Folgt nach dem Facebook-Bashing der Exodus?

Scheinbar wirkte die Entwicklerkonferenz von Facebook auf ein paar Exponenten des Netzdiskurses wie ein Kulturschock (etwa der off-the-record-Blogger Olaf Kolbrück: Goodbye Facebook). Jedenfalls verkündeten einige, ihre Präsenz zu löschen oder ihre Aktivitäten auf null zu fahren. Nun, ich bin gespannt, wie sich der Erregungszyklus auf die Nutzerzahlen auswirken wird. Jedenfalls habe ich die Ereignisse der vergangenen Wochen gerade in einem Interview mit Felix Holzapfel diskutiert. Er hat zusammen mit seinem Bruder das Buch „Facebook – Marketing unter Freunden: Dialog statt plumpe Werbung herausgegeben“. Das Ergebnis werde ich in der nächsten Woche bringen. Artikel und natürlich die komplette Audioaufzeichnung. Ein eifriger Kämpfer spielte in dem Gespräch natürlich auch eine kleine Nebenrolle. Der Datenschutz-Deichgraf Thilo Weichert, der nach einer Meldung von heise heute noch einmal bekundete, gegen ausgewählte öffentliche und private Website-Betreiber in Schleswig-Holstein vorgehen zu wollen. Die Überschrift der Meldung gibt den Sachverhalt allerdings falsch wieder: „Schleswig-Holsteins Datenschützer kämpft weiter gegen Facebook“. Eben nicht. Dazu ist Weichert wohl nicht willens und in der Lage.

Positiv ist die Nachricht, dass die Industrie- und Handelskammer (IHK) Schleswig-Holstein verkündete, Facebook weiter nutzen zu wollen und notfalls einen Musterprozess zu führen (so etwas hätte auch der Bundesverband Digitale Wirtschaft tun können!). Na dann, Herr Weichert. Hier haben Sie dann doch die erste Institution für ein Verwaltungsverfahren. Er betonte übrigens noch, man ja nur das Ziel der Verwirklichung des Datenschutzes verfolge. „Uns geht es nicht um Wettbewerbsverzerrungen oder das Drangsalieren kleiner Betreiber“. Aber große Betreiber wollen Sie drangsalieren? Wo liegt denn bei Ihnen die Grenze zwischen klein und groß? Herr Weichert, Sie sollten nicht nur den Roman 1984 von George Orwell studieren, sondern auch sein Opus „Farm der Tiere“: „Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher.“ Mit der Gleichheit vor dem Gesetz hat das nichts mehr zu tun.

Zur Facebook-Debatte: Internet-Nutzer sind kein manipulierbares Vieh – Das mechanistische Weltbild in der Datenschutzdebatte

So sehr die Macht des Kunden im Netz wächst, so problematisch ist das Verhältnis der Social Web-Anbieter im Umgang mit seinen Nutzern. Wir seien eben nicht die Kunden von Google, Facebook und Co., moniert der Datenschutz-Experte Jon Callas in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung „Die Zeit“. Wir würden nicht für ihre Dienste bezahlen. Die Kunden seien Unternehmen, die Anzeigen in ihren Diensten schalten. Hier liegt wohl der Hase im Pfeffer begraben. Thematisiert hatte ich das ja schon im Zusammenhang mit der Sperrung von Google+-Accounts. Ähnliches spielt sich nun bei Facebook im Fall des Studenten Max Schrems ab, wie Richard Gutjahr in seinem Blog es sehr schön dokumentiert hat.

„Diese Unternehmen kaufen: uns – unser Hinschauen, unsere Aufmerksamkeit. Wir sind das Produkt“, so Callas. Als Nutzer werde man bei Laune gehalten, sodass wir bisweilen dem Glauben anheimfallen, wir seien tatsächlich Kunden. „Wer allerdings mit der Löschung seiner virtuellen Existenz bedroht wird, dem Zwang zur Verwendung seines wirklichen Namens unterliegt oder genau wissen möchte, was mit den eigenen Daten geschieht, bekommt sehr schnell mit, dass die Internet-Giganten uns nicht als Kunden betrachten“, so die Erfahrung des Netzwerkspezialisten Bernd Stahl von Nash Technologies.

Werbefinanzierung oder personalisierte Services seien nichts Teuflisches – das wird aber in der Facebook-Google-Debatte häufig suggeriert. Sascha Lobo hat darauf die richtige Antwort gegeben:

„Dabei ist das Tauschgeschäft Daten gegen Leistung seit langer Zeit ein medienwirtschaftliches Prinzip. Der freiwillige Tausch mit der Währung der eigenen Aufmerksamkeit, verkaufbar gemacht durch persönliche Daten, ist die Existenzgrundlage der meisten Plattformen im Netz. Und wie traurig, dysfunktional und werkenntwenig sähe das Netz ohne Facebook, Google und Twitter aus.“

„Problematisch ist das vom Spiegel-Redakteur Christian Stöcker skizzierte Szenario. Von der kalifornischen Idee der elektronischen Agora und der Befreiung von staatlichen Hierarchien und privaten Monopolen verabschieden wir uns gerade“, kritisiert Stahl. Dabei hatte 1994 Keven Kelly in seinem Buch „Out of Control“ postuliert, dass wir eine Ära der dezentralen Organisationen erleben werden. Auch der Futurologe Toffler irrte. Im Cyberspace werde ein Markt nach dem anderen von einem natürlichen Monopol in einen verwandelt, in dem Wettbewerb die Regel ist. „Das Internet hat bis jetzt aber nur einen dominanten Einzelhändler: Amazon. Einen dominanten Markt für Musik und Filme: iTunes. Ein dominantes Auktionshaus: Ebay. Ein dominantes Social Network: Facebook. Und eine dominante Suchmaschine: Google. Und nicht zu vergessen die Tochter Youtube als dominante Plattform für Videos. Ein freies und offenes Netz sieht anders aus“, schreibt Stöcker in seinem Buch „Nerd Attack“.

Internetnutzer sind kein manipulierbares Vieh

Und was passiert, wenn diese Monopolisten zu Erfüllungsgehilfen von staatlichen Überwachungs- und Kontrollwünschen werden. Wie könnte man also ein dezentrales, offenes und sicheres Internet schaffen unter Bewahrung der Netzneutralität? Genau mit diesen Fragen muss man sich jetzt beschäftigen und nicht mit unsinnigen Exkursen über die vermeintlichen Stasi-Methoden von Web-Dienstleistern wie Facebook oder Google.

„Im Netz herrscht, ob wir wollen oder nicht, die totale Transparenz. Die Handlungsempfehlung ist fast so alt wie das Internet. Schreibe nichts in eine Mail, was Du nicht auch auf eine Postkarte schreiben würdest. Das haben wir schon in den 90er Jahren gesagt, als das Internet aus der Kinderkrippe kam. Der Satz war vielleicht nicht radikal genug formuliert. Heute müsste man es anders sagen. Gehe davon aus, dass alles, was Du sagst, schreibst oder sogar denkst, im Internet auftauchen wird“, mahnt der Publizist Tim Cole in seiner Contact Center Trends-Rede in der Frankfurter Commerzbank-Arena. Die Kritiker, die vor der Manipulationskraft von Algorithmen, Suchmaschinen oder Social Media-Dienstleister warnen, würden ein sehr mechanistisches Weltbild der Informationsgesellschaft vertreten. „Überflutet die Internet-Nutzer nur lange genug mit Informationen und sie werden aufhören selbständig zu denken und fremdgesteuert durchs Leben torkeln. Die Bedenkenträger können sich offenbar nicht vorstellen, dass Menschen sehr wohl die Fähigkeit besitzen, haarscharf zwischen relevanten und irrelevanten Informationen zu unterscheiden. Die Kulturpessimisten sehen die Menschen als Vieh, das nur wiederkäut und ansonsten sich von medialen Hirten vorantreiben lässt in eine ungewisse Zukunft“, erläuterte Cole in der Main-Metropole (siehe die zweite Videoaufzeichung der Cole-Rede in Frankfurt).

Ähnlich ist auch der Befund von Sascha Lobo in seiner Spiegel-Kolumne:

„Datenschutz geht in Deutschland von der antiquierten Haltung aus, der Nutzer sei ein dummes Schaf, das umfassend geschützt werden müsse, vor sich selbst und den unglaublich bösartigen Unternehmen. Würden Datenschützer Verkehrspolitik machen, wären Straßen umzäunt und Autos verboten. Diese Haltung geht mit falschen Prioritäten einher: Der vorauseilenden Volksüberwachung wird durch Datenschutzbehörden ungleich weniger Aufmerksamkeit geschenkt als dem medienwirksamen Thema Facebook. Dabei ist die Teilnahme an Facebook noch immer freiwillig, anders als die Teilnahme am deutschen Staat. So reduziert sich die Diskussion um Datenschutz auf das Medienschauspiel Datenkrake gegen Datenkrakeeler. Datenschutz in Zeiten der Datenbegeisterung muss mehr auf Transparenz und Nutzerkontrolle abzielen als auf Verbote und innovationsfeindliche Pauschalregeln. Denn die Facebook-Timeline ist erst der Anfang. Alles und jedes, was Nutzer ins Netz stellen wollen, wird ins Netz gestellt werden. Die Grenzen bestimmt für erwachsene Nutzer kein Bundesbeauftragter, sondern die datenbegeisterte Öffentlichkeit.“

Völlig kontraproduktiv sei nach Auffassung von Bernd Stahl der Gedanke von Jon Callas, die natürlichen Monopole wie Google und Facebook zu verstaatlichen, da sie sich zu Grundversorgungsunternehmen entwickeln: „Ein privates Monopol durch ein staatliches zu ersetzen, ändert nichts an der Tendenz zu Machtmissbrauch, Anmaßung und Kundenmissachtung. Das dürfte jedem noch bekannt sein aus den Zeiten des Telefonmonopols der Deutschen Post mit dem legendären Werbespruch ‚Fasse Dich kurz‘. Auch ist der Staat als Hüter des Datenschutzes nicht gerade ein verlässlicher Partner. In der Telekommunikation hat man die Monopole mit so genannten Peering-Technologien gebrochen. Ähnliches muss jetzt auch im Internet geschehen – beispielsweise über semantische Portale. Wir müssen wieder für eine multipolare Welt des Wettbewerbs und der Ideen im Netz sorgen.“

Zur Unberechenbarkeit des Netzes ist dieses Video noch interessant (Social Media-Plattformen sind keine steuerbaren Kanäle!:

„Was im Internet abläuft, ist spontan und kann von Unternehmen nicht beherrscht werden. Da stehen die Mitarbeiter im Kundenservice vor ganz anderen Herausforderungen. Ein Skript zur Beantwortung von Anfragen reicht nicht mehr aus. Man muss sehr viel selbständiger agieren“, sagt authensis-Vorstand Klaus-J. Zschaage von der Brancheninitiative Contact Center Network. Social Media sei kein Kanal, wie man ihn aus der klassischen Kundenkommunikation via E-Mail, Telefon oder Brief kenne. „Die Rolle der sozialen Netzwerke im Service-Management muss erst noch gefunden werden. Es geht mehr um Beobachtung als um direkte Kommunikation. Es hat keinen Zweck, im Social Web einen Kanal aufzumachen, den ich systematisch bearbeite. Dazu braucht man Kontrolle, die ist im Netz aber nicht vorhanden“, erläutert Zschaage. Wer in Web 2.0-Fachdiskussionen von Kanal spreche, wecke die Illusion eines beherrschbaren Sender-Empfänger-Modells.

„Das ist irreführend. Kanal hat etwas mit kanalisieren zu tun. Social Media-Plattformen sind etwas völlig anderes. Bei einem Kanal kann ich die Schleuse auf oder zu machen. In sozialen Netzwerken ist das nicht möglich“, meint der Call Center-Experte Zschaage. Recht hat er!

Siehe auch:

Interview mit dem Netzwerkspezialisten Bernd Stahl von Nash Technologies über die Notwendigkeit dezentraler Netze.

Hier eine Replik auf die Kolumne von Sascha Lobo: Eine Leitplanke für den Datenschutz brechen.

Lesenswert auch die Rezension von Ulrike Langer über das neue Jeff Jarvis-Buch zur Privacy-Frage: “We ain’t seen nothin’ yet”:

Nicht immer ist der (vor allem deutsche) Reflex nach möglichst geringe Preisgabe von Daten und möglichst rigider Datenkontrolle zielführend. Ein drastisches Beispiel: Jarvis selbst bekam viel Unterstützung, weil er intime Details über seine Prostatakrebs-OP und die daraus resultierenden Folgen öffentlich machte. Die plakativen Schilderungen hätten dazu beigetragen, dass mehr Männer ihre Scheu vor dem Thema ablegen und rechtzeitig Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen, glaubt Jarvis.

#Gelernter und die Kritik an lausiger Software #cct11

http://twitter.com/#!/Widget68/status/119058070063161344

Daniel bringt es auf den Punkt. David Gelernter ist ein Computer- und Internet-Urgestein, der sich schon frühzeitig über Fehlentwicklungen des Netzes Gedanken gemacht hat. Im Fokus seines kritischen Gedankenausfluges, den er auf dem Frankfurter Fachkongress Contact Center Trends vorstellte, steht die unausgereifte Software: „Die Betriebssysteme sind zu kompliziert, schlecht gemacht und nicht intuitiv. Da hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren kaum etwas gebessert. Ich beobachte viele hochintelligente Leute, die es gerade noch so knapp schaffen, einen Computer zu bedienen. Viele geben sich selber die Schuld – dabei liegt es an der lausigen Software. Sie erleichtern nicht unseren Alltag und sind eine einzige Quelle des Ärgers“, so Gelernter.

Während die Hardware immer besser wurde, blieb das Grundprinzip der Software – die Benutzeroberfläche – in den 1970er-Jahren stehen: Hierarchisches Filesystem, Icons, Desktop-Interface, die Maus, all das wurde in den späten 1970ern von Xerox und Bell erfunden. Apple brachte es dann 1984 als erstes kommerzielles Produkt auf den Markt. „Seitdem entwickelte sich die Software kaum weiter, obwohl sich unser Nutzerverhalten radikal verändert hat. Anfang der 1980er-Jahre war es ungewöhnlich, einen Computer zu Hause zu haben. Computer wurden von professionellen Usern bedient; das Internet war praktisch nicht existent. Heute ist das Web allgegenwärtig und jedermann nutzt Computer. Die Grafik hat sich extrem verbessert – aber wir arbeiten immer noch mit den gleichen Benutzeroberflächen wie in den 1970er-Jahren“, erklärt Gelernter.

Nach Meinung von Gelernter sind die Benutzeroberflächen immer noch die Achillesferse und zwingen den Anwender zu einem „Dasein als Aktenknecht“, der seine Zeit damit verplempert, Dateien zu beschriften und einzuordnen. „Das Desktop-Interface wurde nach dem Vorbild des Büroschreibtischs entwickelt: Man sitzt an einem Tisch mit Akten, und es gibt Schubladen und Ordner, in die man sie ablegt“, führt der amerikanische Spezialist für Künstliche Intelligenz aus.

So arbeitete man bereits vor 80 Jahren. In den 1970ern sei dieses System dann einfach auf den Computer übertragen. Man verfolge dabei eine nicht mehr zeitgemässe Logik – sie entspreche nicht mehr der Funktion von Computern. „Ein Schreibtisch ist passiv, der Computer ist aktiv – er kann Dokumente selber beschriften, suchen und ordnen. Die Idee, dass wir jedem Dokument einen Namen geben sollen, ist schlicht lachhaft. Wenn Sie drei Hunde haben, ist das sinnvoll. Besitzen Sie aber 10.000 Schafe, ist es Irrsinn“, bemängelt Gelernter.

Hier ein paar Ausschnitte seiner Frankfurter Rede:

Hier die komplette Audioaufzeichnung der Rede:

Floskeln und Sonntagsberichte: Warum wir in Fragen der Nachhaltigkeit nicht vorwärts kommen

Wenn man den Begriff „Nachhaltigkeit“ in die Suchmaschine Google eingibt, erscheinen rund sechs Millionen Treffer. Bei Sustainability komme man sogar auf über 47 Millionen Einträge. „Nachhaltigkeit – verstanden als eine gleichrangige Berücksichtigung von wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Aspekten – ist für uns ein zentrales Thema. Es stellt sich nur die Frage, unter welchem Fokus. Denn der schöne Schein der Millionen Ergebnisse trügt: Wenn es um die konkrete Umsetzung von Nachhaltigkeit geht, dann stehen wir erst ganz am Anfang, obwohl das Thema schon seit 1994 auf der Agenda steht“, bemerkte der Beschaffungsamt-Direktor Klaus-Peter Tiedtke zur 60-Jahrfeier seinen Hauses.

Und genau das ist der Punkt, der den Wissenschaftler Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker umtreibt – sozusagen als Wanderprediger in Sachen Nachhaltigkeit: „Im Moment läuft alles von der Nachhaltigkeit weg. Nachhaltigkeit ist eine reine Rhetorik der Firmen. Es findet aber nichts statt. Wir müssen wirklich dramatisch die Kriterien des Erfolgs verändern. Der Erfolg der einzelnen Firmen ist die Zerstörung der Nachhaltigkeit“, so Weizsäcker auf einer Kundenkonferenz von Alcatel Lucent in Essen. In Sonntagsschriften und Umweltberichten werde zwar häufig das Gegenteil suggeriert. Es ist in der Regel eben nur der schöne Schein. Ich habe einige Ausschnitte der knapp einstündigen Rede festgehalten. Werde das Thema demnächst ausführlicher aufgreifen. Hier schon mal die drei Videos:

Siehe auch:

GLOBAL OVERSHOOT DAY: Schulden bei Mutter Erde.

Mist, Facebook will bestimmen, welche Badehose ich demnächst kaufe #Timeline #Open-Graph

Das nenne ich mal sportlich. Am Donnerstag präsentierte Mark Zuckerberg das „neue“ Facebook mit den belanglosen Namen „Timeline“ und „Open Graph“, schon folgt vom Chaos Computer Club-Sprecher Frank Rieger in der heutigen FAZ die Fundamentalkritik an dem Vorhaben des amerikanischen Internet-Riesen. Da sein Elaborat in der Printausgabe erschienen ist, musste Rieger sicherlich spätestens Sonntag den Artikel einreichen – wahrscheinlich sogar noch früher (das Schriftwerk ist jetzt auch online abrufbar). Also standen gerade mal schlappe ein oder zwei Tage zur Verfügung, um die Facebook-Pläne kritisch zu durchleuchten. Das Fazit von Rieger steht schon am Anfang seiner Analyse:

„Das ganze Leben wird zur Online-Show – Facebooks ‚Open Graph‘ ist der beängstigende Versuch, ein Netz im Netz zu schaffen. Wer es betritt, braucht es nie wieder zu verlassen: ein gläserner Käfig für die Nutzer und das Paradies für die Werbewirtschaft.“

Bislang sind das ja nur die Ankündigungen von Marki-Boy, die vom Otto-Normal-Facebook-Nutzer noch gar nicht abgetestet werden können, es sei denn, man folgt den Bastelanleitungen einiger Blogger und erstellt irgendeine Dummy-App. Reine Zeitverschwendung. Ich warte auf den Start des Re-Designs. Ob Rieger schon das neue Profil am Wochenende testen konnte, entzieht sich meiner Kenntnis. Facebook halten Rieger und Constanz Kurz generell für eine Erfindung von dunklen Mächten, die uns entmündigen und mit subtilen Werbebotschaften zu willenlosen Dummchen im Cyberspace degradieren wollen (siehe das Büchlein „Die Datenfresser“, S. 256).

Deshalb will uns Facebook ja zu bequemlichen Internet-Couchpotatoes umerziehen. Der US-Bösewicht verfolgt das Ziel, dass seine Nutzer möglichst nirgendwo anders mehr hingehen sollen, weil es ja eigentlich alles, was man braucht, schon in Facebook gibt.

„Die Freunde sind dort, die Einladungen zu Veranstaltungen und Partys, die Bilder, der Chat, die E-Mail ersetzenden Nachrichten und nun bald auch alles andere. Und man braucht nichts dafür zu bezahlen, schließlich ist man selbst das Produkt. Das Konzept erinnert an die Stasi-Zentrale in der DDR. Es gab alles im eigenen Haus: Friseur, Läden, Bank, Schuster, Schneider und Ärzte.“

Mit der Umwandlung von Facebook in eine umfassende Alltagsdatenspeicherungsplattform erhöhe sich die „Klebrigkeit“ erheblich, kritisiert Rieger.

„Selbst an einem Button für Todesfälle in der Familie ist nun gedacht. Wer sein halbes Leben dort verewigt hat, viel Aufwand in das Sortieren und Präsentieren seiner Informationen gesteckt hat, wird nicht so schnell woandershin weiterziehen. Die Behauptung, man könne ja einfach zur Konkurrenz gehen, wenn die Nutzungsbedingungen oder Privatsphäreeinstellungen sich ins Unerträgliche wandeln, wird immer mehr zu einem schalen Selbstbetrug.“

Zu den heimlichen Sympathisanten der Facebook-Strategie zählt Rieger die Ermittlungsbehörden und Geheimdiensten. Sie könnten zukünftig mit geringen Hürden Zugriff auf wirklich umfangreiche Lebensprofile nehmen. Aber im Vordergrund stehen halt diesen widerlichen kommerzielle Interessen:

„Für diese aggressiv vorangetriebene Strategie, die Nutzer zum längeren Verweilen zu bewegen, gibt es handfeste wirtschaftliche Gründe. Facebook ist mitnichten ein ’soziales Netzwerk‘. Es ist ein Unternehmen, das eine Dienstleistung verkauft: gezielte, perfekt zugeschnittene Werbung. Der Börsenwert des Unternehmens wird folglich anhand der Anzahl, Verweildauer und Nutzungsintensität seiner Mitglieder errechnet. Jede Minute, die ein Nutzer nicht auf Facebook ist, wird als Verlust angesehen.“

Pfui. Wie kann man bloß für knapp eine Milliarde Menschen im Internet eine Plattform bereitstellen, in Programmierung, Design, neue Dienste, Personal und Server-Kapazitäten investieren und dann auch noch versuchen, das Investment über Werbung zu finanzieren. Die Zuckerberg-Truppe könnte sich doch weltweit an den Hauptbahnhöfen postieren und mit der Sammelbüchse um Spenden betteln, damit die Internet-Nutzer in den Genuss von kommerzfreien Angeboten kommen. Und immer wieder singen Rieger und Kurz das Lied von der apokalyptischen Wirkung der personalisierten Werbung. Die algorithmische Innovation konzentriere sich in erster Linie auf die Verbesserung der werblichen Zielgenauigkeit:

„Wie bei Google wird auch bei Facebook ein signifikanter Teil der geistigen Kapazität der Entwickler dafür verwendet, Nutzer immer treffsicherer zum Kauf von Waren und Dienstleistungen zu animieren. Mit den Informationen aus dem digitalen Lebensdatenstrom steht zu erwarten, dass die Werbung eine Qualität erreicht, die sie kaum noch von gutgemeinten algorithmischen Ratschlägen unterscheidbar macht.“

Die Frage ist nur, was ich mit der personalisierten Werbeeinblendung mache und wie treffsicher das Ganze wirklich ist. Der Amazon-Algorithmus ist beispielsweise noch ziemlich blöd. Interessiere ich mich für Fahrradkarten, um eine Tour in Holland vorzubereiten, bekomme ich haufenweise Angebote für Rad-Reiseführer, Rad-Zubehör, Holland-Produkten oder irgendetwas anderes, was mich nicht die Bohne interessiert, da ich ja nur an einem einzigen Wochenende einen kleinen Ausflug in die Gegend von Amsterdam gemacht habe – das wird aber in den nächsten 30 Jahren wohl nicht mehr vorkommen. Denn ich habe in den vergangenen 50 Lebensjahren gerade mal zwei Reisen mit dem Fahrrad gemacht. Was die Algorithmen wirklich können, sollte man doch an der Lebenswirklichkeit abtesten und nicht mit verschwörerischen Thesen unterlegen, wie es Rieger, Meckel und Co. tun. Am Freitag habe ich mich mit dieser Problematik auseinandergesetzt unter dem Titel: Sterben wir den Tod der virtuellen Berechenbarkeit? Im Vorfeld befragte ich den Juristen und Informatiker Christoph Kappes. Hier ein paar Statements:

„Man muss zwei Dinge unterscheiden. Wenn wir im Internet etwas preisgeben, was Maschinen lesen können, dann werden wir in gewisser Weise analysierbar in unserem Verhalten in der Vergangenheit. Man kann rückwärts Informationen über Personen gewinnen. Eine völlig andere Frage ist, ob ich das Verhalten von Menschen vorhersagen kann. Da stehen wir, wenn es überhaupt möglich sein sollte, allenfalls am Anfang einer Entwicklung, die auf absehbare Zeit keine Ergebnisse zeitigen wird“, erwidert er im Gespräch mit Service Insiders.

Es komme darauf an, um welche Arten von Vorhersagen es geht. Über großvolumige Datenmassen habe man schon heute die Möglichkeit, etwa über Gesundheit, Kriminalität, Wohlstand oder Bonität Wahrscheinlichkeitsaussagen über Personengruppen zu treffen.

„Das ist aber etwas völlig anderes. Das Handeln einer einzelnen Person fernab von Clusteranalysen kann man nicht vorhersagen“, betont Kappes. Was Frau Meckel vorbringt, sei viel zu undifferenziert. Algorithmen, wenn man sie klug programmiert, seien schon lange in der Lage, zu lernen. Und dieses Lernen beruhe auf Testverfahren, um erkennen zu können, wie sich ein Nutzer entscheiden könnte. „Nehmen wir die Personalisierung bei Textilwaren. Hier kann eine Maschine nicht vorhersagen, ob ich eine bestimmte Art von Bikini in der nächsten Sommersaison kaufen werde. In der Vorsaison galten vielleicht andere Regeln oder ein anderes Modebewusstsein. Die Maschinen müssen also immer wieder Neues in ihre Analysen einbeziehen, um das Interesse der Konsumenten zu testen. Genauso ist es mit politischen Ereignissen. Wenn etwa Themen wie die Sarrazin-Debatte oder der Fukushima-Atomunfall in den Nachrichten auftauchen, ist es für Maschinen nicht möglich zu sagen, was der Nutzer tun soll. Diese Ereignisse sind in ihrer Singularität einzigartig“, erklärt Kappes.

Gute Algorithmen seien so konzipiert, dass sie erst Wissen erzeugen müssen. Und das würden sie aus dem aktuellen Verhalten generieren.

„Sie legen mir nicht nur Sachen vor, die sie schon können. Das kann nicht funktionieren. Hier liegt auch ein Unverständnis gegenüber der Funktionalität von E-Commerce vor. Die Maschine muss mir doch immer etwas anderes vorschlagen als das, was ich schon gekauft habe. Wer gerade ein Auto erworben hat, sollte am nächsten Tag nicht sofort wieder die Empfehlung für ein Auto bekommen“, so der Berater für Online-Strategien. Empfehlungssysteme leben nicht von der Monotonie, sondern auch von Zufällen und Überraschungen. „Algorithmen sind keine statischen Regeln. Das stellen sich vielleicht Laien so vor. Es sind andere Mechanismen. Berechnet und bewertet werden Verhaltenswahrscheinlichkeiten auf Basis des sozialen Graphen oder der Crowd eines Nutzers. Vorschläge werden also dynamisch generiert“, sagt Kappes.

Das nun Facebook zum zentralen Knotenpunkt für vernetzte Applikationen und Geräte werden möchte, wie Frank Rieger schreibt, ist nichts Neues. Das wollen Google und Apple auch. Diese These hat Sascha Lobo schon vor zwei Jahren aufgebracht. Im November 2010 hatte ich das dann noch einmal aufgegriffen:

Bereits jetzt verlassen viele Nutzer den Facebook-Mikrokosmos nicht mehr. Der Blogger und Werbeberater Sascha Lobo spekulierte schon Anfang 2009 über den nächsten logischen Schritt von Facebook: Die Entwicklung eines echten eigenen Browsers, „der ganz nebenbei dazu führen würde, dass man die Community überhaupt nicht mehr verlässt”, erklärte Lobo damals. Aktuell sieht er Google und Facebook als Antipoden: „Google erobert das Internet technisch, also von außen – sie setzen immer neue Features auf und umzingeln damit den Nutzer. Facebook probiert das Gleiche von innen, will das Netz also sozial beherrschen. Der strategische Unterschied: Mit den Produkten von Google kommt man früher oder später auf andere Websites. Die Produkte von Facebook dringen in die Websites von innen ein – wie mit dem Like-Button – und führen hin zu Facebook. Damit es für die Seitenbetreiber attraktiv ist, Facebook in die eigene Seite einzubinden, müssen so viele Menschen wie möglich so oft wie möglich auf und in Facebook sein. So erklärt sich, warum Zuckerberg versucht, die Kommunikation insgesamt auf die eigenen Seiten zu bringen“, sagt Sascha Lobo. Für die logischen nächsten Schritte müsse man identifizieren, was die Nutzer machen, wenn sie nicht auf Facebook sind. „Diese Funktionen werden Schritt für Schritt integriert. Meine Vermutung: ein Bewertungssystem für buchstäblich alles, was im Netz ist – um gleichzeitig die Funktionen von Qype, Yelp und den vielen Bewertungscommunitys à la Holiday Check aufzusaugen“, so der Ausblick von Lobo.

Und in der Tat sind die Tendenzen zum Zentralismus fragwüdig. An diesem Punkt gebe ich Rieger recht. Ich bevorzuge allerdings einen Diskurs ohne die Attitüde der Dämonisierung. Der Spiegel-Redakteur Christian Stöcker hat das in seinem Buch „Nerd Attack“ ab Seite 236 thematisiert: Was bleibt von der kalifornischen Ideologie übrig: Die Anhänger der elektronischen Agora versprachen die Befreiung der Individuen von staatlichen Hierarchien und privaten Monopolen. Die Technologien der Freiheit würden sich aber immer mehr zu Maschinen der Herrschaft entwickeln. Dabei hatte 1994 Keven Kelly in seinem Buch „Out of Control“ postuliert, dass wir eine Ära der dezentralen Organisationen erleben werden. Auch der Futurologe Toffler irrte. Im Cyberspace werde ein Markt nach dem anderen von einem natürlichen Monopol in einen verwandelt, in dem Wettbewerb die Regel ist. Das Internet hat bis jetzt aber nur einen dominanten Einzelhändler: Amazon. Einen dominanten Markt für Musik und Filme: iTunes. Ein dominantes Auktionshaus: Ebay. Ein dominantes Social Networt: Facebook. Und eine dominante Suchmaschine: Google. Und nicht zu vergessen die Tochter Youtube als dominante Plattform für Videos. Ein freies und offenes Netz sieht anders aus. Und was passiert, wenn diese Monopolisten zu Erfüllungsgehilfen von staatlichen Überwachungs- und Konrollwünschen werden? Wie kann man also ein dezentrales, offenes und sicheres Internet schaffen unter Bewahrung der Netzneutralität?

Diese Fragen möchte ich in dieser Woche in einem Beitrag näher beleuchten: Konzepte für ein dezentrales Internet! Eure Meinung interessiert mich. Statements hier als Kommentar posten oder per Mail an: gunnareriksohn@googlemail.com.

Sympathisch unaufgeregt hat sich übrigens Richard Gutjahr mit dem Facebook-Imperium auseinandergesetzt:

„Die einen treten demonstrativ bei Facebook aus, die anderen resignieren und meinen, sie können ja ohnehin nichts bewirken. Ich bin anderer Meinung. Ich bin gerne bei Facebook – wünsche mir aber mehr Rechte im Umgang mit meinen eigenen Daten – vor allem, dass diese auch tatsächlich gelöscht werden, wenn ich das wünsche.“

Ein sehr wichtiger Punkt! Einen Lesetipp in eigener Sache: Mein Wort zum Montag: Die Oxymoron-Gesellschaft – Das Internet bedroht die deutsche Positionselite – und die reagiert vehement: Mit Verboten, Aversionen, Regulierung. Immer ängstlich, und immer an der Zeit vorbei. Passt ja auch irgendwie in die Facebook-Debatte 🙂

Auf netzpolitik.org empfiehlt man heute: Das neue Facebook: Nix wie raus hier

Facebook und die Like-Konditionierung

Die von Mark Zuckerberg auf der f8-Konferenz vorgestellten Neuerungen erinnern den FAZ-Redakteur Holger Schmidt etwas an Facebook Beacon, das Facebook nach kräftigen Nutzerprotesten allerdings wieder eingestellt hat.

„Per Beacon sollten die Nutzer ihren Freunden mitteilen, welche Produkte sie gerade auf Drittseiten gekauft haben. Das wollten die Nutzer damals nicht haben. Aber dies ist wieder ein Schritt in diese Richtung, zwar nur für Musik, Filme, Nachrichten und Spiele, aber weitere Produkte könnten noch kommen. Dann werden Empfehlungen auf Facebook als Kriterium für den E- oder besser F-Commerce an Gewicht gewinnen“, so der FAZ-Netzökonom.

„Liken“ sei dabei nicht flexibel genug.

„Um mehr Möglichkeiten zu geben, können die Nutzer ihren Freunden im Ticker mitteilen, dass sie zum Beispiel ein Buch gelesen, einen Film geschaut oder eine Nachricht in einer der Apps gesehen haben. Die Übertragung der Information, einen Artikel gelesen oder ein Musikstück gehört zu haben, geschieht automatisch. Ein Klick ist nicht mehr nötig. Allerdings muss ein Nutzer diesen Automatismus zuvor aktiviert haben. Diese Funktion finden sicher nicht alle gut.“

Optisch haben mir die neuen Profilseiten gut gefallen. Ob auch der Selektionsalgorithmus geändert wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls stößt das alte Modell auf berechtigte Kritik:

„Das ist ein sehr einfaches behavioristisches Modell, mit dem der Mark Zuckerberg-Konzern arbeitet. Ich kann die Aufregung von Geisteswissenschaftler verstehen, wenn Technologen simple Modelle von menschlichem Verhalten in die Welt setzen. Das ist in der Tat bedenklich. Hier modelliert man den Menschen als Objekt der Maschine. So wird man der Komplexität seines Verhaltens und Denkens nicht gerecht. Hier liegt Facebook falsch mit der Frage, ob man aus dem Maß der Interaktion mit anderen Personen schließen kann, welche Statusmeldungen angezeigt werden. Wenn ich etwas schweigend zur Kenntnis nehme, ist das ja kein Beleg für Unwichtigkeit. Auf dieser Grundlage gibt es keine Rechtfertigung für das Ausblenden von Informationen“, sagte mir Christoph Kappes in einem Telefoninterview.

Das ändere allerdings nichts an der Notwendigkeit von Selektionsmechanismen in einer Welt, die immer komplexer wird. Und hier sind wir dann beim Kern des Gespräches mit Kappes. Es geht um die prosaischen Gedankenflüge von Miriam Meckel, die sie in ihrem neuen Buch „Next – Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns“ ausbreitet. Die Kommunikations-, Politik-, Rechts- und Chinawissenschaftlerin wandelt auf den Spuren des Filterblasen-Diskurses, den der Online-Pionier Eli Pariser in seinem Opus „The Filter Bubble“ ausgelöst hat. Auch er wählt als Ausgangspunkt für seine steilen Thesen einer drohenden Maschinen-Gatekeeper-Herrschaft den Dezember 2009: In diesem Monat änderte Google seinen Suchalgorithmus und läutete eine neue Ära der Personalisierung ein. Eine Zeitenwende. In der feuilletonistischen Variante von Frau Meckel sterben wir nun den Tod der virtuellen Berechenbarkeit. Wie Kappes das sieht, kann man meiner Freitagskolumne entnehmen: Meckel und die Algorithmen-Märchen: Sterben wir den Tod der virtuellen Berechenbarkeit?

Siehe auch den Beitrag von Christoph Kappes in der FAZ: Intransparenz des Nicht-Wissens: Zur Theorie von der „Filter Bubble“

Das ganze Leben in der Facebook-Timeline #f8

Mit diesen radikalen Änderungen auf der f8-Konferenz hat wohl kaum einer gerechnet. Klingt jedenfalls nach einem radikalen Redesign, was Mark Zuckerberg da gerade präsentiert.

Spannend, was da gerade abläuft!

Flach, flacher, #dmexco

Eigentlich gehe ich zur Kölner Fachmesse dmexco nur, um mich mit dem akutellen statistischen Material über die digitale Wirtschaft zu versorgen. Ansonsten ist diese Veranstaltung erschreckend flach. Selbst die Pressekonferenz des BVDW nervt, die zwar das nötige Zahlenmaterial der Branche präsentiert – dafür darf mehr oder weniger jedes wichtige Vorstandsmitglied ans Mikrofon (gestern waren es fünf Redner), die dann eine knappe Stunde die Journalisten mit Monologen berieseln. Was am Ende dazu führt, dass kaum noch Fragen gestellt werden. Die Diskussionsrunde machte schlappe 9 Minuten aus. Was programmatisch in Köln geboten wurde, haben zwei Tweets auf den Punkt gebracht.

http://twitter.com/#!/videopunk/status/116410539156058112

http://twitter.com/#!/karrierebibel/status/116501648641228800

Basic Thinking sieht das ähnlich kritisch: Verloren im Customer Lifetime Value: Mein misslungener Ausflug auf die Dmexco.

Mein Bericht konzentrierte sich auf die Datenschutzdebatte. Auch da boten die Verbandsvertreter eine recht dünne Sauce, wie ich gestern bereits bemerkte. dmexco: Facebook, Datenschutz und die feuilletonistischen Laienspieler.

Der Grüne Punkt und die Goldbärchen von Thomas Gottschalk #derwesten

Für NeueNachricht schrieb ich folgenden Artikel: Die WAZ-Gruppe und der Grüne Punkt-Irrtum in Hagen: Nicht nur Verpackungen mit dem Logo des früheren Müllmonopolisten gehören in Gelbe Säcke und Tonnen:

Bei der Lektüre eines Artikels der WAZ über ärgerliche Fehlwürfe in Gelben Säcken und Tonnen fragt sich ein Fachredakteur, ob diese Meldung im Jahr 2001 geschrieben wurde und irrtümlich noch heute bei Google News abrufbar ist. Falls die Story aktuell sei, habe da jemand rund zehn Jahre der Entwicklung auf dem Markt der Verpackungsentsorgung verpennt. Da gab es noch einen Monopolisten für die Sammlung und Sortierung von Verkaufsverpackungen. Kennzeichen der Kölner Firma Duales System Deutschland: Der Grüne Punkt.

Die Zeiten der Alleinherrschaft sind durch Interventionen des Bundeskartellamtes und der EU-Kommission schon lange vorbei. Mittlerweile muss sich der gewinnorientierte Grüne Punkt-Müllkonzern mit acht Konkurrenten um Marktanteile streiten. Da war es nur logisch, dass der Gesetzgeber in der fünften Novelle der Verpackungsverordnung die Kennzeichnungspflicht für Hersteller und Vertreiber in Deutschland abschaffte. Die Beteiligung an einem „Dualen System“ erfolgt nicht mehr durch den Aufdruck des Grüne Punkt-Zeichens.

Es läuft wie bei den Goldbärchen in der Thomas Gottschalk-Werbung. Sie gelten ja auch nicht als Symbol für die Süßwaren-Industrie, sondern stehen für ein einziges Unternehmen: Haribo. Beim Grünen Punkt ist es die Duales System Deutschland GmbH in Köln – nicht mehr und nicht weniger. Warum schreibt dann der WAZ-Redakteur Hubertus Heuel, dass der Müll-Wissenschaftler (welcher Müllwissenschaftler? gs) zwischen Materialien unterscheidet, die den Grünen Punkt besitzen und solchen, denen diese Markierung fehlt.

„Im Gelben Sack landen dürfen jedoch nur DSD-Produkte. Deren Entsorgung ist im Verkaufspreis inbegriffen“, so Heuel. Als Beispiel führt er einen Buchhändler an, der an einem Wertstoffhof in Hagen mit seinem Gelben Sack wieder nach Hause geschickt wurde. Der Mann hatte zwar nur Verpackungsmaterial fein säuberlich getrennt, aber eben ohne Grünen Punkt. Dieser Entwicklung wolle man in Hagen Einhalt gebieten. Heuel zitiert die Pressesprecherin Jacqueline Jagusch mit den Worten: „Unsere Leute sollen verstärkt darauf achten, dass kein Müll ohne DSD-Zeichen abgegeben wird.“ Verpackungen ohne Grünen Punkt könnten ausschließlich an der Müllverbrennungsanlage in Boelerheide abgegeben werden. Gegen zehn Euro Gebühr dürfe jeder Hagener dort eine ganze Kleinwagenladung voll Abfall anliefern.

Ob nun die Pressesprecherin falsch zitiert wurde oder nicht. Im Gespräch mit NeueNachricht dementiert sie diese Äußerungen: „Der Grüne Punkt als Kennzeichen ist überhaupt nicht ausschlaggebend. Entsponnen hatte sich die WAZ-Geschichte, dass jemand Transportverpackungen an dem Wertstoffhof entsorgen wollte. Es ist immer schwierig, diese komplexe Sache jemanden telefonisch klarzumachen. Ich habe mit dem Herrn telefoniert und gesagt, dass unterschieden wird zwischen Transport- und Verkaufsverpackungen. Es handelte sich beim WAZ-Fall um Transportverpackungen eines Buchhändlers“, so Jagusch. Das gehe in die Kategorie „Gewerbeabfall“. „Den kann er bei uns über eine Pauschale anliefern“. Das habe aber nichts mit der Entsorgung über Gelbe Säcke oder Tonnen zu tun. Die Pressesprecherin wolle mit dem Redakteur, der leider im Urlaub sei, noch einmal sprechen und den Sachverhalt richtigstellen.

Diesen Artikel veröffentlichte ich am 23. August. Eine Korrektur habe ich bislang auf der Website „Der Westen“ nicht lesen können.

Verbandsvertreter der digitalen Wirtschaft scheuen die Datenschutz-Debatte #dmexco

Was der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) heute auf seiner traditionellen dmexco-Pressekonferenz zum Thema Datenschutz präsentierte, war doch erschreckend dürftig. Kaum Erklärungen zur Verteufelung von Social Plugins, zur Dämonisierung personalisierter Werbung sowie Dienste, keine klare Position zu den Bußgeldandrohungen des Datenschutzbeauftragten in Schleswig-Holstein wegen der Verwendung des Like-Buttons von Facebook. Man sonnt sich in dem Erfolg, den man in der Cockie-Regulierung durch Hinterzimmer-Gespräche in Brüssel und Berlin erreicht hat. Motto der Lobbyarbeit: Et is noch immer jot jejange. Diese Haltung wird allerdings nicht funktionieren, wenn man die öffentliche Meinung gegen sich hat.

Dabei wäre es ein leichtes Unterfangen, für die BVDW-Mitgliedsfirmen im nördlichen Bundesland einen Musterprozess anzustreben gegen die Verfügungen von Thilo Weichert, um endlich Rechtsklarheit zu bekommen. Der BVDW überlässt die Deutungshoheit den Mahnern und Warnern, bei denen das Glas immer halb leer ist. Dabei hat sich die digitale Wirtschaft mit Wachstumsraten von 16 Prozent zu einer echten Konjunkturmaschine entwickelt, wie man den Äußerungen von Arndt Groth und Paul Mudter vom BVDW entnehmen kann. Entsprechend selbstbewusst sollte dieser Verband auch den kritischen Diskurs in der Öffentlichkeit suchen. Mit der Kamera habe ich die wichtigsten Stellungnahmen der BVDW-Pressekonferenz festgehalten. Am Anfang kommt das Statement von BVDW-Vorstandsmitglied Matthias Ehrlich zum Datenschutz. Danach kommen Groth und Mudter.

Wo sich personalisierte Dienste hinbewegen können, ist dem Interview mit Karlheinz Land von Microstrategy zu entnehmen.

Ein ausführlicher Bericht von mir folgt noch. Meine Audioaufzeichnung kommt etwas später, denn ich habe ja noch konkret nachgefragt in Sachen Datenschutz ;-).

Update, 19 Uhr:

http://twitter.com/#!/gsohn/status/116557305423736832