FAZ-Blogs jetzt ohne Kontrollverlust: Der Vorhang zu und alle Fragen offen

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Für Don Alphonso, Autor des FAZ-Blogs
“Stützen der Gesellschaft”, ist der Fall nach ein paar Stunden klar. Gegen 18 Uhr berichtete gestern Michael Seemann, dass sein FAZ-Blog “Ctrl-Verlust” komplett gelöscht worden sei. Ein paar Stunden später, so gegen Mitternacht, folgt die Replik von Alphonso in seinen Blogs “Blogbar” und “Rebellen ohne Markt”.

Und die liest sich so:

“Ein freier Journalist missbraucht die Möglichkeiten einer sehr liberalen Arbeitsmöglichkeit, um sich bei den Bildwerken anderer Leute zu bedienen. Nicht nur einmal, sondern mehrfach. Der Mann wird ausdrücklich (wie alle anderen auch, selbst wenn sie ihre Bilder selbst erarbeiten) auf das Problem hingewiesen, mit neuen Instruktionen versehen, und klaut prompt weiter. Die Zeitung bekommt es mit und nimmt den Beitrag gezwungenermassen runter. Der Autor schaltet ihn ohne Bilder und ohne Rücksprache gleich wieder hoch und alarmiert seine Freunde über Twitter. Die Zeitung nimmt seine Publikationsmöglichkeit nach diesem Vorgang offline. Seine Freunde, die teilweise ohnehin einen Hass auf einen Herausgeber der Zeitung haben, wünschen der Zeitung auf seinem Blog mit einer nicht umfassend ehrlichen Darstellung des Vorgangs und der Urheberrechtsproblematik schon mal den Tod und versuchen, das daraufhin ausgeknipste Blog mit einem ‘Shitstorm’ wieder reinzuerpressen.”

Buff Banane. So etwas nennt man dann wohl eine semantische Hinrichtung. Ist damit der Fall geklärt, sind alle “Verschwörungstheorien” präventiv im Keim erstickt, hat es Seemann nicht anders verdient?

Aber ein paar Antworten könnte man von der FAZ schon noch erwarten. Stimmt die Aussage von Seemann, dass ihm von der FAZ untersagt wurde, wörtlich aus dem E-Mail-Verkehr zu zitieren?

“Ich habe Thomas Thiel von der Redaktion per Mail ausdrücklich gefragt, ob es eine Stellungnahme seitens FAZ.net zu dem Vorfall geben wird. Die Antwort war ein eindeutiges ‘Nein’. Thomas Thiel hat mir leider untersagt aus unserem Schriftwechsel zu zitieren. Ihr müsst mir das schon so glauben”, so Seemann.

Oder stimmt die Einschätzung eines FAZ-Abonnenten (hat der auch ein Theater-Abo?), dass die Beiträge von Seemann für die bürgerliche FAZ-Leserschaft einen irritierenden und beleidigenden Charakter hatten.

“Seemann hat durch zunehmende Niveaulosigkeit die Frage einer Vertragsauflösung provoziert. Das meine ich nicht im übertragenen Sinn. Wenn er dann noch so narzistisch ist, CC-Lizenzen zu verletzen, versteh ich auch die Netz-Apologeten nicht mehr, die ihn verteidigen. Denn ohne CC ist das Netz nicht mehr viel wert. Ich geh mal Nachbars Blumen verkaufen.”

Kleine Erwiderung: Ich habe einige Ctrl-Verlust-Beiträge gelesen. Sie waren nicht ein einziges Mal beleidigend, aggressiv und fiebernd ideologisch. Er hat sich – im Gegensatz zu seinen Gegnern – nicht im Ton vergriffen. Beispiel: “

Frank Schirrmacher hat in Payback ein Drittel seines Buches dieser Aufgabe gewidmet. Er hat eine verbesserte Bildung gefordert, und er hat gefordert, dass die Algorithmen, die unser tägliches Leben mitbestimmen, erklärt werden sollen und zwar breitenwirksam erklärt. Er hat somit den ersten Ansatz zu einer – zumindest intellektuellen – Vergesellschaftung von Technologie gefordert, der ich voll und ganz beipflichten möchte. Ich würde mir wünschen, dass die Debattenbeiträge zu dem Thema strenger nach den Kriterien beurteilt werden, was sie denn als Strategien vorzuweisen haben, um die von ihnen beklagten Folgen des Kontrollverlusts aufzufangen.”

Oder:

“Ich glaube, Frank Schirrmacher hat unrecht, wenn er sagt, dass das Denken aus den Köpfen in die Maschinen auswandert. Nein, es bleibt bei mir, aber es knüpft sich an andere Sphären. Es ist kein Entwederoder, sondern ein Sowohlalsauch. Das Denken wird so ortlos wie ein bestimmtes Bit auf den Servern von Google. Und das Ziel des Exodus sind eben nicht in erster Linie Maschinen (auch, aber derzeit noch sehr begrenzt), sondern andere Menschen: von mir selbst zusammengestellte soziale Filter, wie die Followings auf Twitter oder die Abonnements meines RSS-Readers. Es sind intersubjektive Erweiterungen des Denkens und des Bewusstseins. Wir werden im Internet alle Teil des mentalen Exoskelettes des anderen sein. Es ist die individualisierte Entindividualisierung! (Über die schwierige Frage der Identität werde ich mich ein andermal tiefer auslassen.)”

Alphonso scheint zu wissen, dass sich Seemann “nicht nur einmal, sondern mehrfach” bei Bildwerken anderer Leute bedient hat. Geht das etwas konkreter? Woher weiß der schöne Don Alphonso das?

Wäre nicht auch eine Trennung mit etwas mehr Fingerspitzengefühl möglich gewesen. Die FAZ könnte Seemann doch anbieten, seinen Blog auf einer anderen Plattform weiterzuführen. Das Handelsblatt hat das mit Thomas Knüwer und seinem Blog “Indiskretion Ehrensache” doch gut gelöst.

Wer eine Löschung veranlasst und die Kommunikation verweigert, erntet Shitstorm. So ist das nun mal.

Nachtrag: Sehr gut ist der Kommentar von Dierk Haasis auf Carta.

“Leider kennen wir bisher die Details nicht, wir kennen auch die Perspektive der FAZ-Redaktion nicht, da Seemann aus entsprechenden E-Mails nicht zitieren darf [wir lieben unsere Qualitätsjournalisten ...] und die Redaktion sich bisher nicht öffentlich äußerte. Ginge es nur um die potenzielle Verletzung der CC, wäre eine solche Komplettsperrung/-löschung zumindest seltsam. Auch wenn die FAZ [Online] bisher nicht als großer Copyright-/Nutzungsrechteverletzer auffiel, auch wenn die üblichen Verdächtigen bei Bildrechteverletzung BILD, STERN, BERLINER MORGENPOST heißen, es ist ja nicht so, als kümmerten sich die wohlmeinenden Redaktionen sonst um © oder CC oder Persönlichkeitsrechte. Schon gar nicht in dieser Form. Ist es so schwierig, die Welt einmal nicht in schwarze Hüte gegen weiße Hüte einzuteilen? Ich zweifle daran, dass die FAZ nur aus [juristisch verlangter] Menschenfreundlichkeit ein Blog sperrt und einen Blogger zwischen Tür und Angel rausschmeißt. Da gibt es sicher mehr Gründe, schon weil ‘commercial use’ hier durchaus nicht ganz so eindeutig ist: Our noncommercial licenses (BY-NC, BY-NC-SA, BY-NC-ND) prohibit uses that are “primarily intended for or directed toward commercial advantage or private monetary compensation.” Whether or not a use is or is not commercial will depend on the specifics of the situation and the intentions of the user [...].”

Lesenswert auch: FAZ löscht Blog: Eine andere Form von CTRL-Verlust.

Kontrollverlust paradox.

Kontrollverlierer.

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