Die erhängten Hühner der Witwe Bolte: Ein eindringlicher Brief an Steve #Microsoft #Ballmer

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Im betagten Alter von 518 Jahren hat sich der unverbesserliche Narr François Rabelais noch einmal aufgerafft, einen Weckruf an den liebwerteste Microsoft-Gichtling Steve Ballmer zu richten. Er bekennt freimütig, sich nicht mehr vom Saulus zum Paulus wandeln zu können. Seine spöttische Beharrlichkeit stand ihm in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder im Weg. Als Kunde von SkyDrive würde er die hohen Ansprüche des Verhaltenskodex wohl nicht erfüllen. Seine Possen, sein albernes Geschwätz und seine schamlosen Gedanken könnten die Computerwolken von Microsoft verdunkeln.

So sei es Steve Ballmer auch gestattet, dem alten Rabelais hinterher zurufen: In mentem tibi quid, Rabelle, venit – was fällt Dir ein, Rebullus. Für den Rest der Menschheit plädiert der Schriftsteller für ein schonungsloses Moral-Regime, gesteuert vom Wächteramt des Software-Konzerns in Redmond.

Es seien ja nicht nur die abgelichteten Badeschönheiten auf Ibiza, die sich verführerisch an den Stränden tummeln und ihren blanken Busen der Weltöffentlichkeit darbieten, nein, es gibt eine Vielzahl von anstößigen Daten, die in den Cloud-Diensten des Netzes nichts zu suchen haben.

“Denken Sie nur an die illustrierte Ausgabe des Märchens Rotkäppchen, die aus gutem Grund in dem kalifornischen Städtchen Empire von der Polizei beschlagnahmt wurde. Digital lässt sich das im Internet unendlich reproduzieren und könnte zu mentalen Flurschäden führen”, so Rabelais.

Rotkäppchen werde ja von ihrer nicht gerade weitsichtigen Mutter gebeten, Kuchen und Wein zur Großmutter zu bringen.

“Wie diese Geschichte endet, muss ich Ihnen hier nicht weiter erzählen. Nicht nur das Aufschlitzen des Wolfes ist fragwürdig oder die Tierquälerei mit den eingenähten Steinen, sondern vor allem die Anstiftung zum Alkoholkonsum unter Einbeziehung eines unschuldigen Kindes. So etwas kann auch virtuell nicht geduldet werden. Sie sollten sich beim Reinheitsgebot Ihrer wolkigen Web-Angebote an dem kalifornischen Verbot dieser ketzerischen Schrift orientieren und der weinseligen Subversion ein Ende bereiten”, schreibt Rabelais in seinem offenen Brief an Steve.

Gleiches gelte für den Kettenraucher Lucky Luke, der in älteren Comic-Heften keinen unverdächtigen Grashalm nuckelt, sondern ständig mit Zigarette im Mund den kriminellen Daltons hinterherjagt. So etwas schadee der Weltgesundheit.

“Anempfehlen würde ich Ihnen, vorzüglicher Steve Ballmer, auch ein sittenstrenges Lektorat, um digitale Texte zu filzen und wieder auf Linie zu bringen. Etwa die Geschichten eines Sherlock Holmes, der sich offen zum Drogenkonsum bekennt und damit den Jugendschutz untergräbt. Löblich waren doch die Zeiten von George W. Bush junior, in der ein Buch aus den Regalen verschwand, das im Januar 2007 auch noch mit dem angesehensten Kinderbuchpreis Ihres Landes ausgezeichnet wurde. Es handelt sich um das zweifelhafte Opus ‘The Higher Power of Lucky’ aus der bedenkenlosen Feder von Susan Patrons. Schon auf der ersten Seite des Machwerkes erzählt jemand, wie eine Klapperschlange seinen Hund in das Skrotum gebissen habe. Für Kinder ab 10 Jahren ist das Wort ‘Skrotum’ einfach nicht zumutbar. Sie sollten diese Formulierung ex post unkenntlich machen. Technisch dürfte das kein Problem sein, da ja auch Google mit Street View ähnlich vorgehen musste.”

Völlig fassungslos machen Rabelais auch die Übeltaten von Max und Moritz: Die erhängten Hühner der Witwe Bolte oder der mit Schießpulver entstellte Lehrer Lämpel.

“Lieber Herr Ballmer, ermahnen Sie zumindest die älteren Kunden von SkyDrive, der Verrohung von Kindern ein Ende zu bereiten. Eine Löschung oder Sperrung der Accounts dürfte nicht ausreichen, um die Wilhelm Busch-Geschichte aus den Spielzimmern der lieben Kleinen zu entfernen.”

Alles weitere kann in dem hochlöblichen Debattenmagazin “The European” nachgelesen werden.

Rabelais ist zwar kein Digital Native – er bevorzugt nach wie vor den Federkiel als Schreibwerkzeug. Aber er wäre wohl hoch erfreut, wenn sich sein eindringlicher Brief an Steve im Cyberspace wie auf dem Marktplatz von Lyon verbreiten würde. Also retweetet fortan recht fleißig und verkündet die Botschaften des vorzüglichen François Rabelais :-)

Lesenswert heute auch noch die Frage, warum Blogs keine Online-Tagebücher seien, sondern eher Essays.

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