Der Rücktritt von Horst Köhler vom Amt des Bundespräsidenten ist bezeichnend für die mittelmäßige Eloquenz des politischen Führungspersonals. In der Regel wird bei öffentlichen Auftritten kaum noch die Kunst der freien Rede praktiziert. Bundestagsdebatten, Jahrestage oder Interviews mit Printmedien laufen ritualisiert ab. Rhetoren sind rar gesät. Im Bundestagsplenum gibt es keine spannenden Redeschlachten mehr, wie man sie zwischen Helmut Schmidt, Rainer Barzel, Herbert Wehner oder Franz-Josef Strauß erlebt hat. Da werden vorbereitete Manuskripte runtergestottert. Interviews mit Zeitungen oder Zeitschriften werden nachträglich „autorisiert“ – also glattgebügelt bis nur noch ein aseptisches Funktionärs-Geblubber übrig bleibt (am schlimmsten sind allerdings die Powerpoint-Reden der „Wirtschaftselite“).
Bei elektronischen Medien funktioniert das häufig nicht. Und genau da ist Köhler ausgerutscht, weil er nicht das sagte was er eigentlich meinte. Kriegseinsätze zur Wahrung der deutschen Wirtschaftsinteressen hat er in dem Radiointerview nicht gemeint – das konnten wir ja nicht ahnen. Wenn es um kritische Themen geht, sind Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft wohl nicht mehr in der Lage, sich in Live-Situationen klar und verständlich auszudrücken – da steht eben kein Team von Redenschreibern und Pressereferenten zur Verfügung, um wieder auf das Phrasen-Niveau von Aussagen zu kommen wie „zum Friedenseinsatz gibt es keine Alternative“ oder „in Afghanistan stehen wir an der Seite unserer Soldaten“ oder „für den Weltfrieden ist internationale Solidarität gefragt“ oder „es darf keine Alleingänge geben“ oder „wir werden das mit unseren NATO-Partnern ausführlich abstimmen“ oder „es ist jetzt nicht die Zeit, diesen Militäreinsatz in Frage zu stellen“ oder, oder, oder…..
Der Rücktritt von Köhler ist schwach. Seine Rechtfertigung noch schwächer. Seine abgelesenen Reden als Bundespräsident – nicht der Rede wert.
Da haben sich ja meine Glühbirnen-Hamsterkäufe in Bosnien schon positiv ausgewirkt 😉
Nach einem Bericht der FAZ hat das EU-Glühbirnen-Verkaufsverbot (seit September 2009) nichts gebracht. Der Verkauf von so genannten Energiesparlampen ist in den ersten drei Monaten dieses Jahres sogar um sechs Prozent gesunken. Die FAZ bezieht sich auf Analysen der Gesellschaft für Konsumgüterforschung (GfK).
Ursachen: Konsumenten haben Glühbirnen gehortet – wie ich – und suchen andere Beleuchtungsformen – etwa Halogenleuchten. Die Sparlampen-Aversion habe durch die Auflagen der EU-Kommission einen erheblichen Auftrieb bekommen – staatliche Bevormundung kommt halt nicht gut an.
Etwas heuchlerisch ist allerdings das Argument der Lampen-Lobby, dass der Verkaufsrückgang ein Beweis dafür sei, dass der Lampen-Paternalismus keine Verkaufshilfe für die Industrie sei. Witzig auch das Argument der Interessenvertreter, dass die Energiesparlampe 15 Mal länger halten würde als die Glühbirne, aber nicht 15 Mal mehr kosten würde. Die Testberichte und meine Erfahrungen sprechen eine andere Sprache. Und wenn die Aussagen der Lobbyisten stimmen würden, bräuchte man kein hausmeisterliches Verkaufsverbot für Glühbirnen.
Ich fand die Casting-Show „Unser Star für Oslo“ von Anfang an sehr sympathisch, fair und kompetent. Hier zeigte Stefan Raab, dass er nicht nur herumblödeln kann, sondern mit seriösem Engagement junge Musiktalente fördert – im Gegensatz zur polternden TV-Nervensäge Dieter Bohlen.
Mit dem Sieg von Lena beim Eurovision Song Contest ist das eindrucksvoll bestätigt worden. Auch wenn manche Medien sich jetzt nicht mehr an ihr Geschwätz von gestern erinnern wollen, ist es doch interessant, sich ein paar „alte“ Kommentare anzuschauen. Zum Beispiel die TV-Kritik Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau: „Unterhaltung zum Wegdösen“.
„Gestern Abend blieb noch unklar, wie Deutschland mithilfe dieses Verfahrens beim Eurovision Song Contest in Oslo punkten soll. Auch wenn eine achtzehnjährige Gymnasiastin namens Lena tatsächlich hinreißend war. Die Kandidatenkür durch das Fernsehpublikum läuft außerdem über acht Shows und ist kompliziert genug, um noch Überraschungen zutage zu fördern und nicht nur motivierte junge Menschen, die ganz gut singen und sehr nett sind“, schrieb die Redakteurin vor ein paar Wochen.
Der Standort dieser erstmaligen privat-öffentlich-rechtlichen Kooperation würde zwischen Anständig- und Blödigkeit im Niemandsland der unauffälligen Unterhaltung liegen.
Tja, das haben Millionen Menschen in Europa wohl etwas anders gesehen!
Kommentar zum ersten Lena-Auftritt: „Der Jury-Präsident war ‚gekickt‘ und ‚geflasht‘, Marius Müller-Westernhagen sprach sogar von ‚Star-Appeal‘. Die Favoritin stand damit fest – und schaffte es am Ende auch beim alles entscheidenden Zuschauer-Votum in die nächste Runde. Ob sie in zwei Wochen dann allerdings ein anderes Lied genauso ‚geil‘ (Stefan Raab) rüberbringen kann, wie das eine, das so merkwürdig klingt und wohl darum so perfekt am Dienstagabend zu der Jüngsten im Felde passte, kann man schon jetzt bezweifeln“, so die FAZ-Kritik.
Ich hatte hier bereits verkündet, dass ich in der nächsten Woche am 1. und 2. Juni die AdWords Days moderiere. Ein absoluter Experte bin ich ja nicht. Für die Diskussionsleitung aber keine schlechte Voraussetzung. Dann werden die richtigen Fragen gestellt 😉
Schaut man sich die deutsche Wirtschaft an, so gibt es wohl viele Firmen, die sich noch nicht sehr intensiv mit Google-AdWords beschäftigt haben. Das wird dann wohl auch bei einigen Konferenzteilnehmern so sein, sonst würde sich der Besuch der Tagung ja auch nicht lohnen. Siehe auch den Artikel, der auf NeueNachricht erschienen ist.
Auszug: „Manager und Unternehmer sollten sich die Chance nicht entgehen lassen, die wichtigsten Experten der AdWords-Beraterszene zu erleben und sich in einem Crashkurs fit zu machen für Direktmarketing-Strategien im Web“, erläutert der Kongressorganisator Ingo vom Hoff. Zu den Top-Referenten zählt Howard Jacobson, Mitglied der Perry Mashalls AdWords-Coaching-Fakultät: „Da ein Klick schon ab einem Cent zu haben ist, und jeder Klick zu einem Umsatz führen kann, haben sogar kleine Unternehmen, deren Finanzdecke klein ist, mit AdWords eine effektive Möglichkeit zu wachsen, ohne dass sie ein Vermögen für Werbemaßnahmen ausgeben müssen. Bislang werde diese Werbemöglichkeit vom Mittelstand nur wenig genutzt.
„Die Bezahlung pro Klick kombiniert mit der ungewöhnlichen Art des Direct-Response-Marketings hat bisher die meisten kleinen Firmen von den möglichen Vorteilen von AdWords ferngehalten. Aber auch die Marketingspezialisten in den großen Unternehmen können sich nur langsam an dieses Modell gewöhnen, sind sie doch im Bewerben von Marken geschult, bei dem es nur wenig Platz für ein Medium wie AdWords gibt, in dem der Erfolg messbar ist“, sagt Jacobson. Unternehmen könnten in fünf Minuten für fünf Euro ein Konto bei bei AdWords eröffnen. „Sie können Ihre Anzeige jederzeit ändern. Sie können unprofitable Anzeigen mit einem einzigen Mausklick löschen. Sie können mehrere Anzeigen gleichzeitig schalten und genau ermitteln, mit welcher Sie das meiste Geld verdienen. Sie können sogar Kunden in einzelne Gänge und Regale Ihres Geschäfts schicken, je nachdem, wonach diese suchen. Und Sie können im Laufe der Zeit immer mehr Erfahrungen sammeln, bessere Anzeigen formulieren, sie unter immer mehr und besser passenden Rubriken platzieren, bestimmte geografische Bereiche auswählen und andere aussparen. Wenn Ihre Anzeigen gut laufen, können Sie sogar Google davon überzeugen, sie als Onlinezeitungs- oder -zeitschriftenanzeige zu platzieren, sie neben bestimmte Orte auf den Google Maps zu setzen oder sie auf Mobiltelefone zu überspielen – ganz automatisch“, führt Jacobson aus.
Es wird auch ein Vertreter von Google anwesend sein – neben den vielen anderen Experten der AdWords-Szene: Habt Ihr noch Anregungen oder Fragen, die ich als Moderator in der nächsten Woche aufnehmen sollte? Dann direkt an mich schicken oder als Blogkommentar posten: gunnareriksohn@googlemail.com.
Die Vorsilben „Öko“ und „Bio“ werden an alles Mögliche geklebt, ohne dass jemand nachfragt, ob die so geadelten Produkte oder Verfahren tatsächlich einen Umweltvorteil bieten. Häufig geht es wohl eher um Glaubensfragen, Placeboeffekte oder um die Beruhigung des schlechten Gewissens, wenn man mit dem Porsche Cayenne (Polemik, aber schon beobachtet;-)) auf den Parkplatz des Bio-Supermarktes rauscht, Ökoprodukte einkauft und meint, etwas Gutes für die Umwelt getan zu haben. Stiftung Warentest (veröffentlicht in der Juni-Ausgabe) hat sich Bio-Lebensmittel etwas genauer angeschaut. Bilanz aus 85 Tests: weniger Pestizide, aber qualitativ nicht immer besser. Biolebensmittel sind nicht automatisch gesünder oder schmackhafter als konventionelle Lebensmittel.
Nach den Qualtiätsurteilen gibt es im Durchschnitt auch sonst keine qualitativen Unterschiede. Allerdings bietet die Ökokost zwei Vorteile gegenüber der konventionellen: Pestizide kommen selten vor. Außerdem engagieren sich die Bioanbieter wesentlich stärker für Umwelt und Soziales als Hersteller herkömmlicher Produkte. Sowohl bei den herkömmlichen als auch bei den Biolebensmitteln gab es Produkte mit „sehr guten“, aber auch „mangelhaften“ test-Qualitätsurteilen – und das in recht ausgewogenem Maße. Bioprodukte haben die konventionelle Konkurrenz zum Beispiel bei Vollmilch oder bei Würzölen deutlich übertrumpft. Bei nativem Rapsöl hingegen schnitten viele konventionelle Produkte besser ab.
Frischem Bioobst, Biogemüse und Biotee können Verbraucher vertrauen: In 75 Prozent dieser Produkte waren gar keine Pestizide nachweisbar, hier ist Bio klar im Vorteil. Mit Keimen und der Sensorik also z. B. dem Geschmack und Geruch haben Bioprodukte heute seltener ein Problem.
Das ist die eine Seite der Medaille. Geht es um die Ökobilanz, dann sollte man die Imagepolitik der Öko-Lobby etwas kritischer analysieren. „Bio ist prima fürs Klima!“ werben Ökoagrarverbände. Ihr Argument: Wir sparen Mineraldünger, zu dessen Herstellung fossile Brennstoffe verbraucht werden. Konventionelle Bauern kontern: „Mehr Milch pro Kuh ist aktiver Klimaschutz!“ Ihr Argument: Konventionelle Höfe erzeugen mehr Milch, Fleisch und Eier pro Tier. Auch erreichen die Tiere ihr Schlachtgewicht viel früher, leben also kürzer und brauchen weniger Futter. Ergo: Sie stoßen weniger klimaschädliches Methan aus. Biosprit, Bionahrung oder Bioplastik – häufig sind das hochtrabende Floskeln mit wenig Substanz. „Die Kritik an ‚industrieller Landwirtschaft’ und ‚entfremdeten Lebensmitteln’ ist schön bequem, aber auch pharisäerhaft. Da hat sich ein ganzer Treck von Sehnsüchten, Nostalgien und Naturverklärungen in Gang gesetzt, der nicht mehr nach Logik oder Fakten fragt. Landwirtschaft war schon immer unnatürlich, auch wenn das manche Verkünder des Biobauerntums gern ausblenden. Von unserer ursprünglichen Lebensweise als Jäger und Sammler haben wir uns vor 10.000 Jahren verabschiedet – und zwar unumkehrbar. Weizen ist kein natürliches Nahrungsmittel des Homo sapiens. Weizenkörner entstanden durch künstliche Selektion. Kuhmilch gehört keineswegs auf unseren natürlichen Speiseplan. Auch Mais oder Blumenkohl kommen in der Natur so nicht vor, sondern wurden vom Menschen entwickelt. Ganz zu schweigen vom Käse, einer frühen Ausgeburt bakterieller Lebensmitteltechnik. Weder waren die früheren Formen der Tierhaltung grundsätzlich humaner, noch waren die produzierten Nahrungsmittel gesünder als heutige. Die Gefahr von Erkrankungen und Vergiftungen durch Nahrungsmittel ist dank moderner Hygiene und Konservierungsstoffe sogar drastisch zurückgegangen. Magenkrebs wird immer seltener, weil moderne Frischhalteverfahren die alten und gesundheitlich bedenklichen zurückgedrängt haben, beispielsweise Räuchern und Pökeln. Plastikversiegelung, Dose, Tiefkühltruhe und Kühlschrank mögen unsere Nahrungsmittel ‚entfremden’, sie sind aber ein Segen für die Gesundheit“, so die Publizisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch.
Manche Biomethoden könnten sogar schädlicher für die Natur sein als die üblichen Arbeitsweisen. So müssten Biobauern, weil sie auf chemische Unkrautmittel verzichten, unerwünschten Pflanzenwuchs mit mechanischen Geräten aus der Erde reißen. Der Druck schwerer Maschinen verdichte den Boden und verschlechtere den Lebensraum der unterirdischen Kleintierwelt. Viele Konsumenten wüssten zudem nicht, dass auch Biobauern Pestizide spritzen. Sie dürften lediglich keine synthetisch erzeugten Chemikalien benutzen. Erlaubt seien pflanzliche Gifte, Mineralöle, Bakterienstämme und auch einige Chemikalien. Naturdünger, also Mist, Kompost oder Gülle könnten riskante Keime transportieren. Beim Obst- und Weinbau werden von den Ökobauern Kupferpräparate eingesetzt, mit schweren Folgen für die Umwelt, monieren Maxeiner und Miersch. Denn das Schwermetall sei toxisch für Bodenlebewesen, Fische, Vögel, Säuger und auch Menschen. Dietmar Groß von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft kritisiert, dass Kupferpräparate immer häufiger eingesetzt werden. Da der Biobauer nur wenige wirksame Mittel habe, aber von Schädlingen und Krankheiten nicht verschont bleibt, werden beispielsweise die Bioäpfel zwölf- bis achtzehnmal mit Kupfer und Schwefel gespritzt:
„Massiver Landverbrauch, Gifteinsatz, hoher Energie- und Wasserbedarf, erhöhtes Aufkommen von Fäkalien und Methan: Die Umweltbilanz des Biolandbaus sieht nicht sehr gut aus. Obendrein gibt es noch eine andere schleichende Gefahr, die von Biohöfen ihren Ausgang nimmt und über die nur selten geredet wird: die biologische Schädlingsbekämpfung. Dabei werden Scharen von räuberischen Insekten und Spinnentieren ausgesetzt, die Obst, Gemüse und Ackerpflanzen von Schädlingen befreien sollen. Zwar werden Nebenwirkungen dieser Kampf-Insekten vor dem Einsatz nach gesetzlichen Vorgaben geprüft. Denn liegt im vertrauensvollen Umgang mit ihnen ein seltsamer Widerspruch. In den Erklärungen der Bioverbände gegen die Pflanzen-Gentechnik wird in grellsten Farben davor gewarnt, neue Organismen freizusetzen, selbst wenn diese vorher gründlich getestet wurden. Im Biolandbau werden jedoch landauf, landab fremde Organismen freigesetzt, ohne dass sich die Öffentlichkeit darüber aufregt. Dabei sind bereits ökologische Schäden nachweisbar“, kritisieren Maxeiner und Miersch.
Der Glaube kann zwar manchmal Berge versetzen, aber keine ökologischen Wunder vollbringen.
Kurz vor dem iPad-Verkaufsstart in Deutschland steigt in der öffentlichen Diskussion wohl das Fieberthermometer. So setzt sich der Medienwissenschaftler Gundolf S. Freyermuth in einem lesenswerten Beitrag mit der iPadologie II auseinander – dem Abschied von der analogen Hardware Es ist wohl ein Streit der digitalen Daniel Düsentrieb-Szene mit den Apple-Enthusiasten, die sich ausschließlich an der Nutzerfreundlichkeit und dem Design ergötzen. So kritisierte Cory Doctorow die vollständige Geschlossenheit des iPads – das Fehlen jeglicher Möglichkeiten, die Funktionalität des Geräts selbständig zu ergänzen oder auch nur Peripheriegeräte anzuschließen – als Entmündigung und Infantilisierung der Nutzer. Ähnlich argumentiert auch „Klaus“ in seinem Kommentar zum ersten Teil der iPadologie von Freyermuth: „Was mich an Computern fasziniert hat, war immer … auch die Möglichkeit, an ihnen zu schrauben, sie umzubauen, sie zu tunen und aufzurüsten. … Auch Spielekonsolen als geschlossene Systeme haben mich nie interessiert, obwohl sie für Spiele manchmal besser geeignet sind, als PCs. Das iPad fällt für mich in die selbe Kategorie …“
Doctorows Vorwurf begegnete Joel Johnson vehement: „Computer werden zu normalen Haushaltsgeräten. Was ist daran so schlecht?“, fragte er in einem Beitrag für das Technologie-Blog Gizmodo: „Ich bin froh, dass ich nicht mehr in den ‚fucking 70s’ lebe und Computerprogramme aus Zeitschriften abtippen muss. Nichts am iPad deutet auf das Ende von Innovation, Bastelei, Programmieren, Design. Wenn das so wäre, gäbe es nicht in diesem Augenblick im App-Store 150.000 Apps. Was macht das schon, dass du keine iPad-Programme auf einem iPad herstellen kannst? Ich beschwere mich ja auch nicht darüber, dass ich mit meinem Geschirrspüler keine neuen Geschirrspüler herstellen kann.“
„In dieselbe Richtung gingen die Überlegungen des Programmierers und Bloggers Daniel Tenner. Auch er verstand das iPad als Indiz dafür, dass Computer eine gewisse technische Reife erlangt haben und sie sich nun wie normale Haushaltselektronik ohne technisches Verständnis oder gar ständige Wartung durch ihre Besitzer nutzen lassen“, schreibt Freyermuth. Die Mutter von Tenner benötige eine Möglichkeit, die Preise von Flugtickets rauszukriegen, den Wetterbericht zu lesen, auf Facebook zu gehen, Kinokarten zu kaufen, ihre E-Mail zu checken, ihn über Skype anzurufen und für Tausend andere kleine Dinge, die nicht sehr schwierig und fordernd sind, weder für sie noch für das Gerät, das sie benutzt.
Joel Johnsons Vorwurf gegen digitale Veteranen und Vordenker wie Cory Doctorow ging allerdings einen entscheidenden Schritt weiter. Er interpretierte die heftigen negativen Reaktionen auf das iPad als Teil eines Machtkampfs: „Die alte Garde packt DIE ANGST. Sie sehen das iPad und die Begeisterung, die es geweckt hat, und sie realisieren, dass sie selbst unwichtig – oder zumindest unsichtbar – geworden sind. Sie realisieren, dass es möglich geworden ist, einen Computer herzustellen, der nicht ständig kaputt geht, der nicht plötzlich aufhört zu funktionieren, der nicht mehr ständiges Herumbasteln erfordert.“
„In der Tat erinnert auch mich – als Computer-Veteran – manches an den Vorwürfen, die in den vergangenen Wochen gegen die Simplizität des iPads vorgebracht wurden, an die heftigen emotionalen Widerstände, die Mitte der achtziger Jahre die ersten Macintosh-Computer (und später auch die ersten Windows-Rechner) mit einfachem GUI-Interface und simpler Maussteuerung weckten – vor allem bei DOS-Virtuosen, die ihre mühsam erworbenen Kursor- und Kommandozeilen-Kompetenzen und damit ihren exklusiven Hardcore-Guru-Status auf einen Schlag entwertet sahen“, führt der Medienprofessor aus.
Vergessen darf man auch nicht den Wiederaufstieg von Apple nach der Rückkehr von Steve Jobs. Der Apple-Chef hatte sehr schnell realisiert, wer seine letzten treuen Kunden waren: die Kreativen, die Microsoft-Resistenten und die PC-Hasser. Auf dieser Basis gründete Jobs die Rettung seines Konzerns. Das ist vielleicht auch der Grund für das Zerwürfnis mit dem Apple-Mitgründer Steve Wozniak, wie ich es in einem Artikel für die absatzwirtschaft März 2010 beleuchtet habe. Woz ist zwar ein begnadeter Mathematiker und zählt zu den legendärsten Computeringenieuren aller Zeiten. So stilisiert sich zumindest der frühere Weggefährte von Steve Jobs und Erfinder des Apple I in seiner eigenen Biografie. Was Woz nicht ist: ein Marketinggenie. Das wollte er nie sein und äußert sich dementsprechend enttäuscht, dass sein alter Kumpel Jobs nicht den Ingenieur in den Mittelpunkt des Unternehmens stellte. Vielleicht ist das auch der Grund, warum deutsche Unternehmen nicht in der Lage sind, die Früchte ihrer Entwicklungen erfolgreich zu vermarkten. Das Land der Dichter, Entwickler und Tüftler stößt zwar vieles an, holt aber nicht heraus, was möglich wäre, kritisiert Wirtschaftswoche-Korrespondent Matthias Hohensee in seiner Kolumne Valley Talk. Er sieht den Grund in der mangelhaften Ausstattung von Gründern mit Wagniskapital. Das mit einer halben Million Dollar gestartete soziale Netzwerk Facebook hätte in Deutschland dieses Anschubkapital wohl niemals bekommen. Ich halte allerdings die reine technikgetriebene Politik vieler Firmen für die Hauptursache der Innovationsmisere in unserem Land.
Von Anfang an war Apple als Marketingunternehmen konzipiert: „Das Produkt wird sich mit anderen Worten danach richten, welche Wünsche und Anforderungen die Marketingabteilung bei den Kunden finden wird. Das ist das genaue Gegenteil von einem Ort, wo Ingenieure einfach das konstruieren, was ihnen Spaß macht, und das Marketing anschließend Wege findet, um das Produkt zu vermarkten“, sagt Wozniak. Genau das sei der Grund, warum „Woz“ nur noch über alte Zeiten sinniert und Steve Jobs zu den erfolgreichsten IT-Unternehmern der Welt zählt, meint Peter B. Zaboji, Chairman des Frankfurter After-Sales-Spezialisten Bitronic: „Obsessionen für technische Perfektion sind ja schön und gut. Am Ende des Tages ist der Markterfolg entscheidend und nicht die Selbstverliebtheit von Ingenieuren. In vielen IT-Unternehmen sind Marketing, Management und Führung immer noch viel zu herstellerorientiert.“
Eine nicht unwichtige Sollbruchstelle in der Produktpolitik von Apple sieht allerdings der Designtheorie-Professor Friedrich von Borries. Auf seinen Distributionsplattformen übe Apple mittlerweile Zensur über die Inhalte aus. „Weil Steve Jobs keine sexuellen Anzüglichkeiten duldet, müssen Boulevardzeitungen für ihre iPhone-Anwendung die Brustwarzen ihrer Pin-Ups wegretuschieren. Aber die Zensur bezieht sich auch auf politische Inhalte. Dem Pulitzer-Preisträger Mark Fiore, so ein publik gewordener Eingriff in die Meinungsfreiheit, wurde die Veröffentlichung seiner Karikaturen als Apps für das iPhone verboten. Und so wirkt Apple’s derzeitige Produktpolitik wie die Fortsetzung der Bush-Ära mit multimedialen Mitteln“, moniert von Borries.
Beispiele dafür gibt es genug: der Apple-Konzern, der nur Programme zulässt, die den eigenen moralischen Kriterien nicht widersprechen; die Suchmaschine Google, die entscheidet, welche der gefundenen Inhalte sie zeigt und welche nicht; das Netzwerk Facebook, das Nutzer fast zwingt, Informationen öffentlich zu machen.
Doch ist das Freiheit, wenn einige wenige Unternehmen festlegen, was im Internet verfügbar ist und was nicht? Seemann fordert, dass der Staat regulierend eingreift, um die Freiheit zu retten – in vollem Wissen, wie paradox diese Forderung klingt. So paradox ist die Forderung doch gar nicht. Bei der Liberalisierung des TK-Marktes gab es doch auch eine Regulierung zur Deregulierung. Und wenn Apple und Co. zu Zensoren mutieren, ist das ein Fall für das Bundesverfassungsgericht. Schließlich geht es um Grundrechte.
@Telekom_hilft: Hallo, 2 Fragen: Wie viel kostet die Umzugsgebühr für ISDN&DSL? Und wie lange läuft mein Vertrag bei Ihnen noch?
Auf diese Weise lassen sich gleich mehrere Aspekte testen: Wie schnell und wie zuverlässig werden bereits bestehende Kundendaten abgerufen und eingebunden? Wie wird mit der Abfrage persönlicher Daten (hier: Kundennummer) umgegangen? Wie werden unbequeme Informationen wie zu leistende Zahlungen kommuniziert? Und wie flexibel wird auf andere Kommunikationskanäle umgeschaltet (notwendig zur Abfrage persönlicher Daten)?
Die erste Antwort trifft ziemlich genau eine Stunde später ein:
@die_lautmaler: Es fällt ein einmaliges Bereitstellungsentgelt von 59,95 € b an. Wegen Ihrer Laufzeit schreibe ich Ihnen gleich eine DM. ^sa
Eine Stunde mag lang erscheinen – ist aber vor dem Hintergrund, dass der Kunde in der Regel keine direkte Antwort erwartet (Twitter ist schließlich kein synchrones Kommunikationsmittel) voll akzeptabel. Positiv fällt auf, dass zuerst die Information gegeben wird, die gegeben werden kann (Höhe des Bereitstellungsentgeltes) und dass für den Rest der Frage auf eine DM (ebenfalls via Twitter) ausgewichen wird. Nur wenige Minuten später findet sich folgende DM im Posteingang:
Telekom_hilft: Bitte schicken Sie mir Ihre Kundendaten, den Twitternamen & Rufnummer per Mail an telekomhilft@telekom.de. Danke. Ich kümmere mich. ^sa
Gut zu wissen, dass der Ansprechpartner (^sa, also Sabrina) sich weiter persönlich kümmern wird und man nicht einfach an eine andere Anlaufstelle verwiesen wird, bei der das Anliegen möglicherweise erneut vorgetragen werden muss. Der Twittername dient der Zuordnung des Anliegens. Um die Aufgabe zu erschweren wird dieser im Nachrichtenfeld der E-Mail anstatt im Betreff genannt. Außerdem wird das Anliegen in der E-Mail nicht neu formuliert, denn dann wäre ja auch ein wesentlicher Vorteil von Twitter dahin.
Hallo,
die_lautmaler
030-49855710
Keine fünf Minuten später die Antwort via Twitter:
Telekom_hilft: Vielen Dank für Ihre Daten. Ihr Vertrag läuft bis zum 6. November 2010. ^sa
„Die Zuordnung hat also reibungslos geklappt! Etwas überraschend zwar, dass auf eine E-Mail ein Tweet folgt, andererseits aber auch gerechtfertigt, zumal Tweets sich einfacher mobil abrufen lassen. Das Testergebnis ist also durchweg positiv“, so das erste Resümee der Lautmaler. Das werde ich demnächst auch mal testen. Mit dem telefonischen Service der Telekom habe ich bislang keine guten Erfahrungen gemacht. Ob das wirklich funktioniert, wird sich zeigen, wenn der Twitter-Account der Telekom Massenanfragen bekommt.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Museumsverantwortlichen aus eigenem Antrieb gehandelt haben. Ähnliches vermutet Spließ. Es entspricht der Geisteshaltung, die man auch in der Zensursula-Debatte vernommen hat und die vor Jahren bei einem Symposium der Konrad-Adenauer-Stiftung von Spitzenpolitikern geäußert wurde. Die Politik hat schlichtweg Angst vor dem Kontrollverlust, der durch die anarchischen Kommunikationsströme des Internets ausgelöst wird. Bei zentralistisch organisierten Konzernen sieht das übrigens nicht anders aus. Soziale Netzwerke lassen sich nicht mehr von Funktionären oder autoritären Unternehmensführern steuern. Die Spielfelder für neurotische Befehl-und-Gehorsam-Denker werden kleiner und immer kleiner. Mit der Selbstorganisation tun sich öffentliche Institutionen und Konzerne schwer – das könnte ja in Anarchie münden. Dabei geht es um Autarkie und Eigenverantwortung. So hat es sehr treffend der italienische Schriftsteller Alberto Savinio ausgedrückt. „Der Grad von Menschlichkeit eines Unternehmens, einer Tat, einer Lage, ist messbar an dem Mehr oder Weniger an Freiheit, die sie uns gewähren, über uns selbst zu verfügen“. Das haben die politischen Hausmeister in Wuppertal, Berlin oder Bonn immer noch nicht kapiert. Sie werden von der Bildfläche verschwinden und von einer neuen Generation ersetzt – da bin ich mir ganz sicher.
„WICHTIG: Bei der Meldung, Twitter nicht mehr nutzen zu dürfen, handelte es sich um ein MISSVERSTÄNDNIS unsererseits“, so das Zitat. Hm, da hat wohl jemand kalte Füße bekommen ob der schlechten Außenwirkung. Aber das ist doch ein gutes Zeichen für die Social Media-Wirkung auf die Kommunalpolitik.
Nach mehrheitlichem Ratsbeschluss und einer entsprechenden Dringlichkeitsentscheidung hat Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch die Änderung der Sondernutzungssatzung unterzeichnet, nach der Kamerafahrten für „Google-Street-View“ ab sofort genehmigungs- und gebührenpflichtig sind. Unter http://www.bonn.de weist die Stadt außerdem auf das Widerspruchsrecht der Bürger hin. Das Bundesverbraucherschutzministerium empfiehlt betroffenen Bürgern, die eine Veröffentlichung ablehnen, vorsorglich von ihrem Widerspruchsrecht Gebrauch zu machen, damit die Fotos nicht im Internet publiziert werden können. Im Widerspruch muss das Gebäude zusätzlich zur Adresse näher beschrieben werden (zum Beispiel die Farbe des Hauses, Balkone, markante Gebäude in der Umgebung oder sonstige Auffälligkeiten), damit es auch unabhängig von der genauen Hausnummer identifiziert werden kann. Stadtdirektor Volker Kregel: „Auch mit Blick auf die aktuellen skandalösen Vorgänge um Google verbitte ich mir zurzeit Befahrungen in Bonn“. Zudem fordert Kregel den Bund auf, ganz kurzfristig klare datenschutzrechtliche Regelungen zu Schutz der Bürgerinnen und Bürger zu treffen. Soweit die Presseverlautbarung der Stadt.
Die Pressesprecherin konnte mir allerdings nicht sagen, wie viele „Ergänzungskilometer“ Google noch abfahren muss und wie hoch die Gebühreneinnahmen ausfallen werden. Auch konnte sie mir nicht erläutern, ob denn diese Regelung generell für kommerzielle Bildaufnahmen gilt. Denn auch in meiner Bildberichterstattung kommt es vor, dass ich Straßenzüge in Bonn aufnehme. Wo ist der Unterschied zu Google? Auch der Hinweis auf die jüngsten Enthüllungen zum Datenskandal von Google kann wohl nicht der Grund für eine Satzungsänderung sein. Hier wird durch die kalte Küche ein neuer Paragraf zur Gebührenabzocke ins Amtsblatt gehoben, um die Kassen klingeln zu lassen. Und das sich die Satzungsänderung aus rechtlichen Gründen nicht nur gegen Google richten kann, belegt der konkrete Beschluss des Rates der Stadt Bonn, der mittlerweile im Amtsblatt erschienen und somit gültig ist:
Amtsblatt_Nr_18_aus_2010[1]
An § 2 der Satzung der Bundesstadt Bonn über Erlaubnisse und Gebühren für Sondernutzungen an öffentlichen Straßen wird folgender Satz 3 angehangen:
Der Erlaubnis bedarf es auch für jede Nutzung der Straße zu dem Zweck, eine umfassende fotografische oder digitale Darstellung des Gemeindegebietes oder eines zusammenhängenden Teils dieses Gebietes oder einzelner Straßenzüge aufzunehmen oder grafisch oder digital weiter zu verwenden.
An den Gebührentarif zur Satzung der Bundesstadt Bonn über Erlaubnisse und Gebühren für Sondernutzungen an öffentlichen Straßen wird folgende Tarif-Nr. 24 angehangen:
Art der Sondernutzung: Befahren der Gemeindestraßen zum Zwecke der digitalen/fotografischen Aufnahme bzw. Datenerhebung
Bemessungseinheit: Angefangener Kilometer Gemeindestraße.
Gebühr: 20,00 Euro je angef. Km. Soweit ein gemeinnütziger oder kein wirtschaftlicher Zweck verfolgt wird, kann die Gebühr ermäßigt oder von der Erhebung abgesehen werden.
Artikel III
Die vorstehende Satzung tritt am Tage nach ihrer Bekanntmachung in Kraft.
Die vorstehende Satzung wird hiermit öffentlich bekannt gemacht.
Es wird darauf hingewiesen, dass eine Verletzung von Verfahrens- und Formvorschriften der Gemeindeordnung für das Land Nordrhein-Westfalen (GO NRW) beim Zustandekommen dieser Satzung nach Ablauf eines Jahres seit dieser Bekanntmachung nicht mehr geltend gemacht werden kann, es sei denn,
a) eine vorgeschriebene Genehmigung fehlt oder ein vorgeschriebenes Anzeigeverfahren
wurde nicht durchgeführt,
b) diese Satzung ist nicht ordnungsgemäß öffentlich bekannt gemacht worden,
c) der Oberbürgermeister hat den Satzungsbeschluss vorher beanstandet oder
d) der Form- oder Verfahrensmangel ist gegenüber der Stadt vorher gerügt und dabei die verletzte Rechtsvorschrift und die Tatsache bezeichnet worden, die den Mangel ergibt.
Bonn, den 17. Mai 2010
Nimptsch
Oberbürgermeister
Zur Erinnerung: Deutschlandweit sollen es jährlich rund eine Milliarde Euro sein, die in die Kassen der Staatshaushalte über Bußgelder fließen und die in der Regel in kommunalen Haushalten im voraus eingeplant werden als feste Einnahmegröße. In der kommunalen Finanzverfassung zählen allerdings Bußgelder nicht zu den Finanzierungsinstrumenten der Kommunen. Die Knöllchenjagd ist also ein klarer Verstoß gegen die Verfassung, meint Horst Mirbach, Vorsitzender der „Aktion Gewerbefreiheit“. Alle Geldbußen oder verfahrensrelevanten Zahlungen dürfen nach Auffassung nicht für Zwecke verwandt werden, für die üblicherweise Haushaltsmittel zur Verfügung gestellt werden: „Wir haben ein ganz einfaches Prinzip zur Finanzierung des Staates. Dafür gibt es nach außen Zölle und nach innen Steuern. Mit dem Rechtssystem hat das Finanzsystem überhaupt nichts zu tun. Man hat zwar auch in der Vergangenheit Geldstrafen und Verwaltungsgebühren eingenommen. Das spielte in der Vergangenheit für die öffentlichen Haushalte kaum eine Rolle. Allerdings gibt es auch unrühmliche Ausnahmen. Schon Anfang der 1970er Jahre brüstete sich das Bonner Ordnungsamt damit, dass es das einzige Amt mit Überschüssen sei“, so Mirbach.
Bei der Änderung der Satzung geht es nicht um das skandalöse Absaugen von WLAN-Anschlüssen und E-Mail-Daten, wie es der Stadtdirektor in der Pressemitteilung insinuierte. Es geht um die fotografische Darstellung der Straßenzüge – also um das Kernprojekt von Google. Und wo ist der Unterschied zu einem Journalisten, der ebenfalls aus kommerziellen Gründen öffentliches Straßenland aufnimmt, wie ich es heute Vormittag getan habe – siehe Bild oben. Die Ahnungslosigkeit der von mir befragten Pressesprecherin spricht Bände. Das Verhalten der Stadthäuptlinge ist anmaßend. Ich habe niemanden das Mandat erteilt, für mich das Kindermädchen zu spielen. Die bestehende Rechtslage gibt eine ausreichende Grundlage für eine Wahrung der Persönlichkeitsrechte. Ich halte das Vorgehen der Stadt schlichtweg für rechtswidrig. Ähnlich sehen es wohl die Juristen des Städte- und Gemeindebundes. Nach dem Datenschutzskandal von Google entwickelt sich nun ein Gebührenskandal der Kommunen (Bonn wird kein Einzelfall bleiben, die Stadt Köln wird wohl heute nachziehen).
Gerade kommt mit der Post ein neues Büchlein mit dem Titel „Maschinen, die unsere Brüder werden“. Verfolgt man die Debatte über die „Datenkrake“ Google, dann wird wohl zur Zeit ein anderes Bühnenstück inszeniert. Alles, was der Suchmaschinen-Konzern zur Zeit anpackt, wird eher als mephistophelisches Komplott gewertet. Unklar erscheint mir derzeit, wer in diesem Drama Faust und wer Mephisto ist.
Wir können das heute näher beobachten, denn die Google-Konferenz „I/0“ startet. Gemeinsam mit Intel und Sony stellt der Mountain View-Konzern das Programm „Smart TV“, das mit einer Set-top-Box empfangen werden kann. In San Francisco sollen neue Fernseher mit Android-Betriebssystem vorgestellt werden.
Vor ein paar Tagen hatte ich darüber bereits berichtet. Branchenkenner äußerten sich positiv: „Die Verschmelzung von Web und TV hat sich bereits in den letzten Jahren angekündigt. Unser Untersuchungen haben gezeigt, dass drei Kundenbedürfnisse diesen Trend treiben: Zeitsouveränität, Video-Nutzung aus dem Web auch im Wohnzimmer und der Bedarf das komplexe und vielfältige Web-Angebot zu strukturieren und so das ‚Beste‘ für sich aus dem Web zu holen. Aktuelle Markt-Prognosen für diese sogenannten Hybrid-TV Angebote sind sehr positiv“, so Christian Halemba von der Düsseldorfer Unternehmensberatung Mind Business.
Berücksichtigen die Apps auch die Nutzungssituation am TV-Gerät, könnte der Suchmaschinenkonzern den TV-Markt wachküssen. Die Möglichkeit, TV-Apps per Fernbedienung von der Couch aus zu kaufen, wird nach Analysen von Mind Business vielleicht ein Weg sein, die Barrieren gegen Pay-TV in Deutschland aufzubrechen. Wenn Sony, Samsung und andere Hersteller im Kampf um die Pole Position auf Android setzen, werde die Antwort von Apple nicht lange auf sich warten lassen. Vielleicht ist sie ja auch schon da: Denn das iPad bietet die Möglichkeit, externe Displays also auch den Fernseher anzuschließen. „Egal, welcher Web-Gigant das Rennen macht, es kommt Bewegung in die Applikationswelt – am Ende des Tages werden vor allen Dingen die Hersteller von TV-Geräten davon profitieren“, prognostiziert der After Sales-Spezialist Peter Weilmuenster, Vorstandschef von Bitronic. Soweit die Stellungnahmen. Auf Twitter spricht man von „Revolution“ und von der „größten Veränderung seit der Erfindung des Farbfernsehens“. Der Skeptiker vom Dienst, Andrew Keen, sieht das nicht so euphorisch. „Ich will nicht, dass Google weiß, was ich im Fernsehen anschaue“. Oder: „Wenn Google das Fernsehen so kontrolliert wie das Internet, sind wir alle f***“. Ist Keen der Gustav Gründgens der Webwelt? „Ich bin der Geist, der stets verneint – und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht.“ Hier geht es zum Livestream der Google-Konferenz.
Wie seht Ihr das. Hier eine kleine Umfrage. Kommentare sind natürlich auch erwünscht.