Wirtschaft und Politik verpennen die digitale Transformation: #BloggerCamp Gespräch mit Staatssekretär Otto

Digitales Mittelmaß

Die Netzbetreiber erhoffen sich hohe Umsätze aus der digitalen Transformation der deutschen Wirtschaft. Doch diese Hoffnungen könnten sich als Blütenträume erweisen. Die Wirtschaft ist seltsam lustlos auf dem Weg in eine vernetzte Ökonomie. Sie suhlt sich in ihren Erfolgen als Exportnation aus den guten alten Tagen der industriellen Massenproduktion und spekuliert auf eine industrielle Renaissance. Die Politik ergeht sich in aktionistischer Symbolpolitik (als jährlicher Höhepunkt sichtbar auf dem Altherren-IT-Gipfel) und bringt noch nicht einmal die eigenen eGovernment-Projkte erfolgreich auf den Weg (Bund Online als Stichwort: Die digitale Kompetenz der Bundesregierung – Placebo-Lutschpastillen). Deutschland verliert international den Anschluss und gleitet ins digitale Mittelmaß ab, wie Dr. Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz & Company konstatiert. Er spricht sogar von einer technologiefeindlichen Einstellung der Wirtschaft.

Genügend Diskussionsstoff für unsere morgige Bloggercamp-Sondersendung von 18,30 bis 19,00 Uhr mit dem Staatssekretär Hans-Joachim Otto aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

Und um 12 Uhr stellen wir in der Hamburger Social Media Week unser Projekt “Die Streaming-Revolution – Ein Buch über und mit Hangout on Air” vor. Auch die Startnext-Website steht mittlerweile. Ihr könnt uns jetzt unterstützen!!!!!

Morgen geht es in meiner The European-Kolumne natürlich auch um das Thema “Lustlos im Netz”. Anregungen, Kommentare, Meinungen, Studien kann ich heute noch so bis 16 Uhr verarbeiten. Hashtag für Twitter-Zwischenrufe zu unseren beiden Sendungen #bloggercamp

Die Politik sollte vielleicht mal aufhören, Mittel für Internet-Lauschangriffe zu verplempern. eGovernment statt Staatstrojaner!

Zum Booz-Pressegespräch siehe auch: Pläne der Netzbetreiber: Führt die Datenexplosion zu einem Zweiklassen-Netz?

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Ohne soziale Brille geht nichts mehr – auch in der Unternehmenswelt

In zwei Interviews mit Unternehmensvertretern kommen beide Gesprächspartner unabhängig voneinander zu einem erfreulich klaren Befund. Die Ökonomie der Beteiligung über soziale Netzwerke dringt tief in die Unternehmensorganisationen ein. Darauf verweist Udo Nadolski, Chef des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash. Vorreiter seien die Vereinigten Staaten. „Aber auch in Europa spüren wir so langsam die Veränderungen der Geschäftsmodelle. Das zeigt unsere diesjährige weltweite CIO-Umfrage. Wir haben irgendwann mal mit einem Produkt angefangen, dann ging es über die Marke hin zu Kundenbeziehungen. Heute haben wir es mit dem Anfang einer sozialen Orientierung im Geschäftsmodell zu tun. Es basiert auf dem simplen Satz: ‚Du gehörst zu uns’. Das hat Auswirkungen auf alle Einheiten im Unternehmen und muss von der IT gestützt werden. Mobilität gepaart mit Social Media sind die Haupttreiber für die Umwälzungen von Organisationen – und das gilt nicht nur für die Wirtschaften, sondern auch für Politik und Gesellschaft“, so Nadolski. Was als vernetzte Ökonomie definiert werde, müsse der CIO auf sein Unternehmen anpassen. Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen Kolumne für Service Insiders, die, wie schon angekündigt, nicht mehr am Freitag, sondern jeden Dienstag erscheint.

Und gestern führte ich mit Michael Buck, der das Online-Marketing für Dell verantwortet, ein Gespräch und hörte ähnliche Antworten: “Die Kunden wollen uns nicht am Telefon, sondern dort, wo soziale Austauschprozesse stattfinden. Sie beobachten, wie wir mit User Feedback umgehen.” Fallen Bewertungen negativ aus, werde konsequent ausgelistet.

Ein Bericht dazu folgt morgen auf NeueNachricht. Buck und Nadolski sehen übrigens Deutschland nicht gerade als Vorreiter auf dem Weg zur vernetzten Ökonomie. Das bestätigt ja meine ketzerischen Thesen zu den Social Media-Phobien in deutschen Unternehmen, die ich für die Absatzwirtschaft geschrieben habe.

In meiner morgigen Kolumne für The European, die jetzt immer am Mittwoch erscheint, geht es noch einmal um die Euro-Krise.

Der Blick Log-Blogger Dirk Elsner stand mir freundlicher Weise Rede und Antwort für die Bewertung einiger makroökonomischen Empfehlungen. Hier schon mal die Audioaufzeichnung.

Lesenswert auch sein heutiges Opus: Es ist so weit: Wir sind mal wieder am Ende – Nicht nur die Weltwirtschaft steht am Abgrund.

In ein paar Tagen gibt es dann Berichte aus San Francisco und dem Silicon Valley. Am Freitag geht es los – zusammen mit meinem Sohn. Eine knappe Woche spüren wir die neuesten Technologie-Trends auf :-) Vielleicht finden wir ja in irgendeiner Bar das neue Facebook-Smartphone….

Heute schon gescheitert?


Durch die Lektüre der Steve Jobs-Biografie von Walter Isaacson bin ich auf das Buch “The Innovator’s Dilemma” von Clayton M. Christensen gestoßen (auf den Seiten 484 und 622). Er ist Professor an der Harvard Business School und lag mit seiner Prognose ein wenig daneben, dass der iPod wahrscheinlich ein Nischenprodukt bleiben wird.

Trotzdem beeinflusste das Opus des Professors die Arbeit des Apple-Gründers erheblich und inspirierte ihn zum Vorantreiben des iCloud-Konzeptes:

“Wir müssen das Unternehmen sein, das deine Beziehung mit der Cloud verwaltet – das Unternehmen für deine Musik- und Video-Streams aus der Cloud, für die Speicherung deiner Bilder und Informationen und womöglich sogar deiner medizinischen Daten. Apple hat als Erster erkannt, dass der Rechner zum digitalen Knotenpunkt wird. Also haben wir diese ganzen Apps geschrieben – iPhoto, iMovie, iTunes – und in unsere Geräte integriert, wie den iPod und das iPhone und das iPad, und es hat wunderbar funktioniert. Aber in den nächsten paar Jahren wird sich dieser Knotenpunkt vom Rechner in die Cloud verlagern. Es ist also dieselbe Strategie eines digitalen Knotenpunkts, nur dass sich dieser dann woanders befindet. Das heißt, du kannst immer und ohne Synchronisation auf deine Daten zugreifen. Es ist wichtig diesen Wandel zu vollziehen wegen dem, was Clayton Christensen als ‘the innovator’s dilemma’ bezeichnet: Leute, die etwas erfinden, sind für gewöhnlich die Letzten, die weiter in die Zukunft denken, und wir wollen definitiv nicht abgehängt werden…”, so Jobs (Zitat auf Seite 622 der Biografie).

Und wie es der Zufall will, ist gerade eine deutsche Übersetzung des Christensen-Werkes erschienen – mit einer Verspätung von 14 Jahren. Dafür wurde es von Professor Kurt Matzler und dem Managementberater Stephan Friedrich von den Eichen bearbeitet und mit aktuellen Beispielen aus europäischen Branchen und Unternehmen ergänzt.

„Trotz ihrer Ressourcenausstattung, Technologien, starker Markennamen, Produktionskompetenzen, Managementerfahrung, Distributionsstärke und trotz ihrer finanziellen Mittel haben erfolgreiche Unternehmen mit den besten Führungskräften ihre größten Schwierigkeiten damit, Dinge zu tun, die nicht zu ihrem Geschäftsmodell passen. Disruptive Technologien machen zu dem Zeitpunkt, an dem Investitionen für das Unternehmen so wichtig wären, noch kaum Sinn.“

Daher bildet ein vernünftiges und gutes Management in den etablierten Unternehmen eine Art ‚Eintritts- und Mobilitätsbarriere, die sich Startup-Unternehmen und Investoren disruptiver Technologien getrost verlassen können. Unternehmen, die Investitionsentscheidungen nur auf Basis eindeutiger Quantifizierungen von Marktpotenzial und Renditeabschätzungen treffen, sind bei disruptiven Innovationen wie gelähmt oder machen entscheidende Fehler. „Sie fordern Marktdaten, wo solche noch nicht vorhanden sind, treffen Entscheidungen auf Basis von Finanzprognosen, wo weder Umsätze noch Kosten schätzbar sind“, schreiben Matzler und von den Eichen. Traditionelle Marketing- und Planungstechniken verkommen zu einem Muster ohne Wert. Am Beispiel der Call Center-Industrie habe ich das etwas detaillierter untersucht. so kommen Branchenexperten zu wenig schmeichelhaften Urteilen:

Nach Ansicht von der Telenet-Managerin Anja Bonelli, Mitglied in der Brancheninitiative Contact Center Network, sei der Status quo im telefonischen Kundendienst fatal, da immer mehr Menschen ein Smartphone besitzen und zunehmend als alleiniges Kommunikationsmittel einsetzen. Mit der Sprachapplikation SIRI von Apple würden noch weitere smarte Dienste dazukommen.

„Damit ist der Weg frei für ausgereifte Kundenservice-Anwendungen, die sich multimodal kombiniert über Sprache, Touch und sicher bald auch Gesten steuern lassen. So werden via Touchscreen die Kundendaten verifiziert. Die App hat eine schöne Oberfläche, über die sich die Inhalte und Themen entweder per Spracheingabe oder per Touch auswählen lassen. Und natürlich kann der Kunde jederzeit entscheiden, ob er automatisierte Dienste nutzen oder einen persönlichen Berater hinzuziehen möchte.“

Nicht einmal eine Handvoll von Firmen fällt Bonelli ein, die ein solch sinnvolles Repertoire anbieten. Und auch die schon vorhandenen Angebote würden noch nicht einmal in Ansätzen die Möglichkeiten der Mensch-Maschine-Interaktion ausschöpfen.

„Insofern sind die wirklich neuen Ideen wie virtuelle Räume, Avatare, Microblogging mit der passenden Community, Crowdsourcing-Ansätze und Wissenstransferdienste toll und technisch auch möglich, aber für Call Center, die erst einmal anfangen müssen, ein Schritt zu früh“, meint Bonelli.

Für manche Anbieter der Dienstleistungsökonomie sei es allerdings schon zu spät, um auf den Zug der App-Economy und des mobilen Internets aufzuspringen, mahnt Peter B. Záboji, Chairman des After Sales-Dienstleisters Bitronic. So werden sich wohl einige große Call Center in die Galerie der Gescheiterten einsortieren, die über Jahre und Jahrzehnte mit hohen Umsätzen verwöhnt wurden und keine ausreichende Sensorik für das wirklich Neue entwickelt haben. Die komplette Freitagskolumne für Service Insiders ist hier abrufbar.

Friedhofsruhe, wie er bei deutschen Technologie-Konzernen vorherrscht, ist also kein guter Ratgeber, um die Potenziale der Netz-ÖKonomie zu erschließen. Ganz anders laufen die Schlachten der Giganten in den USA ab. Siehe die Golem-Meldung “Google kauft Facebook-Analysesoftware”.

Müllgebühren-Politik der Kommunen ist nicht öko-logisch #Kreislaufwirtschaftsgesetz

Nach Informationen der FAZ legt die Koalition den Streit über die Reform des Kreislaufwirtschaftsgesetzes bei. Die Einigung soll den Wettbewerb beleben und das Recycling verbessern.

Der Gesetzgeber hat sich über zwanzig Jahre Zeit gelassen, nicht nur die Rohstoffressourcen von Elektronikschrott, Altautos und Verpackungsmüll ökologisch sinnvoll zu nutzen, sondern auch die großen Potenziale des Hausmülls zu erschließen. Die Änderung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes soll dazu dienen, noch mehr Abfälle zu verwerten, die bislang in der Restmülltonne landeten.

Der Bundestag will das Gesetz am Freitag beschließen. Doch könnte die SPD, die sich für die Interessen der kommunalen Betriebe eingesetzt hatte, das Gesetz im Bundesrat blockieren. Der Kern des Streites ist die Furcht der Kommunen, einen Teil des Abfallstromes zu verlieren.

Weizsäcker: „Die in Deutschland aufgebaute Überkapazität von Müllverbrennung war ein schwerer umweltpolitischer Fehler“

Die Logik der Müllgebühren-Kalkulation giert nach mehr Müll in der Restmülltonne, um die überdimensionierten Müllverbrennungsanlagen der Kommunen auszulasten. Wo das hinführt, kann man in den kommunalpolitischen Niederungen der rheinischen Tiefebene besichtigen mit teuren und zu großen MVAs in Bonn, Leverkusen und Köln. Aber wer redet heute noch über die Schmierenkomödie, die der Journalist Werner Rügemer so treffend als „Colonia Corrupta“ entlarvt hat. Die Zeche zahlen die Privathaushalte im Rheinland mit überhöhten Müllgebühren. Ökologische Faktoren wie Abfallvermeidung, Wiederverwendung, Reparatur, Recycling, Energiegewinnung oder die Reduktion des Verbrauchs fossiler Energien sucht man in der Restmüll-Kalkulation der Stadtkämmerer vergeblich.

Die Betriebskosten orientieren sich an der Tonnage.<

Je mehr Müll in den Verbrennungsöfen landet, desto geringer sind die Müllgebühren pro Tonne. Wird eine Müllverbrennungsanlage nicht ausgelastet, fallen „Leerkosten“ an, die zu einem Anstieg der Müllgebühren führen. „Die in Deutschland aufgebaute Überkapazität von Müllverbrennung war ein schwerer umweltpolitischer Fehler, auch wenn sie meist ‚ökologisch‘ begründet wurde“, kritisiert Ernst von Weizsäcker, Ko-Präsident des Internationalen Ressourcenpanels, gegenüber dem Debattenmagazin „The European“. Mein Müllepos ist dort heute erschienen.

Bei den ehrgeizigen Zielen, die sich die Bundesregierung in der Energiewende gesetzt hat, wäre es doch ein Treppenwitz, sich in der mehr als fragwürdigen Kameralistik der Gebietskörperschaften zu verheddern. MVAs sind Energiefresser mit beschämend schlechten Wirkungsgraden bei der Strom- und Wärmegewinnung – von der aufwändigen Rauchgasreinigung und der Entsorgung der MVA-Schlacke mal ganz abgesehen. Mit diesen technologischen Dinosauriern ist kein Staat zu machen. In der Umwelt- und Energiepolitik sollte man jetzt aufpassen, sich nicht in kleinkarierten Kämpfen um die Entsorgungshoheit von Plastikbechern zu verlieren. Daran sind leider auch die Herrscher über Gelbe Tonnen und Säcke nicht ganz unschuldig, die mit Phantasierechnungen die Entsorgungspreise nach unten mogeln (Siehe: Alles klar beim Clearing? Die buchhalterischen Wunder des Gelbe Tonnen-Systems http://ne-na.de/alles-klar-beim-clearing-die-buchhalterischen-wunder-des-gelbe-tonnen-systems-ein-fall-fuer-das-bundeskartellamt/001133)

Der Gesetzgeber sollte ähnlich vorgehen wie in der Telekommunikation. Klare Regeln für die Kreislaufwirtschaft formulieren und über die Bundesnetzagentur überwachen lassen – fernab von egoistischen Zielen von Kommunen und Entsorgungskonzernen.

Kleine hausmeisterliche Korrektur in Richtung des FAZ-Redakteurs.

So schreibt Andreas Mihm: “Bisher dürfen nur vorher durch den ‘grünen Punkt’ lizenzierte Verpackungen in den Wertstofftonnen oder gelben Säcken entsorgt werden.”

Mensch Mihm. Auch die WAZ hat diesen Blödsinn schon geschrieben. Die Zeiten der Alleinherrschaft sind durch Interventionen des Bundeskartellamtes und der EU-Kommission schon lange vorbei. Mittlerweile muss sich der gewinnorientierte Grüne Punkt-Müllkonzern mit acht Konkurrenten um Marktanteile streiten. Da war es nur logisch, dass der Gesetzgeber in der fünften Novelle der Verpackungsverordnung die Kennzeichnungspflicht für Hersteller und Vertreiber in Deutschland abschaffte. Die Beteiligung an einem „Dualen System“ erfolgt nicht mehr durch den Aufdruck des Grüne Punkt-Zeichens.

Es läuft wie bei den Goldbärchen in der Thomas Gottschalk-Werbung. Sie gelten ja auch nicht als Symbol für die Süßwaren-Industrie, sondern stehen für ein einziges Unternehmen: Haribo. Beim Grünen Punkt ist es die Duales System Deutschland GmbH in Köln – nicht mehr und nicht weniger.

Siehe auch:
Floskeln und Sonntagsberichte: Warum wir in Fragen der Nachhaltigkeit nicht vorwärts kommen.

Verbandsvertreter der digitalen Wirtschaft scheuen die Datenschutz-Debatte #dmexco

Was der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) heute auf seiner traditionellen dmexco-Pressekonferenz zum Thema Datenschutz präsentierte, war doch erschreckend dürftig. Kaum Erklärungen zur Verteufelung von Social Plugins, zur Dämonisierung personalisierter Werbung sowie Dienste, keine klare Position zu den Bußgeldandrohungen des Datenschutzbeauftragten in Schleswig-Holstein wegen der Verwendung des Like-Buttons von Facebook. Man sonnt sich in dem Erfolg, den man in der Cockie-Regulierung durch Hinterzimmer-Gespräche in Brüssel und Berlin erreicht hat. Motto der Lobbyarbeit: Et is noch immer jot jejange. Diese Haltung wird allerdings nicht funktionieren, wenn man die öffentliche Meinung gegen sich hat.

Dabei wäre es ein leichtes Unterfangen, für die BVDW-Mitgliedsfirmen im nördlichen Bundesland einen Musterprozess anzustreben gegen die Verfügungen von Thilo Weichert, um endlich Rechtsklarheit zu bekommen. Der BVDW überlässt die Deutungshoheit den Mahnern und Warnern, bei denen das Glas immer halb leer ist. Dabei hat sich die digitale Wirtschaft mit Wachstumsraten von 16 Prozent zu einer echten Konjunkturmaschine entwickelt, wie man den Äußerungen von Arndt Groth und Paul Mudter vom BVDW entnehmen kann. Entsprechend selbstbewusst sollte dieser Verband auch den kritischen Diskurs in der Öffentlichkeit suchen. Mit der Kamera habe ich die wichtigsten Stellungnahmen der BVDW-Pressekonferenz festgehalten. Am Anfang kommt das Statement von BVDW-Vorstandsmitglied Matthias Ehrlich zum Datenschutz. Danach kommen Groth und Mudter.

Wo sich personalisierte Dienste hinbewegen können, ist dem Interview mit Karlheinz Land von Microstrategy zu entnehmen.

Ein ausführlicher Bericht von mir folgt noch. Meine Audioaufzeichnung kommt etwas später, denn ich habe ja noch konkret nachgefragt in Sachen Datenschutz ;-) .

Update, 19 Uhr:

Bundesbankpräsident in Köln: Finanzpolitik droht an Inkonsistenzen zu scheitern – Eurosystem darf nicht mit weiteren Risiken belastet werden

Zur Kölner Grundsatzrede des Bundesbankpräsidenten Dr. Jens Weidmann beim Verband “Die Familienunternehmer – ASU” über die Eurokrise war die Bude gut gefüllt. Verständlich. Denn die deutschen Vertreter im Rat der Europäischen Zentralbank sind mit ihrer geldpolitischen Linie kräftig in die Defensive geraten, was zu den Rücktritten des Vorgängers von Weidmann und des EZB-Chefvolkswirtes Jürgen Stark führte.

Die jetzigen Maßnahmen zur Bewältigung der Schuldenkrise hält Weidmann nicht für ausreichend, den Euro langfristig zu stabilisieren. Grundlegend hält er nur zwei Formen für grundsätzlich tragfähig.

„Die eine liegt in der Rückbesinnung auf die Grundprinzipien des vertraglich Vereinbarten und auch noch bestehenden Systems mit europäischen Regeln für die nationalen Finanzpolitiken – prinzipiell fiskalisch eigenverantwortlichen Staaten. Einem weitgehenden Haftungsausschluss und eine Disziplinierung der Fiskalpolitik durch die Finanzmärkte. Dies durch Ergänzungen und Stärkungen wieder erfolgreich zu stabilisieren und zu festigen, halte ich trotz aller Unkenrufe weiterhin für möglich. Die andere Möglichkeit liegt in einem großen Sprung, der einen grundlegenden Wechsel der föderalen Ausgestaltung in der EU bedeuten würde (Konzept der Fiskalunion wird von Weidmann noch genauer erklärt – siehe die Audioaufzeichnung, gs). Hierbei wären bisher auf nationaler Ebene liegende Verantwortlichkeiten, insbesondere in den Möglichkeiten der Schuldenaufnahme, auf eine europäische Ebene zu verschieben“, sagte Weidmann. Aus seiner Sicht muss die Entscheidung für einer der beiden Wege zeitnah fallen.

„Der Mittelweg, aus einer zunehmenden Vergemeinschaftung der Haftung, bei weiterhin eigenständigen nationalen Finanzpolitiken, droht an seinen Inkonsistenzen zu scheitern“, warnte der Bundesbankpräsident. Wie könne man unsolide Finanzpolitik verhindern, wenn eine Sanktion zwar in Aussicht gestellt werde, bei fortgesetzter Regelmissachtung das betreffende Land dann aber vom Kapitalmarkt abgeschirmt wird zu sehr vorteilhaften Konditionen? Fehlanreize, die zu einer Abschwächung der Reformbemühungen führen, dürfe nicht Tür und Tor geöffnet werden. Die Geldpolitik habe sicherlich Möglichkeiten zur kurzfristigen Finanzmarktberuhigung. „Diese Maßnahmen können die Grenze zwischen den Verantwortungsbereichen von der Finanzpolitik und der Geldpolitik verwischen und das Mandat einer unabhängigen Notenbank strapazieren“, so Weidmann. Zudem schwäche man die Anreize für die finanzpolitischen Akteure, selbst zu handeln. „Es gibt ja einen Akteur, der notfalls einspringt. Und gerade dies kann eben dazu führen, dass im weiteren Verlauf die finanzpolitischen Maßnahmen unzureichend oder verzögert umgesetzt werden. Beispiele sind Ihnen zur Genüge bekannt. Und damit schließt sich der Kreis und eine keinesfalls wünschenswerte Spirale kann in Gang kommen, bei der am Ende der Schwarze Peter bei der Geldpolitik verbleibt“, erklärte Weidmann.

Er hält in der Tradition der Bundesbank, Prinzipientreue in der Geldpolitik für besonders wichtig. Und dies umso mehr in einer Währungsunion. Dabei gehe es nicht um Dogmatismus. Einer gewissen Flexibilität im Einzelfall wolle sich Weidmann nicht verschließen. Dies dürfe aber nicht dazu führen, dass systematisch grundlegende Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten ausgehebelt werden. Dies würde die Legitimation einer unabhängigen Geldpolitik in Frage stellen. „Derzeit haben die Notenbanken bereits der Finanzpolitik einen Teil der Lasten zur Stützung einzelner Mitgliedsstaaten oder Banken, die in Schieflage geraten sind, abgenommen. Der Preis dafür ist, dass die Bilanz des Eurosystems mit erheblichen Risiken belastet ist. Ich bin der dezidierten Auffassung, dass diese Risiken nunmehr abzubauen sind und keinesfalls auszuweiten sind. Dafür setze ich mich im EZB-Rat ein, mit Mitstreitern oder ohne. Diese Position wird bleiben“, so Weidmann.

Hier die Audioaufzeichnung der Rede. Die Akustik im Raum war bescheiden schön. Am Anfang der Aufnahme ist es etwas unruhig – habe auf einen Schnitt verzichtet, um das schneller hier veröffentlichen zu können.


Ein paar Videos habe ich auch gemacht – auch hier lässt der Ton zu wünschen übrig, da ich nicht dicht genau am Rednerpult stand.

Die anderen Teile sind auf meinem Youtube-Kanal abrufbar.

Das es höchste Zeit ist, klare Regeln zur Bewältigung der Eurokrise zu finden, belegt der Welt-Artikel: Tausende Mails und Briefe gegen Euro-Hilfen.

Staatskunst in der Euro-Krise gefragt!

Zur Eurokrise schreibt Stefan L. Eichner, es dürfe nicht übersehen werden, dass die Politiker und besonders auch die Notenbanker offensichtlich in einem ganz entscheidenden Punkt versagt haben:

Sie haben es nicht geschafft, die Risiken einer neuen Finanzmarktkrise abzubauen. Das mag zum Teil daran liegen, dass der Mut fehlte, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Es liegt vor allem aber auch daran, dass das Verständnis der Finanzmärkte nach wie vor vollkommen unzureichend ist, um eine klare Vorstellung darüber zu entwickeln, wie sie wieder einzufangen sind. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen waren die Notenbanker seinerzeit von der Finanzmarktkrise überrascht worden. Die Krise hatte klar werden lassen, dass die Theorien und Modelle, auf die sich die Noten-banker stützen, im Grunde unbrauchbar sind. Wer, wenn nicht die Chefvolkswirte der Notenbanken, hätten bestrebt sein müssen, daran etwas zu ändern?

Hausaufgaben, wie im fortgesetzten Niedergang der griechischen Volkswirtschaft, gibt es zu Genüge. Das wird Thema meiner Montagskolumne für das Debattenmagazin “The European”. Auszug:

Quittiert ein Bauer seinen Dienst, weil er eine schlechte Ernte fürchtet? Wohl kaum. Wer sich mit seiner Meinung in politischen Gremien nicht durchsetzt und deshalb seine Backförmchen in die Ecke schmeißt, kann nichts mehr gestalten. Wer sich kopflos vom Acker macht, verschlimmert die Lage. Wer als Schlaumeier außer Dienst seinen Senf ablässt, hätte es in seiner aktiven Zeit doch besser oder anders machen können. Insofern sehe ich die Demission von Jürgen Stark als Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) und Axel Weber als Bundesbankpräsident nicht als Weckruf, sondern als Fahnenflucht. Sie begreifen und beherrschen ihr wirtschafts- und geldpolitisches Metier nicht als Staatskunst. Das die geldpolitischen Falken den Sündenfall des Ankaufs von Staatsanleihen nicht ertragen, ist nachvollziehbar. Vielleicht waren Stark und Weber in den Marathon-Sitzungen des EZB-Rates nicht überzeugend genug, um sich gegen die Linie des EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet durchzusetzen? Welche Alternativen hatten sie anzubieten? Es reicht nicht aus, nur „Nein“ zu sagen. Mit seinem spektakulären Rücktritt im Frühjahr verbaute Weber zudem jegliche Chancen, einen deutschen Vertreter an die Spitze der europäischen Geldhüter zu schicken – auch das zeugt nicht von politischer Weisheit. Bockigkeit ist kein Katalysator für geschickte Diplomatie.

Die Kolumne dürfte ab 9 Uhr abrufbar sein.

„Privacy made in Germany“: Marschieren wir in den digitalen Provinzialismus? Story für Freitag

Für Beobachter des digitalen Wandels ergibt sich nach Ansicht von Netzwertig-Blogger Martin Weigert ein äußerst widersprüchliches Bild: Auf der einen Seite dominiere in der öffentlichen Debatte die Empörung über die Vernachlässigung von Daten- und Verbraucherschutz bei den führenden US-Internetfirmen, auf der anderen Seite aber geht es genau für die deutschen Social Networks wie etwa die VZ-Netzwerke bergab, die sich in den kritischen Punkten seit langem als „die Guten” positionieren. „Der Großteil der Internetnutzer scheint sich trotz anderslautender Aussagen nicht wirklich daran zu stören, dass die US-Services es mit dem Datenschutz weniger genau nehmen als ihre einheimischen Wettbewerber. Oder zumindest ist die Bereitschaft hoch, Abstriche zu machen, wenn im Gegenzug zeitgemäße Werkzeuge für die Kommunikation und Interaktion mit anderen bereitgestellt werden“, schreibt Weigert.

Auch wenn „Privacy made in Germany” als neues Alleinstellungsmerkmal propagiert werde – für stark von Netzwerkeffekten abhängige Dienste mit Schwerpunkt auf der Abbildung sozialer Beziehungen ist hoher Datenschutz kein funktionierendes Verkaufsargument. „Dazu sind Facebook, Twitter und Google+ ganz einfach spannender – gerade weil sie mehr Einblicke in das Leben anderer gewähren und das Auffinden dieser Menschen erleichtern“, so das Fazit von Weigert.

Weitaus wichtiger ist aber wohl die Heuchelei in der gesamten Debatte, wie es der Blogger fasel konstatiert: Die Kampflinie Datenschützer versus Staat haben die großen Parteien durch massives agenda-setting abgelenkt auf Datenschützer versus Google und Facebook. Daraus resultiert auch die Heuchelei, die Erfassung von IP-Adressen als datenschutzwidrig darzustellen, während man gebetsmühlenartig eine Vorratsdatenspeicherung fordert die erst dafür sorgt, dass eine IP auf einen Anschluss zurückzuführen ist. Dieselbe Doppelmoral durchzieht die Aufregung um die biometrische Auswertung von Facebook-Fotos, wenn im selben Moment Geheimdienste und Ermittlungsbehörden selbst eben diese Daten von Facebook abgreifen und auswerten – sicherlich auch biometrisch.

Eigentlich gehe es bei Diskussionssuppe Datenschutz um das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. „Grundrechte wiederum sind Abwehrrechte gegen den Staat. Das bedeutet, sie sind dazu bestimmt, grundlegende Freiheitsräume der Bürger gegen den Staat zu schützen und diesen in seiner Machtausübung zu binden“, so fasel. Wenn jetzt der Staat durch Repräsentanten wie den schleswig-holsteinischen Datenschützer Thilo Weichert suggeriert, die Bürger vor den bösen amerikanischen Internet-Konzernen zu schützen, ist das ein semantischer Trick: „So wird das Grundrecht, dass eigentlich einen Freiheitsraum schützen soll, zur Rechtfertigung, eben diesen Freiheitsraum zu beschneiden“, kritisiert fasel. Dabei gehe die größte Bedrohung der Privatsphäre von staatlichen Institutionen aus und nicht von privaten Datensammlern.

„Es ist ersichtlich, warum man nicht vom Staat ausgehorcht werden will. Der Staat kann einem das Leben zur Hölle machen, wenn ich bestimmten normativen Kriterien nicht entspreche. Er kann mich ins Gefängnis sperren und all meine Hab und Gut konfiszieren. Aber nichts davon kann Facebook und nichts davon will Facebook überhaupt können. Wozu also all die Aufregung“, fragt sich Kontrollverlust-Blogger Michael Seemann. Facebook und Co. sammeln Daten, um personalisierte Werbung anzuzeigen – ein unglaubliches Verbrechen. „Sie geben Partnern Zugriff auf die Daten, um ebenso Werbung anzuzeigen oder Features zu ermöglichen. Mehr nicht. In der Reihe der Unternehmen, die potenziell oder real an Informationen von Nutzern herankommen, ist kein einziges dabei, das mit einer Keule auf irgendwen einschlagen wird oder eine Sklavengaleere betreibt, auf der wir rudern müssen, weil wir den falschen Filmgeschmack haben“, erklärt Seemann.

Ähnlich sieht es auch wollmilchsau-Blogger Tobias Kärcher:

Wäre ich ein ängstlicher Mensch, würde ich mir im Zweifelsfall mehr Sorgen darüber machen, was diese Kontakte mit meinen Daten anstellen könnten, als ein Weltkonzern, der mich dem passenden Werbekunden präsentieren möchte. Natürlich lassen diese Zahlen Raum für Interpretationen. Die einen werden sagen, wenn die Hälfte der Nutzer die Sichtbarkeit ihrer Daten nicht oder nur kaum einschränkt, so gibt es immerhin eine andere Hälfte, die sich um die Kontrolle ihrer Daten sorgt. Aber auch in dieser Hälfte (ich selbst gehöre dazu) wird der Unterschied zwischen “privat” und “nicht öffentlich” nicht völlig unbekannt ein. Mag sein, dass der Social Graph unter der juristischen Lupe unschöne Flecken hat, aber die Frage, was heute ein schützenswertes Datum ist, die bleibt nach wie vor unbeantwortet. Erinnert mich wieder an den Deutschen, der Fernsehteams (vor seinem Haus stehend!) verkündet, dass er seine Privatsphäre vor Googles Street-View Kamera geschützt wissen möchte. Absurd. Und wie bei Street-View: Ein Jahr später ist es dann plötzlich doch schade, dass die eigene Straße ein einziger Pixelbrei ist. Aber dann will es wieder keiner gewesen sein – jede Wette!

Das Thema möchte ich in meiner Freitagskolumne aufgreifen. Eure Meinung interessiert mich. Statement hier als Kommentar posten oder mir per Mail schicken: gunnareriksohn@googlemail.com. Bis spätestens Donnerstag 22 Uhr.

Reguliert die Börsenbubis! Die Schnöselkrieger auf den Finanzmärkten brauchen strengere Regeln


Wieder erlebten wir eine Woche der Panik, der Schreckensbotschaften, der Crash-Szenarien und Horrormeldungen an den internationalen Finanzmärkten. Erst jubelten die Analysten über das Ende des Schuldenstreites, der wie eine schlechte Inszenierung eines Shakespeare-Dramas von Demokraten und Republikaner in den USA aufgeführt wurde. Nun verzeichnen vor allen Dingen die riskanten Zockerpapiere dramatische Verluste – weil es angeblich an der Glaubwürdigkeit der Staatsregierungen mangelt, ihre Haushaltsführung in den Griff zu bekommen. Das Konzert des Wehklagens wird begleitet von Analystenstimmen auf dem Niveau von Bauernkalendern.

Denn in Wahrheit wissen die Fondsmanager, Analysten, Makler und Händler in den Tempeln des Casino-Kapitalismus nichts – außer vielleicht den Kontostand ihrer Spekulationen. Sie sind ständig überfordert, weil sie Zusammenhänge, Volkswirtschaften und Unternehmen analysieren, „die viel zu komplex sind, um jemals für Außenstehende durchschaubar zu sein“, bemerkt Georg von Wallwitz. Die Entstehung der neuzeitlichen Finanzmärkte sei gespickt mit Fehlurteilen. Das liege daran, dass die Akteure an diesen Märkten, die Finanziers, Investoren und Spekulanten, nicht dem Ideal eines klugen, geduldigen, verständigen und berechnenden Menschen entsprächen, so der Fondsmanager, Philosoph und Mathematiker Wallwitz.

„Euer Schelmenzeug erfüllt mein Reich mir mit Gestank“

Wirtschaftliche Rationalität ist eben eine Schimäre. Ich kann die Börsenbubis noch nicht einmal als liebwerteste Gichtlinge titulieren. Das wäre viel zu harmlos. „Feiste Schleckerbruth“, „Schinder“, „Wucher-Pack“ und „gemeine Blutegel“ hätte Rabelais sie genannt: „Euer Schelmenzeug erfüllt mein Reich mir mit Gestank.“ Es sind Schnösel-Krieger in Maßanzügen, Designerhemden, Edelkrawatten und Budapesterschuhen, denen an den universitären Denkfabriken kräftig ins Gehirn geschissen wurde, wie es der Kabarettist Volker Pispers so erfrischend deutlich ausgesprochen hat.

Heraus kommen Ökonomie-Eunuchen, BWL-Amöben und Geldjongleure. Ihre Lehrmeister ignorieren, dass man ökonomische Zusammenhänge nicht in Ceteris-paribus-Formeln kloppen kann. Dennoch werden Investmentbanken mit Legionen von Hochschulabsolventen versorgt, die die Finanzmärkte mit zweifelhaften Modellannahmen dirigieren wollen. Wo die Ungewissheit wuchert, versagen leider auch die besten Simulationsrechnungen.

Es sind zwei Herren, die als Symbol des finanzkapitalistischen Wahnsinns in Erinnerung gerufen werden sollten. Myron Scholes und Robert Merton, die für ihre „Verdienste“ sogar mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurden. Ihre theoretischen Fata-Morgana-Obsessionen setzten sie in dem Hedge Fonds „Long-Term Capital Management“ in die Praxis um. „Die Instrumente, mit denen sie arbeiteten, waren damals nur einer Minderheit von Eingeweihten vertraut: ABCPs, Carry Trades, CDOs, Optionen, Leerverkäufe, Derivate und andere, noch exotischere ‚Produkte‘“, schreibt Hans Magnus Enzensberger in seinen „Mathematischen Belustigungen“ (edition unseld). In den ersten Jahren erwirtschafteten sie mit einem Eigenkapital von nur vier Milliarden Dollar eine Rendite von 30 bis 40 Prozent. Das biblische Mirakel der Brotvermehrung mutet dagegen kümmerlich bescheiden an.

Die Modelle der preisgekrönten „Wissenschaftler“ beruhen allerdings auf Simplifizierungen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Gaußsche Normalverteilung widerspricht der Realität des Marktes. „Dazu kommt noch eine weitere Fehlerquelle. Die Modelle, mit denen Händler, Banken und Versicherungen arbeiten, sind, wie der Mathematiker Yuri Manin sagt, in hohem Maße in der Software ihrer Computer codiert. Damit gängeln diese Programme als eine Art Kollektiv-Unbewusstes das Verhalten der Akteure“, führt Enzensberger aus.

Betonung auf Anal und wenig lyse

Aber gerade die unerwarteten Umstände schaufelten das Spekulationsgrab, in das Scholes und Merton hineinfielen. Der Hedge Fonds LTCM kollabierte 1998, führte zu einem Verlust von über vier Milliarden Dollar und machte einen Rettungsplan notwendig, an dem sich bekannte Namen als Samariter betätigten: Bear Stearns, Lehman Brothers, Merill Lynch, Morgan Stanley und Goldman Sachs – natürlich auch die Deutsche und Dresdner Bank. Scholes wurde zwar wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 40 Millionen Dollar verurteilt, arbeitet aber nach wie vor als Fondsmanager. Und Merton? Er lehrt wieder Ökonomie an der Harvard Business School, wo er die Analysten der Zukunft ausbildet – mit Betonung auf Anal und wenig lyse. Für beide Spekulatius-Luschen beantrage ich die Aberkennung des Nobelpreises, wenn das überhaupt geht. Schließlich müssen auch des Dopings überführte Tour-de-France-Sieger ihre Krone wieder zurückgeben. Als politische Therapie gegen die Hybris des Finanzkapitalismus fordert der Liebwerteste Gichtling-Kolumnist – also ich – mehr Regulierung und weniger Rettungsschirme. Hier geht es weiter zur Kolumne im Debattenmagazin “The European”.

Frank Schirrmacher braucht eine europäische Suchmaschine: Der Chirac des Tages


Frank Schirrmacher von der FAZ macht sich Sorgen über europäische Gehirne. Unser Wissen wird zunehmend ausgelagert und zwar in die Hände amerikanischer Konzerne. “Nach dem Stand der Dinge liegt das wirkliche Wissen heute in der Hand von einem, mit Apple und Facebook maximal drei Mega-Konzernen. Was heißt es, dass wir von dem virtuellen Bibliotheksdirektor niemals erfahren, was eigentlich das relevante Wissen der Jetztzeit ist: welche Schlüsse er aus unseren Lektüren, unserem Verhalten, unserem Konsum, unserem Leben zieht? Was er weiß? Vielleicht müssen wir uns Gott als diesen Bibliothekdirektor vorstellen”, schreibt Schirrmacher.

Während die EU Milliarden ausgibt, um mit Galileo das GPS nocheinmal nachzubauen, sei die Entwicklung einer europäischen Suchmaschine schon im ersten Anlauf gescheitert (siehe unten, gs). “China, besorgt um seine Deutungshoheit, hat Baidu. Man muss das Werkzeug Google, mit dem wir heute alle arbeiten, nicht perhorreszieren. Aber eine europäische, nicht privatwirtschaftliche Suchmaschine, die keiner politischen oder ökonomischen Kontrolle unterliegt, ist vielleicht das wichtigste technologische Projekt der Gegenwart. Der Chaos Computer Club wäre ihr TÜV. Wenn wir diese Maschine nicht bauen, werden wir uns eines Tages vielleicht an uns selbst nur in einem einzigen Moment erinnern: wenn wir zum ersten Mal unser von der Videokamera aufgezeichnetes Bild auf dem Computerschirm sehen”, so die Sorgen des Neuro-Feuilletonisten. Hier endet der langamtige Exkurs, der so verheißungsvoll begonnen hatte. Was man nachschlagen kann, brauche man nicht im Gedächtnis zu behalten. Nach dieser alten Lehrerweisheit funktioniere auch Google. “Nur dass der Stoff von Google unser Leben ist”. Alles schön und gut. Wer in Europa soll diese Maschine bauen? Und der Chaos Computer Club soll als TÜV für ein europäisches Vorhaben fungieren – bezahlt mit Steuergeldern?

Die europäische Antwort auf Google sollte Quaero sein – doch das vollmundig rausposaunte deutsch-französische Prestigeprojekt ist kläglich in die Hose gegangen. Wie soll also etwas in Europa gelingen, was vor fünf Jahren schon nicht klappte? Übrig geblieben ist das deutsche Forschungsprogramm Theseus – auch da ist bislang der Durchbruch nicht gelungen.

Der frühere französische Staatspräsident Chirac startete 2006 das Projekt Quaero mit großem Getöse, um die erste „wahre multimediale Suchmaschine“ in Europa auf die Beine zu stellen. Es sollte nicht nur Texte, sondern auch Musik oder Bilder finden. Die Suchergebnisse sollten auf Computern, Mobiltelefonen und Fernsehen in mehreren Sprachen angezeigt werden können. In den Internetforen und Branchenkreisen wurde das Projekt von Anfang an skeptisch gesehen, denn bei Google arbeiten mehrere tausend Softwareentwickler an der stetigen Verbesserung der Suchmaschine. Schon damals war klar, dass man den Vorsprung von Google mit einem staatlich geförderten Projekt nicht einholen könne. Damals schrieb ich in einem Artikel:

Keine Gesellschaft verfügt über eine grössere Rechenleistung als Google mit seinem Netzwerk gewöhnlicher, doch aufgemotzter PCs. In einem Zeitalter der hoch spezialisierten Arbeit montiert Google jeden PC seines mächtigen Netzwerks in sicheren Anlagen, die kein Aussenseiter betreten darf, einschliesslich der Besucher des Googleplex, die glauben, alles gesehen zu haben. Der schiere Umfang der Rechenoperationen sorgt dafür, dass dieses Vorgehen kostengünstiger und qualitativ hochwertiger ist als der Kauf massgefertigter Computer bei einem anderen Hersteller. Die massgeschneiderten PCs arbeiten zusammen und führen Suchaktionen rasch durch, indem sie Anfragen in winzige Komponenten zerlegen. Diese Teile werden gleichzeitig verarbeitet, indem man sie mit im Voraus indizierten und aufbereiteten Kopien des Internet vergleicht.

Quaero plante Projekte, die sich die Google-Entwicklerteams schon längst auf die Fahnen geschrieben haben. Schon in naher Zukunft werde sich die ursprüngliche Suche im Web über den PC auf alle anderen Produkte ausbreiten.

Technologische Innovationen funktionieren eben nicht auf dem Niveau von Kommissionen, Räten oder Komitees. Sie entstehen auch nicht durch Proklamationen im Feuilleton.

Ähnlich erhellend sind die Schirrmacher-Mondphasen zur Rettung der Qualitätspresse: “Es könnte sein, dass Zeitungen und Zeitschriften und die seriösen Nachrichtensendungen eine ganz andere Zukunft haben. Sie wären das letzte verbliebene Kommunikationsmittel, die in einer elektronischen Welt die Zeit biologisch organisieren: gleichsam mit Aufgang und Untergang der Sonne. Oder mit den Mondphasen – wenn es um Wochenpublikationen geht -, die wir uns in den Begriff der ‘Woche’ übersetzt haben. Der Markt für diese Exklusivität von Zeit wird wachsen, nicht schrumpfen, wenn die Zeit der Narkose vorbei ist.” Alles klar?