Blogs, Buzzfeed und die Vokuhila-Strategie: Gedanken für eine gesellige Marketing-Akademie

Standard
Kein klassischer Vokuhila

Kein klassischer Vokuhila

Jonah Peretti vergleicht nach einem Bericht der FAZ sein Portal Buzzfeed mit einer Vokuhila-Frisur, nur umgekehrt: “vorne verwuschelt und rebellisch, hinten, hinter dem ‘News’-Reiter, seriös. Für Letzteres ist seit einem Jahr Pulitzer-Preisträger Mark Schoofs zuständig, er soll das journalistische Angebot ausbauen. Reporter von Buzzfeed sind dieser Tage in Syrien und im Irak, in der Ukraine und in den Ebola-Gebieten in Afrika unterwegs”, so die FAZ.

Angefangen habe alles mit einem E-Mail-Wechsel zwischen Peretti und Nike.

“Als der Turnschuhhersteller um die Jahrtausendwende jenes Programm einführte, mit sich Kunden Turnschuhe individuell bedrucken lassen können, bestellte Peretti ein Paar mit der Aufschrift ‘Sweatshop’ – ausgerechnet dem Wort also, das für die fragwürdigen Herstellungsmethoden von Konsumgüterherstellern in Entwicklungsländern steht. Nike lehnte den Auftrag ab, weil es sich um „Slang“ handele, wie Peretti erzählt. Er schrieb zurück, das Wort stehe im Wörterbuch, wo das Problem sei. So ging das eine Weile hin und her. ‘Irgendwann haben sie nicht mehr geantwortet.’ Peretti fasste das Ganze in einer launigen E-Mail an seine Freunde zusammen, die diese wiederum an ihre Freunde weiterleiteten, und nicht viel später saß Peretti vor einem Millionenpublikum in der ‘Today Show’ von NBC. Seitdem treibt ihn die Frage um, wie im Internet aus bestimmten Themen und Texten eine Massenbewegung wird”, führt die FAZ weiter aus.

Von Werbung hatte Peretti keine Ahnung und die klassische Werbung lehnte er ab. Also setzt er auf Native Advertising, also Beiträge, die wie Artikel wirken, aber eigentlich Werbung sind. Das Finanzierungsmodell interessiert mich an dieser Stelle nicht besonders. Kann man blöd finden oder auch nicht. Aber wie steht es mit der Vokuhila-Strategie? Eine Melange aus ernsthaften Nachrichten und putzigen Katzenvideos. Für das deutsche Feuilleton sicherlich eine Zumutung, für Peretti eine sehr menschliche Komponente:

„Verlegerische Tätigkeit ist wie ein Pariser Café: Man kann dort ein philosophisches Buch lesen oder die Tageszeitung. Am Nebentisch sitzt dann ein süßer Hund. Macht es uns dümmer, wenn wir ihn streicheln? Nein. Es macht uns menschlicher.“

Bei einer Nachrichtenseite sei die emotionale Intelligenz deshalb ebenso wichtig, wie der IQ. Es gehe nicht immer um den Informationswert, sondern genauso um die gemeinsame Verbundenheit der Nutzer. Eine Buzzfeed-Lektion sollten vor allem Unternehmen lernen, meint Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach: “Content Will Kill Your Ad Agency.”

“Ich stelle als Marke meinen Mem-Pool der Öffentlichkeit zur Verfügung und sie kann ihn nach Belieben remixen”, so Breitenbach.

Der memetische Code wird nicht mehr bewacht, sondern freigegeben. Das sei ein radikaler Paradigmenwechsel im Vergleich zu den Dogmen, die in der Werbeindustrie immer noch gehegt und gepflegt werden:

“Es muss die Freiheit eingeräumt werden, mit der Marke zu spielen, wie bei den Hope-Plakaten des Obama-Wahlkampfes, wo sich eine völlig neue Ästhetik entwickelt hat.”

Unternehmen sollten sich von der ganzen Kampagnen-Denke verabschieden, um irgendwelche Botschaften in den Markt zu drücken. Es dominiert aber in den meisten Organisationen immer noch die Sehnsucht nach einer kontrollierbaren Welt in völliger Harmonie. Schönwetter-Philosophien ohne Ecken und Kanten. Wo aber keine Kritik und keine Gegnerschaft existieren, da gedeihen auch keine Fans. In einer Wohlfühl-Kontrollblase findet keine Kommunikation statt, so meine Ausführungen, die ich hier im vergangenen Jahr publizierte.

Das gilt für das Marketing und auch für die Blog-Präsenzen der Unternehmen, die ein kümmerliches Dasein im Zero-Comments-Gefängnis fristen. Besonders Corporate Blogs würden sich anbieten, ein wenig spielerischer mit der eigenen Expertise umzugehen, einen neuen Ton in der Kommunikation mit Kunden zu wagen und etwas prägnanter das eigene Tun zu beschreiben. Siehe auch: Tote Unternehmensblogs als Marketing-Indikator.

Werbeerlöse müssen diese Blogs ja nicht erzielen, so dass man sich nicht mit Native Advertising und dergleichen herumschlagen muss. Sie könnten als Experimentierlabor genutzt werden. All das sind ein paar Ideenskizzen zur Vorbereitung meiner Dozententätigkeit für den Xengoo Campus in Düsseldorf. In dieser neuen Akademie für digitales Marketing werde ich mich mit Corporate Blogs auseinandersetzen – ohne irgendwelche Erfolgsformeln oder sonstige Gewissheiten vorzutragen. Es geht mir eher um ideale Geselligkeit in einer idealen Akademie, wie es Friedrich Schleiermacher im 18. Jahrhundert ausgedrückt hat: Es geht um geselliges Denken, Reden und Entwerfen. Und es geht um interdisziplinäres Arbeiten, was man an der Auswahl der Dozenten ablesen kann.

Die Präsenzveranstaltungen finden am Freitag, den 24. Oktober, von 14-18 Uhr und am Samstag, den 25. Oktober, von 9-16:30 Uhr in Düsseldorf statt.
Eine Woche vor den Präsenzveranstaltungen erhält man zur Vorbereitung ein eBook (puh, da muss ich noch einiges vorbereiten). Nach den Terminen in Düsseldorf wird der Stoff drei Wochen im eLearning vertieft und mit praktischen Übungen versehen. Also beste Bedingungen für eine berufsbegleitende Fortbildung. Der Preis liegt bei 1.500 Euro, den man aber um die Hälfte reduzieren kann. Freiberufler sowie Mitarbeiter von klein- und mittelständischen Unternehmen erhalten einen Bildungsgutschein (das gilt allerdings nur für NRW!). Bis Ende nächster Woche kann man sich noch anmelden.

Alles weitere hat Xengoo-Mitgründer Jan Steinbach im ichsagmal-Gespräch ausgeführt:

Hier das Fortbildungsprogramm.

Wenn Ihr Anregungen für meine Dozenten-Tätigkeit habt, würde ich mich sehr über Ratschläge freuen.

Über diese Anzeigen

Wer ist Herr Latz, warum gibt es vom SuizidPod nur eine Folge und was machen Silver Nerds im Karneval? #SocialTV-Show beim #sck14

Standard
Johannes über suizidale Podcast-Formate

Johannes über suizidale Podcast-Formate

Das SocialTVShow-Experiment beim Kölner Startcamp ist richtig gut gelaufen. Die Aufgabe:

In der einstündigen Session basteln wir in zehn Minuten einen “Redaktionsplan”, wählen einen Moderator aus und machen dann mit den weiteren Teilnehmern der Session eine kleine TV-Show, live gesendet via Hangout on Air. Schnelle Interview-Wechsel, vielleicht auch Außenreportagen via Smartphone und weitere Elemente, um eine abwechslungsreiche Sendung zu produzieren. Vom Startcamp in Köln gibt es während der Übertragung eine Liveschalte zum Barcamp in Essen. Zudem stelle ich eine Quizfrage, bei der die Startcamp-Teilnehmer unser Livestreaming-Buch gewinnen können.

Ein Laptop, zwei Mikrofone, Mischpult, LAN-Anschluss und Logitech-Kamera. Mehr brauchten wir nicht, um in guter Bild- und Tonqualität ein rund halbstündige Übertragung auf die Beine zu stellen. Die Moderation übernahm Ute Blindert von Campus2Company. Sie machte das glänzend. In der Vorbereitung konnten wir gerade noch festlegen, wer vor die Kamera geht und was wir inhaltlich aufgreifen wollen: So ging es um den Suizidpod von Johannes Wolf, bei dem sich der Podcaster in der ersten Folge umbringt und deshalb keine zweite Folge zustande bringt.

Dann folgte mit kleinen technischen Schwierigkeiten eine Außenreportage von Kai Rüsberg, der parallel zu unserer Session auf dem Barcamp Essen ebenfalls das Konzept der SocialTVShow vorstellte. Bei der Spontan-Podcast-Aufgabe für ein Krimistück fielen dann überraschend die Stichworte “Mord”, “Tod”, “Toaster”, “Badewanne” und “Gewürzgurke”. Was nun Johannes aus diesen Begriffen zaubert, werden wir wohl demnächst hören können.

Romeo wird die Zeit bis zum finalen Krimi-Podcast damit überbrücken, in dem er Rembrandts Nachtwache von Amsterdam nach Kölle via Schiff verfrachtet und das Ganze dramaturgisch einer Melodie folgend via Twitter postet. Und da die Münchner so verrückt sind, exportiert Nicole Hundertmark den Vinewalk in die bayerische Landeshauptstadt und verbindet die Kurzfilm-Kunst mit dem Streamcamp.

Vom Silver Surfer zum Silver Nerd

Vom Silver Surfer zum Silver Nerd

Ilse Mohr erläuterte, was Silver Nerds mit dem Karneval in Zukunft vorhaben. Alexa war vom Startcamp-Geschehen so überwältigt, dass sie kaum zum Twittern kam. Sie hängt auch nicht den kompletten Tag auf Facebook, Google Plus oder Twitter rum, was sie immer schon mal der Weltöffentlichkeit mitteilen wollte.

Und wer Herr Latz ist und wer die Frage stellte, wer Herr Latz sei, verrate ich jetzt nicht.

Schaut Euch einfach die SocialTV-Startcamp-Show an. War insgesamt ein tolles Barcamp zu Kultur- und Kunst-Themen. Nächstes Jahr werde ich wieder dabei sein und ein größeres Stativ im Gepäck haben :-)

Und wer mehr zu SocialTV erfahren möchte, sollte sich unser Workshop-Konzept anschauen.

Und wer direkt mit Livestreaming-Formaten experimentieren möchte, sollte zum Streamcamp am 18. und 19. Oktober nach München kommen.

Siegburger Livestreaming-Lesung im Quadrat und warum man Seeromane nicht am Meer lesen sollte

Standard

Lesung

“Herzlich willkommen, meine Damen und Herren, hier im R², der Literaturbuchhandlung in Siegburg, dieser schönen zwischen Bergischem Land und Siebengebirge gelegenen Stadt, und draußen im World Wide Web, wo der heutige Abend live zu verfolgen ist – zu Gast sind in Persona hier vor Ort der Wirtschaftsjournalist und Blogger mit einer allerdings deutlichen Affinität zu Kultur und Literatur Gunnar Sohn und via Video-Live-Schaltung Hannes Schleeh, Medienberater, Landwirtschaftskenner, Social-TV-Experte und designierter Leiter des Existenzgründerzentrums in Ingolstadt. Die beiden betreiben seit etwa genau 2 Jahren das Bloggercamp-TV, eine Live-Diskussionssendung im Internet zu einer Vielfalt von Themen – und resultierend u. a. aus diesen Erfahrungen haben sie nun im Hanser Verlag ein Buch publiziert, das wir Ihnen heute vorstellen wollen: Live Streaming mit Hangout on Air – Techniken, Inhalte, Perspektiven für ein kreatives Web TV”, so leitete Wortspiele-Blogger Wolfgang Schiffer die erste Lesung unseres Fachbuches ein.

Ein eher technisches Buch in einer ambitionierten Literaturbuchhandlung vorstellen, wo über Kafka, Schiller, Goethe, George, über philosophische Weltprobleme, Kunst, Musik und Lyrik gesprochen wird? Und das mit einem Moderator, der sich im Hörspiel und der Literatur bestens auskennt, auf dem Feld von Bits und Bytes aber nicht zu Hause ist? Oder in den Worten des früheren WDR-Hörspielchefs:

“Mein Name ist Wolfgang Schiffer, ich habe das Vergnügen, mich mit den beiden Autoren zu unterhalten und Sie durch die Präsentation des Buchs zu führen, aber ob dies auch für Sie ein Vergnügen wird – da mache ich mal aus Selbstschutz ein kleines Fragezeichen, denn mit mir hat man, wie man so schön sagt, den Bock zum Gärtner gemacht, will sagen, als hauptberuflich derzeit nur noch als Lyriker und Übersetzer tätiger Mensch habe ich a) – wiewohl ich in dem Buch sogar Erwähnung finde – von den vielfältigen Möglichkeiten des Internets selbst nur eine äußerst begrenzte Ahnung und b) stehe ich mit jeglicher moderner Technik auf Kriegsfuß: ich muss einen Rechner nur etwas länger anschauen, schon reagiert er in der Regel mit äußerst ungewollten Arbeitsschritten, im Ernstfall verweigert er seine Arbeit sogar ganz. Wir wollen hoffen, dass Letzteres heute Abend nicht der Fall ist, und dass mein Unwissen sich auch für alle anderen weniger Versierten produktiv, sagen wir mal, zumindest in ein Grundwissen über das spannende Instrument des Live Streamings wandelt.”

Genau das macht den Charme solcher Veranstaltungen aus. Das Antizyklische, Deplatzierte und Überraschende regt zum Nachdenken an. Es legt Schichten frei, die man sonst nicht sieht, wie es Ulrich Raulff in seinem herrlichen Buch “Wiedersehen mit den Siebzigern – Die wilden Jahre des Lesens” ausdrückt:

“Instinktiv hatte ich begriffen, dass man Seeromane nicht am Meer und Schweizer Autoren nicht in den Alpen lesen soll.”

So verlief denn auch der Abend in Siegburg. Man muss sich erklären, kann nichts voraussetzen und darf die Zuhörer nicht mit Fachjargon nerven. “Was ist Live-Streaming? Was ist Hangout on Air? Der Namen klingt ja zuerst einmal ein wenig merkwürdig, vielleicht sogar abschreckend…Kann das ein jeder? Und was braucht man dazu an technischem Equipment?”, so lauteten die ersten Fragen von Wolfgang Schiffer. Hannes und meine Wenigkeit sind da hoffentlich keine Antworten schuldig geblieben.

“Aber wieso kann es ein jeder? Es ist doch eine Art Rundfunk… Gibt es denn da keine rechtlichen Barrieren? Braucht man dazu keine Lizenz? Wir haben doch, das weiß ich als ehemaliger öffentlich-rechtlicher Radiomensch, Rundfunkgesetze? Rundfunkstaatsverträge? Und Landesmedienanstalten, die penibel über deren Einhaltung wachen? Ich habe Eurem Buch entnommen, dass Ihr am Anfang durchaus derlei Genehmigungsprobleme hattet, die Euch letztlich sogar in Kontakt mit Philipp Rösler, dem damaligen Wirtschaftsminister, und mit der Kanzlerin Angela Merkel gebracht haben – und Mediengeschichte haben schreiben lassen… Vielleicht sagt Ihr etwas dazu, und Du Gunnar, magst uns vielleicht etwas vorlesen aus dem entsprechenden Kapitel des Buchs? Es hat den Titel: ‘Wie wir Kanzlerin Merkel besiegten’.”

Das tat ich dann brav, obwohl Wolfgang der viel bessere Vorleser ist. Dann folgte ein Stückchen Emanzipationstheorie. Im Prinzip gehe ein Traum in Erfüllung, den vor allem so manche Schriftsteller bereits in der Pionierzeit des Radios gehabt haben…

“Und natürlich auch später noch! Bertolt Brecht zum Beispiel war einer derjenigen, die das Radio schon sehr früh zu einem Kommunikationsapparat gewandelt sehen wollten, in dem alle Menschen eine Stimme haben, indem er, der Apparat, die Trennung zwischen Produzent und Rezipient überwindet…Sind wir jetzt auf dem Weg dahin? Oder anders gefragt: für wen macht man es, und wer beteiligt sich denn tatsächlich”, fragte Wolfgang.

Schließlich landeten wir auch bei Literatur.

“Verändert das Instrument des Live-Streamings den Umgang mit Literatur oder sogar deren Entstehung und deren Charakter? Es gibt ja inzwischen Thesen, die sagen, dass vielen Menschen der Genuss eines Buches nicht mehr ausreichend sei – der Leser will auch an seinem Entstehungsprozess teilhaben können, er will das gemeinsame Erlebnis… Vielleicht teilt Ihr uns hierzu kurz Eure Gedanken mit…”

Stichworte der Diskussion: Arbeitsprozesse der Schwarmintelligenz / wenn Literatur Software wird / Medien verändern die Gesellschaft / Literatur-Diskussionen / virtuelle Literatursalons.

Und schön waren denn auch die Abschiedsworte unseres wortmächtigen Moderators:

“Alles, was dieses Buch, über das wir hier reden, an Technik-Empfehlungen, Erläuterungen, Anleitungen und Möglichkeiten für alle möglichen Formen des Live-Streamings und Web-TVs enthält – für den Laien wie für den bereits etwas erfahreneren Profi – das können wir hier in der gebotenen Zeit gar nicht vorstellen – da hilft nur eigenes Lesen, zu dem wir sie, meine Damen und Herren, mit diesen ersten Eindrücken hoffentlich animiert haben.”

Wir hoffen auf weitere überraschende Präsentationen unseres Buches. Nun kaufet denn unser Opus und erfreut die Welt mit weiteren Formaten für Jedermann-TV.

Und am Schluss noch ein letzter Gruß an den lieben Ossi.

Du wirst uns fehlen :-(

Herkules, marode Streitkräfte und der Stall des Augias #Bundeswehr

Standard
Die Kindergarten-Truppe braucht neues Spielzeug

Die Kindergarten-Truppe braucht neues Spielzeug

“Wäre der Zustand der ‪#‎digitalen‬ ‪#‎Infrastruktur‬ doch genauso wichtig wie der der Bundeswehr”, schreibt der Gaming-Experte Christoph Deeg auf Facebook. Er meint natürlich die plötzliche Empörung über die desolate materielle Einsatzbereitschaft der Streitkräfte, die in einem Bericht für den Verteidigungsausschusses dokumentiert wurde. Angeblich liegt es ja an der Industrie, die nicht in der Lage ist, die Bundeswehr mit neuer Technik zu versorgen oder Ersatzteile zur Verfügung zu stellen. Vielleicht ist das Ganze auch hausgemacht. Wenn Christoph den Zustand der digitalen Infrastruktur anspricht, kann man als Beispiel das IT-Mammutvorhaben der Bundeswehr mit dem martialischen Namen „Herkules“ anführen. Es ähnelt eher dem Stall des Augias, der ausgemistet werden muss.

Ein Bericht des Bundesrechnungshofes, den die Wochenzeitung „Die Zeit“ unter Einsatz des Informationsfreiheitsgesetzes vor einiger Zeit ans Tageslicht brachte, lässt den Abgrund des technologischen Irrsinns von Bundesbehörden erahnen. Es ist ein Dokument des Scheiterns, wie die „Zeit“ süffisant berichtet:

„Die Rede ist von verfehlten strategischen Zielen, Verzögerungen und dem Verzicht auf vertraglich vereinbarte Leistungen. Zudem habe die Truppe womöglich gegen das Vergaberecht verstoßen.“

Das Budget sei nachträglich ohne Ausschreibung erhöht worden. Was Siemens und IBM bei dieser öffentlich-privaten Partnerschaft mit einem Budget von rund 7,1 Milliarden Euro glücklich macht, könnte Konkurrenten auf die Barrikaden treiben – etwa mit einer Klage vor der Vergabekammer. Diese juristische Instanz könnte das gesamte Vergabeverfahren wegen Formfehlern aufheben – eine nachträgliche Erhöhung des Budgets sieht die Vergabeverordnung nicht vor.

IT-Rohrkrepierer

Das Heldenepos ist aber wohl nicht nur juristisch angreifbar. In der Truppe häufen sich Beschwerden über ausgefallene Server, Netzwerkverbindungen, Drucker und Anwendungen.

„Die überwiegende Mehrheit der Herkules-Nutzer glaubt mittlerweile sogar, die Bundeswehr hätte ihre Computertechnik ebenso gut selbst erneuern und managen können“, so die „Zeit“.

Was vor sieben Jahren mit Vorschusslorbeeren startete, mutiert zu einem Rohrkrepierer – auch was die Abhängigkeit gegenüber den externen Anbietern anbelangt.

Nach Analysen des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr verfüge das Militär nicht über umfassende Erfahrungen im Betrieb der stationären IT.

„Im Klartext: Die interne Expertise im Umgang mit den Computersystemen geht stark zurück. Stattdessen ist die Truppe nun dauerhaft auf zivile Unterstützung von außen angewiesen“, schreibt die „Zeit“.

Ein Fehler im System – nicht nur in der Bundeswehr. Statt IT-Spezialisten fest anzustellen und angemessen zu bezahlen, beauftragt man externe Berater mit satt dotierten Tagessätzen.

Berater moderieren Schuldfragen

Und die nisten sich in den Behörden wie Filzläuse ein – mit Tagessätzen von 1.000 Euro und mehr. Besonders wenn aufwendige Technologie-Vorhaben des Staates aus dem Ruder laufen und in den Behörden das interne Gemetzel über Schuldfragen einsetzt, steigt die Laune der Consultants. Nachdem sie die Grabenkämpfe eine Weile beobachtet haben und womöglich dem ein oder anderen pfiffigen Beamten einfällt, dass hochbezahlte Berater zur Problemlösung eingekauft wurden, ist das Allheilmittel schnell gefunden: Ein Projektbüro in der Behörde, das ist die Lösung! Um effizient handeln zu können, zieht mit dem Berater mindestens noch ein pickliger Junior-Consultant mit ein und gemeinsam erfreut man sich am behördlichen Dauerstreit, der die Honorar-Uhr glühen lässt. Im Grunde reduziert sich diese Form der Berater-Tätigkeit auf die Protokollierung des organisatorischen Elends – man nennt das auch Excel-Tabellen-Selbstbefriedigung. Was allerdings keine 1.000-Euro-Tagessätze rechtfertigt: Protokolle anfertigen ist selbst in Bundesbehörden originäre Aufgabe der Sekretariate.

Aus sichereren Quellen wurde mir das Ende eines solchen Elends glaubhaft versichert. Nachdem das Projektbüro mit den öligen Worthülsendrehern protokollierte, bis die Finger wund und die Kassen voll waren, empfahl man der Behörde, das Projekt einzustampfen. Für das Aufsetzen eines gänzlich neuen Projektes stünde man natürlich gerne zur Verfügung. So etwas nennt man dann wohl einen Berater-Kreislauf.

Berater schaffen weiteren Beratungsbedarf

Im Prinzip sorgen so die Schnösel im Dreiteiler selbst für weitere Beraterfälle. Und das ist auch in Zahlen belegbar.

„Zwei Drittel des gesamten Beratungsumsatzes stammen aus Folgeaufträgen“, schreibt der TV-Journalist Thomas Leif in seinem Opus „beraten & verkauft“.

Bei der so erfolgreichen Bundeswehr-Reform glänzte Roland Berger durch die „Unterstützungsmaßnahme Integriertes Reform-Management der Bundeswehr. Aus dem ‚Pfadfindervertrag‘ zum Start, wie die Branche den Mechanismus nennt, erwuchsen für Berger in den folgenden 19 Monaten neun weitere Verträge“, so Leif. In diesem Wust kann man schnell die Orientierung verlieren, ob überhaupt externe „Expertisen“ notwendig sind. Um das zu prüfen, beauftragen die Staatsdiener wahrscheinlich direkt einen Berater.

War eigentlich der griechische Nationalheld Herkules beim Ausmisten des Augias-Stalls erfolgreich? Das konnte in endlosen Sitzungen im Machtzentrum von König Augias nicht endgültig geklärt werden:

„Die Beratungen verschleppten sich so lange, bis Herkules schließlich den ihm gewährten Vorschuss aufgebraucht hat. Herkules, der zudem von Gläubigern bedrängt wird, sieht sich gezwungen, im Zirkus des Tantalos aufzutreten. Als den Helden in dieser aussichtslosen Lage die Botschaft des Königs von Arkadien erreicht, in der dieser gegen ein Honorar und Reisespesen um die Beseitigung der Stymphalischen Vögel bittet, beschließen Herkules und seine Geliebte Deianeira gemeinsam das Land unausgemistet zu verlassen“

Wenn das kein gutes Omen für die Bundeswehr ist.

Axel-Eggebrecht-Preis und Günter-Eich-Preis: Mehr Aufmerksamkeit für die Radiokunst

Standard

Radio

Seit rund 14 Jahren vergibt die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig im Bewusstsein und in der Tradition der Rolle, welche die Stadt in der friedlichen Revolution von 1989 auf dem Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands inne gehabt hat, den Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien.

“Aus meiner Sicht weniger bekannt ist, dass zu dieser wichtigen Auszeichnung für unabhängigen, mutigen Journalismus neben weiteren Aktivitäten der Stiftung im Jahr 2007 zwei dezidierte Radiopreise hinzugekommen sind, die seither im jährlichen Wechsel verliehen werden: der Axel-Eggebrecht-Preis und der Günter-Eich-Preis”, schreibt der Wortspiele-Blogger und frühere WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer.

Während der erstere Radiomacher auszeichnet, die mit ihrem Werk inhaltliche und ästhetische Maßstäbe gesetzt haben in der Entwicklung des Radio-Feature, sei der zweite den Hörspielschaffenden gewidmet, die sich in gleicher Weise um das Repertoire dieser Gattung verdient gemacht haben.

In diesem Jahr wurde unter tatkräftiger Beteiligung von Wolfgang Schiffer eine moderate Revision des Reglements der beiden Hörfunkpreise vorgenommen:

“Dem Axel-Eggebrecht-Preis, dessen Jury der österreichische Radio-Feature-Experte Richard Goll vorsteht, bin ich durch meine derzeitige Beiratstätigkeit für Hörfunkpreise in der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig verbunden, beim Günter-Eich-Preis habe ich im Augenblick selbst das Vergnügen der Zusammenstellung und des Vorsitzes der Jury, die über die Preisvergabe an eine Persönlichkeit entscheidet, die sich um das Hörspiel verdient gemacht hat. Dass dieser Preis den Namen des Dichters und Hörspielautors Günter Eich trägt, hat schon Signifikanz. Günter Eich ist ja nicht nur durch seinen Lebensweg der Stadt Leipzig verbunden, er hat nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tat die Hörspiellandschaft maßgeblich geprägt, indem er das Wort nicht nur aus üblichen Genre-Zuordnungen, sondern nach der Erfahrung des Nazismus vor allem (wie übrigens auch in seiner Lyrik) aus jeglicher ideologischen Verhaftung zu befreien suchte und ihm einen allein für die Kunstform des Radios gültigen Ton gab”, erläutert Schiffer im Interview mit Regina Wyrwoll.

Die Öffentlichkeitswirksamkeit der beiden Wettbewerbe soll nun verstärkt werden.

“Da es sich um Hörfunkpreise handelt, ist hier zu einer Verbesserung der Situation natürlich zunächst einmal das Medium Radio selber gefordert – aber auch die Medienseiten und Feuilletons vor allem überregionaler Zeitungen könnten hier eine gewichtige Rolle spielen”, erläutert Schiffer.

Mit Blick auf das, was vor Ort die Medienstiftung selbst tun könne, um die Preisträger einem größeren Publikum bekannt zu machen, ist bei den Konzept-Überlegungen eine erste Entscheidung bereits gefallen:

“Während die Preisverleihungen in der Vergangenheit zumeist als Einzelveranstaltungen stattfanden, zu denen besonders eingeladen wurde, werden sie künftig integraler Bestandteil des jährlichen Sommerfestes der Medienstiftung sein. Hier, im Beisein von mehreren hundert Persönlichkeiten aus Kultur, Gesellschaft und Politik, kommt den jeweiligen Preisträgern oder Preisträgerinnen dann ein Status als Ehrengast zu, verbunden mit einem Programmauftritt, der den Verdiensten um die Radiokunst, um die ‘Königsklassen’ des Hörfunks, entspricht”, resümiert der Kölner Hörspiel-Experte.