Gegenteil-Tage für die diesjährige Flashmob-Saison

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Hier kommt der zweite Teil meiner Montagskolumne, veröffentlicht im Debattenmagazin “The European”: Gefragt ist mehr Unberechenbarkeit für das subversive, anarchische und vor allem autarke Protestleben. Das Rüstzeug für die Flashmob-Saison des Neuen Jahres liefert der geistige Vater meiner Montagskolumne: Francois Rabelais. Nachzulesen in seinem Schelmenstück „Gargantua und Pantagruel“. Das Werk enthält „phantastische und chaotische Auflistungen“ (Umberto Eco), um die engstirnigen Bürokraten, meckernden Hausmeister, Machthaber, Blender, Prahlhänse, Hierarchieverliebten, Phrasendrescher, eitlen Gecken, Heuchler, Verleumder, Vertuscher, schulmeisterlichen Besserwisser und bigotten Status quo-Verteidigerr in den Wahnsinn zu treiben.

Es ist ein Traktat der fröhlichen Anarchie. Der Held des Romans für unkalkulierbare Scherze ist Panurge. Den Magistern steckte er Scheißkegel in die Klappenkrempe, heftete ihnen hinten kleine Fuchsschwänze oder Hasenohren an den Rücken oder tat ihnen sonst irgendeinen Schimpf an. In seinem Wams hatte Panurge mehr als sechsundzwanzig Täschchen und kleine Flicken, die waren allezeit und einsatzbereit – eine unverzichtbare Ausrüstung für den Flashmob-Aktivisten. Dazu zählen Kletten, mit feinem Flaum befiedert, von Gänschen und jungen Kapaunen; die warf er den biederen Leuten auf Rück und Mützen, und oftmals setzte er ihnen so artige Hörner auf, die sie durch die Stadt trugen, manchmal ihr Leben lang. Dümmlichen Frauen setzte er zuweilen hinten solcherlei Dinger auf die Hauben, jedoch in Form eines Männergliedes. Zum Sortiment zählten auch kleine Tüten, alle gefüllt mit Flöhen und Läusen. Das Geziefer pustete er durch kleine Röhrchen oder Federkiele auf den Halskragen von zimperlichen Zeitgenossen, die er in der Regel in der Kirche fand. In einer anderen Tasche trug er einen erklecklichen Vorrat an Hämen und Haken, mit denen er manches Mal Männer und Frauen aneinander hakte, zumal solche, die feine Taftkleider anhatten. Wenn sie dann auseinander gehen wollten, zerrissen sie ihre Gewänder. Nützlich sind für den Gottesdienst auch Brenngläser. Es bringt so manchen Gläubigen außer Rand und Band und verwischt den Unterschied zwischen einem Kirchgänger, der seine Sünden bereut im stillen Gebet und einem Kirchgänger, der seine Sünden im Stillen begeht.

Nützlich für Panurge sind auch Nadel und Zwirn. So half er einem Franziskaner-Mönch am Ausgang des Palastes beim Ankleiden. Doch während er ihm in die Kleider half, nähte er ihm das Messgewand mit seiner Kutte und dem Hemd zusammen, und als dann die Herren vom Parlamentshof kamen und ihre Plätze einnahmen, um die Messe zu hören, stahl er sich davon. Als der Mönch sein Messgewand wieder ausziehen wollte4, streifte er zugleich Kutte und Hemd über den Kopf, die daran festgenäht waren, und stand bis zu den Achseln splitternackt da, zeigte auch aller Welt seinen Zippidilderich, der wahrlich nicht klein war. Und je mehr der Franziskaner zerrte und zog, umso weiter enthüllte er sich, bis einer der Herren vom Hof sagte: „Ei was? Will uns denn der ehrwürdige Pater hier die Opferung und seinen Arsch zum Kuss bieten? Soll ihn das Sankt-Antons-Feuer küssen!“

Hochnäsigen Fräulein streute Panurge Federalaun in den Rücken, so dass sie sich vor aller Welt auskleiden mussten, manche tanzten wie ein Gockelhahn auf Kohlenglut oder wie eine Kugel auf er Trommel, andere rannten sie verrückt durch die Gassen, und er lief hinterdrein. Oder er furzte wie ein Ackergaul, so dass die Oberen sagten: „Aber, aber, Panurge, Ihr furzt ja!“ Er aber erwiderte: „Mitnichten, aber ich spiele die Begleitung zum Gesang, den Ihr mit euren Nasen zum besten gebt.“

Das Asoziale Netzwerk

Wem die Anarcho-Existenz von Panurge zu anstrengend ist, kann es ja mit dem kommunistischen Känguru von Marc-Uwe Kling probieren. Etwa bei der Gründung eines Asozialen Netzwerks als Anti-Terror-Organisation (Das Känguru-Manifest, Ullstein Verlag). Gegen den Terror der Schulen und Fabriken, der Medien und der Regierung, der Leitkultur und des Lobbyismus, der Religion und der Wirtschaft. Um Manifest für das Asoziale Netzwerk ist schnell geschrieben, sagt das kommunistische Känguru und deutet auf das vor ihm liegende Penguin-Buch „Flexibility & Security“: „Ich mus nur Kapitel für Kapital das Gegenteil von dem schreiben, was in diesem BWL-Lehrbuch gedruckt steht.“ Besser hätte es SpongeBob auch nicht ausdrücken können. Machen wir doch 2012 einfach jeden Tag einen Gegenteil-Tag, das wird den Chef, Lehrer, Professor, Oberbürgermeister, Ordnungsamt-Knöllchenverteiler, Staatstrojaner-Programmierer, Innenminister oder Jägerzaun-Besitzstandswahrer in einen Zustand permanenter Verwirrung setzen. Ich wünsche Euch ein fröhliches Anarchie-Jahr 2012 und eine Zeit ohne Zeigefinger-Pädagogik im Netz, wie sie der Deutsche Knigge-Rat über das Social Web veröffentlicht hat – dümmliche Angsthasen-Rhetorik.

Die größten Web-Aufreger des vergangenen Jahres hat übrigens Falk Hedemann von t3n sehr schön zusammengefasst.

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