Barcamps statt Powerpoint-Monologe #ccbc14

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Selfie-Gymnastik beim StreamCamp

Selfie-Gymnastik beim StreamCamp

Die Krawattenfraktion im Management, die sich auf Internet-Tagungen salopp mit Polohemd und Slipper-Schuhen in Szene setzt, kann mit der Wirklichkeit des Mitmach-Webs wenig anfangen. Da labern Führungskräfte und so genannte Keynote-Speaker auf öligen Kongressen ihre Kalenderweisheiten ins Publikum und ergötzen sich an irgendwelchen Statistiken über die Relevanz von Facebook und Co. Veredelt wird das Gesagte mit bunten Powerpoint-Präsentationen.

„Die sind reserviert für bullet points – kurze, knappe Statements (‚Sätze’). Gut so, denkt sich der abendländisch geschulte Mensch: Da muss der Autor sich auf das Wesentliche beschränken und prägnant formulieren. Tut er aber nicht, sondern produziert generische Sätze, die zu allem passen und nichts sagen“, kritisiert Zeit-Herausgeber Josef Joffe.

Es fehle alles, was gute Kommunikation ausmacht: So dozierte der ehemalige Telekom-Chef René Obermann vor ein paar Jahren über die neue Markenstrategie seines Konzerns.

„One Company. One Service. Wir haben Marketing und Vertrieb gestrafft, die Zahl der Marken reduziert und die neue Markenarchitektur etabliert… Wir haben die bisherige Kommunikation auf den Prüfstand gestellt und uns für eine Vereinfachung unserer Marktansprache entschieden.“

Er hätte es nach Auffassung von Joffe prägnanter sagen können:

„Wir verringern Personal und Produkte. Wir wollen verständlich mit den Kunden reden“.

Das ist aber überhaupt nicht die Absicht der Top-Manager.

Der Publizist Alexander Ross hat aus seinem langjährigen Erfahrungsschatz im Umgang mit Managern, als Moderator bei Fachkonferenzen und Redner eine Typologie des Powerpoint-Schwätzers erstellt: Da gibt es den „Überflieger“, der uns mindestens zehn Folien pro Minute um die Ohren haut, kurze Kommentare zu jeder Folie brubbelt und vor dem schnellen Weiterblättern noch darauf hinweist, dass die Zuhörer die Wortbrocken später im Detail nachlesen können. Häufig anzutreffen ist der „Im-Bild-Steher“. „Wahre Könner verbinden beides zu einer erratisch anmutenden Choreografie. Der ‚Im-Bild-Steher’ verdeckt gerne die Projektion, während er wieder und wieder auf die Folie schaut“, so Ross. Artverwandt mit diesem Typus ist der schüchterne Hosenscheißer. Er redet zur Folie oder zur Wand, vielleicht auch zu sich selbst – in jedem Fall ist es unmöglich, diesem inneren Monolog zu folgen. Zum Typus des „Befehlers“ gehören nicht nur Top-Führungskräfte, sondern viele, die sich aufgrund ihrer Position wenigstens einen Leibeigenen oder sonstigen Domestiken leisten können. Befehler beschränken sich bei Präsentationen auf das Reden, unterbrochen durch herrische Kommandos an den subalternen Helfer, endlich die nächste Folie an die Wand zu werfen. Für den strebsamen „Vorleser“ ist Ablesen unverzichtbar, da er mit Folien arbeitet, die überquellen und selbst mit Fernglas schwer zu entziffern sind.

Egal, ob es nun um soziale Netzwerke oder andere Themen geht: Es ist Fließband-Ware von einschlägigen Veranstaltern, die für schlappe 1.000 oder 2.000 Euro pro Teilnehmer über Hochglanz-Broschüren und Newslettern verkauft wird. In der Taktung präsentiert man die Propaganda wie Schweinbauche-Reklame in Anzeigenblättern. Eine Kultur des offenen Austauschs und Dialogs sieht anders aus. Die Vertreter der Wirtschaft sollten sich häufiger an der Organisation von Barcamps versuchen, wo die Teilnehmer das Programm selbst bestimmen können. Hier gibt es keine Sprachregelungen, dümmlichen Verkäufersprüche von der Kanzel und versnobte Wichtigtuer-Gespräche beim Verzehr von Blätterteigtaschen mit Thunfisch-Füllung, Lachsmousse, Fleischpastetchen und Scampi-Mango–Spießen.

TweetCamp mit Krümie

TweetCamp mit Krümie

Wer vom Social Web redet, sollte auch sein Handeln danach ausrichten. Eine Lektion, die besonders in der Kundenkommunikation noch gelernt werden muss. Insofern bin ich gespannt, was beim ersten Call Center-Barcamp in Kölle rauskommt. Vielleicht kann man sich endlich vom Hotline-Reservat der Untoten namens CCW-Berlin abgrenzen.

Mein bestes Barcamp – neben dem von mir mutorganisierten StreamCamp – war übrigens das TweetCamp im Kölner Startplatz: Krümelmonster, besiegte Kanzlerin und viele Tweets #tck13

Und welche Barcamps stehen bei mir in diesem Jahr noch an?

Barcamp Köln

BrickCamp in Dortmund

StreamCamp in München

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Virtuelle Salons ohne Tee und Klavier – Wie Livestreaming die Kommunikation verändert

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Salon geht auch virtuell - nur nicht so opulent

Salon geht auch virtuell – nur nicht so opulent

Im Digitalen gibt es keine Abgeschlossenheit und keine Unveränderlichkeit. Wir stehen in einer andauernden Konversation. Texte, Videos und Audios werden im Netz dokumentiert, sie werden verbreitet und weitergenutzt, sie regen zum Dialog an und wir können sie überarbeiten, fortschreiben und diskutieren. Um die Kultur der Beteiligung noch direkter, noch sichtbarer, noch echtzeitiger zu machen, sollten Social TV-Diskurse über Dienste wie Hangout on Air zur Regel werden. Ob sich aus dem eigenen Tun im Netz bedeutungsschwere Diskurse, bahnbrechende Erkenntnisse, Zuspruch oder Ablehnung ergeben: Entscheidend ist die reine Möglichkeit der Teilnahme, die es früher nicht gab. Als Motto fürs Digitale eignet sich ein Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg, den Dirk von Gehlen in seinem lesenswerten und über Startnext finanzierten Opus „Eine neue Version ist verfügbar“ zitiert:

„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

Zufallsgemeinschaften im Netz

Im Netz etablieren sich virtuelle Zufallsgemeinschaften mit begrenzter Dauer als informeller Versammlungstyp ohne feste Strukturen. Von Gehlen bezieht sich dabei auf die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts. Mit seinem Buchprojekt hat der Autor aufgezeigt, wie das Ablösen der Daten von ihrem Träger auch ihre Form verändert.

„Sie tauen dadurch auf, verflüssigen sich”, schreibt er im ersten Kapitel „Ergebnis plus Erlebnis: Geht raus und spielt!”

Als Unterstützer des Werkes über die Crowdfunding-Plattform Startnext wurden wir über jeden Fortgang des Schreibens informiert. Gehlen ließ seine Leser nicht nur partiell entscheiden, sondern am gesamten Prozess des Buchschreibens teilhaben. Die Leser werden zu Experten für seine Sache und der Autor übernimmt die Rolle eines Salon-Betreibers, der Vorschläge macht, moderiert und der am Ende ein Werk zusammenbindet, das im Idealfall ein aus den Diskussionen entstandenes Gemeinschaftsprodukt ist. 350 Menschen, die das Gehlen-Buch finanziell unterstützten, waren live am dabei und schauten dem Autor beim Schreiben über die Schulter. wenn der Autor sein Buch schreibt, Kapitel für Kapitel. Interviews speicherte er auf Google Docs, so dass alle die Texte lesen konnten. Und immer wenn er selbst etwas verfasste, informierte er seine Unterstützer, wartete auf Kommentare, änderte Stellen und fügte Links hinzu, die ihm seine „Crowd“ sendete.

„Das Bücherschreiben nähert sich damit den Schwarm-Arbeitsprozessen von Wikipedia an – nur dass der Autor am Ende die Oberhoheit über sein Werk behält und nicht das Kollektiv alles untereinander ausficht.“

Der Autor werde zum Leiter einer Künstlervilla, stellt seine Textfragmente vor und diskutiert mit den Gästen den Schaffensprozess. Nicht das Endprodukt sei der Fixstern, auf den alles hinausläuft, der Sinn liegt im fortlaufenden Prozess. Gehlen formuliert eine sehr schöne Analogie zum Sport und erwähnt den Sportmoderator Marcel Reif, der von einem seiner ersten Spiele erzählt, die er fürs Fernsehen kommentierte. Ein EM-Eishockeyspiel von 1985, an das ich mich auch noch gut erinnern kann. Es spielten die Tschechen gegen die Russen – oder besser gesagt Sowjets. Ein Nachklang des Prager Frühlings mit den Mitteln des sportlichen Wettkampfs. Klein gegen Groß, Macht gegen Ohnmacht, Gut gegen Böse. Und die Tschechoslowakei gewann sensationell mit 2 zu 1. Aber das Ergebnis war für Reif gar nicht so entscheidend. Was von einem Spiel bleibt, sei häufig nicht das Resultat, sondern nur ein Klang, ein Bild. Und genau um diese Klänge und Bilder geht es Gehlen in seinem Buch. Er versteht den Sport als Metapher für die Art und Weise, wie Kulturprodukte entstehen: Es geht um das gemeinsame Erlebnis, das mindestens genauso wichtig ist, wie das Ergebnis.

Neue Formen der Kommunikation

Nun könnte man sich die Frage stellen, ob neben dem gemeinschaftlichen Schreiben eines Buches auch die Gesprächskultur des literarischen Salons im Netz wieder aufleben könnte. Die Definition des traditionellen Salons lässt die die Rede von einem virtuellen Salon eigentlich nicht zu:

„Jeder Versuch eines Vergleichs scheitert bereits an der Präsenz oder Absenz der Salondame. Und wenn man darauf noch entgegnen könnte, dass auch der virtuelle Salon so etwas wie eine Salondame oder einen Salonherrn aufweist, so fehlt diesem doch der körperliche Raum des Salons mit seinem nicht unwesentlichen Ambiente, es fehlt die Sichtbarkeit der Salongäste, es fehlt das Klavier, ganz zu schweigen vom Tee, der im virtuellen Salon nicht getrunken wird“, schreibt Roberto Simanowski in dem Sammelband „Europa – ein Salon?“.

Anschlussfähig an den Salonbegriff ist jedoch der informelle Charakter von virtuellen Gemeinschaften ohne feste Strukturen. Die Dialogutopie der Gelehrten des 18. Jahrhunderts war der Grundstein für Lesegesellschaften, literarische Salons und Debattierclubs. Allerdings mit den Restriktionen der örtlichen Verfügbarkeit. Die Konvergenz der Technologien bewirkt neue Formen der Kommunikation. Was wir jetzt erleben, ist eine Abweichung von geschlossenen Medienformaten. Schon in den 1980er Jahren experimentierten Kurd Alsleben und Antje Eske vernetzten Dialogen über HyperCards. Essentiell sei dabei die kulturelle Tiefe der Konversationen. Alsleben und Eske wollen die künstlerischen Qualitäten die Plattformen und die politische Dimension des Social Web abtesten. Basta-Entscheidungen und das reine Manifestieren von politischen Positionen würden nicht mehr funktionieren. Es geht immer mehr um das mühsame Aushandeln von Positionen. Es geht um die Überwindung von verfestigten und verkrusteten Strukturen. Als Vorbild für die Netz-Diskurse in virtuellen Salons könnte das dadaistische Cabaret Voltaire in Zürich dienen. Hier ging es vor allen Dingen um den spielerischen Umgang mit den Fragen des Lebens. Ein Dadaist war zugleich Anti-Dadaist.

„Sein liebster Zeitvertreib ist es, Rationalisten in Verwirrung zu stürzen, indem er zwingende Gründe für unvernünftige Theorien erfindet und diese Theorien dann zum Triumph führt“, erläutert der Philosoph Paul Feyerabend in seinem Buch „Wider den Methodenzwang“.

Das einzige, wogegen sich der Dadaist eindeutig und bedingungslos wendet, sind allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und das von ihnen hervorgerufene Verhalten, wenn er auch nicht bestreitet, dass es oft taktisch richtig ist, so zu handeln, als gäbe es derartige Gesetze und als glaube er an sie. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen. Dafür stehen auch die Regellosigkeit des Netzes und der Kontrollverlust. Beides erträgt die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Elite nicht und übt sich deshalb in der Meisterschaft des Verdrängens. Es gibt keine Gewissheiten im Netz:

„Manchmal lassen sich verkrustete Probleme nur durch Neugründung einer Alternative lösen, und nirgends ist das Weiterziehen und Neugründen leichter als im Internet, wo die unbesiedelten Kontinente nie zu Ende gehen. Die Konvektionsbewegung zwischen agilen Neugründungen, erstarrten Imperien, Zerfall und Erneuerung gibt es online wie offline, im Internet sind ihre Zyklen nur kürzer als draußen“, stellt Kathrin Passig fest.

Revolution für die Unternehmenskommunikation

Der ehemalige Google-Sprecher Stefan Keuchel wertet die Live-Hangouts nach einem t3n-Beitrag von Daniel Fiene als klassischen User-Generated-Content:

„Die Nutzer entscheiden selbst, was sie streamen und was sie zeigen wollen.”

Thomas Knüwer vom „Digitalen Quartett” sieht in den Hangouts On Air sogar eine kleine Revolution für die Unternehmenskommunikation:

“Nun können ohne größeren Aufwand Vorstandsstatements übertragen werden, gesponsertes Stars können vor Publikum mit Fans reden, Online-Schulungen werden möglich, Produktvorführungen, Krisenkommunikation, Talkshows…”

Für Fiene liegt die Revolution vor allem darin, dass jetzt jeder in Deutschland live auf Youtube senden kann. Bernd Stahl von Nash Technologies erkennt Potentiale für die Kommunikation von Firmen mit Kunden. Die enge Verbindung von Livestreaming mit den sozialen Netzwerken zählt zu den Stärken von Diensten wie Hangout on Air, betont Norbert Bolewski in einem Blogbeitrag für die Fernseh- und Kinotechnische Gesellschaft.

„So hatten beinahe alle größeren Firmen auf der CeBIT in Hannover ihren eigenen Livestream und man konnte deren Präsentationen bequem vom Büro oder von zuhause aus verfolgen und auch speichern. Es lässt sich also heute vom hochwertigen Event bis zur Community alles abdecken. Livestream ist somit auch Community.“

Mehr Transparenz mit Live-Hangouts

Jede öffentliche Veranstaltung würde sich für Live-Hangouts eignen. Das schaffe auch Transparenz in der Gesellschaft.

„Es bietet die Möglichkeit, alles öffentlich zu machen. Man kann über alles berichten was man möchte, um auch gesellschaftliche Prozesse auszulösen oder darzustellen. Bürgerinitiativen sind ein Beispiel. Die Bürgerveranstaltungen mit Infos über die havarierte Atommüllkippe Asse bei Wolfsburg ist eines davon. Man hat auch die Möglichkeit der Archivierung, und kann sich die Diskussionen erneut später in Ruhe anschauen. Es gibt keine rechtlichen Regelungen, wie beispielsweise bei öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, was die Dauer der Verfügbarkeit anbelangt“, schreibt Bolewski und meint damit den Zwang zur Depublizierung, den wir in mehreren Bloggercamp.tv-Sendungen über die Greenscreening-Technik ausgetrickst haben.

Ein weiteres Transparenz-Beispiel sei die Übertragung der Sitzungen des Wiener Landtags und des Gemeinderats, die sich jeder Bürger über das Internet live und und als Aufzeichnung anschauen kann. All das trägt dazu bei, gesellschaftliche Prozesse darzustellen.

„Das Ganze hat sicherlich oft nicht die hohe Professionalität und technische Sauberkeit. Aber um entsprechende Informationen sogar recht lebendig zu vermitteln ist es sehr gut geeignet“, meint der TV-Experte.

In den vergangenen Jahren gebe es aber auch bei der technischen Qualität enorme Fortschritte. Das erkenne man deutlich bei Livestreams im so genannten Content Marketing.

Bolewski erwähnt das durchgängige TV-Angebot zur Kieler Woche, das von Audi gesponsert wurde – mit Beiträgen, Zusammenfassungen, Berichten und Ausblicken und täglich live. Ein weiteres Beispiel ist die Staatsoper in München. Als Sponsor konnte die Linde-Gruppe gewonnen werden. Die Livestreams werden bevorzugt gerne im amerikanischen und asiatischen Raum gesehen.

„Es handelt sich hier bereits mehr um eine professionelle Übertragung mit sechs Kameras und zig Mikrofonen.“

Livestreaming biete die Möglichkeit, sich sozial zu vernetzen und durch das Social Web Kommunikationsprozesse neu zu steuern.

„So wurde vor drei Jahren schon ein ganzes Fußballspiel live in Facebook übertragen. Man musste dazu den Like-Button auf der Fanpage eines Bierherstellers anklicken. Die technische Qualität war eher als schlecht zu bezeichnen. Trotzdem hatte der Bierhersteller von einem Tag zum anderen 10.000 mehr Fans auf seiner Webpage. Die Werbewirkung war größer als es je ein deutscher Fernsehsender zu bieten vermag. Das hat übrigens viele Nachahmer gefunden. So überträgt der DFB Livestreams zum Frauenfußball“, weiß der Autor.

Weltweite Angebote gibt es für Cricket-Enthusiasten und selbst die Floorball-Weltmeisterschaft in Hamburg wurde live übertragen – so eine Art Hallen-Hockey mit Eishockeyschlägern. Auszug aus dem Kapitel „Social TV und die Kultur der Beteiligung“ des Livestreaming-Buches von Schleeh und Sohn, das am 4. September im Hanser-Verlag erscheint.

Siehe auch:

„Niemand bereitet sich mehr auf die Dozenten vor, um sie zu widerlegen“, schreibt etwa Jürgen Kaube. Dann sollte man mehr Live-Diskurse durchführen.

E-Books im Denknebel des Literaturbetriebs: @FrauFrohmann bei #Bloggercamp.tv

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Neue Plattformen jenseits des Literaturbetriebs gründen

Neue Plattformen jenseits des Literaturbetriebs gründen

Foucault sieht die Funktion des Autors vor allem als Begründer von Diskursen. Er schafft die Möglichkeit und die Bildungsgesetze für andere Texte. Am Ende könne vollständig auf die Funktion des Autors verzichtet werden, so der Philosoph in seinem berühmten Vortrag am Collège de France vor Mitgliedern der Französischen Gesellschaft für Philosophie.
E-Books werden sich wie Youtube-Videos als eigenständiges Genre etablieren. Der rund um das gedruckte Buch etablierte Literaturbegriff passt nicht mehr zur Poetik und Prosa, die sich in sozialen Netzwerken ausbreitet.

„Schon gar nicht passt er zu dem, was derzeit auf und zwischen den smarten Geräten passiert, die wir ständig bei uns tragen und über die wir längst den größten Teil unserer Textarbeit abwickeln“, so Stephan Porombka im Opus des Frohmann-Verlages mit dem Titel „Über 140 Zeichen“.

Der eingeschränkte Literaturbegriff der bildungsbürgerlichen Honoratioren trübt den Blick auf die Texte, die im Netz kursieren.

„Man neigt dazu, sie gar nicht zu beachten. Und wenn, dann nur verächtlich als Leichtgewichtiges, Flüchtiges, Beliebiges, Uninteressantes.“

Redakteure von Gestern-Medien degradieren das Netzgeflüster gerne als Klowand-Weisheiten. Jeder, der online ist und postet, twittert, faved oder liked steht erst einmal unter Verdacht, ein Protagonist der kulturellen Sinnentleerung zu sein. Aber selbst die neuen Schreib- und Leseweisen im 18. Jahrhundert haben nicht darauf gewartet, von den Autoritäten des alten Literaturbetriebs akzeptiert zu werden, erläutert Prorombka. Man habe sich seine Publikations- und Rezensions-Plattformen lieber gleich selbst erfunden. Ähnliches wird sich für das Schreiben und Lesen bei Twitter, Facebook, WhatsApp und Google Plus ergeben. Verlage wie Frohmann wirken als Teilchenbeschleuniger für experimentelle Poetiken, die sich vom Flow ihrer Timeline inspirieren lassen und sich wenig um die Rückzugsgefechte von Leistungsschutz-Denkern scheren.

Ausführlich in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin “The European” nachzulesen.

Wie sich E-Book-Verlage künftig positionieren, erläutert Christiane Frohmann im #Bloggercamp.tv-Gespräch: Über die Emanzipation des E-Books und den Tod des Autors. Mitdiskutieren kann man in unserer 11 Uhr-Sendung über die Frage-Antwort-Funktion von Google Plus. Die ist schon aktiviert.

Siehe auch:

Über Abmahn-Trittbrettfahrer oder: Die Geister, die man rief.

Auch nicht schlecht: Plagiatsverdächtiger zensiert Vroniplag mit Urheberrecht.

Entsprechend verstehe ich die Empörung: Das Urheberrecht für plagiierte Texte in Anspruch zu nehmen, um eine DMCA-Notice zu versenden und die daraus folgenden juristischen Konsequenzen in Kauf zu nehmen, stellt eine bisher einmalige Vorgehensweise in der Zeit der Dokumentation von wissenschaftlichem Fehlverhalten auf dieser Plattform dar.

Nach dem Livestreaming-Buch ist vor dem #StreamCamp14: Ideengewimmel am 18. und 19. Oktober in München

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Verschmelzung von Mensch und Technik

Verschmelzung von Mensch und Technik

Hannes Schleeh und meine Wenigkeit sind mit dem Livestreaming-Buch mehr oder weniger fertig. Jedenfalls kam vom Hanser-Verlag Anfang der Woche eine positive Rückmeldung:

Hallo an Sie beide,

das Manuskript ist jetzt fertig für die Korrektur. Ich gebe Ihnen rechtzeitig Bescheid, wann es aus der Korrektur zurückkommt. Das wird wahrscheinlich im Laufe der nächsten Woche sein.

Der Umfang passt gut. Die Inhalte sind super.

Hangout on Air-Krümie

Hangout on Air-Krümie

Dann können wir uns jetzt mit ganzer Kraft der Vorbereitung des diesjährigen StreamCamps in München widmen. Diesmal nicht im November und auch nicht in Köln, wie im vergangenen Jahr, sondern am 18. und 19. Oktober in der Unternehmenszentrale von Payback!!!! Wir mussten das um einen Monat vorverlegen. Im nächsten Jahr wird das StreamCamp dann übrigens wieder im Rheinland ablaufen. Dann werde ich mich in Bonn um vernetzte Räumlichkeiten bemühen.

Im Herbst erwartet Euch wieder eine Milchstraße von Einfällen, wie es der Schriftsteller Jean Paul ausgedrückt hat. Ein Ideen-Gewimmel mit Hangout on Air. Virtuelle und reale Bierproben, vernetzte Kühen, Neuland-Gemeinheiten und die Leichtigkeit des Scheiterns.

StreamCamp-Niederlagen gibt es nur am Kicker

StreamCamp-Niederlagen gibt es nur am Kicker

Keine ordentlich gekämmten Maximen oder Aphorismen zur Lebensweisheit, sondern ein blühendes Durcheinander von Ideen, Beobachtungen, Skizzen und Parabeln in anarchischer Barcamp-Tradition.

In Bloggercamp.tv haben wir in über 250 Sendungen demonstriert, dass man die verrücktesten Ideen, provokative Debatten, ungewöhnliche Forderungen, spontane Bekenntnisse, kontroverse Diskurse und lebendige Talks mit dem Livestreaming-Dienst Hangout on Air senden kann. Das werden wir in München mit der Livestreaming-Community in vielen Sessions wieder demonstrieren.

Ideengewimmel auf dem StreamCamp

Ideengewimmel auf dem StreamCamp

Start des Ticketverkaufs und weitere Infos zum StreamCamp folgen in den nächsten Wochen. Interessenten für Medienpartnerschaften und Sponsoringkönnen sich direkt an Hannes oder an mich wenden. Man hört und sieht sich :-)

Hangout on Air als demokratisierte Form der Salonkonversation #Bloggercamp.tv

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StreamCamp Plaudereien

StreamCamp Plaudereien

Die Dialogformen der sozialen Medien sind nach Auffassung von Professor Peter Weibel Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM) nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen.

„Hier werden Dinge mit Worten gemacht”, so Weibel.

Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten, Medien und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Jeder kann ein Sender sein. Jeder kann sogar ein TV- und Radio-Sender sein, um die letzte massenmediale Bastion zu erobern. Selbst in der Königsdisziplin des Rundfunks: LIVE-SENDUNGEN – ausführlich nachzulesen im Kapitel “Eine bewegende Bilderwelt: Von Gutenberg zur neuen Mündlichkeit im Netz – Hier werden Dinge mit Worten gemacht“ des Buches „Live Streaming mit Hangout On Air: Techniken, Inhalte & Perspektiven für kreatives Web TV“, das am 4. September im Hanser Verlag erscheint.

Emanzipatorische Visionen von Brecht und Enzensberger

Für bewegte Bilder und für Audio steht das Handwerkszeug für den digitalen Autodidakten bereit, der heute ohne Ü-Wagen, ohne Ausbildung zum Kameramann oder zur Kamerafrau, ohne Kenntnisse von Ton und Licht sowie ohne schweres technisches Gerät Fernsehen und Hörfunk machen kann. Zu jeder Zeit, an jedem Ort. Erfüllen sich nicht die emanzipatorischen Utopien der Schriftsteller Berthold Brecht und Hans-Magnus Enzensberger?

Der Rundfunk wäre nach Meinung von Brecht der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müsste demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren. Seine Gedanken brachte Brecht zwischen 1927 und 1932 und bezogen sich natürlich „nur“ auf den Hörfunk. Er dachte an direkte Interaktion mittels Radio über ein funkbasiertes Telefonkonferenzsystem, das die Enträumlichung der Kommunikation möglich machen sollte und zwar live. Visionäre Gedanken in einer Zeit, wo man über Jedermann-Technologie für den Rundfunk noch nicht einmal in Ansätzen verfügte. Radio und später Fernsehen waren schon aus Kostengründen für Otto-Normalverbraucher unerschwinglich. Ganz abgesehen von den regulatorischen Restriktionen, denn auch das gute alte Radio war schon in den 20er- und 30er-Jahren gebühren- und genehmigungspflichtig. Hauptentscheidungsrecht über Programm, Technik und Wirtschaft besass die Deutsche Reichspost (!).

Aber selbst im Jahr 1970, als Enzensberger seinen „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ entwickelte, war man noch weit entfernt von den Bedingungen, die wir heute vorfinden. Wie auch Brecht fordert er, dass die Distributionsapparate in Kommunikationsapparate umgewandelt werden. Dazu müssten alle Medien offenstehen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, sich ungehindert zu informieren und auszutauschen. Und das gehe nur, wenn man die Trennung zwischen Produzenten und Rezipienten überwindet. Ob die dann produzierten Beiträge dem Gemeinwohl dienen, wie Enzensberger forderte, ist nicht die entscheidende Frage. Der Zugang zu Medien ist wichtiger. Insofern ist Widerspruch angesagt, wenn Medienwissenschaftler wie Joachim Paech die von Brecht und Enzensberger vertretenen Positionen als falsch werten, weil es für die Mehrheit nicht möglich sei, die Technik richtig zu bedienen.

Piratensender mit Videorekorder

Technik für TV-Autonome

Technik für TV-Autonome

Wenn man sich anschaut, welchen Aufwand diverse TV-Piratensender in den 70er Jahren mit simpler Videorekorder-Technik treiben mussten, um über „Open Channel“ einige Häuser im eigenen Stadtviertel erreichen zu können, wird man den Unterschied zu den Optionen von Diensten wie Hangout on Air schnell erkennen. Damals reichte der Radius nur bis zu regionalen Initiativen, Protestaktionen und Nachbarschaftsfesten. Heute ist beides möglich: Jedermann-TV für die Nachbarschaft – also hyperlokale Formate, die beispielsweise der Marketingexperte Günter Greff für seinen neuen Heimatort Perinaldo in Ligurien plant – und Formate mit internationaler Ausrichtung. Mobil und stationär sind die Möglichkeiten zum Senden und Empfangen von Audio- und Videobeiträgen nahezu unbegrenzt. Was das Ganze mit Fürsten-Geheimnissen und digitaler Kultur zu tun hat, kläre ich in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin “The European” auf.

Wie es mit den TV-Autonomen weiter geht, diskutiere ich in unserer Mittwochsendung von Bloggercamp.tv um 16 Uhr mit dem TV-Journalisten Kai Rüsberg aka @ruhrnalist. Thema: Vom Charme der eigenen Social TV-Show. Ihr könnt wieder mitdiskutieren über die Frage-Antwort-Funktion von Google Plus.

Siehe auch:

HANGOUT ON AIR WIRD ERWACHSEN – ÜBER SOCIAL TV-SHOWS UND DIE GRASWURZEL-UNI.

Um die digitale Kompetenz in deutschen Aufsichtsräten ist es nicht gut bestellt, meldet die FAZ. Das merken wir häufig, wenn wir Vertreter der Wirtschaft zu Hangout-Interviews einladen.