Der Herr Obermann von der Telekom sollte es jetzt nicht allzu persönlich nehmen, dass ich mich nach dem Blogposting über seinen freiwilligen oder unfreiwilligen Abgang bei der Telekom mit der Schaumschläger-Kommunikation von Unternehmen beschäftige. Als Gesprächspartner stand mir der von mir sehr geschätzte Patrick Breitenbach zur Verfügung – Botschafter, Dozent, Vernetzer und Vermittler der Karlshochschule.
Patrick meldete sich nach meiner Story über die neue Aufmerksamkeitslogik, die unseren digitalen Alltag immer mehr bestimmt. Sehr gut ausgeführt bei Mercedes Bunz: „Die stille Revolution“ (erschienen in der edition unseld).
Klassische Medien berichten über Neuigkeiten, die sich auf das Ereignis ausrichten. Was nicht in diese Kategorie passt, wird nicht aufgegriffen. Die digitale Öffentlichkeit ist vor allem von den Interessen der Nutzer getrieben:
„Noch lange nachdem die Karawane der professionellen Journalisten weitergezogen ist, spüren Social-Web-Nutzer den Themen nach, die sie bewegen“, zitiert Bunz den „Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger. Nachrichten könnten, wie guter Wein, durch Lagerung an Wert gewinnen. Da darf natürlich auch der viel zitierte Satz einer Studentin nicht fehlen: „Wenn eine Nachricht wichtig für mich ist, wird sie mich schon finden.“
Und wann sie für mich wichtig ist, entscheide ich selbst und nicht die „Tagesschau“, irgendein Pressesprecher oder Marketingfuzzi. Es entsteht also eine virale Logik, die eine ganz eigene Dynamik entfaltet.
„Dieser viralen Kommunikation liegt letztlich die Möglichkeit zugrunde, Inhalte immer wieder zu reproduzieren. Nur etwas, das neu arrangiert und wiederverwendet, also wiederholt oder nachgeahmt werden kann, besitzt das Potenzial, viral zu werden“, führt Bunz in ihrem neuen Opus aus.
Um diese Aufmerksamkeitslogik zu nutzen, sollten die liebwertesten Gichtlinge in den Kommunikationsabteilungen der Unternehmen endlich aufhören, ständig in der gleichen Buchstabensuppe zu schwimmen und die Öffentlichkeit mit ihren Laber-Ritualen zu nerven.
Die drei Aspekte virale Netzeffekte, asynchrone Kommunikation und Findepunkte möchte ich weiter vertiefen. Würde dazu gerne noch ein paar Experteninterviews per Telefon oder Hangout On Air führen. Oder als Bibliotheksgespräch in meinem Büro in Bonn. Wer Interesse daran hat (vielleicht fällt dem Einen oder Anderen ja nach Weihnachten die Decke auf den Kopf), sollte sich bei mir melden. Das Interview mit Patrick werte ich in den nächsten Tagen aus.
Der Telekom-Kapitän Rene Obermann verlässt sein Schiff seinen recht unbeweglichen Tanker. Das ist nicht weiter wild. Er kann ja machen, was er möchte. Bemerkenswert ist nur seine Begründung für den Rücktritt:
Nach 16 Jahren Tätigkeit für die Deutsche Telekom, davon elf Jahre im Vorstand, möchte Obermann wieder „stärker unternehmerisch geprägte Aufgaben“ übernehmen.
„Ich will wieder mehr Zeit für Kunden, Produktentwicklung und Technik haben.“
Was hat er eigentlich in den sechs Jahren als Boss des Bonner TK-Konzerns gemacht? Es zeigt sich an dieser Aussage das ganze Dilemma von Konzernen, die nach der so genannten Shareholder Value-Doktrin geführt werden. Vor einigen Jahren hat das Malik Managementzentrum in St. Gallen interessante Befunde zu diesem Phänomen geliefert. Die leitenden Angestellten wie Obermann, denn nichts anderes ist er als Vorstandschef, pflegen nur selten Kontakt zu ihren Kunden.
Nur 15 Prozent der befragten Manager haben direkten Kundenkontakt. 85 Prozent dagegen kennen den Kunden nur vom Hörensagen. „Er hat so den Charakter eines Fabelwesens im Märchenwald“, moniert Fredmund Malik. Der Schweizer Managementberater erkennt keinen Grund, warum Top-Manager im zwölften Stock ihres Firmensitzes residieren. Warum nicht im Erdgeschoss? Da sei man viel näher dran am Kunden. Hoch oben gehe der visionäre Blick hin zum Horizont. Aber die Kunden seien ganz klein da unten. Die Gründe für das Fiasko bei Unternehmen wie Karstadt sieht Malik in einer kollektiven Irreführung des Managements, die sich ausschließlich vom Shareholder-Value leiten lasse.
„Durch die Lehre vom Shareholder-Value wurde die exklusive Hinwendung zum Aktionärsinteresse legitimiert und damit de facto die Abkehr vom Kunden und vom Kundennutzen“, führt Malik aus.
Es zählt ausschließlich die Steigerung des Aktienkurses und nicht die langfristige Weiterentwicklung des Konzerns. Was man früher als Spekulantentum bezeichnete, entwickelte sich zur Richtschnur für unternehmerisches Handeln. In der modernen Strategielehre sei es nicht mehr entscheidend, Kunden erfolgreicher zu bedienen als die Konkurrenz.
„Nun bestand Strategie darin, Deals zu machen sowie die Erwartungen des Börsenpublikums, der Analysten und Medien zu befriedigen“, kritisiert Malik.
Man verwechselte Gewinn mit wirtschaftlich-unternehmerischer Leistung. Die Tätigkeit des Wirtschaftens sei zwar komplex; die Logik des Wirtschaftens sei letztlich einfach:
„Wer Kunden hat, wird immer auch Kapital bekommen, ob von der Börse oder aus anderen Quellen, ist nicht entscheidend. Aber auch mit noch so viel Kapital lässt sich nicht wirtschaften, wenn man keine Kunden findet. Dass eine Idee Börsenkapital anzuziehen vermag, ist keinerlei Hinweis auf ihre Tauglichkeit für Kunden“, so Malik.
Problematisch wird es, wenn die Begriffe Manager und Unternehmer nicht mehr sauber getrennt werden. Das Wesen eines Managers ist das eines Angestellten, da er kein eigenkapitalbasiertes Risiko trägt. Die Abfindungen sind bereits vertraglich festgeschrieben, so dass kein Super-Star am Ende vor dem finanziellen Ruin steht. Im Fall von Obermann, dessen Vertrag noch bis 2016, sieht es wohl anders aus. Durch die frühzeitige Auflösung der Vereinbarung fällt angeblich keine Abfindung an. Das sollte noch genauer untersucht werden.
Beim Shareholder Value kommt noch ein weiteres Problem hinzu. Sie sind nur noch selten Aktionäre im Sinne des unternehmerischen Eigentümers:
„Sie kaufen Aktien nicht als Anleger, um sie wegen des Unternehmens und seiner Leistungsfähigkeit zu halten. An den Unternehmen selbst ist diese Art von Aktionär im Grunde nicht interessiert, sondern an der schnellen Perfomance für die Fonds-Manager und die Zertifikat-Besitzer“, bemängelt Malik.
Die 100 größten Money Manager Amerikas verwalten fast 60 Prozent der US-Aktien und da gehe es in erster Linie um die Turnover-Rate, also um Aktienumschichtungen und weniger um unternehmerische Belange, sonst würden diese Manager die Papiere länger halten. Bei der Telekom ist dieses Phänomen mit den institutionellen Anlegern zwar nicht so ausgeprägt (so liegt der Aktien-Steubesitz bei rund 61 Prozent), aber in den Grundzügen auch vorhanden. Zudem hinterlässt Obermann mit seinen 49 Lenzen eine Vielzahl von Baustellen. Er macht sich aus dem Staub. Die Bilanz des scheidenden Telekom-Chefs sieht bescheiden aus, so das Handelsblatt: Der Umbau des verlustreichen US-Geschäfts ist immer noch nicht abgeschlossen – zuletzt musste die Telekom 7,4 Milliarden Euro (!!!!) auf T-Mobile USA abschreiben. In Deutschland verliert der Konzern scharenweise Festnetzkunden – allein in den ersten neun Monaten 2012 waren es 800.000 In wichtigen Schwellenländern wie China ist die Telekom immer noch nicht aktiv.“ Und so richtig eingefunden in das mobile Geschäft und die App-Economy hat sich der Magenta-Laden immer noch nicht. Auch der Breitbandausbau verläuft bislang kläglich.
Steve Jobs hasste solche Leute, die sich selbst als „Unternehmer“ bezeichnen, aber nicht bereit sind, die Arbeit auf sich zu nehmen, die für den Aufbau einer echten Firma notwendig ist. Dies ist die schwerste Aufgabe, die es im Geschäftsleben gibt. Auf diese Weise trägt man wirklich etwas bei und fügt dem Vermächtnis derer, die vor einem da waren, etwas hinzu.
Es beweist, wie rasant sich diese Streaming-Revolution ausbreitet.
Siehe auch den kleinen Test, den ich vor ein paar Tagen gemacht habe.
Was sich mit HOA in den vergangenen Monaten getan hat und was wir noch erwarten können, ist das der ersten Session des nächsten Blogger Camps am 30. Januar 2013 von 18,30 bis 19,00. Die Diskussionsrunde wird auch einen Ausblick auf eine Sondersendung des Blogger Camps am 20. Februar geben, wo ein Regierungsmitglied mit uns über die Notwendigkeit rechtlicher Änderungen des Rundfunkstaatsvertrages zur Legalisierung der Jedermann-TV-Sendungen sprechen wird (Zusage liegt vor. Um welche Frau oder welchen Mann es sich handelt, wird am 30. Januar verraten). Wer sich berufen fühlt, Ende Januar seine HOA-Erfahrungen in der Sendung kundzutun, möge sich an Hannes Schleeh wenden.
Die zweite Session disputiert über die AGB-Diktatoren des Netzes und geht von 19,30 bis 20,00 Uhr. acquisa-Chefredakteur und dosentelefon-Blogger Christoph Pause hat schon zugesagt. Wer sich über die merkwürdige AGB-Politik der Netz-Giganten ärgert oder Vorschläge für eine bessere AGB-Vorgehensweise machen möchte, ist herzlich eingeladen. Teilnahmewünsche für die zweite Session nehme ich entgegen.