzliche Formate neben dem TV-Programm ebnet“, meint Kühl.

Deshalb haben die Videochats das Potenzial, sich als die besseren Talkshows zu etablieren.

Buch für die TV-Autonomen

Buch für die TV-Autonomen

Kleiner Auszug aus dem Kapitel “Die besseren Talkshows – Gesprächskultur im Netz” aus unserem Livestreaming-Buch, das am 4. September im Hanser-Verlag erscheint. Eine weitere Anregung, um eifrig das Opus vorzubestellen :-)

Am 18. September gibt es eine Lesung in Siegburg.

Plakat zur Lesung

Und beim StreamCamp in München am 18. und 19. Oktober werden wir sicherlich auch einiges vom Stapel lassen. Ticketvorverkauf läuft schon.

Wir singen übrigens nicht für Merkel, sondern besiegen sie nur :-)

Siehe: Als wir von Bloggercamp.tv die Bundeskanzlerin Angela Merkel besiegten. Über den Piratensender der Regierungschefin.