Der unpersönliche Service stirbt! Lotsen für die App-Economy gesucht #ccw12-Expertenrunde

Hier schon mal die tontechnisch noch nicht bearbeitete Audio-Datei des heutigen Expertengespräches auf der Call Center World in Berin über vernetzte Services. Den Anfang macht Bernhard Steimel von der Unternehmensberatung Mind Business:

Die andere Experten habe ich dann namentlich erwähnt. In der bearbeiteten Version baue ich noch eine Einleitung ein, die ich bei mir im Büro noch aufs „Band“ spreche.

Insgesamt werden interessante Vorschläge für iServices gemacht, von Kundenlotsen, über Youtube-Berater bis zum Concierge für persönliche Beratungen. Die Runde war sich jedoch einig, dass es das herkömmliche Berufsbild des Call Center-Agenten bald nicht mehr geben wird und Fließband-Hotlines von der Bildfläche verschwinden werden.

Der Bericht folgt am Freitag im Fachdienst Service Insiders. Bis Donnerstagabend können noch Statements zu den Einschätzungen der sechs Experten gemacht werden. Kurz und knackig bitte!

Spackeria trifft Datenschützer #ccw12

So, die Expertenrunde ist zu Ende und ich muss die Videoaufnahme noch verarbeiten. Hier, wie versprochen, noch das Gespräch zwischen Spackeria-Bloggerin Julia Schramm und dem Hamburger Datenschützer Johannes Caspar auf der Call Center World in Berlin. Es fehlte ein wenig das Feuer. Aber das war wohl auch durch die Moderation und die fehlende Einbindung des Auditoriums nicht möglich. In den nächsten Tagen folgen dann noch Berichte über die vernetzte Service-Ökonomie. Warum klassische Call Center den Bach runtergehen – nicht wegen Self Service, sondern wegen der Digitalisierung der Wirtschaft mit völlig neuen Wertschöpfungsmodellen. Dazu dann mehr in meiner Freitagskolumne für den Fachdienst Service Insiders.

Update: Habe gerade festgestellt, dass die Tonqualität der Videoaufzeichnung der Expertenrunde über unsichtbare Servicekommunikation nicht so prickelnd ist. Parallel habe ich ja zur Sicherheit noch auf Audio gesetzt. Das ist gut geworden, wird aber von mir noch bearbeitet, um die Hintergrundgeräusche zu reduzieren. Mache ich morgen in den Abendstunden.

Datenschutzvergehen vor allem im privaten Sektor? #ccw12

In seiner Eröffnungsrede auf der Call Center World in Berlin skizzierte der Hamburger Datenschützer Professor Johannes Caspar die Veränderungen der Netzwirklichkeit. Beschwerden über Datenschutzvergehen gab es in der Vergangenheit vor allem in Richtung des Staates. Durch die zunehmende Digitalisierung verschiebe sich das in den privaten Sektor. Hier liege eine 80/20-Verteilung vor. Also in 80 Prozent der Beschwerden geht es um private Datenschutzverstöße. Der Staat habe mehr oder weniger seine Hausaufgaben gemacht. Nun ja. Wenn ich nicht merke, wie mein E-Mail-Verkehr ausspioniert wird oder ich einen Staatstrojaner eingepflanzt bekomme, kann ich mich auch nicht beschweren. Caspar hat dazu wenig bis gar nichts gesagt. Und genau die Spionage-Aktionen der Schlapphüte ist ein schwerwiegender Eingriff in die Privatsphäre. Soweit meine ersten Überlegungen frisch aus Berlin. Gleich startet die Expertenrunde über die unsichtbare Servicekommunikation und Welterklärungsmaschinen. Ihr könnt Euch ja mal den Vortrag von Caspar anschauen und mir Eure Meinung mitteilen. Etwas später poste ich noch das Gespräch zwischen Caspar und der Spackeria-Bloggerin Julia Schramm. Fragen konnte man aus dem Auditorium leider nicht stellen. Schade.

Siehe auch meine gestrige Kolumne über „Bomber der Nation“.

Oder auch: Geheimdienste überwachen mehr als 37 Millionen E-Mails – kaum Erfolg.

Vernetzte Ökonomie: Alles nur Self Service? Expertenmeinungen gefragt #ccw12

Im Interview kommt Alexander Jünger von Call Center Profi zu folgender Einschätzung: „Ich erinnere mich an Schlagzeilen wie ‚Apps schießen Call Center ab‘ oder ‚Call Center ade! Wie die Branche auf myTaxi reagiert‘, die undifferenziert Apps als Heilbringer gegenüber Call Centern darstellen. Ich wehre mich gegen eine derartig eingeschränkte Sichtweise. Der Kunde beziehungsweise der Anwender entscheidet über den Weg der Kontaktaufnahme. Manchmal sind das sicherlich Apps, weil sie im konkreten Anwendungsfall einfach Sinn ergeben. Bei komplexen Anforderungen jedoch bedarf es immer noch eines Ansprechpartners aus Fleisch und Blut. Andererseits machen manchmal auch infrastrukturelle Engpässe diese Multichannel-Kommunikation notwendig.“

Das ist auch eine Replik auf meine Beiträge, die ich zur vernetzten Service-Ökonomie in den vergangenen Monaten geschrieben habe. Das zweite Totschlag-Argument: Der Sohn faselt nur von Self Service.

Hm, das empfinde ich eigentlich als intellektuelle Unterforderung. Ein wenig mehr Substanz könnten die Call Boys an den Tag legen, um mein Argumentarium zu widerlegen. Zudem: Was haben Apps, vernetzte Services, Digitalisierung der Wertschöpfungsketten, Trends in Richtung Online-Diensten und Kunden-helfen-Kunden-Phänomene nun mit Self Service zu tun. Das ist doch, genauso wie Call Center, nur ein winzig kleiner Teilaspekt der vernetzten Service-Ökonomie. Die Säulen dieser Entwicklung hat Ossi Urchs auf eine Kurzformel gebracht: Social, Mobile, Local.

Viele unterschätzen wohl immer noch die revolutionäre Wucht, die das Internet auslöst bei der Umwälzung vieler Branchen, Wertschöpfungsketten und Neuverteilung von Arbeitsplätzen.

Marshall McLuhan sieht hier eine spezielle Form der Selbsthypnose. Eine Narziss-Narkose, bei dem sich der Mensch der psychischen und sozialen Auswirkungen seiner neuen Technologien genauso wenig bewusst ist, wie ein Fisch sich des Wassers bewusst ist, in dem er schwimmt.

„Mitten im elektronischen Zeitalter der Software, der unmittelbaren Informationsübertragung, glauben wir immer noch, dass wir im mechanischen Zeitalter der Hardware leben, während man auf dem Höhepunkt des mechanischen Zeitalters den Blick zurück auf frühere Jahrhunderte lenkte, um in ihnen die Werte einer ländlichen Idylle zu suchen. Die Renaissance und das Mittelalter orientierten sich an Rom, Rom an Griechenland, und Griechenland orientierte sich an den vorhomerischen Urvölkern.“

Ein immer wiederkehrender Betäubungsmechanismus, den McLuhan als Zombie-Trance bezeichnet. Dabei ist die Zukunft schon Gegenwart.

Wir stehen an der Schwelle der Digitalisierung aller Wirtschaftszweige. Und hier besteht noch Nachholbedarf, wie eine Studie von Booz belegt. Der Grad der Digitalisierung liegt teilweise nur bei 30 bis 45 Prozent. Selbst Finanz- und Versicherungsunternehmen kommen nach den Booz-Zahlen nur auf knapp über 50 Prozent. Mit Digitalisierung sind Kommunikation, Anbindung an Zulieferer, Prozessketten und die Lieferung an Endkunden gemeint – also nicht nur der profane DSL-Anschluss. Auch wenn es die Call Boys und Call Girls nicht wahrhaben wollen: Um zu verstehen, was auf die Wirtschaft zukommt, sollte man mehr auf die Mobile World in Barcelona als auf die Call Center World in Berlin schauen. Ich sitze gerade am Bonner Flughafen auf dem Weg nach Berlin. Morgen als Moderator auf der CCW im Einsatz und dann noch einige Interviews führen. Mittwoch geht es wieder in die Heimat. Wenn im nächsten Jahr Mobile World und CCW zeitlich wieder kollidieren, werde ich mich für die spanische Metropole entscheiden.

Habt Ihr noch Anregungen zu diesem Thema? Werde morgen in der Expertenrunde dieses Thema aufbringen und natürlich noch darüber schreiben. Statements hier als Kommentar posten oder mir per Mail schicken: gunnareriksohn@googlemail.com

Bomber der Nation: Wer schützt unsere Privatsphäre?

„Persönliche Daten werden immer mehr zu einer Handelsware, an der private Unternehmen mehr Interesse haben, als der Staat.“

Dieses Bekenntnis des Hamburger Datenschützers Johannes Caspar im Vorfeld der Call Center World in Berlin sollte man dringend in die Märchensammlung der Gebrüder Grimm aufnehmen und einen Ehrenplatz einräumen. Warum? Es liegt an einer Zahl, die in den vergangenen Tagen durch Blogs geisterte und die Malte Welding ausgeschrieben hat, damit sie besser im Gedächtnis bleibt: „Siebenunddreißig Millionen Zweihundertzweiundneunzigtausend und Achthundertzweiundsechzig. So viele Mails haben deutsche Geheimdienste überprüft, weil in ihnen Schlüsselbegriffe wie ‚Bombe‘ aufgetaucht sind.“

Gerd Müller und seine Fans wären in seinen Glanzzeiten in arge Schwierigkeiten mit den Schlapphüten geraten: War er doch der Bomber der Nation. Was ist mit Publizisten, die eine Bombe zum Platzen bringen? Oder Liebhaber kalter Nachspeisen, die Rezepte für Eisbomben austauschen?

Egal. Die stehen alle unter Generalverdacht. Das zählt doch sowieso zu den Lieblingsbeschäftigungen deutscher Politiker und Überwachungsbeamte. Im Zweifel ist jeder ein Täter. Ob als Konsument von Kinderpornografie, Terrorist, Kiffer, Steuersünder oder, oder, oder.

Schade nur, dass so wenige Schwerstkriminelle ins Netz gehen. Wie soll man eigentlich die ganzen Investitionen in Überwachungstechnik rechtfertigen? Gut nur, dass es beim Einkauf des Staates eben Sonderformen des Vergaberechts gibt, die einer strengen Geheimhaltung unterliegen. Da können Aufträge freihändig vergeben werden und keine Sau schert sich darum. Es wird von Sicherheitsbehörden das Feinste vom Feinen an Überwachungstechnologie gekauft und Aufträge für Schnüffelsoftware vergeben, ohne sich in der Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen. Die Etats kann man in den Haushaltsplänen nur erahnen – mehr nicht. Und was leisten die Schlapphüte mit den teuren Spy-Toys?

213 Schwerkriminelle geschnappt

„Unter den 37 Millionen abgefangenen Mails 2010 waren immerhin 213 Personen, die bei ihrer Steuererklärung gemogelt, Marihuana geraucht oder ihre Strafzettel nicht bezahlt haben. Soll noch einer sagen, Rasterfahndung liefere keine Ergebnisse. Bei so vielen Treffern können schon mal ein paar Neonazis durch die Lappen gehen. Haben vermutlich vergessen, das Wort ‚Bombe‘ in den Betreff ihrer Mails zu schreiben, diese alten Schlawiner! 😉 Vielleicht solltet Ihr einfach noch mehr Handys anzapfen, Wohnräume überwachen und E-Mails abfangen. Gut, dass Deutschland nur 80 Millionen Einwohner hat. Das schränkt den Kreis der Verdächtigen erheblich ein“, schreibt der Blogger Richard Gutjahr.

Und was kommt von den staatlichen Datenschützern? Sie machen eher Jagd auf Trackingsoftware und Cookies. Schwallen herum über den Ausverkauf von Daten, die für das Direktmarketing eingesetzt werden könnten. Wer weiß, nach welchen Schlüsselbegriffen die Web-Agenturen fahnden in meinem E-Mail-Verkehr, meinen Blogpostings, Gefällt mir-Bekenntnissen und sonstigen Vorlieben, die ich in meinem Profil preisgebe? Werde ich verdächtig, wenn ich in Foren über Schuco-Autos schreibe oder meine Vorlieben für die seelischen Abgründe bekunde, die von Autoren der phantastischen Literatur zu Papier gebracht wurden? Es könnte ja sein, dass irgendwelche Geheimorden von Facebook mir unsittliche Angebote machen, um beispielsweise das Gesamtwerk des leider viel zu unbekannten Schriftstellers Paul Scheerbart zu erwerben. Ein Blick in meine Bibliothek blieb allerdings Mark Zuckerberg bislang verwehrt, um erkennen zu können, welche Buchausgaben des kosmischen Schwadroneurs in meiner Sammlung noch fehlen. Sollte es ihm gelingen, in die Überwachungsprogramme der Staatstrojaner einzudringen, wäre hier sicherlich noch mehr möglich. Wer zerstört nun mehr die Privatsphäre? Zucki-Boy oder der Staat?

Mehr morgen in meiner Montagskolumne für das Debattenmagazin „The European“.

Siehe auch:

Polizei lässt stille SMS von privater Firma versenden.

Die Suche nach „Bombe“ wird zum Kampf mit Spam.

Elektronischer Staubsauger unterwandert Grundrecht.

Eine Bombennummer!

Update: Hier nun meine The European-Montagskolumne.

Franke, Scheerbart und die Fabrik lebenslustiger Kreaturen: Erkenntnisse aus dem Retortenpalast

Der phantastische Thomas Franke
Der phantastische Thomas Franke

Gestern wurde in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger eine Ausstellung mit Werken des Collage-Künstlers, Grafikers, Schauspielers und Illustrators Thomas Franke eröffnet: Holzstichcollagen als Ergebnisse parallelweltlicher Beobachtungen unter dem Titel: „mundus parallelus: Die Akademie der Wissenschaftler nach der Planetesimalen Phaetonischen (VW hätte Franke fragen können, warum man eine Luxus-Karosse nicht Phaeton nennen sollte, gs) Katastrophe“.

Wie man unschwer erkennt, bewegt sich Franke in den Gefilden phantastischer Literatur. Als Leser, Entdecker und auch als Buchillustrator – etwa für die legendäre phantastische Bibliothek des Suhrkamp-Verlages.

Die Arbeiten, Collagen und Zeichnungen verweisen methodisch auf Max Ernst und den „cadavre exquis“ – ein Spiel der Surrealisten. Sie entstammen der Welt der Science Fiction, wo die Verschmelzung von Mensch und Maschine stattfindet.

Thomas Franke setzt diese Welt aus Fragmenten und Versatzstücken des 19. Jahrhunderts zusammen:

„Das liegt auch daran, dass er die alten Graphiken liebt und sein ganzes Geld in den Erwerb alter Drucke steckt, um sie zu zerschneiden und neu zu collagieren (ob das mit dem verwertungsrechtlichen Knebel des Handelsbakommens ACTA noch möglich ist? gs). Er dekonstruiert sie und zeigt so, was bereits in ihnen steckt: Die Vermessung des Menschen, der Körper als Maschine, von Maschinen beherrschte Menschen, überwachte Menschen, Entfremdung, Zauberlehrlinge, Macher“, schreiben die Malerin Jutta Reucher und die Verlegerin Jutta Baden im Ausstellungskatalog, den man bei Böttger für 12 Euro erwerben kann.

Franke treibt der Reiz, aus etwas Vorgegebenem neue Welten entstehen zu lassen, zu beobachten, was plötzlich geschieht, wenn er die Details zusammensetzt, die just in diesem Moment philosophische Dialoge miteinander eingehen. Dem konnte er sich nie entziehen:

„Jedes Motiv ist für mich ein Anlass zu assoziieren, andere Geschichten zu erzählen, die Fäden zu fassen, die in eine Fata Morgana hineinführen“, erläutert Franke im Interview mit René Moreau (abgedruckt im Ausstellungskatalog). Er beschäftigt sich mit Zuständen, die schon der Dichter Friedrich Schiller beklagte. Also grapscht er sich nach Jahren reiflicher Überlegung den alten Scheiß, „der zu Schillers Zeiten als Illustrationen gedruckt wurde – als arschkneifenden Hinweis auf die gegenwärtig so antagonistischen Zustände -, kleistert ihn neu zusammen und kommentiert damit die Gegenwart“, so Franke.

Es ist nachvollziehbar, dass Franke auch von dem Werk des phantastischen Literaten Paul Scheerbart magnetisch angezogen wird. Etwa von der Erzählung „Die Fabrik lebenslustiger Kreaturen – Kosmische Existenzkomödie“. Hier erfährt der Leser, wie man die höhere Lebenslust kennenlernt. Es sind Fähigkeiten, genau dort aufzutauchen, wo was los ist und zwar an mehreren Orten gleichzeitig. Etwa durch das Studium des „Anzeigers für pikante Verwirrungen“. Einzige und wirklich nur winzige Voraussetzung: Interessierte müssen sich im Retortenpalast einstampfen lassen, um als neue Kreaturen ein vielfaches Leben führen zu können, das viel lustiger ist als das einfache Leben, das ziemlich langweilig ist.

Eine Kostprobe seiner Rezitationskunst gab Franke im Anschluss an die Ausstellungseröffnung mit Lesefrüchten aus dem Werk von Scheerbart. In den Dialogen erkennt man das Schauspielerische seines Vortrags!

Hier die Aufzeichnung.

Weitere Lesungen von Franke in der Literaturbuchhandlung Böttger folgen: Etwa am 23. März, 20:00 Uhr. Hier rezitiert er aus Erzählungen des des österreichischen Satirikers, Phantasten und Mystikers Gustav Meyrink.

Warum im Chor der analogen Defensivdenker das Klagelied vom Kontrollverlust ertönt

Der niederländische Soziologe Jan van Dijk von der Universität Twente entwirft ein höchst misanthropisches Gemälde der Netzwirklichkeit:

„Das Internet führt nicht zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit. Vielmehr verstärkt die global vernetzte Gesellschaft die Ungleichheit auf allen Ebenen – zwischen Staaten ebenso wie zwischen Organisationen und Individuen. Immer weniger Firmen/Menschen werden immer größer/mächtiger (die ‘Knoten’ im Netzwerk), während gleichzeitig immer mehr Firmen/Menschen immer unbedeutender werden (der ‘Long Tail’). Die Mitte verschwindet – und damit der Kitt zwischen den beiden Polen.“

Seine Thesen habe ich ja ausführlich dokumentiert.

Auf Service Insiders habe ich auf diese altbekannten Thesen, die auch von der anderen Web-Kritikern vertreten werden, noch einen weiteren Konter gesetzt. Titel: Wir sind das Netz: Warum Hierarchien in Wirtschaft und Politik zerbröseln. Das Netz befördert in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik eher die antihierarchischen Formationen. Warum ertönt denn im Chor der analogen Defensivdenker das Klagelied vom Kontrollverlust? Warum gibt es massive Bestrebungen, Netzfreiheiten über Sperren, Verbote und Abmahnorgien zu beschränken?

Netz-Eingeborene revoltieren gegen Obrigkeitsdenken

Der polnische Dichter Piotr Czerski hat die Befindlichkeit der Netz-Eingeborenen in einem Gastbeitrag für die Zeit auf den Punkt gebracht: Die junge Generation stört sich an traditionellen Geschäftsmodellen und Obrigkeitsdenken:

„Unser Verständnis von sozialen Strukturen ist anders als eures: Die Gesellschaft ist ein Netzwerk, keine Hierarchie. Wir sind es gewohnt, das Gespräch mit fast jedem suchen zu dürfen, sei er Journalist, Bürgermeister, Universitätsprofessor oder Popstar, und wir brauchen keine besonderen Qualifikationen, die mit unserem sozialen Status zusammenhängen. Der Erfolg der Interaktion hängt einzig davon ab, ob der Inhalt unserer Botschaft als wichtig und einer Antwort würdig angesehen wird. Und da wir, dank Zusammenarbeit, ständigem Streit und dem Verteidigen unserer Argumente gegen Kritik das Gefühl haben, dass unsere Meinungen einfach die besseren sind, warum sollten wir dann keinen ernsthaften Dialog mit der Regierung erwarten dürfen“, fragt sich Czerski.

„Was uns am wichtigsten ist, ist Freiheit. Redefreiheit, freier Zugang zu Information und zu Kultur. Wir glauben, das Internet ist dank dieser Freiheit zu dem geworden, was es ist, und wir glauben, dass es unsere Pflicht ist, diese Freiheit zu verteidigen. Das schulden wir den kommenden Generationen, so wie wir es ihnen schulden, die Umwelt zu schützen“, so der polnische Dichter.

Bannfluch könnte auch Facebook und Google erreichen

Wer gegen diese Grundsätze verstößt, bekommt die Wucht des Netzprotestes zu spüren, der im Ernstfall auch auf der Straße ausgetragen wird, wie man am Widerstand gegen das Handelsabkommen ACTA ablesen kann. In Wahrheit geht es hier nicht um den Schutz des geistigen Eigentums über sinnvolle urheberrechtliche Regelungen, sondern um schnöde Verwertungsrechte alteingesessener Wirtschaftskonglomerate, wie es der Publizist Wolfgang Michal in einer Breitband-Gesprächsrunde von Deutschlandradio Kultur treffend formulierte.

Sollten Facebook, Google und Co. mit ihrer rüden Friss-oder-stirb-Geschäftspolitik weitermachen, wird sich der Bannfluch auch auf die amerikanischen Internet-Giganten übertragen.

„Die meisten Jugendlichen haben bis zu ihrem 20. Lebensjahr Tausende Computerspiel-Stunden hinter sich und eignen sich dadurch Fähigkeiten und Denkmuster an, die der älteren Generation völlig fremd sind“, sagt Moshe Rappoport von IBM. Analog zu Computerspielen, wo man mit Risikoverhalten schnell zum Ziel komme und nach einem „Game Over” einfach neu beginne, zeichne sich die junge Generation durch Risikobereitschaft und schnelles Handeln aus, erklärt Rappoport. Diese Denkweise spielt auch bei der Akzeptanz neuer Technologien eine wichtige Rolle. Es gibt im Netz keine in Stein gemeißelten Formationen für die Ewigkeit. Gestern Myspace, heute Facebook und Google+, morgen etwas ganz anderes. Den Faktor Unberechenbarkeit können auch die amerikanischen Web-Konzerne nicht aus der Welt schaffen, so meine Ausführungen in einem Beitrag für die absatzwirtschaft.

Die Kleinen nagen an den Großen

„Was immer Soziologen, Skeptiker und Publizisten über die Evolution des virtuellen Raums sagen, es bezieht sich in erster Linie auf sie selbst, auf ihr Weltbild und den wissenschaftlich trainierten Drang, eine prophetische Spur zu hinterlassen. Die Frage: wer mein User-Verhalten bestimmt, beantworte ich ganz klar mit: Ich. Aber, ist das wirklich so? Gäbe es keine Sozialen Netzwerke, würde ich als privater Web2.0-User Texte für die word.doc-Schublade schreiben und als Copywriter, für Kunden. Als Privatier aber nutze ich sämtliche Kanäle, darf mich austoben – wo, wann und mit wem ich will, hole mir Anregungen, Interaktion und schnelles Kurzzeitwissen – alles dreht sich um mich und meine positionierende, selbstdarstellende Ikonologie. Ich kreiere mir ein Universum im Universum – das ist es, wohin uns die Schöne neue Welt führt“, kontert der Blogger Gerald Angerer die Thesen des Soziologen van Dijk.

Das Interesse der Großen sei klar, so der Journalist und Blogger Heinrich Rudolf Bruns: Sie wollen Teile des Netzes für sich, „die Bestrebungen gegen die Netzneutralität und die Vorgänge im Zusammenhang mit ACTA und die nicht enden wollenden Datenschutz-Diskussionen sprechen eine deutliche Sprache.“ Dieses Machtgefüge sei aber nicht mehr unangreifbar:

„Je mehr Kleine sich zusammentun, desto eher werden die Begehrlichkeiten der Großen ausgebremst oder gar unmöglich gemacht. Und: Dass viele Kleine viel erreichen, hat der Arabische Frühling gezeigt, der in der virtuellen Welt seinen Anfang nahm und seinen Rückhalt fand. Und der, lieber Jan van Dijk, zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit führte -zumindest in Teilbereichen“, resümiert Bruns.

Siehe auch:
Wir, die Netz-Kinder.

Paul Scheerbart-Lesung bei Böttger in Bonn: Der kosmische Schwadroneur mit beschränkter Haftung

Am Samstag gibt es eine Ausstellung in der Literaturbuchhandlung Böttger:

„Bilder von Buch zu Buch“ – Literaturinspirierte Collagen von Thomas Franke

Was mich sehr freut: Zur Eröffnung der Ausstellung liest Thomas Franke Erzählungen von Paul Scheerbart, der zu meinen Lieblingsautoren zählt!!!!! Samstag, 25. Februar 2012, 17 Uhr. Da bin ich natürlich dabei.

Franz Rottensteiner, der die Phantastische Bibliothek im Suhrkamp-Verlag betreute, hat sich intensiv mit dem kosmischen Phantasten Scheerbart beschäftigt:

„Scheerbart (1863-1915) wird unter den verschiedensten Etiketten diskutiert und vereinnahmt, als Vorläufer der Moderne, als Autor von Lautgedichten vor den Dadaisten, als Vorläufer des Surrealimus (1958 erschien in Paris eine Scheerbart gewidmete Ausgabe der Zeitschrift Bizarre mit einer Übersetzung des Perpetuum mobile [1910], die ihn in die Nähe von Alfred Jarry rückt), als Prophet und Vorkämpfer der Glasarchitektur mit Einfluss auf Architekturströmungen der Moderne (Bruno Taut z.B.); man hat ihn apostrophiert als ‚Antierotiker‘ (nach Erich Mühsam er selbst), als ‚Dichter der Sternenwelt‘ (Franz Servaes), als ‚weisen Clown‘ (O.J. Bierbaum), als ‚wiedergeborenen Dionysus‘ (Anselm Ruest), aber auch als ‚literarischen Eigenbrötler‘ (Kurt Aram). Für Arno Schmidt wieder, der das Schreiben als harte Arbeit am Wort sah und nichts hielt von der leichten Eingabe der Muse und dem dichterischen Genius, dem alles ohne Anstrengung zufalle, ohne die Mühe des Korrigierens, war er nur ein ‚kosmischer Schwadroneur mit beschränkter Haftung‘. Natürlich sind auch Scheerbarts Anklänge an die Science Fiction unübersehbar, und einige Kommentatoren haben aufgezählt, was er alles an technischen Neuerungen vorausgesehen haben soll, als fiele Scheerbart als Autor in dieselbe Rubrik wie Jules Verne. Als solcher qualifiziert ihn vor allem seine ‚Flugschrift‘ Die Entwicklung des Luftmilitarismus und die Auflösung der europäischen Land-Heere, Festungen und Seeflotten (1909], in der er in anscheinend paradoxem Zynismus verkündete, der Krieg lasse sich nicht durch Pazifismus überwinden, sondern nur durch die grösstmögliche Perfektionierung der Zerstörungsmittel, durch geballte Luftbombardements, vor denen alle Festungsanlagen und Flotten zunichte würden. Das rückt ihn jedoch eher in die Nähe Jonathan Swifts als die Jules Vernes“, schreibt Rottensteiner.

Scheerbart selbst habe sich als „Phantasten“ bezeichnet, gründete einen kurzlebigen „Verlag der Phantasten“, in dem sein Wunderfabelbuch „Ja… was möchten wir nicht Alles!“ (1893) und die 2. Auflage seines ersten Buches, „Das Paradies, die Heimat der Kunst“ (1889, 1892) erschienen und schrieb früh eine „Ästhetik der Phantastik“ (1894).

Schon in seinem ersten Essay dieser programmatischen Richtung, „Die Phantastik im Kunstgewerbe“ (1891), verstand er die Phantastik im Gegensatz zum künstlerischen Realismus als eine Kunstrichtung, die hauptsächlich durch die Phantasiekraft wirken will und zugleich die Phantasie des Zuschauers in neue Bahnen zu leiten versucht. „Das Wesen der Phantastik besteht somit in der Eröffnung neuer, weiter Perspektiven.“

„Seine kosmischen Welten, wenn auch wissenschaftsverneinend, märchenhaft und antiempirisch anmutend, haben nichts Übernatürliches an sich; sie entspringen zwar einem Missbehagen an der irdischen faktischen Welt mit ihren Kriegen, Elend, Existenznöten und Lebensqualen, aber sie werden für die wahre, kosmische Wirklichkeit ausgegeben, in der das irdische Jammertal nur ein nicht sonderlich bedeutsamer Unglücksfall einer höheren Welt kosmischer Harmonie, ästhetischer Ordnung und in ihrer Unfassbarkeit erhabener Grösse ist. Aber es gibt den vielbeschworenen ‚Riss in der Wirklichkeit‘ nicht, keinen Konflikt zweier Weltordnungen, einer diesseitigen und einer jenseitigen, keine Andeutung von Supernaturalismus“, schreibt Rottensteiner.

In gewissem Masse sei der Scheerbart’sche Kosmos ein ideales Gegenstück zu seiner eigenen, von Hunger bedrohten bohemehaften Alltagsexistenz, in der er oft mehr flüssige als feste Nahrung zu sich nahm.

„Häufig zitiert wird die von seinem Verleger Ernst Rowohlt gemachte Mitteilung, Scheerbart habe sich von ‚geschabten Heringen auf Brot‘ ernährt. Ähnliche Anekdoten, die den Autor als absonderlichen, eigensinnigen Aussenseiter hinstellen, als schrulligen Kauz und auf Pump lebenden trinkfreudigen Philosophen sind in vielen Darstellungen der Berliner Boheme zu finden. Es scheint, dass er nur dank der Unterstützung seiner immens geduldigen Zimmervermieterin und späteren Frau Anna, des ‚Bärchens‘, die in seinen Briefen an sie, Von Zimmer zu Zimmer (1921) ein liebevolles Denkmal gefunden hat, lange genug am Leben blieb, um 1915 buchstäblich zu verhungern – aus Protest gegen den 1. Weltkrieg, wie man u.a. bei Erich Mühsam lesen kann….Scheerbart stellt nicht nur die Welt, wie sie ist, in Frage, sondern auch die eigenen Ideen; charakteristisch für seine Prosa ist, wie er jeden Anflug von Pathos durch bewusste Schnoddrigkeit, durch banale Einfügungen und clowneske Apercus im Keim abtötet. Scheerbart war, wie alle grossen Humoristen, ein tief melancholischer Mensch, der seine zur Weltverdrossenheit gesteigerten Kritiken der verqueren Moral der bürgerlichen Gesellschaft als Narretei und Possenhaftigkeit tarnt und ihrer Scheinmoral eine radikal revolutionäre antibürgerliche Kunstauffassung entgegensetzt“, soweit die Ausführungen von Rottensteiner, die vielleicht dazu beitragen, sich mal dem Werk von Scheerbart zu widmen.

Zu Thomas Franke schreibt Böttger: 1954 in Köthen geboren, studierte Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein und ab 1980 darstellende Kunst an der Ernst-Busch-Akademie und am staatlichen Institut für Theater in Moskau.

Bis 1983 gestaltete er die „Phantastische Bibliothek“ des Suhrkamp-Verlages, wofür er 1982 den „Kurt-Laßwitz-Preis für phantastische Grafik“ erhielt.

Mitte der neunziger Jahre war Franke in über 800 Aufführungen des Monologs „DAS MODELL“, ein Theaterstück nach einer Erzählung von H. P. Lovecraft, in vielen Städten Deutschlands zu erleben. 2001 wurde diese Aufführung für ARTE verfilmt. Mit seiner Produktion „STÖRWERK – MONOLOG FÜR EINEN SHAKESPEAREKÖNIG UNTER EINER NEBENWIRKUNG“ nahm Franke am „New York International Fringe Festival“ teil und erhielt dafür den „Fringe Overall Award for the Best Male Performance“.

Zur Ausstellung in der Buchhandlung Böttger finden bis Anfang April weitere Lesungen mit phantastischer Literatur von Meyrink, Poe, Klabund, Lovecraft, Erckmann-Chatrian, Marta Lynch u.a. statt.