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Ursprünglich veröffentlicht auf Streifzüge:

Anlass des Artikels

Emergenz ist ein Schlüsselbegriff, der mir bei meiner Arbeit und meinen Recherchen oft begegnet ist, gerade zu Themen wie Effizienz / Innovation / Enterprise 2.0 / Wikis … – merkwürdigerweise aber nur im englischsprachigen Raum. Auch in verschiedenen Blogartikeln habe ich den Begriff für den theoretischen Unterbau meiner Überlegungen verwendet. So oft, dass es sich lohnt mal einen eigenen Artikel darüber zu schreiben.

Anlass ist die systematische Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Collaboration, Wissensmanagementund Enterprise 2.0. Was bedeuten die Begriffe? Wo überschneiden Sie sich, wo ergänzen sie sich? Dabei wurde schnell deutlich dass “Komplexität” und “Emergenz” eine wichtige Rolle spielen, vor allem bei der Auseinandersetzung mit Collaboration (Link).

Da Emergenz etwas ist, was sich aus den Eigenschaften komplexer Systeme ergibt, macht es Sinn sich erst einmal dem Begriff “Komplexität” zu nähern …

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Warum ist “Komplexität” für IT-Consulting interessant?

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Professor Bunsen und die Gedankenkotze einer WDR-Radiojournalistin

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Vor einiger Zeit erbroch sich samstagmorgens in der Küche von professorbunsen der Wutanfall einer Radiojournalistin des WDR. Zornig zeterte sie über Wildfremde, die da einfach so ins Internet schrüben.

“Narzistische Vollhorste allesamt, die glaubten, die Welt interessiere sich dafür, dass man gerade Kaffee trinke oder Liebeskummer habe! Da mache sie nicht mit, ihre eigene ‘Gedankenkotze’ wolle sie nicht im Internet abladen. Wieso mein Radio dafür ein besserer Ort dafür sein soll, ließ sie offen.”

Vielleicht nur ein großes Missverständnis der Radiofrau, die so vom Hörensagen über digitale Nichtigkeiten sofort einen allergischen Anfall bekommt. Krude Dinge über anonyme Schablonen-Menschen oder penetrante Schulfreunde, die man eigentlich schon längst abgeschrieben hat und die nun darauf drängen, Facebook-Freund zu werden. Generell dominiere Profanität und dünne intellektuelle Sauce das Netz. Da hört man sich doch lieber die 1,30-Salami-Beiträge auf WDR2 an.

Wer möchte auch folgende Nichtigkeiten lesen:

“Nahm am Morgen ein Abführmittel und blieb den ganzen Tag im Haus.”

“Abführmittel hatte nicht die gewünschte Wirkung.”

“Abends im Bett packte meine Frau erneut eine fürchterliche Wut, und sie tobte die halbe Nacht hindurch und drohte, mich öffentlich zu blamieren.”

“Gleich nach dem Aufstehen mit meiner Frau gezankt.”

“Am Morgen prächtig Wasser gelassen, doch meldeten sich anders als sonst, wenn ich einmal damit angefangen hatte, keine weiteren Fürze noch regte sich irgendein Stuhl.”

“Ich bin bei guter Gesundheit, abgesehen von Blähungen und Erkältungen, die jedes Mal mit starken Schmerzen verbunden sind.”

“Bis spät im Büro gearbeitet. Dann erschöpft nach Hause und mit meiner Frau friedlich zu Abend gegessen.”

“Zu Hause hastig ein paar Bissen in den Mund gestopft.”

“Ich durfte sie küssen, so oft ich wollte.”

Ja, wer will so etwas wissen. Büroalltag, Besuche bei Prostituierten, Probleme beim Kacken, tägliche Streitigkeiten mit der Ehefrau, Mahlzeiten zu unterschiedlichen Tageszeiten. Grauer Alltag, Langeweile, Stress in der Familie. Nee, da hat man doch anderes zu tun, als sich die Tagebücher von Samuel Pepys über seine Erlebnisse im 17. Jahrhundert durchzulesen, die in einer prachtvollen zehnbändigen Ausgabe bei Haffmans erschienen sind.

Vielleicht ist es aber auch spannend, über das Leben anderer Menschen Dinge zu erfahren. Oder über die schwachen Beziehungen via Facebook und Co. sein Netzwerk auszuweiten. Professor Bunsen sieht das – wie ich – als Bereicherung:

“Die Homies, die in meiner Timeline schreiben, habe ich überwiegend noch nie persönlich getroffen, dennoch sind sie mir keine Fremden. Wenn ich mal tatsächlich jemand treffe: Großes Hallo und großes Vertrautsein, sofort. Es sind einige Journalisten, viele Quatschköpfe, schlaue Systemtheoretiker, bekannte Fernsehsender, Politaktivisten, Programmierer, Designer, Kollegen, Politiker, Freunde, Radiosender, Fotografen, DJs, Dichter, Forscher, Zeichner, Bots mit Tourettesyndrom und Barack Obama. Ich habe mir im Laufe der Zeit jeden einzeln selber handverlesen ausgesucht: Mal gefällt mir, wie jemand erwähnt oder zitiert wird, mal spinkse ich in der Timelines der anderen, mal werde ich direkt angesprochen, mal wird wer von jemand anderem direkt beworben, mal suche ich nach einem Schlagwort und stoße dabei auf jemanden, mal suche ich gezielt, ob jemand, den ich aus der stofflichen Welt oder den Massenmedien kenne, auch auf Twitter ist.”

Oder es ereignen sich Dinge in der realen Welt, ausgelöst über die eigene Community. Siehe: Literarische Facebookparty in Bonn: Juckeldiduckel, Jakobsmuscheln in der Südstadt und die Burnout-Tournee von Miriam Meckel.

Mit den engeren Kontakten kommuniziere ich über E-Mail, Skype, Telefon – die öffentliche Kommunikation in sozialen Netzwerken zielt auf die entfernteren Bekanntschaften und auf die anonyme Gemeinschaft aller anderen Mitglieder. Onliner, die sich in Netzgemeinschaften organisieren sind keineswegs lichtscheue Elemente oder Bildschirmjunkies, die sich hinter ihren Monitoren verkriechen – eingebettet von Pizzakartons

Sie verbringen ihre Zeit im Netz nicht auf Kosten der Pflege von Offlinekontakten, sondern auf Kosten ihres Konsums von klassischen Massenmedien.

Und was ist nun mit dem ganzen Trash im Netz, mit übler Nachrede, Schwachsinn, Beleidigungen und sonstigen Gemeinheiten? Gerüchte und Klatsch waren schon immer der Treibstoff menschlicher Konversation: Fama, ein Übel, geschwinder im Lauf als irgendein andres, ist durch Beweglichkeit stark und erwirbt sich Kräfte im Gehen, konstatierte Vergil im IV. Buch der Aeneis. Über die Verwerflichkeit des Klatsches und der bösen Nachrede wird doziert seit dem es Sprache gibt. Bei Konfuzius heisst es: „Der Edle verbreite keine Gerüchte.“

Im Alten Testament wird in den Sprüchen Salomos, im Buch Hiob und in Psalmen vor Schwätzern und der Gefährlichkeit der Zunge gewarnt. Und was machen die Medien von taz bis WDR? Sie glänzen mit Schlagzeilen wie: Wer ist Schröders Neue? Die wahren Hintergründe des Rücktritts von xy. Deshalb zog sie im Playboy blank. Ist Lucas Freundin schwanger?

Könnte man in einer Endlos-Schleife fortsetzen. Interessant oder nicht? Das kann jeder selbst entscheiden. Mit Gedankenkotze hat das nichts zu tun. Es ist das Leben.