Facebook und die 800 Millionen Lemminge: Mündet das Online-Marketing in die totale Überwachung? Meinung gefragt

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Tückisch an Facebook ist nach Auffassung von Jan Schmidt, Autor des Buches “Das neue Netz”, dass die Architektur des Zuckerberg-Imperiums sehr viele Dinge verdeckt analysiert. Facebook gestaltet ständig die eigenen Strukturen um und ist höchst intransparent, was die Verwendung der Daten angeht. So werde informationelle Selbstbestimmung ungemein erschwert. Da hat Jan Schmidt sicherlich recht. Auch der Umgang mit den Nutzern ist rüpelhaft und rücksichtslos – nicht nur bei Facebook, sondern auch bei Google. Darüber habe ich hier ja schon berichtet: Behandelt mich Google wie einen Kunden? und „Shoot first, ask later“: Merkwürdiges Verständnis im Umgang mit Kunden.

Was Facebook nun so alles über uns weiß, dokumentiert der taz-Beitrag über den Facebook-Account Max Schrems. Im Beitrag tauchen eine Menge könnte, könnte, könnte auf. Die Daten könnten für Werbeleute, Polizei oder Hacker interessant sein. Konkretisierungen in der Causa Datenmissbrauch bleibt der Film schuldig.

Weitaus fundamentalistischer argumentiert Mark Andrejevic von der University of Queensland in einem Beitrag für den Sammelband “Generation Facebook”. Die 800 Millionen Facebook-Nutzer stehen quasi unter dem schnöden Kommerz-Regime des amerikanischen Konzerns. Das zugrunde liegende Modell der Plattform beruhe auf der digitalen Gewinnung von Informationen über unsere sozialen Interaktionen, sie sich wiederum dazu nutzen lassen, den Kontext, in dem sie vorkommen, “gemäß den Diktaten von Marketing und Werbung umzustrukturieren”, schreibt Andrejevic.

“Wenn es den Anschein hat, dass Facebook Elemente der traditionellen Gemeinschaft wiederbelebt und verbessert, indem es Menschen ermöglicht, Netzwerke aus Klatsch, Gesprächen und Interaktionen zu erhalten und zu erweitern, dann geschieht das unter Bedingungen, die von Marketing und Kommerz diktiert werden.”

Wir würden zwar miteinander tratschen – doch in einem Kontext, in dem wir gleichzeitig füreinander als Reklameflächen dienen. “Unsere persönlichen Interaktionen werden von Marketingexperten überwacht”, glaubt der Wissenschaftler.

Den Zugang zur “kostenlosen” Nutzung von Facebook oder Google bezahlen wir, “in dem wir uns der kommerziellen Überwachung unterwerfen”. Dabei lehnen es rund 85 Prozent der Internetnutzer ab, dass Informationen über ihre Online-Aktivitäten für gezielte Werbung verwendet werden. Insofern findet eine doppelte Ausbeutung statt. Die Facebook-Nutzer produzieren den Inhalt und generieren gleichzeitig die Marktforschungsdaten – über sich selbst.

“Für die rechnergestützte Kontrollfantasie in der affektiven Ökonomie gilt: Je mehr Emotionen artikuliert und zirkuliert werden, je mehr Verhaltensweisen verfolgt und angesammelt werden, je mehr Verhaltensweisen verfolgt und angesammelt werden, desto mehr können Marketingexperten versuchen, Affekte so zu kanalisieren und zu fixieren, dass sie sich in erhöhten Konsum umsetzen lassen.”

Mein häufig vorgetragenes Gegenargument, dass personalisierte Werbung besser sei als die Einweg-Massenberieselung des analogen Zeitalters, lässt der Autor nicht gelten: “Diese aalglatte und gängige Erwiderung ist in dreifacher Hinsicht verräterisch: Erstens wird unser Gemeinschaftsleben im Informationszeitalter von präzise gezielter Werbung durchdrungen (und unsre individuellen und gemeinschaftlichen Äußerungen werden dazu benutzt, uns selbst zu vermarkten). Zweitens erscheint es wie eine ‘natürliche’ Entwicklung, dass die Gemeinschaft im digitalen Zeitalter ganz und gar auf einer Plattform in Privatbesitz konstruiert wird (die Privatisierung von Gemeinschaftsbesitz). Und drittens ist der optimale Endpunkt des Online-Marketings die totale Überwachung.” Bum. Dingdong. Das sitzt. Eine ziemlich steile These.

Ist das wirklich so? Und mal abgesehen vom Kommerzverbrechen der personalisierten Werbung, welche Erfolge haben denn die Werbe- und Marketing-Wächter denn nun? Ein empirischer Beweis für die Verführbarkeit und Manipulation von 800 Millionen ahnungslosen und verführbaren Lemmingen im Netz kann Andrejevic nicht vorlegen. Wir sind also auch hier wieder im Konjunktiv-Modus.

Wir gut funktioniert denn wirklich das Marketing auf Facebook unabhängig von den Parolen der einschlägig bekannten Facebook-Marketingdauerschwätzer mit ihren Analysetools für Fliegenbeinzählereien und Werbeplatzierungen? Wie gut agieren denn die Firmen in sozialen Netzwerken? Welchem Diktat unterliegen die Menschen, die ihre Interessen austauschen und Meinungen bekunden? Mündet tatsächlich das Online-Marketing in die totale Überwachung? Wer hat denn mal auf die Einblendung einer personalisierten Anzeige irgendetwas gekauft? Oder sind es doch eher persönliche und nachprüfbare Empfehlungen von Facebook-Freunden, die zum Kauf eines Produktes oder einer Dienstleistung führen? Dieses Thema möchte ich in meiner Freitagskolumne für Service Insiders aufgreifen und bitte um Meinungen. Entweder hier posten und wieder per E-Mail an: gunnareriksohn@googlemail.com

Fußnote: Selbst Lemminge sind nicht so verführbar, wie es der Volksmund verbreitet – siehe den Wikipedia-Eintrag:

Berglemminge erfahren starke Populationsschwankungen. Alle zwei bis fünf Jahre wird eine Bestandsgröße erreicht, die so groß ist, dass zahlreiche Lemminge ein Gebiet verlassen und sich auf die Suche nach neuen Lebensräumen begeben. Hierbei kann es dann zu Massenwanderungen kommen, bei denen Tausende Berglemminge gemeinsam unterwegs sind, Flüsse überqueren und bis zu 100 km zurücklegen. Solche Massenwanderungen sind jedoch extrem selten; sie scheinen in Lappland alle 30 bis 35 Jahre aufzutreten, weiter südlich dagegen gar nicht. Während der Wahrheitsgehalt von Berichten über Massenwanderungen häufig angezweifelt wurde, hielten Henttonen und Kaikusalo 1993 die Quellen, die über solche Vorgänge berichteten, für glaubwürdig. Da viele Lemminge auf diesen Wanderungen zu Tode kommen, entstand die Legende vom “Massenselbstmord”, die aber jeder Grundlage entbehrt.

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