Die degradierten CIOs

Mein Interview mit dem Harvey Nash-Geschäftsführer Udo Nadolski über den sinkenden Einfluss der IT-Chefs in Unternehmen hat ja zu einigen Ausschlägen in den Fachmedien geführt. Hier die kurze Version als Audioaufzeichnung:

Es ist ja schon erstaunlich, dass die Bedeutung der Informationstechnologie für die Arbeitswelt steigt und der der Stellenwert der CIOs sinkt: So schreibt die SZ: „Der technische Fortschritt kennt kein Pardon, und die IT-Firmen sind dank ihrer Produkte Vorreiter in der Arbeitswelt. Erst durch die neuen Kommunikationsmittel ist Mobilität effizient geworden. Während die Erreichbarkeit früher dort vorbei war, wo das Telefonkabel endete, spielt dies keine Rolle mehr“.

Einfache industrielle Arbeiten werden in Deutschland kaum noch nachgefragt. Entsprechend hoch müsste die Bedeutung der IT-Chefs in den Unternehmen sein, da die postindustrielle Gesellschaft ihre Innovationen und ihren Fortschritt zunehmend aus der Informationstechnologie bezieht. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, wie eine weltweite CIO-Umfrage des Beratungshauses Harvey Nash belegt: „67 Prozent der befragten CIOs geben zu Protokoll, dass das Innovationspotenzial der IT nicht abgerufen wird. Die Relevanz der CIOs hat in den vergangenen Jahren gelitten. Die IT-Chefs werden zu Dienstleistern in der eigenen Organisation degradiert. Besonders während der Rezession ist die Zahl der CIOs, die direkt an den Vorstandschef berichten, drastisch zurückgegangen. So langsam kehrt sich dieser Trend um. Auch von den CIOs werden in den nächsten Jahren verstärkt wieder Innovationen für das Kerngeschäft gefordert. Das wandelt sich allerdings nur sehr langsamt“, so Udo Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash in Düsseldorf. Der komplette Artikel über das Nadolski-Interview ist in Service Insiders erschienen. Aber einen wichtigen Punkt möchte ich an dieser Stelle hervorheben, der sich mit der Schuld der IT-Industrie beschäftigt:

Die Anbieter von Informationstechnologie seien an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig, sagte mir Nadolski in dem Telefoninterview. Es gehe selten um die Kernthemen der Anwender, sondern fast nur um so genannte Prozessoptimierung, Kosteneffizienz und Einsparpotenziale. „Die IT-Branche versucht, ihre eigenen Businessmodelle durchzusetzen und ist sehr selbstverliebt, wenn dem CIO im Anwenderunternehmen souffliert wird, was interessant und wichtig ist“, kritisiert der IT-Kenner Nadolski. Als Beispiel führt er den inflationär von der IT-Industrie verwendeten Begriff „Unified Communications“ an. Das werde als das glückseligmachende Medium der Zukunft angepriesen. Viele CIOs seien auf diesen Zug aufgesprungen und propagieren das im eigenen Unternehmen, ohne aber den Tauglichkeitstest gemacht zu haben. Die IT-Anbieter seien also an der Degradierung der CIOs nicht ganz unschuldig. IT-Chefs sollten vielleicht weniger auf diese Einflüsterungen hören, empfiehlt der Harvey Nash-Chef.

Bingo! Das habe ich im vergangenen Jahr in einer Titelgeschichte für die absatzwirtschaft beleuchtet: absatzwirtschaft März 2010

Obsessionen für technische Perfektion sind ja schön und gut. Am Ende des Tages ist der Markterfolg entscheidend und nicht die Selbstverliebtheit von Ingenieuren. In vielen IT-Unternehmen sind Marketing, Management und Führung immer noch viel zu herstellerorientiert“, kritisiert Peter B. Záboji vom After Sales-Unternehmen Bitronic. Wenn sich Bastler, Ingenieure, Programmierer etwas ausdenken, seien sie ausschließlich an den Eigenschaften ihrer Spielzeuge interessiert. „Der mögliche Benutzer ist für sie nur ein störender Ignorant“, so die Erkenntnis des keinesfalls technikfeindlichen Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger. Was sich in Büros und Wohnzimmern abspiele, sei grotesk. Rechner, Drucker, Netzgeräte, Scanner und Brenner würden jeweils das Studium einer hundertseitigen Betriebsanleitung erfordern. Vielleicht liege es an den berufsbedingten Schauklappen nach dem Motto: Chacun devient idiot à sa façon – jeder macht sich auf seine Weise zum Idioten.

Hier noch ein paar Veröffentlichungsergebnisse der Service Insiders-Meldung:

Innovationspotenzial der IT liegt brach.

IT-Chefs auf Sinnsuche.

CIOs auf dem absteigenden Ast.

CIOs immer unwichtiger.

Bedeutung der IT-Chefs gesunken.

Das gesprochene Wort via iPad: Applikation „WavePad“ im Praxistest @DrMichaelSpehr

Mit großem Interesse habe ich heute den FAZ-Beitrag von Michael Spehr gelesen: „Es gilt das gesprochene Wort“. Hier werden einige Geräte vorgestellt, die sich für unterschiedliche Audio-Einsatzzwecke eignen zu höchst unterschiedlichen Preisen. In ähnlicher Form stand das auch schon im Blog von Spehr. Auf die Geräte gehe ich in dem obigen Video nicht ein, dass sollte man in der FAZ oder im Blogpost nachlesen! Interessant ist die von Michael Spehr empfohlene Applikation „WavePad“. Es macht das iPad zur komfortablen Aufzeichungsmaschine und zählt zur Lieblingsapp des FAZ-Redakteurs.

„Das ultimative Extra dieser Gratis-Software ist jedoch der eingebaute Editor, der sogar das Bearbeiten und Schneiden der Aufnahmen am Tablet PC erlaubt.“ Das geht spielend einfach – siehe mein Praxistest im Video. Die Aufnahme habe ich vor einer roten Tapete gemacht, daher kommt die farbliche Komponente. Ausleuchten wollte ich nicht, da es ja diesmal um Audioaufzeichnungen geht.

Fazit: Audacity ist nicht mehr vonnöten. Das Programm nervt mich schon seit geraumer Zeit. Mit WavePad geht das sehr viel besser – so jedenfalls mein erster Eindruck.

Schützengräben im Internet: Der Antiterrorkampf des Innenministers #cyberwar

Hier ein kleiner Vorgeschmack auf meine heutige Kolumne im Debattenmagazin „The European“: Ach wie herrlich nüchtern war doch Thomas de Maizière als Bundesinnenminister: Mögliche Terroranschläge bauschte er nicht auf, verzichtete auf Haudrauf-Parolen, machte differenzierte Vorschläge in der netzpolitischen Debatte und verzichtete auf wortreiche Muskelspielchen (auch wenn ich mich kritisch mit ihm auseinandergesetzt habe). Sein Nachfolger Hans-Peter Friedrich ist da von einem anderen Kaliber. Logisch. Der liebwerteste Gichtling kommt ja auch von der Mir-san-Mir-Partei CSU. Entsprechend wächst auf einmal wieder das Bedrohungspotenzial im Staate. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis kriminelle Banden eine virtuelle Bombe haben, wird der bayerische Lockenkopf von der „FAS“ zitiert. „Mit solchen Angriffen könnte eine Volkswirtschaft empfindlich beeinträchtigt werden“, formulierte der Staatsapologet den Cyberterror im Konjunktiv.

Cyberkrieg als ABM-Maßnahme

Er hält die bisherigen Bemühungen, der wachsenden Gefahr entgegenzutreten, für unzureichend. Mit den Partnern in der NATO überlege man, „wie wir uns auch gegen potenzielle Cyberangriffe wappnen können“. Ob es diese Bedrohung real nun gibt oder nicht, es wird händeringend nach einem neuen Grund für die Existenzberechtigung des atlantischen Bündnisses gesucht. So eine Art Arbeitsbeschaffungsprogramm für gelangweilte Generäle, die nach dem Niedergang der roten Gefahr aus dem Osten unter Hospitalismus leiden.

Das Nationale Cyber-Abwehrzentrum, das im April seine Arbeit aufgenommen hat, sei nur ein „erster Schritt, um der Gefahr zu begegnen“, fabulierte der oberste Sicherheits-Sheriff. Diese Steilvorlage wird von den Sicherheitsbehörden des Bundes dankend angenommen. Es sei dringend geboten, das Abwehrzentrum mit Mitarbeitern aus dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), des Verfassungsschutzes und des Bundeskriminalamtes personell aufzustocken. Wie wäre es denn mit den eifrigen Knöllchenjägern, GEZ-Gebühreneintreibern, Parkwächtern, Hundekontrolleuren kommunaler Ordnungsämter und Mülltrennungsprüfern? Mental passen die alle gut zum CSU-Politiker. Soweit ein Auszug meines Beitrages. Weiterlesen dann hier.

Was gab es sonst noch am Wochenende. Die 3sat-Sendung „neues“ beschäftigte sich mit dem Personenkult 2.0 am Beispiel der IT-Ikone Steve Jobs.
Da hatte ich auch einen kleinen Auftritt 🙂

In einem Beitrag für Service Insiders berichtete ich von der User Conference des Kölner Software-Anbieters ITyx. Was der Netzwerk-Experte Professor Peter Kruse hasst, ist der Begriff „Web 2.0-Strategie“. „Weil das zwei ins sich widersprüchliche Begriffe sind – ein Oxymoron. Strategie ist laut Definition das planvolle Erreichen eines Ziels unter Kenntnis der Mittel und Wege. Das gibt es im Netz aber nicht. Wenn Firmen von Web 2.0-Strategie reden, dann versuchen sie ein dynamisches System mit statischen Mechanismen zu beherrschen“, kritisiert Kruse. Für den Organisationswissenschaftler Dr. Gerhard Wohland liegt hier der Kardinalfehler vieler Unternehmen. Man versuche, Probleme mit deren Ursachen zu bekämpfen. Die Folge sei eine Havarie, so der Leiter des Instituts für dynamikrobuste Höchstleistung von ITyx.

Hier das Youtube-Interview und die Audioaufzeichnung des Vortrages von Dr. Wohland.

Wie man verkrustete Organisationen überlisten kann

Unterhaltsames Interview mit Dr. Gerhard Wohland, Autor des Buches „Denkwerkzeuge der Höchstleister“ und Leiter des Instituts für dynamikrobuste Höchstleistung des Kölner IT-Spezialisten ITyx.

Ich führte am Rande der User Conference des Unternehmens ein Gespräch mit ihm in Köln:

Hier der Artikel zum Interview auf Service Insiders.

Hier der komplette Vortrag von Dr. Wohland, der er auf der User Conference gehalten hat (1 Stunde und 20 Minuten – ne Menge Holz, aber lohnt sich):

Meinung zum Kundenservice der Zukunft

Einmal offen gefragt, was sollte technologisch voran gebracht werden für einen perfekten Service in Echtzeit. Chat, Co-Browsing, Künstliche Intelligenz, Self Service, selbstlernende Websites etc. Der Phantasie freien Lauf lassen. Knackige  Meinung gefragt. Bis 21 Uhr benötige ich heute Kommentare. Story soll morgen erscheinen.
Gruß
Gunnar

3sat-Sendung „neues“ an diesem Sonntag: Der Einfluss der IT-Ikone Steve Jobs auf die Wirtschafts- und Technikwelt

Die 3sat-Sendung „neues“ beschäftigt sich an diesem Sonntag, um 16,30 Uhr mit folgenden Themen: Nach Eric Schmidt von Google hat nun auch Carol Bartz von Yahoo! vor einer Internetblase gewarnt, da die meisten der Einschätzungen kaum mehr etwas mit dem tatsächlichen Umsatz der jeweiligen Unternehmen zu tun haben. Wiederholt sich die Geschichte oder ist diesmal alles anders? Also Dotcom diesmal ohne Blase? neues geht diese Frage in der Sendung am 22. Mai nach.

Weitere Themen sind unter anderem: Weltmacht-Geldmacht „Facebook“, die digitale Oligarchie in Russland und der vermeintliche oder tatsächliche Einfluss von IT-Ikonen wie Steve Jobs auf die Wirtschafts- und Technikwelt. Zur Rolle und Unverzichtbarkeit von Steve Jobs für Apple war heute der ZDF-Redakteur Winfried Laasch in meinen eigenen vier Wänden und machte mit mir ein längeres Interview. Ein paar Schnipsel werden sicherlich auch am Sonntag gesendet. Guckst Du?

Liebwerteste Datenschutz-Gichtlinge: Heult doch! #spackeria #cloudcomputing

Hier ein paar Auszüge meiner heutigen The European-Kolumne:

Der Datenschutz versagt politisch und ergeht sich in sinnlosen Scheingefechten gegen Facebook, Google und Co. Wer seine wirklich sensiblen Daten schützen will, der muss selbst aktiv werden. Eine Aufforderung zum skeptischen Denken.

Jedem, der auch nur ein Bit im Internet bewegt, sollte klar sein, dass er ärgerlichen Angriffen von Datendieben ausgesetzt sein kann. Ob über den stationären PC, über mobile Endgeräte, Firmen-Server oder externe Server-Farmen, die Cloud-Computing-Dienste anbieten. Was der liebwerteste Gichtling des staatlichen Datenschutzes, Oberaufseher Thilo Weichert aus Schleswig Holstein, auf der Bonner IT-Sicherheitskonferenz des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik vom Stapel gelassen hat, ist eine Mixtur aus Verschwörungstheorien, böswilligen Unterstellungen und plumper Profilierungsneurose. Sein wolkiges Krisenszenario verglich er sogar mit der Atomkatastrophe in Fukushima. Die üblichen Plattitüden von Weichert und Konsorten über vermeintliche Datenkraken aus Übersee sind wohl die Kompensation von schlechten Kindergarten-Erlebnissen. Das ist Datenschutz-Provinzialismus. Je machtloser Politiker und Verwaltungsbürokraten in Internetfragen werden, desto mehr blasen sie sich in der Öffentlichkeit auf. Warum laufen diese Angstdebatten in Deutschland eigentlich immer nach dem gleichen Muster ab?

Warum setzen die Abgesandten des Sicherheitsstaates in schöner Regelmäßigkeit auf Verbotsschilder, Netzsperren, Muster-Widersprüche und Warnhinweise? Tagesordnung, Gartenkodex und Ordnungsämter stoßen auf einen kleinbürgerlichen Humus. Es ist die deutsche Sehnsucht nach Ordnung und Normen. Irgendwie erinnert mich die digitale Jammerlappen-Psychose an Oswald Spengler. Der Autor des kulturpessimistischen Bestsellers „Untergang des Abendlandes“ hatte im realen Leben eine Hosenscheißer-Persönlichkeit. Mit dieser psychologischen Disposition könnte man auch Landes- oder Bundesbeauftragter für Datenschutz werden. Frei nach dem Motto: „Ich will die Kontrolle über meine Daten zurückhaben.“ Das liegt auf dem Niveau von Buddelkisten-Dramen: „Mama, der böse Junge hat mir mein Schüppchen weggenommen.“ Heul.

Worum es beim Imponiergehabe der Oberhirten des Datenschutzes wirklich geht, hat der Blogger Kristian Köhntopp auf den Punkt gebracht: „Der Datenschutz versagt politisch: Im Wikipedia-Artikel ,Überwachungsstaat‘ findet man eine schöne Übersicht von Dingen, bei denen die Datenschützer ihre Interessen in der Hauptsache nicht oder gar überhaupt nicht durchsetzen haben können. Um von diesem Versagen abzulenken, führt man Scheingefechte – etwa gegen Google Maps, Google Analytics, Facebook Like-Buttons und andere für den politischen Datenschutz an sich vollkommen nebensächliche Ziele. Vor allen Dingen versagt der Datenschutz aber inhaltlich: Wer wirklich wichtige Dinge zu schützen hat, der kann auf die Bestimmungen und Regelungen des Datenschutzes nicht vertrauen, sondern muss den Schutz seiner Daten selbst in die Hand nehmen – sie also geheim halten“, so Köhntopp. Hier liege der Grundgedanke der Post-Privacy-Bewegung „Spackeria“. „Weil der Datenschutz versagt, versagen muss (denn der Kontrollverlust scheint ein dem System inhärentes Merkmal zu sein), weil die Welt also so ist, ich aber in ihr leben muss, muss ich mein Leben so gestalten, dass ich in so einer Welt leben kann.“

Das bedeutet nicht, hirnlos im Netz herumzuwandern und an das Gute im Menschen zu glauben. Es ist die Aufforderung zum skeptischen Denken fernab der paternalistischen Dauerschwätzer.

Komplette Kolumne, Kommentare, Retweets, Liken/Teilen unter. http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/6692-die-staatlichen-datenschutz-hosenscheisser

Erste Reaktionen auf mein Datenschutz-Opus:

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Meisterleistung von Stefan Raab! #esc11

Also das war mal ein musikalischer Paukenschlag zur Eröffnung des Eurovision Song Contest. Hab ich so noch nie beim ESC gesehen: „Satellite“ Raab feat. Lena & 42 Lena-Doubles.

Die Möglichkeiten für die Moderatoren sind ja eher begrenzt. Ein ziemlich enges Korsett. Aber was der Raab bei der traditionellen Aufführung des Vorjahres-Siegersong auf die Bühne gebracht hat, wird wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Er ist ein Multitalent (Gesang, Gitarre, Schlagzeug) und sollte so etwas öfter bringen. Grandios auch die TV-Total-Big Band „Heavytones“. Klasse Leistung der Musiker. Toll die Auftritte von Judith Rakers und Anke Engelke. Habt Ihr wirklich souverän gemeistert gestern!

Lieber Finanzminister, streichen Sie doch endlich den Wirtschaftsforschern die Staatsknete

Das Versagen der VWL-Modellschreiner bei den Vorhersagen des Konjunkturverlaufs ist doch mehr als peinlich. Nach den amtlichen Zahlen des Statistischen Bundesamtes verzeichnen wir in Deutschland im ersten Quartal mit 1,5 Prozent das stärkste Wachstum seit der Wiedervereinigung. Vor allem der Inlandskonsum erweist sich dabei als die stärkste Antriebskraft der Volkswirtschaft. Das war Ende des vergangenen Jahres in der traditionellen Allensbach-Umfrage zur Stimmungslage der Bevölkerung absehbar, wie ich das hier ja schon x-mal angemerkt habe.

56 Prozent der Menschen in Deutschland sehen dem neuen Jahr (also 2011) mit Hoffnungen entgegen. Eine Steigerung von 11 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Nur noch 13 Prozent votieren für Befürchtungen (Vorjahr: 19 Prozent) und 21 Prozent entscheiden sich für Skepsis (Vorjahr 26 Prozent). Demnach müsste das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr mindestens genauso hoch ausfallen wie 2010 – also mindestens 3,7 Prozent. Das war meine Prognose, die ich im Januar abgegeben habe. Auch nach den Daten des Statistischen Bundesamtes geht man nun von Wachstum von über drei Prozent aus. Die vom Staat mit jährlich weit über 40 Millionen Euro alimentierten Wirtschaftsforschungsinstitute gingen selbst in ihrem Frühjahrsgutachten davon aus, dass wir in diesem Jahr deutlich schlechter abschneiden als 2010.

Warum ist der Allensbach-Stimmungsindikator für die Konjunkturentwicklung besser als die komplexen Rechenmodelle der Glaskugel-VWLer?
Weil es in der Wirtschaft eben nicht um Rationalität, sondern eher um die Befindlichkeit der Menschen geht. „Zufallsfluktuationen und Komplexität erzeugen nichtlineare Dynamik“, so Klaus Mainzer, Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie in seinem Buch „Der kreative Zufall“. Die Konjunkturforscher können also ihre Ökonometrie auf den Müll schmeißen. Die sollten sich lieber mit Wirtschaftspsychologie beschäftigen.

Menschen handeln spontan und sind unberechenbar. Gute oder schlechte Stimmung in der Bevölkerung wirkt dabei wie ein Grippe-Virus, der sich ausbreitet und andere Menschen ansteckt. Die Ansteckung wird ausgelöst durch übereinstimmende Motive der Wirtschaftsakteure, gemeinsame, unter bestimmten Umständen erweckte Vorstellungen, Nachahmung und die Übertragung von Gefühlen. Wie will man das über Simulationen errechnen? Der Zufall sollte daher bei den Konjunkturforschern zu einer Ethik der Bescheidenheit führen. „Es gibt keinen Laplaceschen Geist omnipotenter Berechenbarkeit“, erklärt Mainzer. Warum treten die Präsidenten der Wirtschaftsforschungsinstitute in ihren grauen Anzügen dann noch im Frühjahr und Herbst so bedeutungsschwer vor die Bundespressekonferenz, um mit großem Getöse ihre Gutachten dem Wirtschaftsminister in die Hand zu drücken? Reißt doch einfach Eure Klappe nicht so weit auf! Die Berechnungen des tatsächlichen Konjunkturverlaufs sollte man einzig und allein dem Statistischen Bundesamt überlassen. Dort arbeiten doch schließlich 2.800 Mitarbeiter. Da kann man getrost auf die Institute der so genannten Blauen Liste verzichten.

Siehe auch:
Glaskugel statt Ökonometrie: Warum die Prognosen der Wirtschaftsforscher nichts taugen.

VWL-Mechaniker im Machbarkeitswahn.

Verhaltensökonomik statt Modell-Schreinerei – Warum sich die Wirtschaftstheorie vom Leitbild des „Homo oeconomicus“ verabschieden sollte.

Die absurden Annahmen und Tricks der Neoklassik: Warum man den VWL-Modellschreinern misstrauen sollte.

Die Shopping-Experten des Staates: Zur 60-Jahrfeier des Beschaffungsamtes

„Wahrscheinlich werden Sie sich wundern, dass man beim Thema Einkauf, und dann auch noch der öffentlichen Hand, so etwas wie Leidenschaft entwickeln kann. Aber ich versichere Ihnen: Man kann“, sagte Beschaffungsamt-Direktor Klaus-Peter Tiedtke zum 60-jährigen Bestehen seines Amtes vor rund 300 Gästen in Bonn. Wenn man den Begriff „Nachhaltigkeit“ in die Suchmaschine Google eingibt, erscheinen rund sechs Millionen Treffer. Bei Sustainability komme man sogar auf über 47 Millionen Einträge. Das heiße allerdings nicht, dass man bei diesem Thema schon weit gekommen sei.

„Nachhaltigkeit – verstanden als eine gleichrangige Berücksichtigung von wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Aspekten – ist für uns ein zentrales Thema. Es stellt sich nur die Frage, unter welchem Fokus. Denn der schöne Schein der Millionen Ergebnisse trügt: Wenn es um die konkrete Umsetzung von Nachhaltigkeit geht, dann stehen wir erst ganz am Anfang, obwohl das Thema schon seit 1994 auf der Agenda steht“, so Tiedtke. Welche Kriterien könnten in die Leistungsbeschreibungen für den Einkauf des Staates aufgenommen werden?

„Bei ökologischen Anforderungen ist dies durchaus möglich. Anders sieht es bei sozialen Anforderungen aus. Wie sollen wir herausfinden, ob ein Knopf, der an einer Jacke eines Bundespolizisten hängt, nicht von Kindeshand angenäht wurde? Ob die Baumwolle eines Diensthemdes nicht unter ausbeuterischen Bedingungen gewonnen wurde. Und ob die Bauteile in einem Laptop nicht unter inakzeptablen Bedingungen hergestellt wurden“, sagte der Behördenchef. Eine Lösung würde darin, die sozialen Anforderungen in die Eignungskriterien zu verlagern.

„Das Vergaberecht stößt hier allerdings an seine Grenzen: Es gibt nur die Möglichkeit einer Ja/Nein-Entscheidung. Wir können also keine wertende Entscheidung treffen, welcher Bieter ‚besser‘ geeignet ist als ein anderer. Das ist derzeitig im deutschen Vergaberecht verboten. Aus meiner Sicht ist dies eine unzeitgemäße Einschränkung“, monierte Tiedtke in seiner Festrede. Eine wertende Entscheidung, welcher Bieter besser geeignet sei als ein anderer, ist unzulässig. Hier werden den Zielen der Bundesregierung in Fragen der Nachhaltigkeit immer noch Grenzen gesetzt.

„Die Debatte um Nachhaltigkeit steht im Gegensatz zu unserem Amt erst ganz Anfang. Wir sind immerhin stolze 60 Jahre alt. Normalerweise bereitet man sich in diesem Alter zumindest gedanklich auf den Ruhestand vor. Daran ist bei uns nicht zu denken: Unsere Erfahrung der letzten 60 Jahre wollen wir künftig nutzen, um die Durchführung von Beschaffungen für andere Bundesressorts als Dienstleistungszentrum anzubieten. Die Koalitionspartner haben sich dieses Ziel mit dem Koalitionsvertrag zur 17. Legislaturperiode gesteckt. Das Beschaffungsamt arbeitet aktiv daran mit, wir entwickeln uns und den öffentlichen Einkauf stetig weiter“, resümierte Tiedtke.

Hier die Aufzeichnungen der Reden von Tiedtke und Staatssekretärin Cornelia Rogall-Grothe.

Kleiner Rückblick in die 50er Jahre:

Zur 60-Jahrfeier fand auch eine interessante Kunstausstellung in den Räumen des Bonner Beschaffungsamtes statt. Die Konzeptidee erläutert die Künstlerin Sidka Kordes: