Shitstorm-Klagelieder und die Abwehr eines kritischen Netz-Dikurses

Standard

Mirko Lange hat sich auf Facebook zu recht darüber aufgeregt, was derzeitig so alles unter dem Stichwort “Shitstorm” diskutiert wird:

Er bezieht sich auf die BITKOM-Pressemeldung: ‎”Unternehmen sind auf Shitstorms schlecht vorbereitet”. Mirko schreibt:

“Ich nehme an, sie würden zu einem ähnlichen Ergebnis kommen, wenn sie danach fragten, wie viel Unternehmen (in Baden Württemberg) auf eine Sturmflut vorbereitet wären. Bevor man schreibt, dass die Unternehmen ‘unzureichend’ gewappnet sind, müsste man nicht erst einmal eruieren, ob es überhaupt eine Notwendigkeit gibt? Kann jemand sagen, wie groß die Gefahr eines Shistorms für Unternehmen ist? Stimmt es denn, was BITKOM-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder sagt, dass (jedem) Unternehmen ‘ein erheblicher Schaden für Image und Reputation’ droht, wenn es nicht ‘strukturell und personell auf einen Shitstorm vorbereitet ist’?”

Mein Facebook-Kommentar: Es wird viel zu viel unter die Rubrik Shitstorm eingeordnet. Nicht jede Kontroverse, nicht jede Kritik oder Verbraucherbeschwerde ist ein Shitstorm. Es ist vielleicht für jene ein Ärgernis, die in Schönheit sterben wollen oder es einfach nicht gewöhnt sind, wenn Jedermann mittlerweile wortmächtig sich einmischen kann.

Ein Beispiel aus der Welt-Redaktion zeigt, wie man das Ganze gegen die Offenheit der Netzdiskurse wendet.

Im Frühjahr hatte ich das Thema ja schon in meiner Service Insiders-Kolumne aufgegriffen: Über die Verunglimpfung der Netzöffentlichkeit: Das Shitstorm-Anonymitäts-Klagelied des Establishments.

Sie sind der David im Kampf gegen den Konzern-Goliath: „Bürgerinitiativen und ihr berechtigter Zorn – Sind Pressesprecher die Verlierer der Öffentlichkeitsarbeit in der Partizipationsgesellschaft“, so die Frage der Deutschen Presseakademie in einer Werbe-Mail:

Einer der krisenerfahrenen Referenten für die beworbene Tagung kommt vom Shell-Konzern, der eine Pipeline im südlichen Stadtteil von Köln „nur“ durch die Einbindung der Bürger meistern konnte. Ob der Öl-Manager auf dem Kongress der Deutschen Presseakademie auch etwas zu den Umweltsauereien in Nigeria sagt?

„Zwar bohrt der Ölkonzern Shell seit 1993 nicht mehr im Nigerdelta nach Öl, doch zurückgelassene Bohrköpfe und verrottende Pipelines verschmutzen das Flussdelta weiter“, berichtet etwa die Zeit.

Die Bevölkerung in Nigeria ist im Gegensatz zur Kölner Bürgerschaft wahrscheinlich nicht gefragt worden, wie sie die Lecks in den Öl-Pipelines beurteilt, die zur Vernichtung der Fischergründe und landwirtschaftlichen Flächen führte und die Lebensgrundlage der Menschen zerstörte.

„In den Niederlanden – dem Hauptsitz von Shell – steht der Ölkonzern vor Gericht. Friends of the Earth Niederlande klagt die Firma wegen fahrlässiger Gefährdung der Bevölkerung und unterlassener Sorgfaltspflicht an. Doch die Gerichtsmühlen mahlen langsam und das Urteil ist erst 2015 zu erwarten. Daher fordern wir Shell schon heute auf, die zerstörte Natur in Nigeria wiederherzustellen“, so der BUND.

Bin ich jetzt ein Shitstorm-Agitator, der die „Anonymität“ des Netzes ausnutzt, um auf das offensichtliche Auseinanderklaffen von Schein und Sein eines Öl-Konzern aufmerksam zu machen?

Die Wortkombination „Shitstorm“ und „Anonymität“ mausert sich zur beliebtesten Kampfformel von Repräsentanten des Establishments gegen unliebsame Meinungsäußerungen, die sich im Internet exponentiell und unkontrolliert ausbreiten wie das Universum.

Droht die Gefahr einer Diskurspolizei?

Da spricht man sogar von der Macht der Namenlosen:

„Die Angst vor dem Shitstorm lähmt die politische Debatte und hat den Ruf nach Kontrolle laut werden lassen. Es handelt sich um mehr als den Verstoß gegen Höflichkeitsregeln, wenn sich unter dem Deckmantel des Anonymen eine Diskurspolizei etabliert, die ihre Gegner mit Hass und Häme zum Schweigen bringt. Die ganze destruktive Qualität des Cybermobbing war jüngst zu erkennen, als in Emden ein aufgebrachter Netzmob zur Lynchjustiz gegen einen angeblichen jugendlichen Sexualmörder aufrief, dessen Unschuld sich später erwies“, schreibt etwa der FAZ-Autor Thomas Thiel.

Welche Recherchekompetenz hat der FAZler? Man braucht nur „Emden“ und „Lynchjustiz“ in eine Suchmaschine eingeben und weiß, wer auf Facebook zu dieser perfiden Aktion aufgerufen hat. Die Polizei ermittelte recht schnell den Verursacher, der sich nun wegen des öffentlichen Aufrufs zu Straftaten vor Gericht verantworten muss. Und das ist auch gut so. Das Wissen von netzkritischen Autoren wie Thiel scheint sich auf dem Niveau von 2006 zu bewegen:

„Twitter war frisch gestartet, Facebook öffnete sich eben erst für ausländische Studenten. Gerade in jenem Jahr setzte ein Wechsel ein: Die Spielphase endete, in der wir Identitäten erfanden und mit Geschlechtswechseln spielten. Das letzte Zucken war Second Life, das nie so groß war wie viele Medien es schrieben. Ende 2007 war auch dieser Wirbel vorbei“, schreibt Indiskretion Ehrensache-Blogger Thomas Knüwer.

Social Web ist alles andere als anonym

Mit Social Networks wurden aus Pseudonymen Identitäten:

„Heute sind die wenigsten nicht identifizierbar. Denn nur wenn sie erkennbar sind, ist die Kommunikation in Social Media fruchtbar. Anonym oder nicht erkennbar Pseudonym wird praktisch nur noch in Foren oder auf Nachrichtenseiten kommuniziert. Dabei kennen sich die Teilnehmer in länger gewachsenen Foren durchaus zumindest digital – denn sie diskutieren ja häufig miteinander -, auch gibt es Hierarchien. Die aber sind für Außenstehende schwer zu durchblicken, man muss sich reinarbeiten“, erläutert Knüwer.

Deshalb kommen mir nicht mehr die Tränen des Mitleids, wenn FAZ-Autor Thiel die Demontage der Meinungsfreiheit als Menetekel in die Zeitung kleistert, weil „Künstler aus Angst vor anonymer Hetze kaum wagen, ihr existenzsicherndes Urheberrecht einzuklagen“.

Bislang kann ich in der Urheberrechtsdebatte keine verschämte Zurückhaltung der „Künstler“ erkennen. Das liegt vielleicht auch daran, dass sich unter die Exponenten der „Mein Kopf gehört mir“-Kampagne so viele Verleger geschmuggelt haben. Aber egal. Es geht den Sängerinnen und Sängern des Shitstorm-Anonymitäts-Klageliedes überhaupt nicht um Meinungsfreiheit. Sie können es nicht verkraften, dass sich im Internet ein herrschaftsfreier Diskurs im Sinne von Jürgen Habermas entfaltet – dezentral, unberechenbar und ohne Kontrollmöglichkeiten. Das ist für die Controlling-Freaks und früheren Gatekeeper der öffentlichen Meinung eine schwer verdauliche Kost. Die sollten lieber Magenbitter trinken und auf kollektive Schuldzuweisungen der Netzöffentlichkeit verzichten.

Zudem kann ich noch mit einer Beruhigungspille aufwarten. Nach Analysen der Business Intelligence Group in Berlin sind höchstens 20 Prozent aller Shitstorms, die so betitelt werden, wirklich echte. Die anderen 80 Prozent sind schnell vergessen. Bei den Umweltsauereien in Nigeria wäre das allerdings traurig.

Soweit die Zeilen meiner Kolumne.

Den gleichen Fehler machen übrigens auch Bernhard Pörksen und Hanne Detel in ihrem an sich sehr lesenswerten Buch “Der entfesselte Skandal – Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter”.

So schreiben die beiden Autoren:

“Die digitalen Werkzeuge ermöglichen neue Formen der Auseinandersetzung und der Partizipation, sie forcieren eine bislang unbekannte Geschwindigkeit der Verbreitung und Streuung, eine neuartige Dimension der kombinatorischen Vielfalt und der raschen Verfügbarkeit.”

Das kann ich alles unterschreiben. Und dann formulieren sie monokausal:

“Sie ermöglichen andere, bislang unbekannte Evolutions- und Eskalationsstufen im Prozess der Skandalisierung.”

Warum geht es hier denn nur um Skandalisierung? Es geht um Partizipation, um einen nicht mehr kontrollierbaren und steuerbaren Diskurs. Da geht es doch nicht in erster Linie um Skandale. Die Erfolgswährung ist Interessantheit. Die besten und erfolgreichsten Youtuber kommentieren beispielsweise Computerspiele wie Starcraft. Da gibt es Gurus, die nicht nur davon leben können, sondern sogar Mitarbeiter für ihre Videoproduktionen einstellen und Studios in der besten Lage von Hamburg mieten – völlig ohne Skandalisierung.

War die Aufdeckung von Guttenzwerg ein Skandal? Mitnichten. Er ist über seine eigene Eitelkeit und Phantasiebiografie gestolpert. Das war kein Skandal. Skandalös war das Verhalten des Kopisten beim Vertuschen seines Blendwerks.

Ein weiteres Beispiel aus dem Pörksen/Detel-Opus:

“Wie erzeugt man Aufmerksamkeit und Anschlusskommunikation und skandalisiert zu privaten Zwecken?”

Die Frage finde ich bescheuert. In der Aufmerksamkeitsökonomie geht es erst einmal um Aufmerksamkeit und nicht um Skandale. Und die kann ich durch tolle Filme, originelle Blogpostings, witzige Kolumnen oder sonstige Talente erzeugen.

Vielleicht greife ich das Thema in meiner nächsten Kolumne für das Debattenmagazin “The European” auf. Ich muss mein Schrifttum immer bis Dienstag (18 Uhr) abliefern. Wer mir als telefonischer Interviewpartner am Montag zur Verfügung stehen kann, möge mich kurzfristig kontaktieren via Mail: gunnareriksohn@gmail.com. Oder einfach einen Kommentar mit den Kontaktdaten hinterlassen.

Über diese Anzeigen

4 Gedanken zu “Shitstorm-Klagelieder und die Abwehr eines kritischen Netz-Dikurses

  1. That is beyond scary. What a suptid bitch. I’m going through your archives, cause I’m a stalker. Not the steal your ideas and pictures kind. Just the likes to read your posts kind. And she’s not private anymore, but she deleted all posts from feb through april. And reading a couple of her posts makes me realize why she had to steal. bad news bears. sorry this happened to you. but thank you for sharing the story so it can help others.

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