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Tag: 17. Juli 2012
Facebook und die willkürliche Selbstjustiz
So langsam nervt die rüde und sonderbare Geschäftspolitik von Facebook. Jüngstes Beispiel ist die Staat-im-Staate-Strategie des Zuckerberg-Konzerns bei der Überwachung von Chats, um Sexualstraftätern auf die Spur zu kommen. Von Sascha Lobo wird das heute zurecht in seiner Spiegelkolumne „Facebook kollidiert mit dem Grundgesetz“ aufgespießt:
„Was der Sicherheit Minderjähriger dienen soll, ist in Wahrheit katastrophal. Im Grundgesetz ist nicht umsonst das Briefgeheimnis festgeschrieben. Für die digitale Gegenwart brauchen wir ein Telemediengeheimnis.“
„Anfang Juli 2012 wurde bekannt, dass Facebook einen privaten Chat in Florida protokolliert und ausgewertet hatte. Darin chattete ein erwachsener Mann mit einem 13-jährigen Mädchen zuerst über Sex und verabredete sich danach mit ihr, der Mann wurde festgenommen. Solche Fälle werden nicht zufällig bekannt, sondern aus PR-Gründen, denn Facebook plant, sich auch für Kinder zu öffnen, womit die Frage nach der Sicherheit an Relevanz zunehmen dürfte. Abseits dieses Falls bedeutet das aber, dass Facebook seine Chatkommunikation flächendeckend aufzeichnet, analysiert und im Zweifelsfall seinen Angestellten zugänglich macht. Die dann entscheiden, ob sie Ermittlungsbehörden einschalten oder nicht. ‚Wir respektieren die Rechte anderer‘ und ‚Deine Privatsphäre ist uns sehr wichtig‘. Das schreibt Facebook ernsthaft in die Nutzungsbedingungen, vergisst aber leider mitzuteilen, dass die Privatsphäre dem Unternehmen derart wichtig ist, dass man sie ab und zu kontrolliert, wenn ein geheimer Algorithmus das für angebracht hält. Das passiert auch in Deutschland, wie Facebook gegenüber Süddeutsche.de zugab“, führt Lobo weiter aus.
Das nenne ich willkürliche Selbstjustiz, auch wenn das Vorgehen des Mannes widerlich ist. Dieser Umstand sei nichts weniger als katastrophal, das Vorgehen von Facebook enthält mehr elektronische Zumutungen, als ein Joint Venture von Gema und Verfassungsschutz sich je ausdenken könnte. Es zerschlägt auch die Gewaltenteilung.
„Die juristischen Folgen werden zu prüfen sein, die netzethischen Konsequenzen sollten in einer Debatte münden, an deren Ende die Schaffung eines Telemediengeheimnisses stehen muss. Private Chats sind 2012 das, was Briefe 1948 waren. Die Frage nach der Sicherheit der User ist berechtigt und muss von Facebook beantwortet werden“, fordert Lobo.
Und hier knüpfe ich noch einmal an meinen Blogpost „Vertrauen oder die Frage: Wer tritt wen in den Allerwertesten?“ an:
Wenn Unternehmen wie Facebook und Google mit meinen Daten lukrative Geschäfte machen, müssen sie mich wie einen Kunden behandeln und nicht wie Daten-Vieh, das sie jederzeit schlachten können.
So liegen die Web-Giganten in Fragen der Transparenz ungefähr auf dem Level von Gazprom:
„Dabei verdienen ausgerechnet diese Unternehmen mit der Transparenz ihrer Kunden ihr Geld“, kritisiert Christian Humborg, Geschäftsführer von Transparency International Deutschland.
Wenn diese Konzerne sich nicht von ihrer Friss-oder-stirb-Geschäftspolitik verabschieden, wird es auch nichts mit dem lukrativen Geschäft personalisierter Dienste. Die wandern in die Apps und in die Cloud. Als Ergebnis bekomme ich einen virtuellen Concierge auf mein Smartphone und zeige den zentralistisch organisierten Plattformen die lange Nase. Hier liegen Chancen für Europa.
Dagegen ist ja der Blitz-Marathon des NRW-Innenministers nur ein kleines Hausmeister-Lüftchen.
Das-ist-das-Haus-vom-Nikolaus: Vademekum gegen schlechte Redner – online und offline
Blecherne Stimmen, verkrampfte Moderation, kaum Interaktion und Referenten, die mit einer Flut von propagandistischen Powerpoint-Folien im sonoren Ton loblabern und wehrlose Zuschauer in den Netzschlaf wiegen: Man nennt das Ganze auch Heizdecken verkaufen über so genannte Webinare. Um uns aus der Flut von belanglosen Online-Präsentationen zu erretten, kommt der Band „Das gute Webinar“ (erschienen im Addision-Wesley-Verlag) von Rhetorik-Expertin Anita Hermann-Ruess und dem Visualisierungs-Spezialisten Max Ott gerade richtig. Ich habe das Werk heute in meiner Kolumne für Service Insiders besprochen. Hier geht es zur Rezension.
Selbstgefällige Redner, die sich als stotternde Vorleser von übel gestalteten Textfolien mit phrasenhaften Bullet-Points darstellen, nerven schon bei normalen Präsenzveranstaltungen. Virtuell wirken sie besser als jedes handelsübliche Schlafmittel. Wenn man das Gehirn dieser Zuhörer nun mit dem Computertomografen analysieren könnte, leuchtet nicht das Belohnungssystem auf, sondern die Neigung zur Bestrafung.
Im Auditorium eines Kongresses unterhält man sich dann mit seinem Nachbarn, studiert die neuesten Nachrichten auf dem iPad, rennt aufs Klo, genehmigt sich einen Kaffee im Foyer oder übersät seine Tagungsunterlagen mit „Das-ist-das-Haus-vom-Nikolaus“-Zeichnungen. Was anderes bekomme ich gar nicht hin – im Kunstunterricht war ich immer eine Niete.
Da bei einem Webinar die negativen Reaktionen nicht sichtbar sind, „könnten sich die gelangweilten Teilnehmer durch das Ausbleiben von sozialen Kontrollmechanismen getrost einer Parallel-Beschäftigung widmen, E-Mails checken oder an ihrem Dokument weiterarbeiten. Das ist leider die Realität schlecht gemachter Online-Präsentationen“, führen die beiden Webinar-Kenner aus. Was bei einem normalen Kongress schon tödlich sein kann, beschleunigt sich bei Webinaren wie in einem Katalysator. Als Redner bekomme ich virtuell kaum eine Chance, das Ruder herumzureißen und mit einem Witz oder einer Anekdote das Publikum wieder für mich zu gewinnen.
Wenn Referenten dann noch mit monotoner und einschläfernder Stimme aufwarten, ihre Denkpausen mit „Ähs“ und „Ahms“ überspielen, Silben verschlucken und ständig ins Mikrofon bellen, wirkt das Gesagte wie eine Foltermethode für die Ohren. Aber selbst wenn die Charts grafisch begeistern, die Sprache wirkungsvoll eingesetzt wird und die Stimme nicht die Ohren verunreinigt, schwächeln viele Webinar-Anbieter an der Didaktik und Online-Methodik, wenn es um Interaktionen geht. Man sollte daher auch technologisch auf der Höhe sein, um Dialoge zu ermöglichen. Auf was dabei zu achten ist, steht in dem Service Insiders-Beitrag. Habt Ihr schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Würde mich interessieren.
Und wenn selbst der Ratgeber „Das gute Webinar“ keine Besserung bringt, hilft nur noch eins: Chuck Norris vor das Mikrofon setzen! Versteht sich von selbst.


