Nicht nur Politik und Wirtschaft laufen der Vernetzung hinterher, auch die BWLer #nöcbn

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Wo sind die deutschen Internet-Visionäre?

Wo sind die deutschen Internet-Visionäre?

Stichworte wie industrielles Internet, Industrie 4.0, Smart Cities und die Aktivitäten der Silicon Valley-Giganten betreffen mittlerweile jedes Unternehmen, ob klein oder groß, ob produzierendes Gewerbe oder Dienstleistungen.

„Da schaut man zuerst auf Arbeiten der Wirtschaftswissenschaften, um Orientierungshilfe zu bekommen, wie die Welt der digitalen Transformation für das Management begreifbar und besser handelbar wird und wie ein Unternehmen in der digitalen Ökonomie bestehen kann“, schreibt Arno Rolf, Professor für Informatiksysteme in Organisationen und Gesellschaft, in einem FAZ-Gastbeitrag.

Das Objekt der Betriebswirtschaftslehre sei nicht mehr allein die einzelne Unternehmung.

„Der Fokus ist auch auf ihre Einbindung in Netzwerke gerichtet. In Netzwerkorganisationen haben einzelne Unternehmen keine scharf umrissenen Grenzen mehr“, so der Uni-Professor aus Hamburg.

Ein Rückzug auf die „Kernkompetenzen“ eines Unternehmens funktioniert nicht mehr. Da vieles nicht mehr selbst entwickelt und hergestellt, sondern an Spezialisten im Netzwerk ausgelagert werde, hat das Management vor allem die Aufgabe, die richtigen externen Netzwerkpartner zu finden, zu koordinieren und bei der Stange zu halten.

Erfolgreich seien jene Organisationen, die neue Netze knüpfen, Projekte wechseln, neuen Knoten im Netz Bedeutung geben und nationale Grenzen überschreiten. „Die fehlende Vernetzung eines Akteurs kann schnell zum Ausschluss führen. Tradierte Hierarchien werden nicht überflüssig, sie sind aber unsichtbarer geworden“, so Rolf. Begrenzungen fallen über weltweit verteilte Rechner weg:

„Die Nutzer – Unternehmen, private Nutzer, Verbraucher, Lieferanten, Regionen oder staatliche Behörden – werden zu Knoten im Netz und arbeiten über das Internet zusammen. Die Netze haben offene Strukturen, können grenzenlos expandieren, neue Knoten einbeziehen und überflüssige rasch abschalten.“

Was in der Forschung noch schwach ausgebildet sei, ist die ungeheure Dynamik der digitalen Transformation mit ihren ständig neu aufkommenden Trends in der Informationstechnik und der Angriffslust der Internetkonzerne aus dem Silicon Valley. Sie seien es in erster Linie, die die Umwelt volatil und komplex machen.

„Für diese Entwicklung hat weder die Business-Ecosystems-Forschung noch die Betriebswirtschaftslehre bislang befriedigende Antworten. Dafür braucht es ganz neue Konzepte und Methoden, und neue Metaphern müssen her, weil beispielsweise aus den klassischen linearen Strukturen wie Supply Chains oder Value Chains (Wertschöpfungsketten) dynamische Value Networks (Wertschöpfungsnetze) werden (Zhang, Jianliang/Fan Yushun: Current State and Research Trends on Business Ecosystem)“, erläutert der Informatiker.

Reiche das Business-Ecosystem-Leitbild aus, um eine der drängenden Fragen der Wirtschaftswissenschaften, den steilen Aufstieg der Internetgiganten Google und Co. zu verstehen und die Folgen für die traditionellen Unternehmen abzuschätzen und daraus Schlüsse und Erkenntnisse für die Strategien des Managements zu ziehen?

Welche Antworten hat man auf die „Tsunami-Strategien” der Internetgiganten Google, Amazon, Facebook, Apple und Co, die mit ihren Angeboten fast alle Branchen überrollen. Man würde gern wissen, ob die aktuelle ökonomische Forschung diesen Vorgang im Schumpeterschen Sinne als schöpferische Zerstörung einschätzt oder dafür eine neue Metapher gefunden werden müsse.

Eine Herausforderung werde der mit Internet, Smartphones und Applikationen (Apps) einhergehende Kulturwandel sein.

„Bislang setzt die Betriebswirtschaftslehre eher auf hierarchische Modelle. Eine zentrale Instanz müsse alles im Griff haben. Mit den neuen Techniken ist eine Mitmachkultur entstanden, die in alle Generationen hineinflutet und mit einem enormen Zugewinn an Bequemlichkeit und Komfort für die Nutzer verbunden ist; für manche auch mit der Möglichkeit, selbständig in Start-ups arbeiten zu können. Diese Alltagsattraktivität ist der Grund für eine bislang nie dagewesene Technikakzeptanz“, meint Rolf – was vielleicht für die Gründerszene gilt, nicht jedoch für die politischen Akteure.

Es seien vor allem die Start-ups mit ihren hierarchiearmen Projektorganisationen, die die Innovationen vorantreiben.

„Sie sind heute vielfach die Impulsgeber und Schöpfer von Innovationen für große Unternehmen, die sich mit ihren Bürokratien teilweise lahmlegen“, resümiert Rolf.

Die klassische BWL liefert für die digitale Transformation weder Modelle, Methoden noch Metaphern. Vielleicht sollte man spezielle Lehrstühle für Netzökonomie etablieren, um die Wirkungen des Plattform-Kapitalismus, wie es Sascha Lobo formulierte, zu untersuchen.

Autoland bald abgebrannt?

Autoland bald abgebrannt?

Technikbasierte Unternehmen wie Google machen jedenfalls vor keiner Branche und vor keinem etablierten Unternehmen halt – selbst die deutsche Autoindustrie wird das zu spüren bekommen. Siehe: Google macht Zukunft – auch in der Industrie: Und Deutschland?

Ob die alten Regeln, die in Deutschland gelten, noch zeitgemäß sind, analysiert Professor Klemens Skibicki:

Mit dem Netzökonomie-Campus, der am Sonntag startet, möchte ich eine neue Debatte anstoßen, die dann über Tagungen, Studien, E-Books, Workshops, Barcamps, virtuellen Expertenrunden via Hangout on Air weitergeführt werden kann.

Der Diskurs startet am Sonntag bei Kaffee und Kuchen um 16 Uhr und wird live übertragen. Hashtag für Zwischenrufe #nöcbn – steht für Netzökonomie-Campus Bonn. Ihr könnte natürlich auch die Frage-Antwort-Funktion auf der Eventseite benutzen.

Siehe auch:

Datenverkehr nur mit Nummernschild.

Symbol für die digitale Inkompetenz: Leistungsschutzrecht.

Über diese Anzeigen

Was Merkel von Bochum 4.0 lernen kann – Digitaler Strukturwandel ohne Kohle und Stahl @ruhrnalist #SocialTV #itg14

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Kai Rüsberg im Gespräch mit Uni-Rektor Elmar Weiler

Kai Rüsberg im Gespräch mit Uni-Rektor Elmar Weiler

Kann man über hyperlokale Formate via Hangout on Air das Geschehen in seiner Stadt, seines Bezirks oder seiner Nachbarschaft ohne Schnörkel, ohne Zeitverlust, ohne Abstimmungsschleifen direkt vermitteln und den Dialog in der Bürgerschaft fördern? Man kann. Der Fernsehjournalist Kai Rüsberg stellt das in seiner Heimatstadt Bochum unter Beweis mit SocialTV-Gesprächsformaten, die man ohne Ü-Wagen und schwerer Technik realisieren kann. Es reichen Laptop, Webcam und ein halbwegs vernünftiges Mikrofon.

Bei der Generalversammlung der GLS-Bank in Bochum, wo ich als Moderator beteiligt war, ist das eindrucksvoll demonstriert worden.

Jetzt hat Kai zum Auftakt der Vortragsreihe “Hörsaal City live” im “Blue Square” in der Fußgängerzone von Bochum mit einer SocialTV-Sendung begleitet. Nicht nur der Standort ist dabei spannend, sondern vor allem das Vorhaben der Universität bei der Föderung des Diskurses zwischen Wissenschaft und Bürgerschaft. Ich bin ja kein Freund des Geredes von 1.0, 2.0 oder 4.0. Bei Bochum 4.0 macht das Sinn, wie es Elmar Weiler, Rektor der Ruhr-Universität Bochum, im Gespräch mit Kai Rüsberg formuliert.

Mit der Vortragsreihe wolle man die Vorteile von Bochum stärker in den Vordergrund rücken. Und die liegen ganz klar bei rund 50.000 Studierenden und den über 7.000 Absolventen, die jedes Jahr erfolgreich ihr Studium beenden. Aus dem Blickwinkel eines Unternehmen, das sich in der Stadt ansiedeln möchte und dabei hochqualifizierte Mitarbeiter sucht, sei das ein klarer Standortvorteil. Und hier kommt auch das Stichwort 4.0 ins Spiel.

“Bochum 1.0 dokumentiert die Zeit, als man Kohle aus der Erde holte, bis keine mehr da war. Allen sei klar gewesen, dass sich die Lagerstätten erschöpfen würden. Dann hat man angefangen, einen Hightech-Werkstoff zu entwickeln – nämlich Stahl. Da brauchte man nicht nur Eisenerz, sondern auch sehr viel Wissenschaft, um etwa rostfreien Stahl herzustellen. Das war Bochum 2.0. Von der Kohle über den Stahl geht die Erfolgsgeschichte weiter zu Fabriken, in denen Hochleistungsmaschinen gefertigt wurden wie Autos und Handys. Diese Zeit geht jetzt auch zu Ende. Also Bochum 3.0″, sagt Weiler.

Jetzt folgt die Phase 4.0.

“Es bricht eine neue Zeit an, die weniger geprägt sein wird von großen Industriewerken”, meint Weiler – auch wenn das viele Industrielobbyisten immer noch nicht ganz wahrhaben wollen.

Der Uni-Rektor ist fest davon überzeugt, dass das in der Region der Vergangenheit angehört.

SocialTV-Außenreportage bei der Vorstellung der Hörsaal City-Vortragsreihe

SocialTV-Außenreportage bei der Vorstellung der Hörsaal City-Vortragsreihe

Relevanter werden Mittelstand und innovative Unternehmen, die sich besser vernetzen müssen bei der Erzeugung von lokalen Wertschöpfungsketten. Es gehe dabei um die Vernetzung von allem. Also Kultur, Sport, Wissenschaft, Wirtschaft und bürgerschaftliches Engagement. Genau dieser Ansatz des notwendigen Strukturwandels steckt hinter der Bezeichnung “Bochum 4.0″.

Was Professor Weiler in wenigen Worten skizziert hat, sollte sich die Große Koalition in Berlin hinter die Ohren schreiben.

Wo bleiben die Impulse in Wirtschaft und Politik, um uns von der Anachronismen der untergegangenen Industriewirtschaft zu befreien, wie es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk “Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945″ ausdrückt? Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten?

Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, “dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Stoffumwandlungsprozesse beruhte”, schreibt Abelshauser in der erweiterten Auflage seines Opus.

Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. Man merkt es an der wenig ambitionierten Digitalen Agenda der Bundesregierung, man erkennt es an den lausigen Akzenten, die in der Bildungspolitik gesetzt werden und man hört es bei den Sonntagsreden der Politiker, wenn es um Firmenansiedlungen geht. Es gibt keine Konzeption für eine vernetzte Ökonomie jenseits der industriellen Massenfertigung aus den Zeiten des Fordismus – in Bochum und vielen anderen Städten schon, aber nicht in der Bundespolitik.

Was die Ruhr-Univerität in ihrer Vortragsreihe thematisiert, greifen wir in Bonn auch beim Netzökonomie-Campus auf, der am Sonntag bei Kaffee und Käsekuchen in meiner Bibliothek startet und natürlich via Hangout on Air ab 16 Uhr live übertragen wird.

Siehe auch:

IT-Gipfel: Warum Merkel eine wertelose Digitalpolitik macht.

IT-Gipfel – ein Klassentreffen mit Kanzlerin.

SocialTV-Workshops für Wirtschaft, Vereine, Blogger, Kunst und Kultur.

Mit Angsthasen ist digital kein Staat zu machen #Streamcamp14

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Vertrauenskultur statt Angstregime

Vertrauenskultur statt Angstregime

In ihrem Misstrauen gegenüber dem digitalen Wandel bilden Politiker, Manager und Gewerkschafter derzeitig eine Große Koalition im XXL-Format. Wer überall nur Gefahren verortet, erstickt in einem Angstregime von Kontrolle und Bewegungslosigkeit.

Zu bewundern bei der Ankündigung von Microsoft, sich in Deutschland vom Anwesenheitswahn in Bürosilos zu verabschieden. Sofort warnten Bedenkenträger vor der Gefahr einer Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit, statt auch nur ansatzweise über die Chancen flexibler Arbeitsorganisation nachzudenken. Das liegt wohl nicht nur an einer etwas naiven Idealisierung der klassischen Büroarbeit, die von Überstunden, Stress im Berufsverkehr, Flurfunk-Tratsch, Mobbing und dem Fluch der ständigen E-Mail-Erreichbarkeit geprägt ist.

Planungsgedöns endet im Irrtum

Die Bürosilo-Apologeten laufen einer inhumanen Planungsillusion hinterher, betont Thomas Dehler vom Berliner Dienstleister Value5 einem Expertenpanel beim Streamcamp in München:

„Planung ersetzt Zufall durch Irrtum.“

In einer vernetzten Ökonomie gehe das Planungsgedöns der Manager ins Leere.

Es gehe nicht darum, dezentrales Arbeiten zu verordnen, sondern den Wunsch des Mitarbeiters stärker in den Mittelpunkt des Personalmanagements zu stellen. Die Souveränität über die Arbeitszeit werde beim Abschied von Anwesenheitspflichten nicht geschwächt, sondern fundamental gestärkt. Entscheidend sei nicht mehr das tägliche Absitzen von Bürostunden, sondern das erzielte Arbeitsergebnis.

Die Langsamkeit der Planungsbürokraten

„Wir sind mit unserem Modell ohne Einsatzplanung und Präsenzpflichten in der Lage, 90 Prozent der aller Kundenanfragen zu bearbeiten“, sagt Dehler.

Planungsbürokraten sind zu dieser schnellen Reaktionsfähigkeit nicht in der Lage. Und wenn sich Gewerkschafter zum Thema Ausbeutung äußern, sollten sie den Arbeitsweg nicht ausklammern, denn der wird vom Arbeitnehmer bezahlt und wirkt wie eine Subvention zugunsten des Arbeitgebers.

Soziales und kollaboratives Arbeiten sei mit digitalen Technologien wie Videostreaming-Dienste im Social Hub sehr gut und sogar besser zu realisieren als in irgendwelchen aseptischen Glaspalästen in den einschlägig bekannten Gewerbegebieten.

Excel-Manager schauen in den Rückspiegel

Statt auf die Potenziale ihrer Mitarbeiter zu setzen, verstecken sich die liebwertesten Gichtlinge des Top-Managements hinter Berichtsorgien und Kennzahlen-Management. „Sie beschäftigen sich mehr mit der Administration und dem Befüllen von Excel-Tabellen und vernachlässigen dabei die neuen Themen ihres Marktes“, bemerkt Dehler in der Streamcamp-Paneldiskussion. Echtzeit-Management sieht anders aus. Die Excel-Tabelle von heute bildet das Geschehen von gestern ab. Auf der Strecke bleibt die Gegenwart.

In einer Excel-Ökonomie aus Ängsten, Planungsillusionen und sinnlosen Kontrollschleifen gedeiht weder Vertrauen noch wirtschaftliche Prosperität.

Multikopter sind nicht bedrohlich

Multikopter sind nicht bedrohlich

Ähnlich angstbesessen verläuft die Diskussion über den Einsatz von Drohnen, die in der Regel aber nur harmlose Multikopter sind, wie Bloggercamp.tv-Kollege Frank Michna auf dem Streamcamp demonstrierte. In der Presse werde ja inflationär vor der Gefahr des Absturzes von Drohnen gewarnt.

“Da fällt nichts vom Himmel. Verliert das Fluggerät die GPS-Verbindung oder geht die Akkuleistung runter, kehrt der Multikopter automatisch zum Startpunkt zurück und landet. Die Systeme kalibrieren sich ständig.”

Genauso unsinnig seien die Hiobsbotschaften der Polizeigewerkschaft, die in den Mini-Drohnen eine neue Terrorgefahr sieht. Und welche Gefahren entstehen eigentlich, wenn man Veranstaltungen via Multikopter live ins Netz überträgt? Das Streamcamp hat das natürlich vorgeführt und damit neue Perspektiven nicht nur für Outdoor-Sportarten eröffnet.

Warum man auch bei Webinaren auf geschlossene Formate im Kontrollmodus verzichten sollte, war Thema einer weiteren Streamcamp-Session mit dem IT-Experten Joachim Hummel.

Was sonst noch ablief beim Streamcamp in München, habe ich auf Storify kompakt zusammen gefasst:

Im nächsten Jahr sehen wir uns am 21. und 22. November 2015 beim Streamcamp15 in Paderborn wieder, was wir morgen bei Bloggercamp.tv näher erläutern. Wie immer um 20:15 Uhr direkt nach der Tagesschau:

Siehe auch:

Warum sollte man auch vor 9 Uhr im Büro hocken: Wer lange schläft, ist nicht faul.

IT-Gipfel: Die Angst der Deutschen vor dem Internet.

Netzpolitik der Bundesregierung – Mehr Verantwortung, weniger Gipfel (und Taten, werte SZ).

Endlich: WC-Literatur auf der Klorolle und eine Session-Idee: Payback-Punkte mit Zwirbler-Crowdfunding verbinden #Streamcamp14

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Literatur fürs Klo

Literatur fürs Klo

Zwirblers Schwester hat abgetrieben und ist verschwunden. Ist sie in die Hände von Abtreibungsgegnern einer katholischen Sekte geraten, um in einem geheimen Schweigekloster in der Nähe von Köln Abbitte zu leisten, was in einem Schweigekloster nur schwer möglich ist? Steckt ein reaktionärer Kardinal hinter der Aktion von bigotten Saubermännern? Alles reine Spekulation. Eine Indizienkette, die ich ganz persönlich aus dem bisherigen Geschehen abgeleitet habe. Zwirbler zwirbelt zusammen mit seinen abertausenden Facebook-Fans Gedankenblitze, Wortkaskaden, Gesprächsfetzen und Fantasien in die Statusmeldungen, um das zerzwirbelte Dasein literarisch zu verarbeiten.

Zwirbler

Das Ende ist noch offen und doch scheint irgendein Ende so nah. Welche Rolle spielt dabei die erigierte Traurigkeit und die in den Statusmeldungen gepressten Zuneigungen, die Zwirbler bei seiner Suche begleiten? Wir lesen und posten auf Facebook, weil uns eine Welt alleine nicht genügt. TG als Zwirblers Alter Ego hat uns in der gestrigen Bloggercamp.tv-Sendung ein wenig in die Lebenswelt des Protagonisten eingeführt und erläutert, warum man Zwirbler aus den Untiefen des Zuckerberg-Imperiums befreien sollte.

Das solltet Ihr über die Crowdfunding-Plattform Startnext in den nächsten 15 Tagen unbedingt mit kleinen und großen Beträgen unterstützen.

Zwirbler braucht Eure Unterstützung

Zwirbler braucht Eure Unterstützung

Wer gar seine Geldbörse weit öffnet und 5.555 Euro in den Topf wirft, bekommt vom Autor des weltweit ersten Facebook-Romans den Hintern abgewischt. TG ist zu allem bereit.

Wie man die literarischen Klorollen mit Payback-Punkten und dem Startnext-Projekt verbinden könnte, wollen wir gemeinsam mit TG am Samstag auf dem Streamcamp erörtern, schließlich findet das Streamcamp am Samstag und Sonntag in der Firmenzentrale von Payback statt :-)

Siehe auch:

Zwirbler im ARD-Nachtmagazin.

Der Atomausstieg ist übrigens teurer als das Zwirbler-Projekt….

Glücksversprechen werden im Roman nicht zurückgenommen.

Ob Eizellen im Facebook-Roman eingefroren wurden, kann ich nicht genau sagen. Da habe ich den Überblick verloren.

Lanier und der digitale Angstschweiß: Vom gescheiterten Unternehmer zum “Internet-Pionier” #fbm14 #Lebenzerstört

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Solche Abbildungen haben mein #lebenzerstört

Solche Abbildungen haben mein #lebenzerstört

Auf der Frankfurter Buchmesse gab es bei einigen Verlagsmitarbeitern ein selbstzufriedenes Lächeln, wenn der diesjährige Friedenspreisträger Jaron Lanier zur Sprache kam. Er spricht das an, was viele andere schon immer mal sagen wollten:

“Das Internet zerstört unser Leben.”

Oder wie es Nico Lumma in einem ironischen Zwischenruf auf Facebook formuliert:

“Die Rückwärtsgewandten haben ihre Vaterfigur gefunden. Alles soll wieder so werden, wie es nie war.”

Lanier bedient zumindest in Deutschland den vorurteilsbeladenen Kanon der Internet-Skeptiker, die am liebsten wieder zur Tagesordnung des traditionellen Geschäfts übergehen wollen. Was der Friedenspreisträger und seine Apologeten in die Welt posaunen, sagt mehr über das Weltbild der Kritiker als über die Wirklichkeit aus, betont Tim Cole, Co-Autor des Opus „Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht“.

Sie sehen die Menschen als Vieh, das nur stumm wiederkäuen könne und sich im Rudel bewegt. Ohne mediale Hirten könnte man die Zumutungen des digitalen Lebens nicht überstehen.

In Wahrheit geht es beim kollektiven Gejammere um Machtverschiebungen oder um enttäuschte Erwartungen, wie bei Lanier, der das Internet für Maoismus hält und dabei wohl nur seine eigenen gescheiterten Projekte als Risikokapital-Unternehmer kompensiert.

#Lebenzerstört, zumindest das unternehmerische Leben von Jaron Lanier

#Lebenzerstört, zumindest das unternehmerische Leben von Jaron Lanier

Lanier gar als “Internet-Pionier” zu titulieren, liegt wohl eher am Bestreben der Preisjury des Börsenvereins zur Glanzerhellung des gekürten Autors.

Der mediale Hype um den “Programmierer, Sänger und Autor”, der vor Jahren erfolglos mit Avataren herumexperimentierte, hat eher den Charakter eines „Wrestling-Events“, wie es der Soziologe Gerhard Schulze ausdrückt. Statt Inhalte werden nur Etikettierungen ausgetauscht.

Die einen sind Panikmacher, die anderen Zyniker. Man geht zur Tagesordnung über und sucht sich einen neuen Spielplatz, um „Alarm“ zu brüllen. Am Status quo der digitalen Transformation von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ändert das leider gar nichts.

Die eBook-Verlegerin Christiane Frohmann hat das in einem interessanten Vortrag in der digitalen Arena der Frankfurter Buchmesse als “Angstgemeinschaften” definiert, die sich bilden, um etwas Erhaltenswertes zu schützen und sich gegen Veränderungen zu sperren.

Man sucht Gleichgesinnte zur Abschottung und zur Ausblendung des nötigen Wandels. Dabei geht es der Content-Startup-Szene gar nicht darum, die Buchkultur in Frage zu stellen. Man sollte allerdings etwas unbefangener mit der Digitalisierung und den virtuellen Gütern umgehen.

Guter Content müsse in einer komfortablen und bezahlbaren Form zur Verfügung gestellt werden. Dem Leser müsse es leicht gemacht werden, digitale Formate abzurufen, fordert Frohmann. Das ist eine Lektion, die man in der Musikbranche mittlerweile gelernt hat.

Und das die Virtualisierung sogar die analogen Verlagsangebote beflügeln kann, belegen die Anbieter von Hörbüchern.

Hier wirken die Abrufe auf iTunes und anderen Plattformen als Katalysator für die klassischen Angebote, wie uns Heike Völker-Sieber, eine der Sprecher/innen des Arbeitskreises der Hörbuchverlage im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Hörverlag-Pressechefin sowie dessen Verlagsleiterin Claudia Baumhöver im Wortspielradio-Interview auf der Buchmesse bestätigten.

Ob das auch bei Hörbüchern so bleibt, kann ich mir allerdings für die Zukunft nicht so ganz vorstellen. Zumindest, wenn es um die CD-Angebote geht.

Bei Vinyl sieht das anders aus, weil es hier mehr Möglichkeiten für die Cover-Gestaltung geht und es eine treue sowie wachsende Fangemeinde gibt.

Vielleicht hilft manchmal auch eine Portion Größenwahn weiter, um Neues zu wagen, wie die Gründer von Sobooks, die Amazon herausfordern wollen.

Gespannt bin ich auf die EDITION SOCIAL von Gerhard Schröder, der beim eBook neue Wege gehen will.

Ich selbst plane ein eBook im Frühjahr 2015 pünktlich zur Leipziger Buchmesse. Mehr dazu verrate ich in den nächsten Tagen.