Über die Autarkie des Blogger-Daseins

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Deine Macht ist mit Dir

Auf welcher Zahlenbasis nun das Krisengerede über Blogs losgetreten wurde oder welche Interessen da eine Rolle spielen, ist nicht eindeutig festzustellen. Vielleicht passt es einfach gut in die Landschaft von “KRISE” zu reden. Parteien-KRISE, Euro-KRISE, Banken-KRISE, Bildungs-KRISE, Koalitions-KRISE, Rösler-KRISE, Konjunktur-KRISE, Blitzeis-KRISE am Frankfurter Flughafen, Lebens-KRISE, Karriere-KRISE, Kanzlerkandidaten-KRISE, Leihstimmen-KRISE und, und, und. Und nun eben auch Bloggger-KRISE.

“Wie eine unaufhaltsame Seuche kann sie jedes andere Wort in ihren Schatten stellen, um es unter ihren zarten fünf Buchstaben ins Aus zu drücken: den Euro, die Zeitung, die Männlichkeit. Nun auch die Blogs”, schreibt FAZ-Bloggerin TERESA MARIA BÜCKER.

Das Sprechen von der Krise der Blogs hänge noch immer dem treuherzigen Konkurrenzstreben nach, das glaubt, Blogs würden professionellen Journalismus irgendwann ablösen.

“Diese Sichtweise erfasst jedoch weder die Natur von Journalismus, noch lässt sie der Praxis des Bloggens die Freiheit, die sein Charakteristikum ist. Blogs zählen schon heute zum professionellen Journalismus, sie sind fester Bestandteil von Unternehmenskommunikation und politischer Öffentlichkeitsarbeit”, so Bücker.

Gut gemachte Blogs sind experimentierfreudig, stehen nicht unter dem Regime von irgendwelchen Torwächtern, erlauben mehr Freiheit in der Form wie Bücker trefflich bemerkt, machen mehr Subjektivität möglich, ermöglichen mehr Nähe zu den Leserinnen und Lesern, schaffen Vertrautheit und fördern Gespräche.

“In Blogs werden Diskussionen eröffnet, Fragen formuliert und Gedanken unvollendet publiziert. Blogs haben keine Freigabeschlaufe, sie machen verwundbar, sind wunderbar”, stellt Bücker fest.

Bloggen könne eine Freiheitspraxis sein.

“Als ein Gespräch mit anderen oder mit sich selbst sind Blogs krisenfest, denn sie sind an nichts gebunden”, resümiert Bücker.

Ohne Freigabeschlaufe, ohne ein Regime für Sprachregelungen, ohne den Taktstock des Nachrichtentickers, ohne Deadline, ohne Zeilenvorgabe, Endabnahme, externe Prüfung – das alles sind Vorteile vor allem für Blogs, die nicht an große Medienkonglomerate gebunden sind. Verlage können Blogger-Existenzen von heute auf morgen auspusten – wie Michael Seemann schmerzhaft bei der FAZ erfahren müsste – siehe auch: FAZ-Blogs jetzt ohne Kontrollverlust: Der Vorhang zu und alle Fragen offen.

Als Einzelkämpfer kann mir das nicht passieren. Hier liegen die Vorteile klar bei privaten Blogs.

Und ich stimme den Ausführungen von Christian Buggisch zu:

“Die Reichweite und Bedeutung der ‘reinen’ Blogs ist vielleicht geschwunden, was aber daran liegt, dass das ganze Web von den Blogs gelernt und viele ihrer Neuerungen übernommen hat – woran ich nichts Schlechtes finden kann.”

Es hängt zudem von der eigenen Schaffenskraft ab, wie viel Aufmerksamkeit man in der Netzöffentlichkeit erreicht. Das erwähnte ich bereits vor zehn Tagen und wiederhole es noch einmal: Selbst die Stars der Blogger-Szene haben einige Jahre gebraucht, um im Netz wahrgenommen zu werden. Daran hat sich auch heute nichts geändert. Man kann sich auf seinen Lorbeeren nicht ausruhen und das ist auch gut so. Die Resonanz auf Blogpostings ist ein untrüglicher Lackmustest für den Grad der Interessantheit. Jedes Blogposting läuft unterschiedlich. Mal treffe ich den Nerv, mal schieße ich gnadenlos am Ziel vorbei. Mal bin ich gut in Form oder eben nicht. Mal habe ich einen tollen Geistesblitz, recherchiere eine wichtige Sache, schildere persönliche Erlebnisse, schlage Themen für Interviews vor oder berichte von Konferenzen, die von der Netzöffentlichkeit mit Begeisterung aufgenommen werden. Dann gibt es wieder Tage, wo man sich ins Knie schießt und mit seinen Verlautbarungen im Nirwana endet. So ist das Leben. Es ist sehr lehrreich.

Als wichtigsten Punkt sehe ich die Unabhängigkeit. Ich kann hier zu jeder Tages- und Nachtzeit in die Tasten greifen und Dinge publizieren, die mir gerade durch den Kopf schießen.

Was Sascha Lobo im vergangenen Frühjahr auf der republica gefordert und Johnny Haeusler vom Spreeblick vor ein paar Wochen thematisiert haben, geht in die richtige Richtung und wurde auch von Christian Buggisch untermauert:

“Sorgt dafür, dass wichtige Inhalte und die Diskussion darüber in euren eigenen Blogs ihre Heimat haben, und nicht auf den Plattformen irgendwelcher Konzerne, die diese Plattform morgen vielleicht dicht machen oder ihre AGB nach Belieben ändern. Natürlich ist Facebook beeindruckend und Twitter charmant und Google+ interessant…Aber wenn es um mehr als Zwitschern und Liken geht, spricht viel für den eigenen Blog.”

Über die Kehrseite der AGB-Dikatoren im Netz unterhalten wir uns ja am 30. Januar in der zweiten Session des Blogger Camps von 19,30 bis 20,00. Vielleicht formulieren wir da Vorschläge für eine Charta, um die virtuelle Existenz vor willkürlichen Maßnahmen der Internet-Konzerne zu schützen. Möchte noch einer an der Runde teilnehmen? Dann bei mir melden.

Siehe auch:

Über Menschenrechte in der digitalen Öffentlichkeit und freiheitsbeschränkende AGBs #rp12

Krise der Blogger.

Was Redakteure so erleben können, hat Stefan Niggemeier beleuchtet: Die Westfälische Rundschau wird vor dem Tod schon stumm gemacht.

Über diese Anzeigen

12 Gedanken zu “Über die Autarkie des Blogger-Daseins

  1. Aus aktuellem Anlass ;-): Die Einbindung von Video- und Audiobeiträgen in Deine Blogposts hat immer einen sehr großen Mehrwert, weil man so immer wieder auf wichtige Beiträge aufmerksam gemacht wird, die man noch nicht kennt oder die das Thema von einer weiteren Seite beleuchten. Vielleicht könnte man das aber noch optimieren ;-),– als Leser will ich es ja immer so bequem wie möglich haben – wenn man bei so einem langen Beitrag wie von Sascha Lobo, die Minutenzahl angibt, wo man die Kernstellen findet. Denn nicht immer hat man die Zeit, sich das komplett anzuschauen. Ist nur als Anregung auf ganz hohem Niveau zu verstehen :-) – ansonsten: weiter so!

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  2. Stimmt, Joas. Da bin ich ein wenig schlampig. Ärgere mich manchmal auch selbst, weil ich wichtige Passagen nicht sofort finde. Ist aber auch verdammt zeitaufwändig. Und wenn man es nicht direkt nach der Aufzeichnung macht, bleibt es häufig auf der Strecke. Ich gelobe Besserung. Jedenfalls werde ich versuchen, die wirklich wichtigen Stellen besser zu markieren. Vielen Dank für Deine Anregung.

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  3. Gibt es keine Möglichkeit,, in der Fortschrittsanzeige von Youtube Lesezeichen zu verankern?

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  4. Hallo Angersbach, das Einzige was da geht, ist mit der rechten Maustaste an der gewünschten Stelle die URL zu kopieren und den Link abzuspeichern. Damit springt man dann direkt an die Stelle im Video. Im Bild der zweite Menüpunkt von oben. https://docs.google.com/file/d/0B70Cg9EggGQoTzR3STFJWWVqcEE/edit Direkt in der Fortschrittsanzeige verankern, so das man später beim wiederholten Schauen des Videos die Lesezeichen wieder findet geht soweit ich das überblicke nicht. Aber das wäre eine nützlich Sache. Mach doch mal einen Vorschlag an Youtube. Wie so ein Link wirkt, kannst Du hier austesten: http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=vzMEM0JLeM8#t=175s Die 175s im Youtube Link gibt die Position im Video an, zu der der Link direkt hinführt!

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  5. Youtube sollte es so einrichten wie Soundcloud. Da geht an der Markierung ein Fenster auf und man kann sogar noch einen kleinen Hinweis reinschreiben. Sehr nützlich und einfach zu handhaben.

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