Wie Digital Natives die Unternehmenskommunikation verändern und was ein Anbieter von Unified Communications an Kompetenzen mitbringen muss

Auf der diesjährigen Computermesse Cebit wird wieder viel von Konvergenz, Unified Communications, Web 2.0, Echtzeitkommunikation, Skype oder VoIP geredet. Experten halten es aber für notwendig, den Buzzwords, Presseschlagzeilen und PowerPoint-Folien auch Taten folgen zu lassen. „Die Konvergenz ist ja schon längst Realität. Jetzt ist es wichtig, dass die angebotenen Lösungen auch zu den Unternehmensprozessen passen“, sagt Andreas Latzel, Deutschlandchef des ITK-Spezialisten Aastra in Berlin, mit dem ich ein längeres Interview geführt habe. Um das große Thema Unified Communications ins Laufen zu bringen, müsse man die Geschäftswelt gut verstehen und die Technologie beherrschen. „Das ist unser täglicher Job. Wir kommen aus der Ecke, wo Datenübertragung in Echtzeit eine große Rolle spielt. Ein wichtiger Faktor für erfolgreiche Projekte ist auch, die Anwender auf den Entwicklungspfad mitzunehmen und nicht am Ende mit einer völlig neuen Konstellation zu konfrontieren“, so Latzel.

Beschleunigt werden die Umwälzungen der Unternehmenskommunikation durch die privaten Gewohnheiten der Digital Natives, bei denen Skype, Wikis, Blogs und Social Media intensiv zum Einsatz kommen: „Wir erleben in der Wirtschaft eine Generation mit einem völlig anderen Kommunikationsverhalten. Die kommerzielle Sinnhaftigkeit müsse im Einzelfall genau geprüft werden. Sehr viele Projekte werden in den Kreativabteilungen zwar vorgedacht, müssen aber den Test der harten Realität am Schalter des Finanzchefs erst überstehen“, erläutert Latzel.

Die Wirtschaftlichkeit von neuen Systemen müsse sich in einem Zeitraum von 12 bis 24 Monaten einstellen, dann habe Unified Communications eine große Chance. Fast alle Kommunikationslösungen seien mittlerweile Applikationen im Netz. Anbieter für Unified Communications brauchten neben dem Netzmanagement auch Kompetenzen in der Echtzeitkommunikation, völlig unabhängig, ob es um bewegte Bilder oder Sprache geht. Mit den Versuch-und-Irrtum-Verfahren, die man aus der Informationstechnologie kennt, könne man nicht arbeiten. „Dumm ist es, wenn der Anfang meines Satzes später ankommt als das Ende. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass man die Echtzeitkommunikation gut beherrscht. Da hat der klassische Sprachanbieter gewisse Vorteile, weil er sich mit diesem Faktor schon länger auseinandersetzt“, weiß Latzel. Zudem seien offene Schnittstellen und Standards wichtig, damit im Netzwerk Innovationen möglich bleiben und unterschiedliche Systeme zusammengebracht werden können.

Hier eine Kurzversion des Interviews auf Youtube:

Die Karriere des Don Alphonso und der Nutzen von Schelmexperten

Um zu verstehen, wie die „Beratungswirtschaft der Internetspezialisten ohne echte wirtschaftliche Erfolge jenseits der eigenen Einnahmen funktioniert, sollte man keine Untersuchungen bemühen, sondern ins Bücherregal greifen: Dort findet man den ‚Gil Blas‘ des französischen Autors Alain René Lesage von 1715, der die Gattung des Schelmenromans zu einem ersten Höhepunkt brachte. In diesem Werk erzählt die Hauptfigur, wie sie sich in einem korrupten und gefallsüchtigen Spanien durchzuschlagen versteht. Gil Blas ist ein Nichtskönner, mittellos und tölpelhaft, und arbeitet sich durch alle Berufe und Schichten langsam empor. Seine einzigen Qualitäten sind Flexibilität und Auffassungsgabe. Es findet sich immer ein Dummer, der Gil Blas durchfüttert, hilft, fördert und schließlich ganz nach oben bringt“, schreibt Don Alphonso, der in dem pikaresken Opus von Lesage eine recht angriffslustige Rolle spielt. So rebellisch gab er sich allerdings nur am Anfang seines Schaffens. Eine spätere berufliche Karriere machte ihn nachsichtig und gönnerhaft.

„Sollen wir dulden, dass die Briganten sie zu Opfern ihrer Barbarei und ihrer Brutalität machen? Stimmt mir zu und lasst uns diese Banditen angreifen! Sie sollen unter unsern Streichen fallen“, so Alphonso, der nicht darüber klagt, ein aus der zivilisierten Gesellschaft Verbannter zu sein. Immerhin gelingt es Alphonso, Statthalter des Königreichs Valencia und später sogar Vizekönig von Aragonien zu werden. Das er als nützlicher Idiot für die höfischen Winkelzüge von Gil Blas diente, sei nur am Rande erwähnt. Schelmexperten werden aus seinem Dasein nicht viel lehrreiches ableiten können.

Da sollte man eher zum Werk von Adam Soboczynski greifen. Der Buchtitel „Die schonende Abwehr verliebter Frauen“ würde wohl auch das Interesse von Alphonso wecken. Das Inhaltsverzeichnis könnte den Vizekönig vollends überzeugen: „Niemals perfekt scheinen“, „Auszuteilen verstehen“, „Einzustecken wissen“, „Witz zeigen“, „Vertrauen erzeugen“, „Mit Bildung glänzen“, „Einen Kompromiss vortäuschen“, „Höflichkeiten austauschen“, „Peinlichkeiten verkraften“, „Sich selbst belügen“, „Dünn sein“, „Über Bande spielen“, „Seine Meinung ändern“. Es ist sogar möglich, dass Alphonso von dem Berater-Latein wusste, wandelt doch Soboczynski auf den Spuren von Baltasar Gracián. Der spanische Jesuit lebte in der „Goldenen Zeit“. Er leitete das Jesuitenkolleg von Tarragona, predigte in Valencia und diente als Feldkaplan in der Schlacht von Lérida. Den Stoff seiner aphoristischen Schreibkünste lieferte die Grunderfahrung, dass die Wahrheit nicht ohne Waffnung durchdringt. Da das Leben seinen Kampfcharakter vollständig entfaltet, reduziert sich die ganze Moral auf die taktischen Regeln zur Behauptung inmitten einer allgemeinen Bedrohtheit. Don Alphonso wird eine Klugheitslehre von Gracián mit Sicherheit unterschreiben: „Man muss sich selbst zum Regisseur seines Mythos machen und sich durch Unfaßbarkeit und Unnahbarkeit der indiskreten Einschätzung entziehen, die alles sofort herabwürdigt und einebnet.“

Soboczynski hat aus den listenreichen Zeilen von Gracián ein Handbuch der Inszenierung, der Maskerade, der Täuschung und des strategischen Handelns komponiert. „Nie sind wir bei uns selbst“, heißt es da, „die Schöpfung, seit wir den Sündenfall erlitten, ist reines Welttheater.“

„Es mag Menschen geben – Soboczynski nennt sie Anhänger des ‚alten Wahrhaftigkeitskults‘ –, die derlei als Propaganda für die Falschheit missbilligen. Doch folgt man dem Autor, so verkennen diese vermeintlich Aufrechten nicht nur das Wesen des Menschen, sondern auch eine ehrwürdige philosophisch-literarische Tradition: die alteuropäische Moralistik. Baldassare Castiglione und Niccolò Machiavelli, die im 16. Jahrhundert kanonisch festschrieben, wie sich ‚Hofmann‘ und ‚Fürst‘ am klügsten zu verhalten haben, werden zitiert; wir begegnen Montaigne, La Rochefoucauld und vor allem dem spanischen Jesuiten Baltasar Gracián (1601–1658)“, so René Aguigah in der Zeitschrift Literaturen.

„Ein Krieg ist das Leben des Menschen gegen die Bosheit des Menschen“, heißt es in dessen ‚Hand-Orakel‘, das Arthur Schopenhauer 1832 übersetzte. „Die Klugheit führt ihn, indem sie sich der Kriegslisten hinsichtlich ihres Vorhabens bedient. Nie tut sie das, was sie vorgibt, sondern zielt nur, um zu täuschen.“ Adam Soboczynski schreibt dazu: „Was ist das Leben? Es ist ein Minenfeld. Was die Verstellung? Bedingung unseres Aufstiegs. Was ist die Liebe? Die schönste aller Täuschungen.“ Und das Kapitel 12 wird Don Alphonso runtergehen wie Öl. Es heißt „AUSZUTEILEN VERSTEHEN“. Man sollte die Schwächen anderer erkennen. „Wie irritiert reagieren eitle Menschen, wenn ihre Schönheit angezweifelt wird! Wie empfindlich berührt sind die sich intelligent Wähnenden, werden sie ihrer gedanklichen Beschränktheit überführt! Und die Stolzen, wenn sie ungeschickt sich zu verhalten genötigt sehen! Jeder Mensch hat eine Stelle, die besonders angreifbar ist, sie zu erspähen zeugt von Klugheit“, führt Soboczynski aus. Agieren sollte man dabei als Einzelkämpfer, denn es gibt kaum mehr den Komplott, der von mehreren, durch eine gemeinsame Absicht vereinte Komplizen ausgeführt wird. Die Netzwerke seien heute weitaus labiler und wechseln beständig ihre Mitglieder, als dass sich mit ihrer Hilfe ein Plan schmieden ließe.

Eine wichtige Lebensweisheit steht in Kapitel 23: „ANDERE IN RAGE BRINGEN“. Das liegt auf der Hand und braucht nicht näher erläutert werden, denn so gut wie jeder ist hässlich, der sich aufregt. Essentiell ist auch das Kapitel 19: „MIT BILDUNG GLÄNZEN“.
Hapert es mit der Bildung, sollte man sich zumindest einen kleinen Katalog kluger Sätze erstellen, damit man in Gesellschaft glänzen kann. Da hilft der Band von Pierre Bayard: „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“. Oder beherzigt doch wieder den Rat von Gracián: „Nicht aus Besorgnis, trivial zu sein, paradox werden.“

Wie der Rezensent von Literaturen finde ich es betrüblich, dass von all den Facetten des Buches es nur eine aufs Cover geschafft hat. Dort ist nur die erste Hälfte des fabulösen Titels „Die schonende Abwehr verliebter Frauen oder Die Kunst der Verstellung“. abgedruckt. „Ein eher unbeholfener Verpackungszauber: Liebesratgeber, so wird sich der Verlag gedacht haben, finden mehr Käufer als Gracián-Adaptionen“, so Aguigah. Doch authentisch zu wirken, lerne man in diesem Buch (Maxime 5), ist auch im Marketing nicht falsch und gilt für Berater sowie für die Kritiker der Beraterzunft: „Einen Zauberer, dessen doppelte Böden wir erspähen, belächeln wir mitleidig“.

Sparlampen sind Schrott – Plädiere für eine Renaissance der Glühbirne!

Abschaffen, verbieten, neu regeln. Von Eigenverantwortung wird in der EU zwar viel geredet, in Wirklichkeit aber lieber mit Verboten und Geboten regiert. Wenn der Bürger schon selbst nicht weiß, was für ihn gut ist, dann ist es mit Sicherheit die Politik. So lautet die Fanfare der Machtanmaßung. Am Verbot der Glühbirne kann man das nachvollziehen. Und dabei schreckt man auch vor Lügen nicht zurück.

Im vergangenen Jahr empfahl ich die Lektüre des Juli-Heftes von brand eins. Vorgestellt wird der redliche, akribische und nüchterne Elektroingenieur Wolfgang Herter, der im Wilhelmshavener PZT-Labor die Energiesparlampen einem Stresstest unterzogen hat. Das Ergebnis ist desaströs: Wie schnell die Sparstrahler kaputtgehen, ahnt nicht einmal Experte Herter, als er am Morgen des 11. April 2008 seine Prüflinge erstmals unter Strom setzt. „Der erste gibt bereits nach 3300 Schaltzyklen auf. Nach 6000- bis 7000-mal An- und Ausschalten verabschiedet sich das Gros der Prüflinge. Selbst Markenlampen wie Osram Dulux Superstar halten im Schalttest nur 7200 bis 12 000 Zyklen durch, was einer Brenndauer von nur 120 bis 200 Stunden entspricht. Immerhin: Im Dauertest bringen es die beiden Osram-Prüflinge auf rund 7500 Stunden – allerdings sind auch dies 2500 Stunden weniger als auf der Packung angegeben“, berichtet brand eins.

Wieder eine Sparlampe reif für den Sondermüll

„Energiesparlampen – das Ende einer Erfolgsgeschichte“ prangt auf dem Oktober-Titel von „Öko-Test“, in dem das Magazin Herters niederschmetternde Testergebnisse präsentiert. Allen geprüften Energiesparlampen bescheinigen die Tester eine schlechte Lichtqualität. Außerdem erreichten die meisten längst nicht die Helligkeit der 60-Watt-Glühlampe, die sie ersetzen sollten, verbrauchten mehr Strom und gingen schneller kaputt als angegeben. Fazit: „Energiesparlampen sind kein wirklicher Fortschritt und keine Alternative zu Glühlampen.“ Ich kann dieses Urteil nur bestätigen. Bei mir haben hochgelobte und empfohlene Sparlampen mittlerweile auch den Geist aufgegeben. Dabei waren die um ein Vielfaches teurer als normale Glühbirnen, die ich allerdings bei meinem letzten Aufenthalt in Bosnien wieder in großer Stückzahl gekauft habe.

Stelle wieder um auf Glühbirnen, die haben ein wärmeres Licht und halten länger

Für die Industrie geht es um ein gigantisches Geschäft. So müssen in der EU rund 3,5 Milliarden Glühlampen ausgetauscht werden. Um den klimapolitischen Wahrheitsgehalt braucht man sich da nicht zu kümmern. „Dabei geht es in diesem Kampf längst nicht mehr nur ums Umschalten von einem Leuchtmittel zum anderen. Es geht auch um Freiheit und eine Frage, die im Zeitalter des Klimawandels immer öfter gestellt wird: Wie weit dürfen Klimaschützer ins Privatleben eingreifen? Kann eine Regierung ihren Bürgern im Umweltinteresse vorschreiben, wie sie ihre Schlafzimmer zu beleuchten haben? Und bringt das überhaupt etwas? All diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Und so ist der Streit um Glüh- versus Energiesparlampe vor allem ein Lehrstück darüber, wie eine ursprünglich einleuchtende Idee ziemlich dunkle Konsequenzen haben kann“, resümiert brand eins.
Mein Glühbirnen-Vorrat

Siehe auch:
Der Glühbirnen-Schwindel: Eine neue Verbotsdebatte wie bei Zensursula ist nicht in Sicht.

Warum das Ganze auch ökologisch schwachsinnig ist, habe ich bereits erläutert. Der so genannte Rebound- oder Backfire-Effekt führt zu einem Nullsummenspiel. Sparsamere Lampen erzeugen billigeres Licht; was weniger kostet, wird mehr nachgefragt. Oder man sagt: „Ich habe ja eine Energiesparlampe – also kann ich sie länger brennen lassen”. Das wäre ein direkter Rebound-Effekt. Der indirekte Rebound. Der Energieverbrauch sinkt tatsächlich – ich spare Geld. Aber dieses Geld gebe ich wieder für etwas anderes aus, das ebenfalls Energie verbraucht. Wer dank besserer Isolation seines Hauses tausend Euro im Jahr für Heizöl spar, fliegt mit dem gesparten Geld vielleicht einmal mehr in die Ferien. Oder: Was ich an Energie spare, was also zu sinkender Nachfrage und sinkenden Preisen führt, verbraucht ein anderer.

Schluss mit der Hartz-IV-Debatte!

Wir sollten aufhören, eine unsinnige Hartz-IV-Debatte zu führen, denn sie entlastet die politische Klasse vor notwendigen Änderungen im System der Sozialversicherungen. Da liegt das eigentliche Problem. Darauf hat Jürgen Borchert, Vorsitzender des 6. Senats des Hessischen Landessozialgerichts, in einem Gastartikel für die FAZ hingewiesen. „Nicht die Sozialleistungen sind zu hoch, sondern die Nettolöhne der aktiven Arbeitnehmer sind zu niedrig. Zum einen ist die Sozialversicherung falsch konstruiert und zum anderen das Steuersystem ungerecht. Hierunter leiden besonders Familien“, so Borchert. Darum sollten sich Westerwelle und Co. kümmern.

Der Skandal wird bei einer vierköpfigen Facharbeiterfamilie mit einem jährlichen Durchschnittsverdienst von 30 000 Euro brutto sichtbar. Ihr Nettoeinkommen – einschließlich Kindergeld – unterschreitet das steuerliche Existenzminimum um 3271 Euro. Der Abgabenkeil wird vor allem von der „lohnbasierten“ Sozialversicherung zwischen Brutto und Netto getrieben. Allein an Arbeitnehmerbeiträgen verlangt „Vater Staat“ von dieser Normalfamilie 6068 Euro, die „Arbeitgeberbeiträge“ in fast gleicher Höhe kommen noch hinzu. Einschließlich des „Arbeitgeberbeitrags“, der bei genauer Betrachtung zu hundert Prozent vorenthaltener Lohn ist, nimmt der Staat also von 36000 Euro brutto glatt ein Drittel weg. Das sind nur 68 Euro weniger, als dem Single abgezogen werden, für dessen Alters-, Gesundheits- und Pflegeversorgung aber während der gesamten Dauer seines Ruhestands „andrer Leute Kinder“ aufkommen. Nicht ganz ohne Grund bezeichnet die OECD die Sozialversicherungsabgaben als „Social Tax“.

„Die Altenversorgung ist sozialisiert, die Kindererziehung dagegen privatisiert. So zwingt das Sozialsystem Eltern dazu, zugunsten ihrer kinderlosen Jahrgangsteilnehmer ‚positive externe Effekte‘ zu erzeugen. Die Wissenschaft nennt dies die ‚Transferausbeutung der Familie‘. Sie ist in Deutschland weit größer als sonst auf der Welt“, schreibt Borchert.

Hinzu komme, dass der Staat auch durch die Verbrauchsteuern bei den Familien besonders abkassiert, denn Familien verbrauchen im Vergleich zu Singles bei gleichem Einkommen ein Mehrfaches. Für das auf 7000 Euro bezifferte Kinderexistenzminimum belaufen sich die vielen indirekten Steuern auf eine Quote von 20 bis 25 Prozent. Ausgerechnet die wichtigste „Zukunftsinvestition Kind“ werde als einzige Investition also monatlich mit mindestens 120 Euro Verbrauchsteuern belastet. Das Schreckgespenst der scheinbar zu hohen Hartz-IV-Leistungen entpuppt sich als die verfassungswidrig hohe Abgabenlast für Familien.

Sozialbeiträge und Verbrauchsteuern wirken „regressiv“; sie belasten niedrige Einkommen stärker als höhere. Zusammengerechnet machen sie mehr als siebzig Prozent der gesamten Staatseinnahmen aus.

Der norwegische Wirtschaftsnobelpreisträger Trygve Haavelmö hat schon in den Jahren nach 1940 nachgewiesen, dass die Kraftreserven einer Volkswirtschaft immer im untersten Drittel ihrer Einkommen liegen. Genau diese Schichten werden durch ein solches Abgabensystem aber ausgeplündert.

Nicht die Arbeitssuchenden sind nach Meinung von Borchert faul, sondern der Staat, der seine in Paragraph 1 des Sozialgesetzbuches III im Einzelnen normierte Verantwortung für den Arbeitsmarkt nicht wahrnimmt. „Den Millionen Arbeitssuchenden zu unterstellen, sie wären freiwillig arbeitslos, ist der Versuch, Opfer zu Tätern zu machen“, resümiert Borchert. Und man kann sich dieser Analyse nur anschließen.

Wider den Hausmeister-Diskurs: Der Merve-Verlag wird 40!

Vor vierzig Jahren wurde in Berlin der Merve-Verlag gegründet und galt nach anfänglichen marxistischen Ausflügen als publizistische Zentrale von Postmoderne und Dekonstruktion. So bilanzierte der entkollektivierte Merve-Gründer Peter Gente Ende der 1970er Jahre, dass man an der Dialektik irre werde. Das Merve-Kollektiv zerbröselte irgendwann. „Unter dem Deckmantel ‚proletarischen Erfahrungsinteresses‘ flüchteten die Genossen ins partikulare Private: Bluesmusik, Nietzschelektüre, Malen. Peter Gente entdeckte das Nachtleben. Seine Unlust am Diskutieren soll in dem Maß gewachsen sein, wie er den Lockungen der West-Berliner Kneipenlandschaft erlag“, schreibt Philipp Felsch in einem Beitrag für die „Zeitschrift für Ideengeschichte“ (Schwerpunkt: Die Insel West-Berlin).

Der hausmeisterliche universitäre Diskurs stand jedenfalls nicht mehr auf der Agenda des Verlages und bescherte uns doch wahnsinnig interessante Bücher. Aus der Internationalen Marxistischen Diskussion wurde ein Internationaler Merve Diskurs. Man entdeckte die Kunstszene und die Neuen Wilden, die sich im Schöneberger „Dschungel“ herumtrieben: Markus Oehlen, Rainer Fetting, Kippenberger. Entstanden sind eine Reihe von Künstlerbüchern: Godard, Heiner Müller, Minus Delta t, Blixa Bargeld und Werke über ästhetische Theorie: Roland Barthes‘ Cy Twombly, Böhringers Begriffsfelder, Hosokawas Walkman-Effekt. Dann natürlich die Merve-Champions Foucault, Virilio, Baudrillard oder Deleuze.

Später entdeckte der Berliner Verlag die Systemtheorie. Lesenswert der Luhmann-Band „Archmides und wir“ oder das Opus von Dirk Baecker „Postheroisches Management“. Äußerst unterhaltsam ist die Veröffentlichung über ein Gracian-Symposium „Klugheitslehre: militia contra malicia“.

Peter Gente hat seinem Nachfolger wohl ein schweres Erbe hinterlassen. Theoretische Diskurse stehen nicht mehr so hoch im Kurs. Vielleicht sollte sich der Verlag stärker auf die Netz-Debatten um Schirrmacher und Co. stürzen, um eine neue Generation für Merve zu begeistern. Don Alphonso könnte doch seinen Schelmenstreich gegen die Social Media-Berater ausweiten, Tim Cole sollte seine Aversionen gegen das FAZ-Feuilleton auspacken, Thomas Knüwer über die vodafonistischen Worthülsen-Manager herziehen und, und, und…..Frische Debatten braucht das Land!

Siehe auch: West-Berliner Inselleben wider die protestantischen Oberlehrer: Merve-Verleger Peter Gente

Narren, Chaotiker, Außenseiter und Regelbrecher: Strategen für turbulente Zeiten – Warum Unternehmen ihre Controller entlassen sollten

Die Mobile First-Strategie von Google: Livemitschnitt aus Barcelona

Hier der Auftritt von Google beim Mobile World Congress in Barcelona. Bin gespannt auf die Wertungen der Experten. Eric Schmidt wirkt in der Aufzeichnung wie der Hausgeist meines Arbeitszimmer…..;-)

Eure Meinung zur Google-Strategie?

Mobilfunk-Krieg!

Ich habe schon vor Jahren die Unfähigkeit der Netzbetreiber thematisiert, neue Geschäftsmodelle im Mobilfunk zu etablieren. Etwa in Kooperation mit der Funkschau. Bei einem Expertengespräch sagten damals die TK-Experten, dass neue Impulse vor allen Dingen von Unternehmen aus mobilfunkfremden Branchen zu erwarten seien. Die Strategie der Mobilfunkbetreiber, die Hand auf allem, was sich Mehrwertdienst schimpft, zu halten und zu sagen das „ist meins und ich entscheide allein darüber, was der Kunde bekommt oder nicht bekommt und was es kosten soll“ – ist nicht aufgegangen und es ist auch keine Überraschung. Die Chance liegt darin, dass die Netze geöffnet werden, auch für fremde Mehrwertdienste, eigentlich beliebige Dienste. Man kann das gut mit dem Internet vergleichen. Jeder kann anbieten was er will. Er kann seine Angebote verkaufen oder kostenlos vertreiben. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, technische Standards zu etablieren. Wie kann ich Mehrwertdienste auf möglichst einfache Art und Weise in ein Mobilfunknetz integrieren? Welche Dienste erfolgreich sein werden, einen tatsächlichen Mehrwert, gute Umsätze und Erträge generieren, ist nur schwer vorher zu sagen und zählt nicht zu den Kernkompetenzen der Netzbetreiber. Für bestimmte Altersgruppen können es Spiele sein, für wiederum andere sind es vielleicht Börsenanwendungen. Der Phantasie dürften an dieser Stelle keine Grenzen gesetzt sein.

Der ehemalige Funkschau-Chefredakteur Bausewein sah einen Bedarf für Applikationen, die sich im Internet längst etabliert haben und sich großer Beliebtheit erfreuen. Das Billingunternehmen acoreus sagte, dass die Annnahme der Mobilfunkbetreiber falsch sei, einschätzen zu können, welche neuen Geschäftsmodelle erfolgreich sein könnten und welche nicht. Das funktioniere nicht mehr. „Die Vielfalt wird es machen, der Markt wird selbst selektieren, was erfolgreich ist und was nicht. Wichtig ist, diese Vielfalt möglich zu machen. Die Plattform dazu anzubieten. Der Verbraucher wird dann schon selektieren, was er gut findet und wofür er bereit ist, Geld zu zahlen und wofür nicht. Da müssen alle ein gutes Stück weit umdenken. Es muss ein Markt geöffnet werden für Mehrwertdienste“, so der damalige Vorstandschef von acoreus, Omar Khorshed in der Funkschau-Diskussionsrunde.

Die Mobilfunkbetreiber sollten sich nicht als Medienunternehmer, als Entertainer oder als Logistiker verstehen, nur weil sie Kommunikationsnetze betreiben. Nun kippen die Machtverhältnisse im Mobilfunk um, wie im Vorfeld des Mobile World Kongresses in Barcelona schon berichtete. Siehe: App-Fieber führt zu Schüttelfrost bei Netzbetreibern und Google greift die Konzerne der Telekommunikation an: Der Suchmaschinen-Gigant ist schon längst ein Netzbetreiber!

Zu einem ähnlichen Befund kommt heute der FAZ-Netzökonom Holger Schmidt: „Auf der weltgrößten Mobilfunkmesse in Barcelona gibt in diesem Jahr der Google-Chef Eric Schmidt den Ton an, während der Telekom-Vorstandsvorsitzende René Obermann nicht präsent ist. Nichts könnte symptomatischer für das aktuelle Kräfteverhältnis in der Mobilfunkbranche sein. In nur wenigen Jahren haben Google, Apple und der Blackberry-Hersteller RIM die Spielregeln des Marktes neu geschrieben und damit den Rest der einst stolzen Mobilfunkbranche in die Defensive getrieben“, kommentiert Schmidt.

Das gelte für die Gerätehersteller wie Nokia oder Motorola, noch mehr aber für die Netzbetreiber wie T-Mobile oder Vodafone, die allesamt in der Krise stecken. Denn während die Handyhersteller „nur“ ihre Geräteentwicklung an das Innovationstempo von Apple und Google anpassen müssten, sind die Netzbetreiber gezwungen, sich früher oder später ein ganz neues Geschäftsmodell zu suchen.

„Mobilfunknetze sind teuer und erfordern stetige Investitionen, zum Beispiel noch in diesem Jahr in die UMTS-Nachfolgetechnik LTE. Schließlich sollen die Netze immer mehr Daten übertragen, und das auch immer schneller. Dumm nur, dass sich damit immer weniger Geld verdienen lässt. Zumindest in den gesättigten Märkten der Industrieländer gehen die Umsätze der Netzbetreiber aus ihrem Kerngeschäft langsam, aber stetig zurück, weil die Preise für Mobilfunkgespräche wegen des Wettbewerbs sinken. Die mobilen Datendienste, die diese Lücke schließen sollen, wachsen zwar kräftig, unterliegen aber ebenfalls einem starken Preiswettbewerb“, so Schmidt.

Die bescheidenen Versuche der Netzbetreiber, neben der Datenübertragung neue Geschäftsfelder im mobilen Internet zu erschließen, seien bisher kläglich gescheitert. Siehe oben die Einschätzung der Experten vor rund drei Jahren.

Apple und Google seien nach Ansicht des FAZ-Netzökonomen kaum noch einzuholen. „Wie man es im Mobilfunkmarkt richtig macht, haben erst Apple, Google und RIM gezeigt. Mit innovativen, aber dennoch sehr einfach zu bedienenden Programmen, welche die gewohnte Webnutzung mobil gemacht haben. Mit eigenen Handy-Betriebssystemen, die ihnen einen großen Teil der Wertschöpfung sichern. Mit einem Zahlsystem, das von den Nutzern akzeptiert wird. Und mit dem Coup, ihre Systeme für Applikationen („Apps“) von externen Entwicklern zu öffnen, was lebendige Öko-Systeme geschaffen hat, aus denen stetig neue Ideen die Produkte verbessern“, schreibt Schmidt und bestätigt die Analyse von Booz & Co., die bei einem Pressefrühstück im Vorfeld der Mobile World vorgestellt wurde.

Die richtigen Schlüsse habe wohl Nokia gezogen. „Für fünf Milliarden Euro hat Nokia den Landkartendienst Navteq übernommen, eigentlich mit dem Ziel, Navigationsprodukte teuer an ihre Handykunden zu verkaufen. Als Google die Navigation kostenlos machte, zog Nokia nach. Auch ihr Betriebssystem Symbian verschenken die Finnen inzwischen – weil auch Google sein Android-System verschenkt. Das Ziel: mehr Geräte zu verkaufen, mehr Betriebssysteme im Markt zu haben oder einfach: mehr Nutzer und Kunden zu gewinnen. Nokias Wandel wurde sogar schon belohnt. Zuletzt hat das Unternehmen im lukrativen Marktsegment der hochwertigen Smartphones sogar wieder Marktanteile gegen Apples iPhone gewonnen. Und damit das Signal gesetzt, dass auch Apple und Google nicht unbesiegbar sind. Wenn man den Mut hat, nach den neuen Spielregeln zu spielen“, resümiert Schmidt. Siehe auch den NeueNachricht-Bericht: Hersteller von Navigationsgeräten verlieren ihre Geschäftsgrundlage – Experten rechnen mit neuen Vermarktungsplattformen. Unterdessen formiert sich nach einem Bericht der FTD eine neue Front gegen Apple. Mobilfunker paktieren gegen Apple. 24 führende Telekomkonzerne haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam Apps zu entwickeln. So soll der Erzrivale Apple eingedämmt werden. Ob sich Steve Jobs warm anziehen müsse, wie die FTD vermutet, bezweifle ich allerdings. Die spielen doch nur Trittbrettfahrer ohne in der Lage zu sein, ein solch schlagkräftiges Ökosystem aus nutzerfreundlichen Endgeräten, Apps und der Plattform iTunes aus dem Hut zu zaubern.

Google greift die Konzerne der Telekommunikation an: Der Suchmaschinen-Gigant ist schon längst ein Netzbetreiber!

Wenn Unternehmen der Telekommunikation nicht dazu in der Lage sind, aus der Bereitstellung von Breitbanddiensten am Cash Flow der aufkommenden App-Economy zu partizipieren, die Schere zwischen den Netzbetreibern und Firmen wie Apple immer weiter auseinander geht, dann könnten Übernahmeschlachten auch mal umgekehrt laufen. Die Schwergewichte der Web-Welt wie Google kaufen sich einfach die Netzbetreiber. Die Frage stellte ich Dr. Friedrich von Booz & Co. beim traditionellen Pressefrühstück seines Beratungshauses im Vorfeld der Mobile World in Barcelona. Er selbst habe sich diese Frage auch schon gestellt, glaubt aber nicht, dass dieses Szenario in den nächsten zwei bis drei Jahren eintritt. Siehe auch: App-Fieber führt zu Schüttelfrost bei Netzbetreibern.

Hier das komplette Pressegespräch in einer Audioaufzeichnung. Meine Frage kommt ziemlich am Schluss bei 1 Stunde und 24 Minuten. Also den Balken vorziehen.

Vor zwei Tage berichtete die Financial Times Deutschland, dass Google den Aufbau eigener Breitbandnetze testet. Bingo! Es geht um Glasfasernetze, die mindestens hundertmal schneller sein sollen als die bislang in den USA üblichen.

Der Konzern wolle jedoch kein vollwertiger Anbieter von breitbandigen Internetanschlüssen werden, betonte Produktmanagerin Minnie Ingersoll. „Wir planen nicht den Bau eines landesweiten Netzes“, sagte sie nach dem Bericht der FTD. „Das Ziel des Projekts ist es, zu experimentieren und zu lernen.“ Mit den begrenzten Versuchen wolle Google herausfinden, was Entwickler und Nutzer mit ultrahohen Geschwindigkeiten machen können, „beispielsweise breitbandige Killer-Apps und -Dienste entwickeln, oder andere Dinge, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können“, so Ingersoll weiter. Google wolle zudem neue Verfahren für den Bau von Glasfasernetzen testen. An schnelleren Glasfasernetzen interessierte Gemeinden und Bürger sollen sich bei Google melden, damit der Konzern entscheiden kann, wo er die Netze bauen werde. So ganz beruhigt sollten die Telcos sich also nicht zurücklehnen. Aus dem Test kann schnell ein Flächenbrand werden, denn Google erhöht dadurch die Autarkie.

„Die Telcos müssen lernen, dass Google schon längst ein Netzbetreiber ist. Der Suchmaschinen-Gigant ist schon jetzt ein Telco-Unternehmen. Die klassischen Firmen der Telekommunikation neigen dazu, das ganze Thema unter dem Stichwort ‚Content‘ zu betrachten. Das interessiert sie nicht. Was sie nicht wahrgenommen haben, dass der Content-Provider Google zu einem eigenen Netzbetreiber entwickelt hat und den TK-Konzernen kräftig Konkurrenz machen wird“, sagte mir Michael-Maria Bommer, Generalmanager von Nuance, in einem Interview auf der Call Center World in Berlin. Das Gespräch erscheint demnächst. Die Telcos brauchen nach seiner Auffassung neue Geschäftsmodelle, um nicht völlig abzustürzen. Bommer empfiehlt persönliche Services auf Grundlage der so genannten „Customer Intelligence“, die die Telcos immer noch besitzen im Gegensatz zu Google. Der Vorsprung schwindet allerdings, weil auch die Web-Unternehmen immer mehr Wissen über ihre Kunden generieren. Das sieht man ja an den Plänen von Facebook als Internet im Internet mit der Relevanz von persönlichen Empfehlungen von Bekannten und Freunden für den Social Commerce.

SMS-Diktiersysteme, Musik-Suche, Fotos hochladen und weitere Services wären nach Meinung von Bommer geeignet, um das Applikationsgeschäft der Telcos anzutreiben. Der Touchpoint für diese neuen Dienste ist das Smartphone, da entscheidet sich die Zukunft der TK-Konzerne. Das Interview mit Bommer erscheint nächste Woche auf http://www.ne-na.de.

Call Center brauchen Internet-Intelligenz

Der Trendforscher Sven Gábor Jánszky appellierte auf der Call Center World, dass sich die Hotlineanbieter mehr dafür einsetzen sollten, die Logik und Intelligenz des Internet auf alle Kontaktkanäle der Kunden zu bringen. „Wer die Aufgabe ernst nimmt, mit seinen Kunden einen so vertrauten und individuellen Dialog zu führen, muss an jedem Punkt – an dem er einen Kunden trifft – wissen, was dieser Kunde am vorangegangenen Touchpoint getan hat. Die gilt für alle Touchpoints, die wir kennen, von POS und Plakaten, über Computer und Handy bis zu Zeitung und Fernsehen.“ Mit einer Art „Google plus“ müsse die Intelligenz im Kundendienst verbessert werden.

Hier der Ausschnitt der Pressekonferenz.

Hier noch die Ausführungen von Manfred Stockmann vom Call Center Forum.

Und hier die Antworten auf meine Fragen zum Krieg zwischen Google und Facebook sowie dem Umgang der Call Center-Szene mit dem Anstieg der Beschwerden bei der Bundesnetzagentur. Bemerkenswert die Antworten von Stockmann. Während bei der Netzagentur in nur drei Monaten rund 28.000 Beschwerden von Verbrauchern aufgelaufen waren es beim Beschwerdegremium des Call Center Forum ganze 28!!!! Das liegt wahrscheinlich nicht an der Zufriedenheit der Kunden mit Hotlines, sondern eher daran, dass kaum ein Verbraucher das Call Center Forum kennt.