Starke These: Der Mächtige hat die bessere Software – Bekommen das auch die TV-Gerätehersteller zu spüren?

Michael J. Saylor, Vorstandschef von Microstrategy, hat bei einer Konferenz in Monte Carlo sein Portmonee ausgepackt und bekundet, wie er es hassen würde, den ganzen Bargeld-Kram mit sich herumschleppen zu müssen. „Gibt es nicht eine Möglichkeit, daraus eine Software-Lösung zu machen“, fragte Saylor das Publikum. Das sei ein wichtiger Punkt, so der Unternehmensberater Bernhard Steimel im Interview mit Service Insiders: „Grundsätzlich werden Dinge anders, wenn man sie in Software abbildet. Einer Kreditkarte, die ich als Software-Funktion konzipiere, kann ich andere Eigenschaften geben. Etwa bei der Teilung einer Restaurant-Rechnung oder beim Verschenken eines Gutscheins über 20 Euro – so bekomme ich einen virtuellen Spesendeckel. Wenn man den Dingen das Physische nimmt, wird der Möglichkeitsraum gigantisch“, erläutert Steimel. Er zählt das zu den Top-Trends im Kundenservice für die nächsten fünf Jahre. Bei den Transaktionen werde man einige Innovationen sehen.

Unternehmen definieren sich zu stark über ihre herstellende Rolle

Insgesamt müsse Deutschland endlich erkennen, sich nicht nur über die Produktion von Gütern zu definieren. Es würden zu viele Maschinisten und Internetausdrucker den Ton angeben. „Unternehmen, die sich nur über ihre herstellende Rolle definieren, haben ein Problem. Das Endgerät ist häufig nur noch das Tor zur Nutzung eines Dienstes. Es kann der Antrieb sein für neue Dienste, wie man das beim iPad derzeit erlebt. Ohne iTunes und die App-Economy wäre Apple niemals erfolgreich. Produkte und Anwendungen des Steve Jobs-Konzerns üben so viele Reize aus, dass im Moment pro Quartal 150 Millionen iOS-fähige Endgeräte verkauft werden. Das haut einen um. Apple pulverisiert gerade mit dem iPad den PC-Markt. Was wird denn passieren, wenn auch Fernseher mit dem Apfel-Symbol ins Portfolio aufgenommen und nahtlos in die Anwendungsmöglichkeiten von Apple integriert werden? Das dürfte den etablierten Herstellern einige Kopfschmerzen bereiten. Es geht am Ende des Tages natürlich um Produkte. Doch der Mächtige ist derjenige, der die bessere Software hat“, so die Überzeugung von Steimel. Die Wertschöpfung von Apple liege klar bei den Applikationen. Analysten hätten berechnet, dass die angekoppelten Verkäufe nach dem Erwerb eine iPhones das Achtfache ausmachen. Das sei ein eindeutiger Befund für die Kraft von Software.

Hier geht es zu meiner Freitagskolumne für Service Insiders.

Zum Apple-Fernseher: Auch der FAZ-Netzökonom Holger Schmidt spekuliert in diese Richtung: Innovationen sind es, die Apple so stark machen. Das erst im Jahr 2007 eingeführte iPhone steuert inzwischen rund die Hälfte zum Apple-Umsatz bei. Mit der jüngsten Generation, dem iPhone 4, hat Apple erstmals einen gleichmäßig hohen Umsatz über den gesamten Lebenszyklus erreicht. Der iPhone-Anteil wäre noch höher, wenn nicht die nächste Innovation, das iPad, innerhalb eines Jahres einen ähnlichen hohen Umsatzanteil wie das Stammgeschäft mit den Mac-Computern erreicht hätte. Da stört kaum, dass Apples iPhone sein eigenes Geschäft mit dem digitalen Musikspieler iPod kannibalisiert hat. Denn die nächste Innovation könnte noch viel größer werden: Ein Fernseher von Apple – so ein hartnäckiges Gerücht – könnte schon bald ähnlich einschlagen wie das iPhone im Handymarkt und das iPad im Computermarkt. Eine intelligente Software könnte das Fernsehen mit dem iPad, der Videosammlung in der Cloud und natürlich dem iPhone verbinden. Dann wäre Apple bald das wertvollste Unternehmen der Welt – und nicht „nur“ die Nummer zwei hinter Exxon.

Eure Meinung interessiert mich. Wann, wie, warum, was wird das bewirken? Vor zwei Jahren habe ich dazu ja mal was geschrieben:

Auf den Spuren des Elektro-Expressionismus in Bonn: Zur Neuerscheinung von „Wurst aufs Brot“


In einem exklusiven Interview erläutert Herr Latz vom legendären Duo „Die KotKanonen“, in Insiderkreisen auch als DJ Kloschüssel bekannt, seine elektro-expressionistische Phase bei der Komposition seines ersten Albums „Wurst aufs Brot“. Zur Weltpremiere stand der Musikkünstler für den Ich sag mal-Blog Rede und Antwort. Das Gespräch über ein völlig neues Genre wird sicherlich Volksmusikgeschichte schreiben:

Teil 1:

Teile 2:

Scheitern am Gerät und der Oma-Opa-Flow-Test: Glücksmomente statt Ärger als Gebot für Technik

Durch das Leben des Bloggers Sascha Lobo zieht sich ein roter Faden, und es ist kein schöner. „Er taugt so gerade eben noch zum Kokettieren auf Partys, aber nur für ein paar Sekunden. Dann wird die Wirkung des Mitleids wieder vom Schmerz verdrängt. Dieser rote Faden ist das Scheitern am Gerät. Ein gerätebezogenes Lebensmotto von mir könnte sein: ‚Hier stehe ich, ich kann nicht.‘ Und zwar weder so noch anders, sondern gar nicht“, schreibt Lobo in seiner Mensch-Maschine-Kolumne.

Vom Handy bis zum Kaffeevollautomaten habe er schon an fast jedem Apparat die abstrakte Nachrichtenformulierung „menschliches Versagen“ mit lebendigem Inhalt gefüllt. „In beeindruckender Geschwindigkeit bin ich in der Lage herauszufinden, wie Dinge schon mal nicht funktionieren“, so Lobo. Dabei sei er in technologischen Dingen doch überhaupt nicht unbegabt. Aber sein Wissen und Können in der direkten Konfrontation mit dem Gerät kommt ihm vor wie die funzelige Beleuchtung in einem ansonsten stockfinsteren Riesenlabyrinth. „Schon Zentimeter außerhalb des Lichtkegels stoße ich im besten Fall auf massiven Widerstand. Der schlechteste Fall ist ein Fall ins Nichts: vor einem Apparat zu sitzen, der offensichtlich eingeschaltet ist, aber einfach nicht reagiert. Auf nichts. Gibt es überhaupt eine Steigerung der Verhöhnung, wenn eine unbelebte Maschine einen Menschen ignoriert“, fragt sich der Kolumnist von Spiegel Online.

Generalverdacht der Hersteller und die Dummheit des Benutzers

Beim Wechselspiel von Mensch und Gerät geht es um einen Wettstreit, bei dem nie eindeutig gesagt werden kann, wer eigentlich wem dient. Aber nicht nur Versagensängste und die tägliche Plage im Umgang mit Geräten werden als schmerzliche Erfahrung der Moderne empfunden. Der Benutzer ist zudem einem Generalverdacht der Hersteller ausgesetzt. Er ist ein potentieller Störenfried. Diese Botschaft vermittelt schon die Bedienungsanleitung und spätere Disputationen beim Umtausch der Ware. Der Benutzer verendet in einer „Zirkulation von Schuldzuweisungen und Unterstellungen“, wie es Jasmin Meerhof in ihrem Buch „Read me! Eine Kultur- und Mediengeschichte der Bedienungsanleitung“ ausdrückt.

Schuldig ist nicht das Gerät, sondern der Benutzer, dieser Idiot. Die Über- und Unterordnung zwischen Gerät und Benutzer werden über zahlreiche Ge- und Verbote, Vorsichtsmaßnahmen und Hinweise zur Garantiert zementiert. Das Ganze ist eine Demonstration der Macht und das Scheitern am Gerät soll uns in die Rolle der Demut pressen. Glücksmomente, oder Flow, wie es der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi bezeichnet, entstehen in dieser Konstellation nicht. Alle Bewegungsabläufe werden im Flowzustand in harmonischer Einheit durch Körper und Geist mühelos erledigt.

Ob Kommunikationsdienste, Endgeräte oder Serviceprovider: Die Auswahl ist unüberschaubar, die Bedienung unübersichtlich und kompliziert. Hier wäre eine Umkehrung des Machtverhältnisses vonnöten. Als Flow-Qualitätssiegel könnte der Oma-und-Opa-Test fungieren.

Wie die Technologien der Zukunft konzipiert sein sollten, skizzierte Bernd Stahl auf dem Innovationsforum von Harvey Nash und Nash Technologies in Stuttgart. „Jeder Mensch ist auf der Suche nach einfachen, eleganten und effektiven Lösungen“, sagt der Systemarchitekt von Nash Technologies. Genau das würden Kunden aber immer nicht ausreichend geboten bekommen: Versende ich meine Nachricht per SMS, Facebook-Message, Chat oder Mail? Warum brauche ich immer fünf Schritte, bis die Nachricht versendet ist? Warum wird mein Netzzugang gedrosselt? Die meisten Technologien sind selbst für den IT-Spezialisten immer noch zu umständlich. „Erst wenn ein Fünfjähriger und ein 95-Jähriger Mensch die gleiche Technik wie selbstverständlich nutzt, sind wir am Ziel“, erläutert Stahl.

Die technologische Basis dafür ist schon vorhanden. Rechnerleistungen sind bald allgegenwärtig – Stichwort „Ubiquitous Computing”. Immer mehr Technik wird mit dem Internet ausgestattet. Eine Uhr mit den Funktionen eines Smartphones sei bald ebenso selbstverständlich wie ein Anorak mit GPS-Notfallsender, sagt Stahl. Per UMTS oder LTE umgibt uns das Internet wie eine Wolke. „Zuerst ist es für viele ein Schock. Aber wenn man es willkommen heißt, gibt es ganz neue Möglichkeiten“, sagt der Systemarchitekt.

Der High-Tech-Umgang der Zukunft: „Flow“ statt Ärger

Stahl denkt an ein Ende der unzähligen, sich in ihren Funktionen überschneidenden Endgeräte, er denkt an ein Ende des Wirrwarrs. Alle Applikationen verschwinden unter der Haube eines Systems – gesteuert durch die Sprache und den Handlungen des Menschen. „Ich spreche meine Frage aus wie in einem Gespräch. Die jeweilige Technik, zum Beispiel in meiner Armbanduhr, versteht, was ich möchte und liefert mir die passende Antwort.“ Die Antwort besteht nicht mehr aus 500 Millionen Ergebnissen wie eine derzeitige Google-Suche, sondern aus einer präzisen, brauchbaren Aussage – ermittelt aus dem über die Zeit gewachsenen eigenen sozialen Profil. „So wie wir einem Kind das Sprechen beibringen, werden wir unserer Technik beibringen, wie wir denken und handeln.“ Neue High-Tech-Entwicklungen würden so auch für Menschen nutzbar, die kein Interesse daran haben, unbrauchbare Antworten auszusortieren und Bedienungsanleitungen durchzulesen, so wie es fast jeder in Gesprächen mit seinen Großeltern erlebe. „Wir wollen aber alle den Flow erleben – den angenehmen, lockeren, inspirierenden Umgang mit Technik.“ Für Unternehmen erweitert Stahl seine Formel „einfach, elegant, effektiv“ um ein „G“. Und das steht nicht für Google, sondern für „Geschäftsmodell“.

Der etracker-Laberland-Test: Erste Erfahrungen mit dem BlaBlaMeter

Über den Blogger Richard Gutjahr bin ich auf das BlaBlaMeter gestoßen. Eine höchst sinnvolle Testmaschine für allzu ehrgeizige PR-Mitarbeiter, die in jeder Pressemitteilung mit aller Gewalt x-mal ihre Heizdecken-verkaufen-Parolen unterbringen müssen. Das scheint eine Art semantische Zwangshandlung von fast allen Pressestellen zu sein. Nun, liebe PRler, es gibt Abhilfe, um vom Bullshit-Index runterzukommen oder noch einen drauf zu setzen. Nicht jeder schreibt wie Martin Luther. Wenn Wörter „Hände und Füße haben“, wie es der große Reformator verlangte, kann man sich den BlaBlaMeter-Test sparen. Anderen PR-Menschen ist es wohl völlig wurscht, ob die Presseaussendungen zu allergischen Reaktionen beim Empfänger führen und einen Reflex beim Anklicken der Löschtaste auslösen.

Einen Praxistest mit einer willkürlich ausgesuchten Pressemitteilung, die mir heute ins Haus flatterte, möchte ich Euch nicht vorenthalten. Folgende Prosa ist da zu lesen:

dmexco: die etracker Conversion Optimisation Suite eröffnet neue Dimensionen im Web-Controlling

etracker Neuheiten: flexible Cross-Segmentierung und Customer-Journey-Analysen
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Hamburg, 26. Juli 2011 +++ Die etracker GmbH, ein in Europa führender Anbieter von Produkten und Dienstleistungen zur Optimierung von Websites und Online-Marketingmaßnahmen, stellt auf der dmexco erstmals die neue Version 11 seiner Conversion Optimisation Suite vor. Eine weitere Neuheit präsentiert etracker mit der Advanced Edition seiner Kampagnenanalyse-Lösung Campaign Control (Köln, 21. bis 22. September, Halle 8, Stand A021/A025). Die etracker Conversion Optimisation Suite (stand doch schon im ersten Satz, gs) bietet Website-Betreibern völlig neue Möglichkeiten zur Cross-Segmentierung (eine Suite der unbegrenzten Möglichkeiten, stark, gs): Erkenntnisse, die mit einer der etracker Lösungen (Lösungen dürfen in keinem Text der Computerbranche fehlen. Ist wie im Chemieunterricht, gs) für Web-Analyse, Mouse Tracking, Online-Marktforschung oder Kampagnenanalyse gewonnen werden, lassen sich jetzt gezielt durch Daten in den anderen etracker Produkten segmentieren (sehr präzise ausgedrückt, gs). Website-Betreibern eröffnen sich dadurch in puncto Erkenntnisgewinn neue Dimensionen (dachte, so etwas passiert nur nach der Bibel-Lektüre, gs): Sie können durch Cross-Segmentierung (stand doch auch schon am Anfang. Ist wie beim TV-Programm in der Weihnachtszeit, gs) beispielsweise herausfinden, was Besucher mit bestimmten soziodemographischen Merkmalen (gibt es auch unbestimmte soziodemografische Merkmale?, gs) auf einer Formularseite wahrnehmen. Oder wie zufrieden Besucher sind, die über ein bestimmtes Suchwort auf die Seite kommen. Für die Conversion Optimisation Suite 11 (Produktname die Dritte. Chinesische Foltermethode, gs) setzt etracker erstmals eine innovative (wir arbeiten innovativ, effizient und effektiv an einer völlig inhaltslosen Pressemitteilung, gs) Datenbanktechnologie ein, welche eine individuelle Auswertung nahezu beliebig großer Rohdaten-Mengen über alle etracker Lösungen (schon wieder Chemie, gs) hinweg ermöglicht. Eine weitere Neuheit präsentiert etracker (wie heißt noch einmal das Unternehmen? Ach so, ja, etracker, gs) mit Campaign Control Advanced. Die Advanced Edition der etracker Kampagnenanalyse-Software ermöglicht Website-Betreibern und Online-Marketing Verantwortlichen eine leicht zu benutzende und präzise Analyse der kompletten Customer Journey über sämtliche Kampagnenkontaktpunkte (klingt wie Urlaub, gs). Der Text ist noch nicht zu Ende. Zweite Runde in der Geisterbahnfahrt: 

Als eigenständiges Produkt innerhalb der etracker Optimisation Suite 11 (Produktname die Vierte. Wie bei Loriot, gs) macht Campaign Control Advanced den Kampagnenerfolg ebenso transparent wie die Wirksamkeit einzelner Werbemittel, Werbepartner oder Umfelder. Darüber hinaus hat etracker in Zusammenarbeit mit Online-Marketing Spezialisten verschiedene (oder auch beliebige, gs) Kennzahlen entwickelt, auf deren Basis sich zum Beispiel das Engagement der Nutzer sichtbar machen lässt, der sogenannte Customer Engagement Index. Auch diese Erkenntnisse erlauben selbstverständlich (man gönnt sich doch sonst nichts, gs) die Cross-Segmentierung mit Daten aus anderen Produkten der etracker Conversion Optimisation Suite (Produktname die Fünfte, gs). Website-Betreiber erfahren beispielsweise (Wortwiederholungen machen den Text lesefreundlich, vor allen Dingen in Grundschule, gs), wie engagiert besonders zufriedene Besucher im Vergleich zu weniger zufriedenen Nutzern sind. Ebenso lassen sich auf Basis von soziodemographischen Informationen aus der Onsite-Befragungslösung Visitor Voice die Daten in etracker Web Analytics segmentieren, die wiederum in Relation zum Erfolg bestimmter Kampagnen oder Werbemittel gesetzt werden k
önnen. Website-Betreiber erkennen durch Cross-Segmentierung von Daten innerhalb der etracker Conversion Optimization Suite (Produktname die Sechste) beispielsweise (ja, ja, es reicht jetzt, gs) ganz konkret Folgendes: Ein bestimmter Call-to-Action-Button im Bestellformular wird von männlichen Besuchern der Altersgruppe 40-49 kaum wahrgenommen, und 80 Prozent dieser Gruppe brechen den Besuch ab. Frauen im Alter von 20-29 Jahren hingegen, die über eine bestimmte Display-Kampagne auf die gleiche Seite kommen, legen ein anderes Scroll-Verhalten an den Tag und schließen die Bestellung doppelt so häufig ab. Auf diese Weise können etracker Kunden ihre Website unter anderem zielgruppenorientiert optimieren (starkes Schlusswort?).

Was sagt das BlaBlaMeter zu diesem Thomas Mannesken Schreibstil? Ergebnis:

Der Bullshit-Index liegt bei 0.7 (da ist also noch Luft nach oben). Dieses Indikator fehlt übrigens in der Welt der innovativen, weltweit führenden, optimierten, beispielhaften  etracker-Web-Analytics-Conversion-Optimization-Suite-Display-Kampagne-Onsite-Campaign Control Advanced-Befragungslösung-Visitor-Voice-Cross-Segmentierung-Lösung.
Das Urteil des BlaBla-Meter hätte auch Martin Luther unterschrieben: „Es stinkt gewaltig nach heißer Luft!“

Sensationelle Musik-Tracks der KotKanonen: „Wurst aufs Brot“ – ElektroExpressionismus aus Bonn

Mit „The End of Agony“ und „The Last Journey“ hat das Bonner Kreativduo der KotKanonen die Musikszene kräftig durchgeschüttelt. Mit den neuen Tracks dürften die beiden ElektroKot-Komponisten wohl endgültig den Durchbruch schaffen. In ihrer expressionistischen Schaffensphase neigen die KotKanonen zu besonderst aussagekräftigen und metaphorischen Stücken. Etwa Track 1 „True Power“: Den Auftakt zu DJKloschüssels Meisterwerk „Wurst Aufs Brot“ macht die musikalische Vollendung. Den Namen verdankt dieser Track der Anlehnung an seine Hardstyle Elemente.

Oder Track 2 „Electric Edge“: Von einem neuen Kick und der spannenden Baseline geprägt, deutet dieser Track die Richtung des neuen Albums an. „Lock and Load“ läutet mit Glockentönen das mächtige Fiasko der kompletten Scheibe ein und hinterlässt mehr Fragezeichen denn Antworten. Mit einer Auswahl an Nexus Beats erklimmt der höchst agile DJ Kloschüssel durch seinen Hit „Mighty Thunder“ neue Höhen mit völlig unverständlichen Beschreibungen seines Geistes. Ein legendäres Zusammenspiel aus grandiosen Tönen, mit einem unübertroffenem Abschluß bietet „Spirit of Legend“. Ein Dank gilt der völlig unbekannten Hellmeppo, die bei der Produktion angeblich die entscheidenden Impulse geliefert haben soll und nun in einem Atemzug mit Herrn Latz genannt werden kann.

Höhen und Tiefen, Bewegung und Ruhe, Gedankenpausen und Sprachlosigkeit. Das sind Elemente, die Kloschüssels Album Wurst Aufs Brot ausmachen. „Broken Reality“ bietet im Sturm der Emotionen und hysterischen Reaktionen einen Moment der Ruhe. „Not Only Darkness“ ist das programmatische und optimistische Weltbild am Schluss der famosen Neuerscheinung. Vier bis fünf Vorbestellungen sollen schon vorliegen – phantastisch. Aus Insider-Kreisen wurde bekannt, dass absolut überflüssige Collectors Edition-Scheiben am Bonner Hauptbahnhof kursieren. Sogar handsignierte Exemplare können wagemutige Käufer anfordern – was allerdings völlig sinnlos ist.

Ein Blick in den Google-Maschinenraum

Die Unterwelt der Google-Benutzeroberfläche zählt wohl für Persönlichkeiten wie Frank Schirrmacher von der FAZ zu Welträtseln, die dringend entschlüsselt werden müssen: Die Maschinenräume im Silicon Valley, die ein Nichtinformatiker niemals zu sehen bekommt. Dort würden unsere digitalen Doppelgänger gebaut. Jetzt berichtet der seo-united-Blog zumindest von einem Experiment von amerikanischen Studenten, den Google-Algorithmus nachzubauen.

„Umfasst der Algorithmus von Google angeblich mehr als 200 Bewertungskriterien, war es den Mitgliedern der Northwestern Network Group mit Hilfe von nur 17 Rankingfaktoren möglich, in immerhin 80 Prozent der trainierten Fälle 8 der in den Top 10 von Google gelisteten Webseiten ebenfalls auszugeben. Auffällig ist, dass fast alle der 17 Faktoren lediglich das Vorkommen des Suchwortes (Title, H1 usw.) untersuchen bzw. dass es mit derart einfachen Kriterien überhaupt möglich war, den Algorithmus von Google so genau nachzubilden. Dass wahrscheinlich genau die bei Anwendung lediglich einer Handvoll Rankingfaktoren fehlenden 20 Prozent der Übereinstimmung mit den Ergebnissen von Google deren letztendliche Qualität ausmachen, außen vor gelassen, funktioniert Google wahrscheinlich einfacher als so mancher denkt. Der Google-Algoritmus mag zwar insgesamt 200 Faktoren beinhalten, bei 90 Prozent der Suchanfragen aber womöglich kommt es nur auf einige wenige davon an…“. Vielleicht ist das Geheimnis von Google doch mehr Marketing und weniger technologische Innovation.

Was netzpolitisch noch zu den Maschinenräumen von Google, Facebook und Apple zu sagen wäre, habe ich heute in meiner The European-Kolumne aufgegriffen.

Service-Ranglisten: SCHON AM MORGEN FREUTE SICH FRAU MÜLLER, IHREN MOBILFUNK-PROVIDER ANZURUFEN!

„Kunden im Dschungel aus Siegeln und Rankings“, so lautet der Titel einer interessanten Story in der Welt. Nach Ansicht der Verbraucherschützer führten solche plakativen Auszeichnungen Verbraucher in die Irre. „Es ist nicht immer klar, was eigentlich getestet wurde“, sagt Eckhard Benner nach dem Bericht der Welt. Werde etwa die Freundlichkeit der Mitarbeiter bewertet, lasse das keine Rückschlüsse auf die Qualität der Beratung zu. Zudem würden die vielen unterschiedlichen Testinstitute nicht nach den gleichen Standards testen. „Es gibt keine gesetzlichen Regelungen“, kritisiert Benner. Verbraucher sollten sich deshalb auf Auszeichnungen und Ranglisten nicht blind verlassen. Ich selbst habe dazu vor einigen Monaten ein Stück geschrieben. Geht in eine ähnliche Richtung: Hurra, ich bin Kundenchampion! Oder vielleicht doch nicht?

Jeden Tag vollbringen Service-Unternehmen eine gute Tat. Es sind die Helden unseres Alltagslebens: Champions, Dienstleistungsakrobaten, weltweit führende Glücksbringer und Kundenversteher. Abgesichert und bewiesen durch Umfragen, Ranglisten, Awards, Studien und sonstigen Selbstbeweihräucherungen.

Je länger man an diese selbstreferentiellen Jubelarien glaubt, desto mehr hält man diese Zahlenspiele für die Realität: „Bei uns steht der Kunde im Mittelpunkt, er ist der König, der Umworbene, der wahre Boss und wir sind seine Untertanen“. Klar. Solche Kalenderweisheiten passen in jedes Unternehmensleitbild. Es wäre ja auch eine gewaltige Überraschung, wenn Firmen das Gegenteil anstreben würden. Dumm nur, dass es der Verbraucher manchmal gar nicht merkt, welche Exzellenz sich in der deutschen Wirtschaft tummelt.

Was soll er denn auch sagen, wenn er von Meinungsforschern folgende Frage gestellt bekommt: „Denken Sie doch bitte jetzt an die Mülltrennung in Deutschland. Sind Sie der Auffassung, dass die Mülltrennung in Deutschland im Prinzip eine gute Sache ist oder eher nicht?“ Da kommt man direkt zu fantastischen Ergebnissen, um in irgendwelchen Kundenbarometern auf Platz 1 der Serivce-Hitliste zu landen. Dass rund zwei Drittel der fein säuberlich getrennten und „restentleerten“ Kunststoffverpackungen in der Hitze des Hochofens enden, ist zwar ein Akt der Volksverdummung. „Grundsätzlich“ ist das aber kein Einwand gegen das Müll-Monopoly zur ökologischen Gewissensberuhigung.

Warum fragen mich die Marktforscher nicht, ob ich prinzipiell an jedem Wochenende sechs Richtige im Lotto gewinnen will? Das Antwortverhalten dürfte auf einem ähnlich hohen Niveau rangieren. Oder wenn Frau Merkel über das Bundespresseamt herausfinden möchte, ob die Wähler die repräsentative Demokratie im Großen und Ganzen für eine gute Sache halten. Schon klar. Warum sollte das nicht gut sein. Das Regierungshandeln ist zwar grottenschlecht, aber die Väter des Grundgesetzes haben uns schon eine hübsche Regierungsform beschert.

Ähnliches wird uns von Anbietern des Hotline-Irrsinns suggeriert: FRAU MÜLLER FREUTE SICH SCHON BEIM INS-BETT-GEHEN DARAUF, AM NÄCHSTEN MORGEN IHREN MOBILFUNK-PROVIDER ANZURUFEN!

Hier geht es zur kompletten Story.

Die Schirrmacher-Google-Suchmaschinen-Debatte: Eure Meinung?

Auf Google+ wird seit gestern eine höchst unterhaltsame und niveauvolle Debatte über die Thesen von Frank Schirrmacher geführt (mit Beteiligung von Schirrmacher), die er am Montag in der FAZ publizierte: Digitales Gedächtnis – Wir brauchen eine europäische Suchmaschine.

Hier ein Beitrag, den ich gepostet habe: Eine Passage im Text von Schirrmacher ist doch höchst erfreulich: „Das Netz, das wird immer deutlicher, folgt den Regeln des talmudischen Kommentars, nicht denen des wissenschaftlichen. Offenbar nehmen wir Quellen, auch nachrichtliche, zunehmend als Glaubensinhalte wahr, nicht mehr als Fakten. Es könnte so sein, aber es könnte auch anders sein. Die alltägliche Wissenssozialisation beruht heute auf der Annahme: Die Fakten stimmen nicht mehr, jedenfalls stimmen sie nicht sehr lange – nicht deshalb, weil sie gelogen wären (auch das kommt vor), sondern weil sie schon in der nächsten Minute ganz anders sein können. Das Netz – in seinem gegenwärtigen Stadium – verhandelt deshalb vor allem das, was die Talmudisten ‚Lehrmeinungen‘ nannten – Meinungen, nicht Orthodoxien. Das führt allerdings oft dazu, dass sich auf den labyrinthischen Wegen der Deutungen, des unvollständigen Lesens (etwa der Pressemitteilung, wie im vorliegenden Fall, statt des Textes) die Ursprungsquelle bis zur Unkenntlichkeit entstellt.“ Die Schlussfolgerung im letzten Satz halte ich für falsch. Richtig beobachtet ist die sinkende Relevanz der Orthodoxien. Da braucht man nicht zum Talmud greifen. Niklas Luhmann reicht auch: Mit der Computerkommunikation, so Luhmann, wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch die Unbekanntheit der Quelle.

Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich zwar schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige Denker, Einpeitscher und Debatten-Dompteure an die Decke. Man braucht das Internet nicht überhöhen oder kultisch in Web 2.0-Ideologie gießen.

Man muss das Internet auch nicht heilig sprechen. Wo die kulturellen Katastrophen der Computer-Kommunikation enden werden, kann kaum jemand vorhersehen oder beeinflussen. Das macht das Ganze ja so reizvoll. Das Problem des unvollständigen oder kursorischen Lesens kann vom Luhmann-Szenario nicht abgeleitet werden. Das Problem hatte schon Herder. Jeder Leser ist eben auch ein Nicht-Leser. Herder beschreibt sich als trockener Gelehrter, als ein totes, künstliches System von Wissensbeständen. Er selbst sei „ein Tinenfaß von gelehrter Schriftstellerei“. Mit 24 ist Herder so angefüllt von Wissen, dass er dieses als Ballast beklagt.

Er entwickelt deshalb eine Kulturtechnik der kursorischen Lektüre. Er wird zum Läufer, zum Cursor, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft. Es sei ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt. In der so genannten „percursio“- im Durchlauf – darf aufgezählt und angehäuft werden, ohne dass es jeweils einer expliziten Behandlung der einzelnen Elemente bedarf. Herder praktiziert die gelehrte Lizenz, Materialmengen „aufs Geratewohl“ zu durcheilen. Die richtige Ordnung ist dabei zweitrangig. Die Sylvae wird definiert als Sammlung von schnell niedergeschriebenen Texten. Man schreibt nicht akademisch korrekt oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif. Man formuliert aus dem Schwung heraus. Seine Lektüre ist nicht mehr festgelegt auf einen ursprünglichen oder autoritätsfixierten Wortlaut. Herders Suchläufe kennen keinen Abschluss. Das Universalarchiv ist uneinholbar. Eine beständige Lektüre der Menschheitsschriften ist unmöglich. „Alles“ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen. Es reicht nur zu Verweisen und Fundorten. Entscheidend ist die Zirkulation der Daten, der Datenstrom, der keinen Anfang und kein Ende hat, der neue Routen und Entdeckungen zulässt. Kanonische Wissensbestände müssen durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden.

Und dann landen wir wieder bei Google und den Warnungen von Schirrmacher, die er schon in seinem Buch „Payback“ in etwas anderer Form artikuliert hat. Die Vernetzung von Maschinen und Menschen zu Bedingungen, die von der Maschine diktiert werden. Es ist die Unterwelt der Benutzeroberfläche, die den FAZ-Herausgeber wohl weiter umtreibt. Maschinenräume im Silicon Valley, die ein Nichtinformatiker niemals zu sehen bekommt. Dort würden unsere digitalen Doppelgänger gebaut. Am Ende mündet das Ganze in Maschinen-Paternalismus – das kann allerdings unter privater und auch staatlicher Regie eintreten. Selbst unter dem Regime einer europäischen Suchmaschine. Mich würde ein Blick in den Maschinenraum von Google auch brennend interessieren. Vielleicht eher eine Aufgabe für Wikileaks!

Darauf antwortete Schirrmacher: Gunnar Sohn et al, leider in Eile: 1. Wir wissen n i c h t was Google weiss. Oder finden Sie irgendwo im Netz die Ergebnisse der minütlichen Analytik und ihrer Hochrechnung, jenseits der meistgesuchten Suchbegriffe. Das aber ist das Wissen des 21.Jhrdts.

2. „Alles“ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen.“ Das ist ja gerade nicht das Neue! Das wussten ja gerade die Enzyklopädisten am besten. Das Neue ist doch umgekehrt, das der imaginäre Vertrag, an den alle glauben, besagt das „alles“ zu wissen ist, was ist und kommuniziert. Tertium non datur. Man exisitert nicht, wenn man nicht im Netz exisitert, hiess das ja mal so schön. Konsequent entstehen erstmals seit der Reformation wieder Institutionen der Allwissenheit, die ihre Priester in die Marketing- und Personalabteiungen entsenden.

Meine Replik: Zu. 1. Das ist doch profan. Natürlich wissen wir nicht, was die Mountain View-Boys wissen. Sonst könnten wir direkt morgen ein Google Plus Plus gründen. Die wären schön blöd, ihre Betriebsgeheimnisse zu lüften. Die Problematik entsteht in der Tat, wenn Menschen über Maschinen und Algorithmen anfangen, zwischen gut und böse, richtig und falsch zu befinden.

2. Ihre Gegenstrategie einer europäischen Suchmaschine kann genauso in die Hose gehen und zu Verwerfungen führen. Entscheidend ist die Vielfalt der Möglichkeiten, Wissen zu generieren und selber zu publizieren. Wenn Sie nun insinuieren, hier gäbe es nur drei amerikanische Konzerne, die das Netzgeschäft dominieren, dann müssen Sie aber auch erwähnen, dass die großen Drei sich bis auf das Messer bekämpfen. Da gibt es keinen Gleichklang. Im Social Web erschien bis vor drei Wochen Google noch als der große Verlierer und man sprach von der Dominanz des Social Graph, der wichtiger sei als die Maschinen-Intelligenz von Google. Zur Zeit schaut Zuckerberg ziemlich blöd aus der Wäsche. Alles kann sich sehr schnell drehen. Entscheidend ist wohl die Tatsache, dass sich im Netz dauerhaft kein Monolith etablieren kann.

Schirrmacher: Nein, nicht profan, sondern, um im Bild zu bleiben, sakral. Sie reden vom materiellen Geschäftsgeheimnis von Google. In der Tat: wie wichtig das ist zeigt der Patentthriller um die Erfindung des Telefons. In der Tat: das ist profan.

Das wirkliche Geheimnis ist nicht der Algorithmus, der uns füttert, sondern den wir füttern. Was wohl gewesen wäre, wenn Bells Erfindung alle Telefonate aufgezeichnet hätte, analysiert hätte, Stichwörte gefiltert hätte, Rückschlüsse auf Ort, Zeitpunkt und Stimmfärbung getroffen hätte und das ganze dann als sein Privateigentum weiterverkauft hätte. Wenn das:

http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704547604576263261679848814.html

schon möglich ist, ohne verbale Kommunikation und bei nur 2000 Menschen, was ist dann heute insgesamt möglich? Das wüsste ich gern, mehr nicht. Gegen das Sakrale hilft nur Aufklärung – das würde schon reichen, hat nämlich auch in der Vergangenheit schon geholfen.

Darauf antwortete ich: Was ist denn zur Zeit der Ausfluss dieser Analysen unserer digitalen Lebensspuren? Personalisierte Werbung und personalisierte Services, not more. Bislang also höchst profane Dinge.

Und da stoßen wir doch zum Kern der Debatte mit der Aussage von Schirrmacher: Das wirkliche Geheimnis ist nicht der Algorithmus, der uns füttert, sondern den wir füttern. Was wohl gewesen wäre, wenn Bells Erfindung alle Telefonate aufgezeichnet hätte, analysiert hätte, Stichwörte gefiltert hätte, Rückschlüsse auf Ort, Zeitpunkt und Stimmfärbung getroffen hätte und das ganze dann als sein Privateigentum weiterverkauft hätte.

Das würde ich gerne in meiner Montagskolumne für The European aufgreifen. Was haltet Ihr von den Schirrmacher-Thesen?

Countdown für die Cyber-Abwehrkrieger der Bundesregierung: #BSI contra #No-Name-Crew

Den spaßigen Teil der Hackeraktionen der No-Name-Crew kann man auf der Website des Bundesüberwachungsministeriums (eine Umbenennung des Innenministeriums) begutachten. Etwa im Aufgabenfeld „Totalüberwachung“. So sei die Volksverdummung Bestandteil der nationalen Totalüberwachungsarchitektur, er umfasst den Katastrophen- und den Zivilschutz. „Die zuständigen Behörden des Bundes dafür sind die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk und das Bundesamt für Volksverdummung und Katastrophenhilfe“.

Wie bereits in vielen Medien berichtet wurde, ist der mutmaßliche Leiter der No-Name-Crew festgenommen worden. „Dies teilte das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt am Montag mit. Der Verdächtige, bei dem es sich um den Hacker ‚Darkhammer‘ handeln soll, wurde nach einer Hausdurchsuchung verhaftet. Währenddessen ist die Seite der Gruppe nicht mehr erreichbar. Gerüchte besagen, dass die Behörden den Falschen verhaftet hätten“, schreibt gulli. Seit der Verhaftung sei auch die Internetseite der Netzaktivisten nicht mehr zu erreichen. „Eigentlich hatte man vor, im Falle einer Festnahme das Passwort eines Archivs zu veröffentlichen, das vertrauliche Dokumente der kompromittierten Behörden beinhalten soll. Vor kurzem hieß es auf der Webseite ‚Für den Fall eines Serverausfalls durch dritte ist die Verbreitung des Passworts durch No-Name Crew Mitglieder gesichert.‘ Davon ist jedoch nichts bekannt“, so gulli weiter.

Im BSI und im so genannten nationalen Cyber-Abwehrzentrum hat man wohl dennoch die Hosen voll und fürchtet einen weiteren Großangriff gegen Bundesbehörden. Entsprechend werden Server runtergefahren. Der Countdown bis zu einer weiteren großangelegten Hacker-Attacke soll immer noch laufen. Bis Ende Juli werden wir schlauer sein und einen Eindruck über die Kompetenz der Beamten Cyber-Grabenkampf bekommen.

Nachtrag: Auf der NNC-Website im Cache steht: „Neue Ziele wurden ausgesucht (Bundesebene) – Jetzt erst recht. Datum des Angriffs:
8 Tage“ – also am Mittwoch, den 27. Juli.

Als Gegenmaßnahme hilft ja vielleicht auch das:
http://twitter.com/#!/gsohn/statuses/93309730809839616

Siehe auch:
No-Name-Crew-Video

Frank Schirrmacher braucht eine europäische Suchmaschine: Der Chirac des Tages


Frank Schirrmacher von der FAZ macht sich Sorgen über europäische Gehirne. Unser Wissen wird zunehmend ausgelagert und zwar in die Hände amerikanischer Konzerne. „Nach dem Stand der Dinge liegt das wirkliche Wissen heute in der Hand von einem, mit Apple und Facebook maximal drei Mega-Konzernen. Was heißt es, dass wir von dem virtuellen Bibliotheksdirektor niemals erfahren, was eigentlich das relevante Wissen der Jetztzeit ist: welche Schlüsse er aus unseren Lektüren, unserem Verhalten, unserem Konsum, unserem Leben zieht? Was er weiß? Vielleicht müssen wir uns Gott als diesen Bibliothekdirektor vorstellen“, schreibt Schirrmacher.

Während die EU Milliarden ausgibt, um mit Galileo das GPS nocheinmal nachzubauen, sei die Entwicklung einer europäischen Suchmaschine schon im ersten Anlauf gescheitert (siehe unten, gs). „China, besorgt um seine Deutungshoheit, hat Baidu. Man muss das Werkzeug Google, mit dem wir heute alle arbeiten, nicht perhorreszieren. Aber eine europäische, nicht privatwirtschaftliche Suchmaschine, die keiner politischen oder ökonomischen Kontrolle unterliegt, ist vielleicht das wichtigste technologische Projekt der Gegenwart. Der Chaos Computer Club wäre ihr TÜV. Wenn wir diese Maschine nicht bauen, werden wir uns eines Tages vielleicht an uns selbst nur in einem einzigen Moment erinnern: wenn wir zum ersten Mal unser von der Videokamera aufgezeichnetes Bild auf dem Computerschirm sehen“, so die Sorgen des Neuro-Feuilletonisten. Hier endet der langamtige Exkurs, der so verheißungsvoll begonnen hatte. Was man nachschlagen kann, brauche man nicht im Gedächtnis zu behalten. Nach dieser alten Lehrerweisheit funktioniere auch Google. „Nur dass der Stoff von Google unser Leben ist“. Alles schön und gut. Wer in Europa soll diese Maschine bauen? Und der Chaos Computer Club soll als TÜV für ein europäisches Vorhaben fungieren – bezahlt mit Steuergeldern?

Die europäische Antwort auf Google sollte Quaero sein – doch das vollmundig rausposaunte deutsch-französische Prestigeprojekt ist kläglich in die Hose gegangen. Wie soll also etwas in Europa gelingen, was vor fünf Jahren schon nicht klappte? Übrig geblieben ist das deutsche Forschungsprogramm Theseus – auch da ist bislang der Durchbruch nicht gelungen.

Der frühere französische Staatspräsident Chirac startete 2006 das Projekt Quaero mit großem Getöse, um die erste „wahre multimediale Suchmaschine“ in Europa auf die Beine zu stellen. Es sollte nicht nur Texte, sondern auch Musik oder Bilder finden. Die Suchergebnisse sollten auf Computern, Mobiltelefonen und Fernsehen in mehreren Sprachen angezeigt werden können. In den Internetforen und Branchenkreisen wurde das Projekt von Anfang an skeptisch gesehen, denn bei Google arbeiten mehrere tausend Softwareentwickler an der stetigen Verbesserung der Suchmaschine. Schon damals war klar, dass man den Vorsprung von Google mit einem staatlich geförderten Projekt nicht einholen könne. Damals schrieb ich in einem Artikel:

Keine Gesellschaft verfügt über eine grössere Rechenleistung als Google mit seinem Netzwerk gewöhnlicher, doch aufgemotzter PCs. In einem Zeitalter der hoch spezialisierten Arbeit montiert Google jeden PC seines mächtigen Netzwerks in sicheren Anlagen, die kein Aussenseiter betreten darf, einschliesslich der Besucher des Googleplex, die glauben, alles gesehen zu haben. Der schiere Umfang der Rechenoperationen sorgt dafür, dass dieses Vorgehen kostengünstiger und qualitativ hochwertiger ist als der Kauf massgefertigter Computer bei einem anderen Hersteller. Die massgeschneiderten PCs arbeiten zusammen und führen Suchaktionen rasch durch, indem sie Anfragen in winzige Komponenten zerlegen. Diese Teile werden gleichzeitig verarbeitet, indem man sie mit im Voraus indizierten und aufbereiteten Kopien des Internet vergleicht.

Quaero plante Projekte, die sich die Google-Entwicklerteams schon längst auf die Fahnen geschrieben haben. Schon in naher Zukunft werde sich die ursprüngliche Suche im Web über den PC auf alle anderen Produkte ausbreiten.

Technologische Innovationen funktionieren eben nicht auf dem Niveau von Kommissionen, Räten oder Komitees. Sie entstehen auch nicht durch Proklamationen im Feuilleton.

Ähnlich erhellend sind die Schirrmacher-Mondphasen zur Rettung der Qualitätspresse: „Es könnte sein, dass Zeitungen und Zeitschriften und die seriösen Nachrichtensendungen eine ganz andere Zukunft haben. Sie wären das letzte verbliebene Kommunikationsmittel, die in einer elektronischen Welt die Zeit biologisch organisieren: gleichsam mit Aufgang und Untergang der Sonne. Oder mit den Mondphasen – wenn es um Wochenpublikationen geht -, die wir uns in den Begriff der ‚Woche‘ übersetzt haben. Der Markt für diese Exklusivität von Zeit wird wachsen, nicht schrumpfen, wenn die Zeit der Narkose vorbei ist.“ Alles klar?