Wir sind die Urheber! Die Zeit-Überschrift habe ich jetzt einfach mal geklaut: Sind wir nicht alle Urheber?

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Warnung: Dieser Propagandatext ist durch Urheberrechtsgesetze und internationale Verträge geschützt. die unbefugte Vervielfältigung oder Weitergabe dieser geistigen Ergüsse oder von Teilen davon kann schwere zivilrechtliche oder strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Zuwiderhandlungen werden im größtmöglichen Umfang verfolgt!

Wäre diese Formulierung genehm, Herr Adam Soboczynski, wenn es um die Durchsetzung der so sehnsüchtig verlangten Rechte von geknechteten und gebeutelten Künstlern geht? Ob sich nun die Künstler auf die Seite der Verwerter stellen oder nicht, ist mir egal. Überraschend ignorant finde ich die Position, noch nicht mal in Ansätzen über innovative Modelle auch nur nachzudenken, wie man das Vollzugsdefizit des Urheberrechtes kompensieren kann.

Da schreibt der Sobo:

“Hier zeigen sich die Künstler bemerkenswert kompromisslos. Sie zielen nicht auf bereits diskutierte Modelle wie etwa Kultur-Flatrates oder freiwillige Bezahlsysteme, die das Urheberrecht ersetzen könnten, sondern unmissverständlich auf die Stärkung desselben unter den neuen digitalen Gegebenheiten – mit welchen Mitteln auch immer.”

Uff. Das ist ein Rückfall. Dann sollten die Künstler doch etwas konkreter werden. Mit welchen Mitteln wollen sie das Urheberrecht gegen die unendliche Reproduzierbarkeit digitaler Kopien denn durchsetzen? Welche Maßnahmen der Film- und Musikindustrie gegen die so genannte Piraterie führten denn zum Erfolg? Dieses Katz- und Maus-Spiel hat die Industrie schon längst verloren. Wie hoch sollen die sozialen Kosten bei der Durchsetzung des Urheberrechtes denn noch sein? Sollen alle Internetnutzer kollektiv als Verbrecher abgestempelt werden? Jeder unter Verdacht geraten? Die schlauen Kopierer lassen sich nicht schnappen. Man bestraft die Dummen, die sich erwischen lassen. Ist das gerecht? Über das Propagandawort der Raubkopie habe ich mich ja schon ausgelassen. Der in der Zeit abgedruckte Künstler-Aufruf unter dem Titel “Diebstahl geistigen Eigentums” ist nicht besser. So heißt es im Strafgesetzbuch:

Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Wer nimmt denn was weg? Geistiger Diebstahl ist ein Propagandawort. Dann greifen wir halt zum Urheberrecht:

§ 106 Unerlaubte Verwertung urheberrechtlich geschützter Werke:

Wer in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ohne Einwilligung des Berechtigten ein Werk oder eine Bearbeitung oder Umgestaltung eines Werkes vervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Das ist dann wohl etwas zu komplex für eine Proklamation. Also schön in die semantische Trickkiste greifen wie die Filmindustrie mit dem “abschreckenden” Trailer, der einem im Kino um die Ohren gepfeffert wird.

Am Vollzugsdefizit ändert das nichts.

Bitte jetzt doch weitere Abschreckungsmaßnahmen in der Zeit veröffentlichen, wie man diesem Piraten-Volk auf die Pelle rücken kann. Mittelalterliche Foltermethoden, heilige Inquisition, Pfählen, Narrenkappe aufsetzen, zum Schämen in die Ecke stellen, Gründung einer Urheberrechtspolizei, Zuständigkeit der Knöllchenjäger erweitern, Staatstrojaner im Kampf für Künstlerhonorare einsetzen oder, oder, oder. Etwas präziser sollten die Künstler schon werden, die sind ja sonst nicht auf den Mund gefallen.

Wem nichts einfällt, um Netzbewohner zu kujonieren, kann sich auch den Vortrag des SZ-Redakteurs Dirk von Gehlen anhören oder einen Ausschnitt ansehen. Da können sogar Kehlmann, Regener, Willemsen und Co. noch was lernen – nämlich Sinn für Realität!

Siehe auch:

Über den Propagandabegriff der „Raubkopie“ und die Innovationen der Kopisten #rp12 #informare12

Lesenswert: Ich bin Urheber.

Die fünf größten Irrtümer im Urheberrechtsstreit.

Wir sind Bürger.

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